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"Das Zittern der Blätter im Wind, das ist der Film"
Henri de Parville

Die Blätter des Waldes zittern. Unmöglich diese Filme in ihrer Affinität nicht zusammen zu betrachten: Ferien in Wolfsbergen – und anders herum.
Was für zukünftige Zustände erwarten uns, wenn diese so artgleichen Filme von Thomas Arslan und Nanouk Leopold, gemäß Siegfried Kracauers Thesen zur Sozialpsychologie des Films, unbewusste kollektive Gemütsverfassungen sichtbar machen? Perseusspiegel. Welche Dispositionen der Deutschen, der Niederländer, der Europäer oder vielleicht einer übergreifenderen Kulturgemeinschaft, werden hier vorgespiegelt und erahnbar. Wäre diese Zukunft ein Problem? Denn um Probleme geht es in diesen Familienfilmen nicht.

Die Plansequenz am Anfang von Wolfsbergen wird in ihrer Abtrennung von den darauffolgenden Bildern programmatisch. Ein Wald, einfallendes Sonnenlicht, herrlich ziehen Schatten über den Waldboden. Die Helligkeit nimmt ab. Idyllisch vergänglich. Später, kurz vor Ende, werden Personen durch diesen Wald spazieren. Somit beginnt Wolfsbergen mit dem Ende – und endet mit dem Anfang. Alle Bewegung wird ein Lichtspiel gewesen sein, das im Zuschauer unbestimmte Stimmungen bewirkt haben wird. Im Wald findet der Film back to the roots. Zu dem, was als Wesen des bewegten Bildes bezeichnet wurde.

Konfliktherde verdampfen friedlich. Banaler Betrug. Viel Situation, wenig Aktion. Ungezwungen nebeneinander. Keine Lust auf Geschichten, als müssten diese nicht mehr erzählt werden. Fragmente von Apathie. Gesprächssimulation. Minimaler Anschluss. Relationen-Roulett ohne Einsatz. Die neue Generation spielt, noch ohne Sexualtrieb, in der Natur, oder reagiert verstört selbstzerstörend auf die vorgefundenen Absurditäten. (Groß)Eltern sterben und vereinen traditionell für einen Augenblick Verwandte in einem Bild, in der Kirche oder an einem Tisch, bis diese wieder ihre Wege gehen. Irgendetwas, mehr als die Summe der Situationen, dehnt sich aus, und liegt in der Luft, ohne sich zu formulieren. Es fühlt sich an, als ob alles verstummt, wenn nicht die Kommunikation noch kommunizieren und sich durch die Körper bemerkbar machen würde. Nullpunktstimmung ohne Schrecken. Vor oder nach einem ereignislosen Bruch. Die Stille ist kein Problem. Das Schweigen, die Nicht-Kommunikation, ebenfalls nicht. Trotzdem suggerieren die Beziehungen Beklemmung, vielleicht, weil ich das von Filmen gewohnt bin. Was stört, bleibt unklar, ist einfach so. Ursache und Sinn sind der gegenwärtigen Dauer verloren gegangen. Gesichter erzählen von Nichts, ohne überzeugende Eigenschaften. Nichts, was sich hinter oder unter ihnen abspielen könnte. Der Wiederholungen überdrüssig, scheinen sie es Leid, Gesichter zu sein, denen Langeweile oder Leid zugeschrieben wird.

Die Bildgliederung ist geometrisch, oft gerahmt, streng kadriert, die Bildbegrenzung an Linien ausgerichtet, an Fenstern und Türen, aus denen nachts Lichter leuchten. Räume und Rahmungen wirken abschlossen, als ob alles geklärt wäre, nichts ein Geheimnis trägt.
Der Wald bleibt dynamisch, als das Außen des geschlossenen Systems der Familie, das Produkt einer losen Kopplung von Individuen, die nur spärlich Familie praktizieren, aber trotz allem nicht darauf verzichten können. Die ruhende Kamera beobachtet das Rauschen der Blätter, gerne unabhängig von den Figuren, die auch nur Bäume unter anderen sind, und sich in langen Einstellungen unmerklich wandeln, ohne greifbar zu werden. Als ob alles so wäre, wie es ist. Es bewegt sich und dauert – und bewegt sich und dauert. Etwas ändert sich und dann doch nicht – oder doch.

Dramaturgisch ist der Tod der Alten ein Wendepunkt, ein Neustart, aber gefühlsmäßig ist diese Markierung auch nur Ergebnis einer Suche nach Halt im Haltlosen.
Zwei familiäre Filme, bei denen man empfinden kann, dass einem die unbewusste, kollektive Gemütsverfassungen nicht fremd ist. Filmischer Familienurlaub, um hektischer Kinematographie zu entkommen. Erholsame Reizreduktion, um über Wesentliches im Film nachzudenken.

Ferien
R: Thomas Arslan
Deutschland 2006

Wolfsbergen
R: Nanouk Leopold
Niederlande, Belgien 2007


Interview with Nanouk Leopold about her movie Wolfsbergen

Questions: Michael Bartlewski
Camera: Martin Schlesinger
16:07 min
Berlinale 2007
Germany
Die roten Blumen auf dem Feld sind nicht rot vom Blut der mordenden Brüderbanden, sondern vom Pathos, das der Regisseur über ihnen ausgegossen hat in einem Film, in dem praktisch alles falsch ist, was man falsch machen kann. Die Jungs, die sich hier den Schädel abwechselnd mit Schaufelstielen oder an Traktoren einschlagen, haben große moralische Ansprüche an ihr kleines Leben und sie verteidigen die Moralgesetze von Arkansas bis zur letzten sinnlosen Einstellung. Aber wo sind die Filmgesetze? Jeder von ihnen weiß, dass man auf unbewaffnete Feinde nicht schießt. Aber keiner scheint zu Wissen, dass Schnitte nicht nur innerhalb einer Sequenz Sinn machen, sondern dass auch die Sequenzen untereinander Verbindungen brauchen. Sie sollten mal Nanouk Leopold und Wolfsbergen fragen. Die weiß nämlich wie es geht. Denn bei ihr ist jedes Element der Erzählung filmisch und das heißt als Verhältnis von Ton und Bild gedacht. Sie zeigt Episoden zweimal aus unterschiedlicher Perspektive, mit unterschiedlichem Ton oder unterschiedlichen Konnotationen: Eltern waschen ihre Kinder, Kinder ihre toten oder lebendigen Eltern, eine Frau sich selbst. Einmal sehen und hören wir ein Streichquartett spielen, ein anderes mal hören wir es nur aus eine defekten Verstärker, so dass ein Freund der Familie erst den Kasten schlagen muss um die Filmmusik wieder zu reparieren.

Wolfsbergen, Nanouk Leopold, NL/BE 2007
Nanouk Leopold: Wolfsbergen. NL/BE 2007 (Foto: Berlinale)

In Shotgun Stories dagegen immer wieder das selbe sinnlose Schema: Halbtotale auf einen unspektakulären Vorgarten, ein Auto fährt ins Bild, irgendwer steigt aus und sagt oder tut etwas Alltägliches, damit der Film auch seine Portion Realität bekommt. Dann tut oder sagt er etwas, um das zähe Räderwerk der völlig witzlosen überpathetischen Handlung einen schmerzvollen Millimeter voranzubringen. Nächste Sequenz. Die einzelnen Sequenzen hängen aneinander wie der letzte faule Apfel des Sommers an einem vertrockneten Birnenbaum. Obwohl eine übercodierte und überdeterminierte Handlung erzählt werden soll, bei der schließlich der dümmste, fetteste und faulste Typ von allen zum Held wird, versucht der Regisseur das mit einer nur losen Aneinanderreihung gewollt realistischer Ansichten der Pampa von Arkansas. Was er leider vergisst: Pathos im amerikanischen Kino braucht man nicht neu zu erfinden, man müsste nur in der Lage sein, filmische Traditionen, in denen die ewige Geschichte von Rache und Vergeltung unzählige Male durchgespielt wurde, adäquat weiterzubringen. Was die Jungs mit viel sinnlosem In-die-Landschaft-Gestarre neu erfinden wollen, haben John Ford oder Douglas Sirk schon vor Jahrzehnten im Kino perfektioniert. Also: nichts neues unter amerikanischer Sonne, aber ein Film, der in seiner unsagbaren Provinzialität versackt. Das Publikum der Uraufführung hat trotzdem begeistert geklatscht und ich mich gefragt, ob ich nicht Cutter werden sollte.

Shotgun Stories, Jeff Nichols, USA 2007
Jeff Nichols: Shotgun Stories, USA 2007 (Foto: Berlinale)

Shotgun Stories
R, B: Jeff Nichols
K: Adam Stone
S: Steven Gonzales
M: Ben Nichols, Lucero
92 min, Farbe

Wolfsbergen
R, B: Nanouk Leopold
K: Richard von Oosterhout
S: Katharina Wartena
Ton: Hans Helewaut
93 min, Farbe