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»schwul«

Wie sonst kann man die Liebe in unserer Zeit inszenieren, wenn nicht plakativ? Eindeutig und unmissverständlich soll sie sein, strahlend und unübersehbar. Ansteckend und in aller Munde, eine Augenweide die die harte Arbeit unter kältesten Bedingungen hinter dem Bild vergessen macht.
Kafka und Daniel, die Stellverteter des Hochglanzschicksals inszeniert in der unfreiwillig selbstreflexiven Bildmaschinerie von Scud.Copyright 2009 by Artwalker
Wolkenkratzer und künstliche Skylines, Stadtringe und Autobahnen schlingen und knoten sich durch die gläserne, metallene Welt, die alles verbaut und vergisst, was sich hinter unseren überlieferten Bildern und Symboliken verbirgt.
Im verzweifelten Versuch dieser Welt habhaft zu werden, sich dieser postmodernen Umwelt anzunähern und ihr etwas Geborgenheit abzuringen, treibt es uns von einer tröstenden Wärmequelle zur nächsten. Künstlich wie die Strukturen, in denen wir uns bewegen, sind die Bedürfnisse, die wir zu artikulieren versuchen. Im Rausch des Kaufes sich dem Trug der Oberflächen zu ergeben, seine Liebe an Waren festzumachen, weil sie leicht zu haben sind und uns mit dem hoffnungsvollen Bild das wir von uns in einer besseren Zukunft mit ihrem Versprechen haben wärmen, ist eine Möglichkeit, die demjenigen sich anbietet, der ebenso die wärmende Umarmung des Arbeitslebens spürt. Wer durch das Netz aus Arbeit vor kalten Fallwinden geschützt ist und die finanzielle Sicherheit hat, kann den Rausch zu einem Dauerzustand machen und sich abreiben lassen, bis die eigene Oberfläche ebenso glatt und attraktiv ist wie die der Waren. Dann wirft die gläserne Fassade der Einkaufsstraße ein Bild auf uns zurück, mit dem wir uns weniger allein fühlen und die Blicke der anderen sind ein warmes Streicheln für unsere gehetzten Seelen. Wir verlieben uns in die eigene Schönheit und die der anderen. Wenn das künstliche Versprechen der glatten Oberflächen des Stadtbildes sich dann im eigenen Spiegelbild erfüllt, ist alles in einem schönen Gesamtbild, Panorama in 16:9, anzusehen.
Hochglanzbilder sollen unser Leben zeigen, denn nur sie sind, was wir sehen wollen. Sie sind unser Schicksal. Ihre Zeichen und Prozesse entziehen sich mehr und mehr unserem Handlungsvermögen, verselbständigen sich und wirken auf uns. Sie bilden den Kreis der sich um uns zieht, antreibt und durch ständige Bewegung im Bestreben ihm gerecht zu werden ebenso warm hält wie durch das bloße Betrachten. Permanent Residents, gekommen um zu bleiben, sind die Hochglanzbilder ein absolutes Heilsverprechen. Handelt es sich zudem um bewegte Bilder und kommen zu diesen auch noch die äquivalenten Töne hinzu, ist der Reiz, sich der Macht des Hochglanzes zu ergeben, beinahe ungebrochen. Bewegende Geschichten, die schön aber niemals wahr sein wollen, lassen uns Einsamkeit, Leid und Liebe auf eine solche Weise sehen, dass wir mit Ehrfurcht vor dem Schönen staunen, wie es seinen wärmenden Deckmantel über die tragischen Bilder des Lebens wirft.
Jener Film, Amphetamine, der diese postmoderne Hochglanzwelt und ihre Auswirkungen auf die Menschen zeigt und dabei, die Zusammenhänge perpetuierend, eine leuchtende, hochaufgelöst glänzende Ästhetik einsetzt, biegt den Hohlspiegel für den Lauf seiner Zeit wieder gerade. Die Schicksalhaftigkeit der auratischen Celluloidillusionen wird in ihrer Konsequenz inhaltlich aufgegriffen, schlägt sich auf die Figuren nieder, die im Rausch dieses Bilderkreises einander zu halten versuchen und wird zur Ursache des Versagens.
Ein schöner Mann, Kafka, der nichts mehr hat als seinen Körper und eine Sucht nach Wärme und Geborgenheit, findet die ersehnte Liebe bei einem anderen Mann. Einzig und allein das Wissen, dass nur noch diese Liebe zählt, weil sie frei bleibt von Zuschreibungen, weil sie abstrahlt auf die künstliche Welt und das Gewohnte neu besetzt, hält ersteren in dieser Beziehung. Weder schwul, noch von Männern sexuell angezogen findet der schöne Mann das warme Nest, das er so schmerzlich vermisst und weist trotzdem das schwule Kino und seine üblichen Handlungsmotive zurück. Verwaist und mit Bildern allein gelassen, denen er entsprechen soll, verzweifelt er an dem Rausch seines neuen Lebens. Er braucht keinen Anzug mehr, wenn keiner sieht, wie gut er ihm steht. Noch weniger braucht er eine ehrenwerte Arbeit, wenn keiner mehr da ist, den er versorgen muss. Und so trägt er meist wenig, zeigt seinen schönen Körper, bereit ihn bezeichnen und besetzen zu lassen und schwimmt. Sein treuer Freund, Daniel, etabliert, schön und genießerisch, lernt indes sein Verlangen zu hinterfragen und gibt schließlich einen großen Teil der Leichtigkeit seiner Welt auf, um seiner Liebe ein stützender Partner zu sein. Copyright 2009 Artwalker
Eine unfertige Brücke, die monströs und als bautechnische Ursache vieler physischer Qualen über einer Meerenge sich erstreckt, wird schließlich zum postmodernen Symbol für die unvermeidbare Restmenge emotionaler, körperlicher und geistiger Begehren einer jeden Beziehung, deren Überwindung zur tiefen Liebe führt. Das schöne Leben bleibt dennoch ein tragisches. Nachdem in einem nahezu sektuösen Überschwang das Ende der finanziellen Krise zelebriert wird, verwandelt sich der schöne traurige Mann in einen jungen Vogel.
Der Kanon der blendenden Motive unserer Werbewelt erweitert sich mit diesem Film, mit dem Untergang dieser Liebe und wälzt fantasiereich die Zeichen um. Brücken und Papierkörbe, rauchende Schornsteine und Mittelstreifen auf der Autobahn werden Symbole einer tiefen Liebe und bleiben dennoch auch die Boten des irrationalen Fortschrittes. Kafka und Daniel, Models einer bunten vorgedachten Warenwelt, Modell einer Liebe, die sich selbst neu bezeichnen lernt und der man niemals wird entsprechen können.
Diese Kritik ist all jenen gewidmet, die dem tragischen Film im schönen Leben den Vorzug verleihen. CB

HK, 2009, 97min, 35mm, B/R: Scud, K: Charlie Lam
Es ist wahrscheinlich eine der schönsten, wenn nicht die schönste Einstellung dieser ganzen Filmfestspiele. Totale. Die Kamera steht in der Mitte einer gelblichen Betonpiste die am unteren Bildrand breiter ist als das Bild. Rechts und links gibt es nichts als Bäume. Sehr weit hinten sieht es so aus, als ob dort Wasser wäre, vielleicht ein Fluss oder ein See. Langsam sehen wir zwei Jungs auf Fahrrädern aus der Tiefe des Bildes auf uns zukommen. Es stellt sich heraus, dass das Wasser tatsächlich Luftspiegelung im Sommer sind. Dazu hören wir Klaviermusik, die bald von zwei Sängern ergänzt wird: im Abspann werden wir erfahren, dass es Händel gewesen ist. Die Einstellung ist sehr lang und ich wünsche mir, dass sie niemals aufhört. Die Kamera kommt in Bewegung und begleitet die beiden Jungs, die hier ein Rennen mit ihren Rädern veranstalten. Am Ende liegen beide auf dem Rücken und atmen schwer.



Plansequenz nennt man so etwas. Wenn ich noch einmal drüber nachdenke wurde darin wahrscheinlich doch irgendwann geschnitten aber die Musik klebt das ganze auf wunderbare Art und Weise zusammen. Im Kopf ist der Film anders als auf der Leinwand. Überhaupt passt der Begriff »Plansequenz« so gar nicht zu diesem Film. Denn obwohl hier vieles geplant beginnt, mit sehr genauen Aufstellungen und Arrangements, endet es dann irgendwo, im Ungefähren oder Möglichen. Einmal stehen Johann und Robin sich gegenüber und schauen sich in die Augen, nur um sich daraufhin voneinander wegzubewegen und ein seltsames Fangen und Verstecken im nächtlichen Wald zu spielen, das in einer unheimlich intensiven erotischen Begegnung endet. Ein anderes mal stehen sie Rücken an Rücken auf einem Feld, schauen voneinander weg, bis einer der beiden sich umdreht und seinen Kopf an den Hals des anderen legt. Anziehung und Abstoßung, Kontakt und Ferne, Weglaufen und Einfangen: sind die beiden Kräfte, die hier immer, in praktisch jeder Einstellung präsent sind.



Und auch der Film ist so ein auseinanderreißendes Zusammensein. Die unglaublich aufwendige und feingliedrig durchgearbeitete Tonspur erzählt eine ganz eigene Geschichte von Brandenburg und dem, was auf einem Bauernhof geschieht, auf dem die Jungs später landen. Es überlagern sich Natur- und Menschengeräusche mit Musik und diese wiederum mit anderen Musikstücken. Oft weiß man nicht mehr, wo man eigentlich hinhören soll. Das ergänzt sich mit dem Bild nicht zu einem schönen runden Ganzen, sondern kommentiert es, stellt es in Frage oder ruft nach Bildern, die man nie zu sehen bekommt, etwa wenn im Haus Stöhnen zu hören ist und man nicht weiß, wer hier gerade mit wem etwas macht. Möglichkeiten gibt es genug.
Der Film ist ein roher Kerl mit Hang zur Poesie. Wie Nathan von Witzlow, der in der Gegend im 18. Jahrhundert immer wieder ausgeweidete Schwäne auf ihren eigenen Federn drapierte. Wie schön, wie unverständlich, wie derb ist das. An RÜCKENWIND ist auch nicht alles zu verstehen. Wenn man aber die Anstrengung aufbringt ihm die Bürde der Eindeutigkeit abzunehmen, dann findet man hier einmal einen Film, der schwules Kino ist, wie wir es uns wünschen. Und zwar, weil er in aller erster Linie Kino ist und nur in zweiter Linie schwul und sich damit so wohltuend von den furchterregenden Erzählungen schwuler Liebe abhebt, die Beziehungen zwischen Männern immer nur im Kontext von Coming Out und HIV situieren. Es gibt mehr zwischen Männern, Jungs, Kerlen und Jan Krüger und dem Team des Films ist die Suche danach mehr als geglückt. Vor allem, weil sie keine Ergebnisse liefert, die man in die Tasche stecken kann wie Sahnebonbons sondern weil der Film das Versprechen auf eine wunderbare Süße ist, die man nur ab und an, in einigen Bildern und Tönen, in wenigen Augenblicken im Leben spüren kann, weil sie sich nicht festhalten lässt. Auch davon berichtet der Film in seinem Ende und empfiehlt das Kino, dieses Kino als wirksames Mittel zur Bekämpfung des Unglücks: wenn man diese Bilder sieht, muss es einem gut gehen und das beste daran ist: man kann sie immer wieder sehen.

RÜCKENWIND
D 2009
R,B: Jan Krüger,
K: Bernadette Paassen
S: Ute Schall
HD, Farbe, 75min

Fotos: Jan Krüger, Edition Salzgeber
Ein heikles Thema muss vielleicht sensibel gefilmt werden, deswegen stört mich die Art der Kameraführung und die zum Großteil pixelige Qualität der Bilder in Parvez Sharmas Dokumentation "A Jihad For Love" sehr. Hier will jemand an den jeweiligen Drehorten kein großes Aufhebens um die Personen - und vor allem nicht um das Thema - machen, um das es geht. Alle Männer und Frauen in Parvez Sharmas Film leben ein homosexuelles Leben respektive versuchen es zu leben. Und alle Männer und Frauen bekennen sich zum Islam. Wie kann das funktionieren, wenn der Islam doch augenscheinlich Homosexualität verbietet? Die Personen selbst scheinen zum Großteil im Frieden damit zu leben, sie deuten den entsprechenden Text aus dem Koran so, dass es kein Verbot von Homosexualität gibt, sondern das Verbot homosexueller Vergewaltigung. Das Problem, inwiefern der Koran ein geschichtliches Dokument ist hier mal ganz außen vor gelassen. Andere Gedanken betreffen Die Schöpfung eines Gottes, der nichts erschaffen hat, was nicht sein soll. Jeder legt irgendwie seine Position dar. Das Problem ist, dass oben genannte Art es zu filmen, das Leben dieser Hauptfiguren der Dokumentation wiederum problematisiert. Es positioniert das Leben in die Bildersprache des Boulevard-Journalismus. Verschwommene Gesichter, die "versteckten" Kameras, all das wirkt so, als filme man Verbrecher ab. Glücklicherweise zieht sich das nicht durch den ganzen Film. Parvez Sharma bricht auch mit dieser Machart, indem dann doch Gesichter gezeigt werden oder aber auch bei Pinguinen die Köpfe unkenntlich gemacht werden. Somit thematisiert er in meinen Augen die Schwierigkeit, eine Dokumentation wie diese zu drehen. Ihm ist also durchaus bewusst, dass die Machart der Dokumentation ein Problem darstellen könnte. Unter diesem Gesichtspunkt bleibt eigentlich nur zu sagen, dass die Veröffentlichung dieser Leben ein wichtiger Beitrag zum Verständnis und zur Freiheit ist.

A Jihad For Love
Parvez Sharma
USA 2007
Wenn ein schwuler Filmemacher fünf Jahre lang islamische Länder rund um die Welt von Indien bis Kanada bereist, um über das zu berichten, was schwulen Muslimen und lesbischen Musliminnen geschieht, wenn sie ein Leben leben wollen, das ihrer Sexualität entspricht, dann hätte daraus ein Film werden können, der in einem grandiosen exotistisch-orientalistischen Panorama die wunderbaren Moscheen und spektakulären Landschaften des nahen Ostens ausbeutet und sie zu einem Märchen aus tausend und einer Nacht zusammen montiert. Das Gegenteil unternimmt A Jihad for Love. Unter teilweise schweren Drehbedingungen, immer unter der Androhung von meist lebensbedrohenden Strafen bringt Parvez Sharma auf die Leinwand, was von Angst und Trauer gezeichnete Gesichter hätten sein können, wenn die Menschen, denen diese Gesichter gehören es wagen würden diese unverstellt der Kamera zu zeigen. Die meisten Schwulen und Lesben Moslems, die in diesem Film auftauchen haben aber ihre Gesichter verloren und lassen sie deshalb in einer unscharfen Wolke verschwimmen, weil sie um ihre Familien, ihre Ehre und letztlich um ihr Leben fürchten müssen. Sharma ist klug genug dieses zugleich groteske und unerträgliche Versteckspiel ironisch zu kommentieren. An einer Stelle wird ein schwuler Islamgelehrter mit seinen Kindern gezeigt, wie er an einem Strand in Südafrika Pinguine füttert. Als einer der Pinguine in die Kamera blickt, wird sein Gesicht so unkenntlich gemacht, wie die Gesichter all der angsterfüllten Menschen im Film.



Die Bilder des Films sind in den meisten Einstellungen hässlich, in mehr als durchschnittlicher Camcorderqualität auf die Leinwand gestolpert und laden nicht zum Schwelgen oder Genießen ein. Es wäre leicht dem Film das vorzuhalten, genauso wie man problemlos die holpernde, lückenhafte und ausgesprochen durchsichtige Dramaturgie verurteilen könnte. Aber wofür? Um der Ignoranz und dem Hass einiger konservativer Koran-Exegeten noch den blasierten Charme europäischer Ästhetenbourgeoisie hinzuzufügen? Um aus einem bequemen demokratischen Kinosessel heraus ein ebenso schnelles und stilles Urteil zu fällen, wie es die religiösen Gerichte im Iran und anderswo auch tun? Sicher, der Film ist pathetisch, er versucht immer wieder zu den Tränen auf der Leinwand die Tränen im Kinosaal kommen zu lassen. Und er ist unfreiwillig komisch und sagt damit zuweilen, dass die Freiheit, die sich die Schwulen und Lesben hier erträumen, vielleicht nicht immer die Freiheit ist, für die in demokratischen Ländern gekämpft wird. Wenn einer der Verfolgten bei seiner Ankunft im kanadischen Exil davon träumt, sich endlich ein pinkes Kleidungsstück zu kaufen, weil Pink wohl die Farbe der Schwulen sei, dann ist das provinziell und ausgesprochen ernst zugleich.

Die Textur, die diesen Film hässlich macht, ist die selbe, die die Welt dieses Filmes hässlich gemacht hat. Mein Abscheu gegen den filmischen Moralismus, dem ich in diesen Zeilen das Wort rede, lässt mich eher über diesen Abscheu als über den Moralismus grübeln und zeigt damit, dass auch die Freiheit zu denken was man will, eine doppelte Aufgabe ist, die so schwer zu verstehen ist, wie der Wunsch der schwulen Moslems und lesbischen Muslimas weiterhin ihren islamischen Gott zu lieben. Trotzdem.

Parvez Sharma: A Jihad for Love (USA/D 2007)