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»sebastian schipper«

Noch bevor ich am 9. Februar früh morgens um sechs Uhr aufwache und die Berlinale auch für mich beginnt, träume ich von meinem ersten Festivalfilm. Mitte Ende August – dieser Titel und die damit verbundene Jahreszeit mit ihrem ganz eigenen Lebensgefühl gehen mir nicht aus dem Kopf. Ich gespannt was dieser Film zu bieten hat, was er ist, was er sagen will. Im Traum ist es bereits Hochsommer. Ich bin im Urlaub, irgendwo… ich schwimme, genieße den Sonnenschein, die langen Abende mit Freunden. Ich spüre es deutlich, dieses besondere Leben wie man es nur im Sommer führen kann.
Ich wache auf.
Später in der Kartenschlange vor dem Berlinale-Center erzähle ich vom meinem Traum und freue mich sehr auf den Film.
Dann sitze ich im Kino und denke vielleicht ist Sebastians Schippers dritter Film ein wenig so wie in meiner Fantasie.
Aber nein, das ist er nicht, wirklich nicht. Auch wenn er es versucht mir weiß zu machen mit allen Mitteln. Er probiert es mit diesen wahnsinnig leidenschaftlichen Gefühlen, den verletzenden Streitereien, den intensiven Auf und Ab’s der Liebesbeziehung zwischen Hanna und Tommy. Doch es kommt nicht an. Leider nicht. Auch wenn Mitte Ende August überladen ist mit diesen besonderen emotionalen Momenten wie man sie nur so intensiv im Sommer leben kann. Wenn Tommy sich nach dem Sex auf der Wiese hinter dem Haus mit Hannas erwachsen gewordener Patentochter Augustine schnell anzieht, verwirrt zurück ins Haus läuft, sich maßlos betrinkt, man in den Close-Ups auf sein Gesicht deutlich den Schmerz und die Reue seiner Handlung erkennt und er dann auch noch zum See rennt, sich ins Wasser stürzt und beginnt zu weinen, nein, dann kommt es nicht an dieses Gefühl, ich kann es nicht spüren.
Oder nachdem Hanna zu ihrem Geburtstag vollkommen ausflippt, weil Tommy sie nach allem als seine Frau bezeichnet, sie sich ein teures Kleid anzieht und zusammen mit Friedrich, dem Bruder ihres Freundes, wegläuft, allem entfliehen will, nein auch dann kommt es nicht an. Ich kann diese Gefühle nachvollziehen, aber wirklich intensiv und echt kann ich sie nicht spüren. Denn Mitte Ende August gelingt einfach leider nicht mich mitzureißen, mein Herz zu öffnen. Vielmehr ist eine leichte, nicht besonders anspruchsvolle Unterhaltung, die wohl eher an das Ende eines heißen Sommertages passt als in die Reihe der Filme, die einen auf der Stelle, immer und überall ergreifen.
Aber wieso ist das so?
Es liegt wohl weniger an der Frei-nach-Johann-Wolfgang-von-Goethe-Geschichte oder dem Schauplatz als an der Art der Inszenierung sowie der schlechten Leistung der Schauspieler. Also ist so vorhersehbar und gewollt. Bereits in der Szene, in der Tommy ohne Nachzudenken eine tragende Mauer des neu gekauften renovierungsbedürftigen Hauses einreißt, ist es eindeutig, dass er und Hanna sich immer mehr von einander entfernen werden und Augustine sowie Friedrich nur das Mittel zum Zweck sind um den anderen zu verletzten.
Die motivationslos eingesetzte Handkamera, die unpassende Musik scheinen so initiiert, so übertrieben.
Und leider bildet der Regisseur in der nach dem Film folgenden Diskussion keine Ausnahme zu diesem nichtssagenden Szenario. Und ein weiteres leider folgt: er hat viel zu sagen, viel Nichts. Bis auf einen Satz, der mir noch deutlich in Erinnerung ist: Wer diesen Film nicht fühlt, ihn intensiv spürt, der hat Angst vor seinen Gefühlen.
Nein, Herr Schipper, so ist das wirklich nicht. Ich habe keine Angst, aber ich denke sie hatten welche, sogar sehr große. Denn warum sonst sagen Sie so etwas über einen Film, der selbst am Ende nicht mehr zu sagen hat als „Hallo“.
Ich antworte „Auf nimmer Wiedersehen“.
Sebastian Schipper liebt seinen neuen Film und er liebt es mindestens genauso, sich reden zu hören. Wirklich sehr gelungen sei der Film und wahre Gefühle würden transportiert. Aber man wollte natürlich nicht etwas ohne Ecken und Kanten abliefern. Dass „Mitte Ende August“ nicht Everybody‘s Darling sei, darauf habe er sich schon vorbereitet. Doch plötzlich ist es da, ein kurzes, aber sichtbares Entsetzen, zwischen Wortschwallen bestehend aus Anekdoten des Schipper‘schen Urlaubs am Meer, inspirierenden Goethewerken und innovativen Schauspielcastings. Aus dem Saal kam die hinterhältige Frage, wie Schipper die schlechte Kritik zum Film vom Vortag verkraftet habe. Welche schlechte Kritik? Davon habe er bisher nichts gelesen oder gehört und außerdem könne man seinen Film nur schlecht finden, wenn man Angst vor seinen eigenen Gefühlen habe. Punkt. Das hat gesessen. Die eigene Meinung zum Film als Ausgangspunkt für eine Psychoanalyse à la Schipper. Heißt dies wiederum, wenn wir „Mitte Ende August“ bedingungslos lieben, stimmt alles mit uns? Das wird ein schwerer Kampf oder es könnte womöglich im Selbstbetrug enden, denn was da zwischen Hanna und Thomas in ihrer baufälligen Sommerresidenz geschieht, ist alles andere als liebenswürdig. Als Adjektiv würde “ vorhersehbar“ gut passen. Man nehme ein glückliches Pärchen, das Spaß hat beim Handwerkeln. Diese traute Zweisamkeit zerbröckle man nun peu à peu durch die Hinzugabe externer Störfaktoren. Im Film sind das Thomas frisch verlassener Bruder Friedrich und (der Gerechtigkeit halber) Hannas Patenkind Augustine. Eine Überkreuzliebelei ist zwingend, besonders wenn man die experimentelle Verwendung verschiedener alkoholischer Substanzen berücksichtigt. Anders als die Figuren bleibt die Geschichte stets nüchtern. Und kalt, wie die Farben auf der Leinwand und der See, in dem sich Hanna und Friedrich abwechselnd reinwaschen von gegenseitigen Vorwürfen und einem Seitensprung. Was Schipper denkt zu zeigen fehlt: Gefühle. Ich erwarte keine Close-ups gefüllt mit Tränen, aber doch mehr als ein entferntes Heulen im nächtlichen Gewässer, eines, das passen soll ,das unbedingt passen muss und doch nicht passt. Es ist so unpassend wie der Kurzauftritt von Hannas Vater inklusive Ostblockschönheit oder die ständig wiederkehrende Verwendung des Shallow Focus. Ich brauche im Film keine pompösen Liebesschwüre oder verzweifeltes Flehen, um Gefühle zu spüren, aber ich brauche die Bilder. Sie fehlen. Ich muss gestehen: So wie mir „Mitte Ende August“ keine Gefühle zeigen konnte, so kann ich ihm keine entgegenbringen. Was das für mich bedeutet, müssen wir wohl Herrn Dr. Schipper fragen.
„Ich bin der Welt abhanden gekommen“ - manchmal passiert das, einfach so. Dann schleppt man sich Tag für Tag todtraurig dreinblickend zur Arbeit, obwohl man gar keinen Sinn darin sieht. Erhält die höchste Auszeichnung für seine innovativen Ideen und kann sich trotzdem nicht freuen. Karl scheint nicht nur in seiner Abteilung, sondern auch in seinem eigenen Leben „nur zu Besuch“ zu sein. Da muss erst so einer wie Hans kommen und einem zeigen, wofür jeden Tag um 7:30 Uhr der Wecker klingelt, wofür es sich lohnt aufzustehen und warum man nie wieder in das blaue Büro zurückkehren kann. Zum Beispiel um den Unterschied zwischen einem silbernen und einem anthrazitfarbenen Porsche zu erkennen, um sich nachts nackt dem Geschwindigkeitsrausch hinzugeben, um Dinge zu sehen, die man vorher nicht sah und um eine Königin zu erkennen, wenn man ihr begegnet. Um ab sofort glücklich zu sein, einfach so.



EIN FREUND VON MIR
D 2006, 84min, Farbe
R: Sebastian Schipper
Namen wie Hermann Hesse-Helden: Hans, Karl - zwei Lebenspole - eine kleine Freundschaftsgeschichte, in der niemand unter die Räder kommt.
Film und Protagonisten haben kein Problem. Weder Theologie wird studiert noch verrät der Verrat. Nichts scheint einen Unterschied zu machen. Und so sehr sich das Palindrom auch anbietet: Karl ist determiniert wie Otto, und steht trotz Vorwärts- und Rückwärtsfahren, am Ende wieder mit Rastplatzkaffee in der Autobahnmelancholie, ohne sich wirklich bewegen zu können. Dafür stimmt die Stimmung, die nur Filmbild und Musik so sehen können, und nach der ich mich sehnen darf.
Erneut bleibt die Kamera leblos beim Aufzugfahren und im Büro neben Karl stehen, um ihn zu kommentieren, um ihn wie sein Chef zu reizen. Doch auch am Ende kommt sie bei aller Nähe nicht unter die Haut, so sehr sie auch Leberflecken studiert.
Es könnte Road Movie sein, ein zartes, innerhalb einer Gesellschaft, die man nicht sieht. Aber provozierte Identitätskrisen rauschen über Straßen ohne Reibung, an Nicht-Orten und in Nicht-Zeiten, ohne Potential zum Scheitern, ohne bei aller Nacktheit und unkomplizierter Dreisamkeit wirklich physisch, oder in aller Alltagsphilosophie mental zu werden. Keine Crashs, nur im Sprachspiel, das überrascht, erfrischend witzig, kurzfristig, wie ein Schrei oder Schweigen im richtigen Augenblick, wie ein flüchtiger Film - ein schönes Märchen für unbekümmerte deutsche Herbsttage.


Ein Freund von mir
R: Sebastian Schipper
D: Daniel Brühl, Jürgen Vogel, Sabine Timoteo u.a.
Deutschland, 2006
Daniel sagt: Ich bin der Welt abhanden gekommen, mit der ich sonst viele Zeit verdorben und blicke jetzt immer etwas zu lang und etwas zu verloren aus meinem Bürohochhaus auf die Stadt. Leider bin ich nicht so ein toller Schauspieler, dass mein Gesicht einem Closeup wirklich standhalten könnte.

Sebastian sagt: Sie hat so lange nichts von mir vernommen, deshalb habe ich mir die erste Riege jener Schauspieler aufs Hochhaus geholt, die mal Teenies waren und noch vor etwas mehr als Jahresfrist die Revolution proben wollten.

Sabine sagt: Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben oder besser: ich wäre am Sterben. Aber so ist das, wenn man wie ich immer sehr existentialistisch und doch wie ein kleines Mädchen am Weihnachtsabend seine Stupsnase an den Kerlen reibt. Ich habe nun einmal nur fünf verschiedene Gesten. Die kann beherrsche ich aber auch perfekt und die Zuschauer wissen nie, welchen meiner Filme sie gerade sehen, weil ich immer gleich geheimnisvoll am Daumen lutsche.

Karl sagt: Ich bin gestorben dem Weltgetümmel Und ruh? in einem stillen Gebiet. Aber dann auf einmal kommt Hans, dieser krasse Typ mit seinem komischen gelben Auto und irgendwie entkomme ich dem Sog des Weltgetümmels dann doch nicht mehr. Die moderne Fassung von Weltverdruss lässt sich nicht mit idealistischer Introspektion lösen, sondern nur mit Wiederholung und Bewegung. Was bei Mahler thematische Arbeit im Orchesterlied ist, das ist 2006 das Klingeln des Weckers geworden.

Sebastian sagt: Ich leb? allein in meinem Himmel, In meinem Leben, in meinem Kino. Mahler hat auch sein halbes Leben mit zwei Dingen zugebracht: dem Auffinden von möglichst exotischer Kunst und Selbstzitaten. Das kann ich auch. Und ich kann es gut. Ich weiß, wie Kino funktioniert und weiß, dass das Kino genug mit sich selbst zu tun hat. Deshalb gibt es bei mir Schauspieler, die sich selbst Synchronisieren, Schauspieler, die andere Synchronisieren, Meta-Untertitel, die eigentlich keiner braucht, Schauspieler, an die immer neue Rollen verteilt werden, Menschen, die die Gesten von Schauspielern interpretieren, Sprachen und Sätze, die sich mit Körpern in einem Bild verbinden.

Der Filmkritiker sagt: wenn Kino Kino ist, weil es weiß, was Kino ist und weil es großzügig auf starke Erzählungen verzichten kann, und wenn Nicht-Kino-Kunst bearbeitet wird, anstatt anbiedernd illustriert zu werden, dann ist dieses Kino auf jeden Fall ein Freund von mir.

Ein Freund von mir
R: Sebastian Schipper
D: Daniel Brühl, Jürgen Vogel, Sabine Timoteo u.a.
Deutschland, 2006