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»uli edel«

Keine Minute zu lang erscheint Uli Edels ambitioniertes Werk. Die in jedem Moment spannende filmische Aufbereitung der Entstehung und dem Untergang der RAF in der Bundesrepublik Deutschland. Durch das stetige Fokussieren auf die wichtigsten Rote Armee Fraktionsgründer und –mitglieder Andy Baader, seine Freundin Gudrun (Johanna Wokalek – großartig!) und Ulrike Meinhof und deren Sichtweisen, gelingt trotz des weiten, imposanten und komplexen historisch abzudeckenden Spektrums eine detaillierte, unbedingt zum Nachdenken anregende und bei den Zuschauern sprachlose Reaktionen hervorrufende Verfilmung.

Das politische Manifest, in das man die Forderung nach globaler, antiimperialistischer Gleichberechtigung und Frieden eintippte, gerät im Laufe der Zeit immer mehr in den Hintergrund. Aus guten Absichten entwickelt sich sowohl aus Versehen als auch beabsichtigt – es spielt im Grunde auch keine Rolle, denn Geschehenes kann man nicht mehr rückgängig machen und es beeinflusst trotz Negierung das nächst folgende – ein autopoeitischer Fanatismus.

Ein radikaler, niemals gesättigter Terrorismus, der seine eigenen Kinder nur noch blenden kann.

Ein Terrorismus, der logisches Denken und Handeln nach den Prinzipien des Manifestes unterbindet.

Ein Mythos, wie es Horst Herold richtig formuliert.

Herold, der von staatlicher Seite beauftragte RAF-Bekämpfer und einer der wenigen Polizeivertreter, dem im Film Zeit und Raum geboten wird, um nicht schnell als dumm und aggressiv wie die restlichen Polizeiangestellten abgestempelt zu werden.
Warum waren er und die RAF-Mitglieder zumindest im Film nicht frühzeitig genug, zur selben Zeit, am richtigen, an einem gemeinsamen Ort? Möchte man sich fragen.

Ulrike Meinhof, die wohl exemplarisch und als personalisierte Repräsentation der RAF
verstanden werden kann, erlebt Aufstieg, Fall und Untergang als eine der Ersten. Eine fürsorgliche Mutter zweier Töchter; eine Journalistin, die sich für das Gute
einsetzen möchte, gerät in die Fänge einer – ihrer eigenen ideologischen Sackgasse.

Veränderungen müssen radikal sein. So radikal, dass sie die Kinder, die sie nie verlassen wollte, schließlich für immer zurücklässt. Eine Frau, die alles Bisherige hinter sich lässt, neu anfängt und über sich hinauswächst. Eine Frau, die am Ende von der Staatsgewalt verhaftet in Einzelhaft und später nach Stammheim verfrachtet wird. Dort, wo sie imaginiert, von ihren einzigen und engsten Vertrauten – Gudrun und Andreas – schikaniert und in der letzten, ihr verbleibenden Freiheit, ihre Meinung auf Papier zu tippen, limitiert – ja, zensiert wird.

Wie kann sich Misserfolg, Enttäuschung und Unfreiheit auf einen auswirken?

Sobald sie nichts mehr von der Freiheit draußen haben, sei es um Anschläge zu planen, sei es, um durch die Nachrichten der Massenmedien (der Springer-Verlag ist dabei natürlich auszuschließen) informiert zu werden, ergreift die RAF Panik, Angst und Todessehnsucht.
Wenn sie nicht mehr selbst über ihr Verbleiben entscheiden können, werden sie verloren haben.

Wir sehen neben zahllos begangenen, sinnlosen Hinrichtungen, völlig überschüssig verpulverter Munition (ob das Morden bestimmter Personen einen Sinn hat, wussten die Gründer der RAF am Ende vielleicht selbst nicht mehr), die inszenierten Suizide Holger Meins’, Ulrike Meinhofs, Andreas Baaders, Jan-Carl Raspes und Gurdun Ensslins.

Am Ende geschlagen, ihrer Hoffnung und einzig verbliebenen Aufgabe beraubt (die Befreiung der gefangenen RAF-Mitglieder) und enttäuscht, schleppt die herangereifte, neue, brutalere, einem imaginierten Mythos befallenen RAF-Generation den entführten
Arbeitgeberpräsident Schleyer durch eine grasgrüne Waldwiese, um ihn an Ort und Stelle mit den letzten in diesem Film zu verschießenden Kalaschnikowkugeln hinzustrecken.

Ein weiterer, diesmal betont sinnloser Mord.

Ein Mord mit Ausrufezeichen.

Warum kann sich aus der ursprünglichen Idee einer friedlichen, unabhängigen, gerechten globalen Weltbevölkerung eines der brutalsten Kapitel der jüngeren Geschichte Deutschlands entwickeln?

„The answer, my friend, is blowing in the wind“, weiß Bob Dylan zu verlauten, während der Abspann vor unserem Auge abläuft.

Wie kann man ein bestehendes System, in dem man selbst ein kleines Uhrenrädchen darstellt, umwälzen, ohne eigene Verluste hinzunehmen und ohne Unschuldige dabei auf der Strecke zu lassen?

In Uli Edels Film ging es nicht um Zahlen und Statistiken der Gefallenen auf jeder Seite, wie sie in den Nachrichten verlesen wurden.
Der Baader-Meinhof-Komplex weiß keinerlei Antworten aufzuzeigen, jedoch stellt er säbelscharfe, immanente Fragen in den Raum, wie es in der Abendunterhaltung sonst eher selten gelingt.
In den ersten und den letzten Szenen des Films gibt es idyllische Bilder. Zu Beginn zwei Mädchen, die in der Nordsee planschen, während ihre Mutter im Strandkorb liest. Zum Schluss ein herbstlich belaubter Wald in Goldtönen. Was dazwischen passiert kann ich nicht beschreiben, weil hier keine Geschichte erzählt wird. Stattdessen reiht der Film in chronologischer Reihenfolge Situationen und Ereignisse aneinander, die sich zwischen 1968 und 1977 in Deutschland, dem Irak, in Somalia und anderen Ländern der Welt zugetragen haben oder so zugetragen haben mögen. Ulrike Meinhof mit ihren Kindern am Strand. Der ‚Polizeistaatsbesuch’ des Schahs. Gudrun Ensslin in einem Streitgespräch mit ihrem Vater über den „imperialistischen Expansionskrieg der USA in Vietnam“. Ein brennendes Kaufhaus. Baader und Ensslin vor Gericht. Die erste Befreiungsaktion. Die ersten Toten. Flugschriften. Die Banküberfälle. Die nackten, fliehenden Kinder in Vietnam. Die Anschläge auf amerikanische Militärbasen. Körper, die vor Kugeleinschlägen erzittern.

Es folgt Bild auf Bild, Aktion auf Aktion, Diskussion auf Diskussion und es gibt nichts, woran ich mich festhalten könnte, kein Bild, keine Szene die als Aufhänger dienen, an der man festmachen könnte: An dieser einen, zentralen Stelle zeigt der Film verdichtet das, was er zeigen will. So etwas wie ein zentrales Bild gibt es im Baader-Meinhof Komplex nicht, der Film konzentriert sich auf nichts. Stattdessen zeigt er so viel, dass ich nach der letzten Einstellung (der Kopf des erschossenen Hanns Martin Schleyer sinkt auf den belaubten Waldboden) sprachlos das Kino verlasse und erst mal versuchen muss all die Bilder in meinem Kopf zu ordnen und in Beziehung zueinander zu setzen.

Die Kamera bewegt sich oft mit den Terroristen durch die Räume, schwenkt über den Flur zu einer Tür und betritt mit ihnen ein Zimmer. Sie bleibt auch einmal am Türrahmen stehen, fast so als halte sie Wache, während eine Terroristin die Bombe hinter einem Regal versteckt. Die Kamera nimmt mich als Betrachter immer mit. Sie schiebt mich mitten hinein in die Unruhen zwischen den Studenten und den Anhängern des Schahs, ganz nach vorn, in Reichweite der Wasserwerfer. Ich werde zum Mitwisser, als der erste Brandanschlag geplant wird. Aus der Perspektive eines kleinen Mädchens beobachte ich aus dem Fenster wie Andreas Baader ins Bein geschossen und wie er verhaftet wird. Ich stehe auch hinter Ponto, als er Brigitte Mohnhaupt die Tür seines Hauses öffnet, so wie ich mit den Wärtern die Zellentüren im Stammheimer Gefängnis öffne und die Leichen der Inhaftierten finde.

Nur zum Schluss hält die Kamera sich kurz fern. Während die Schüsse auf Schleyer zu hören sind, zeigt sie den goldenen Herbstwald. Ich hatte mich gerade damit abgefunden, dass ich so haltlos durch diesen Film gerissen werde, wie wahrscheinlich auch die Deutschen in den siebziger Jahren durch den Terror der RAF Sicherheit und Orientierung verloren.
Aber dann erscheint der goldene Wald in der vorletzten Einstellung. Nach den vorangegangen zwei Stunden wirkt dieser natürlich überhaupt nicht idyllisch. Irgendwie stört diese Einstellung gewaltig, weil sie die Phrase vom „deutschen Herbst“ aufdrängt und diese Metaphorik unglaublich schwach und simpel wirkt im Vergleich zu sämtlichen Bildern, die der Film bis hier hin zeigte. So sticht dieses eine Bild doch heraus, aber nur, weil es dem Rest des Films nicht gerecht werden kann.