Monday, 22. February 2010, 15:21Uhr
Wie sonst kann man die Liebe in unserer Zeit inszenieren, wenn nicht plakativ? Eindeutig und unmissverständlich soll sie sein, strahlend und unübersehbar. Ansteckend und in aller Munde, eine Augenweide die die harte Arbeit unter kältesten Bedingungen hinter dem Bild vergessen macht.
Kafka und Daniel, die Stellverteter des Hochglanzschicksals inszeniert in der unfreiwillig selbstreflexiven Bildmaschinerie von Scud.
Wolkenkratzer und künstliche Skylines, Stadtringe und Autobahnen schlingen und knoten sich durch die gläserne, metallene Welt, die alles verbaut und vergisst, was sich hinter unseren überlieferten Bildern und Symboliken verbirgt.
Im verzweifelten Versuch dieser Welt habhaft zu werden, sich dieser postmodernen Umwelt anzunähern und ihr etwas Geborgenheit abzuringen, treibt es uns von einer tröstenden Wärmequelle zur nächsten. Künstlich wie die Strukturen, in denen wir uns bewegen, sind die Bedürfnisse, die wir zu artikulieren versuchen. Im Rausch des Kaufes sich dem Trug der Oberflächen zu ergeben, seine Liebe an Waren festzumachen, weil sie leicht zu haben sind und uns mit dem hoffnungsvollen Bild das wir von uns in einer besseren Zukunft mit ihrem Versprechen haben wärmen, ist eine Möglichkeit, die demjenigen sich anbietet, der ebenso die wärmende Umarmung des Arbeitslebens spürt. Wer durch das Netz aus Arbeit vor kalten Fallwinden geschützt ist und die finanzielle Sicherheit hat, kann den Rausch zu einem Dauerzustand machen und sich abreiben lassen, bis die eigene Oberfläche ebenso glatt und attraktiv ist wie die der Waren. Dann wirft die gläserne Fassade der Einkaufsstraße ein Bild auf uns zurück, mit dem wir uns weniger allein fühlen und die Blicke der anderen sind ein warmes Streicheln für unsere gehetzten Seelen. Wir verlieben uns in die eigene Schönheit und die der anderen. Wenn das künstliche Versprechen der glatten Oberflächen des Stadtbildes sich dann im eigenen Spiegelbild erfüllt, ist alles in einem schönen Gesamtbild, Panorama in 16:9, anzusehen.
Hochglanzbilder sollen unser Leben zeigen, denn nur sie sind, was wir sehen wollen. Sie sind unser Schicksal. Ihre Zeichen und Prozesse entziehen sich mehr und mehr unserem Handlungsvermögen, verselbständigen sich und wirken auf uns. Sie bilden den Kreis der sich um uns zieht, antreibt und durch ständige Bewegung im Bestreben ihm gerecht zu werden ebenso warm hält wie durch das bloße Betrachten. Permanent Residents, gekommen um zu bleiben, sind die Hochglanzbilder ein absolutes Heilsverprechen. Handelt es sich zudem um bewegte Bilder und kommen zu diesen auch noch die äquivalenten Töne hinzu, ist der Reiz, sich der Macht des Hochglanzes zu ergeben, beinahe ungebrochen. Bewegende Geschichten, die schön aber niemals wahr sein wollen, lassen uns Einsamkeit, Leid und Liebe auf eine solche Weise sehen, dass wir mit Ehrfurcht vor dem Schönen staunen, wie es seinen wärmenden Deckmantel über die tragischen Bilder des Lebens wirft.
Jener Film, Amphetamine, der diese postmoderne Hochglanzwelt und ihre Auswirkungen auf die Menschen zeigt und dabei, die Zusammenhänge perpetuierend, eine leuchtende, hochaufgelöst glänzende Ästhetik einsetzt, biegt den Hohlspiegel für den Lauf seiner Zeit wieder gerade. Die Schicksalhaftigkeit der auratischen Celluloidillusionen wird in ihrer Konsequenz inhaltlich aufgegriffen, schlägt sich auf die Figuren nieder, die im Rausch dieses Bilderkreises einander zu halten versuchen und wird zur Ursache des Versagens.
Ein schöner Mann, Kafka, der nichts mehr hat als seinen Körper und eine Sucht nach Wärme und Geborgenheit, findet die ersehnte Liebe bei einem anderen Mann. Einzig und allein das Wissen, dass nur noch diese Liebe zählt, weil sie frei bleibt von Zuschreibungen, weil sie abstrahlt auf die künstliche Welt und das Gewohnte neu besetzt, hält ersteren in dieser Beziehung. Weder schwul, noch von Männern sexuell angezogen findet der schöne Mann das warme Nest, das er so schmerzlich vermisst und weist trotzdem das schwule Kino und seine üblichen Handlungsmotive zurück. Verwaist und mit Bildern allein gelassen, denen er entsprechen soll, verzweifelt er an dem Rausch seines neuen Lebens. Er braucht keinen Anzug mehr, wenn keiner sieht, wie gut er ihm steht. Noch weniger braucht er eine ehrenwerte Arbeit, wenn keiner mehr da ist, den er versorgen muss. Und so trägt er meist wenig, zeigt seinen schönen Körper, bereit ihn bezeichnen und besetzen zu lassen und schwimmt. Sein treuer Freund, Daniel, etabliert, schön und genießerisch, lernt indes sein Verlangen zu hinterfragen und gibt schließlich einen großen Teil der Leichtigkeit seiner Welt auf, um seiner Liebe ein stützender Partner zu sein.
Eine unfertige Brücke, die monströs und als bautechnische Ursache vieler physischer Qualen über einer Meerenge sich erstreckt, wird schließlich zum postmodernen Symbol für die unvermeidbare Restmenge emotionaler, körperlicher und geistiger Begehren einer jeden Beziehung, deren Überwindung zur tiefen Liebe führt. Das schöne Leben bleibt dennoch ein tragisches. Nachdem in einem nahezu sektuösen Überschwang das Ende der finanziellen Krise zelebriert wird, verwandelt sich der schöne traurige Mann in einen jungen Vogel.
Der Kanon der blendenden Motive unserer Werbewelt erweitert sich mit diesem Film, mit dem Untergang dieser Liebe und wälzt fantasiereich die Zeichen um. Brücken und Papierkörbe, rauchende Schornsteine und Mittelstreifen auf der Autobahn werden Symbole einer tiefen Liebe und bleiben dennoch auch die Boten des irrationalen Fortschrittes. Kafka und Daniel, Models einer bunten vorgedachten Warenwelt, Modell einer Liebe, die sich selbst neu bezeichnen lernt und der man niemals wird entsprechen können.
Diese Kritik ist all jenen gewidmet, die dem tragischen Film im schönen Leben den Vorzug verleihen. CB
HK, 2009, 97min, 35mm, B/R: Scud, K: Charlie Lam
Kafka und Daniel, die Stellverteter des Hochglanzschicksals inszeniert in der unfreiwillig selbstreflexiven Bildmaschinerie von Scud.

Wolkenkratzer und künstliche Skylines, Stadtringe und Autobahnen schlingen und knoten sich durch die gläserne, metallene Welt, die alles verbaut und vergisst, was sich hinter unseren überlieferten Bildern und Symboliken verbirgt.
Im verzweifelten Versuch dieser Welt habhaft zu werden, sich dieser postmodernen Umwelt anzunähern und ihr etwas Geborgenheit abzuringen, treibt es uns von einer tröstenden Wärmequelle zur nächsten. Künstlich wie die Strukturen, in denen wir uns bewegen, sind die Bedürfnisse, die wir zu artikulieren versuchen. Im Rausch des Kaufes sich dem Trug der Oberflächen zu ergeben, seine Liebe an Waren festzumachen, weil sie leicht zu haben sind und uns mit dem hoffnungsvollen Bild das wir von uns in einer besseren Zukunft mit ihrem Versprechen haben wärmen, ist eine Möglichkeit, die demjenigen sich anbietet, der ebenso die wärmende Umarmung des Arbeitslebens spürt. Wer durch das Netz aus Arbeit vor kalten Fallwinden geschützt ist und die finanzielle Sicherheit hat, kann den Rausch zu einem Dauerzustand machen und sich abreiben lassen, bis die eigene Oberfläche ebenso glatt und attraktiv ist wie die der Waren. Dann wirft die gläserne Fassade der Einkaufsstraße ein Bild auf uns zurück, mit dem wir uns weniger allein fühlen und die Blicke der anderen sind ein warmes Streicheln für unsere gehetzten Seelen. Wir verlieben uns in die eigene Schönheit und die der anderen. Wenn das künstliche Versprechen der glatten Oberflächen des Stadtbildes sich dann im eigenen Spiegelbild erfüllt, ist alles in einem schönen Gesamtbild, Panorama in 16:9, anzusehen.
Hochglanzbilder sollen unser Leben zeigen, denn nur sie sind, was wir sehen wollen. Sie sind unser Schicksal. Ihre Zeichen und Prozesse entziehen sich mehr und mehr unserem Handlungsvermögen, verselbständigen sich und wirken auf uns. Sie bilden den Kreis der sich um uns zieht, antreibt und durch ständige Bewegung im Bestreben ihm gerecht zu werden ebenso warm hält wie durch das bloße Betrachten. Permanent Residents, gekommen um zu bleiben, sind die Hochglanzbilder ein absolutes Heilsverprechen. Handelt es sich zudem um bewegte Bilder und kommen zu diesen auch noch die äquivalenten Töne hinzu, ist der Reiz, sich der Macht des Hochglanzes zu ergeben, beinahe ungebrochen. Bewegende Geschichten, die schön aber niemals wahr sein wollen, lassen uns Einsamkeit, Leid und Liebe auf eine solche Weise sehen, dass wir mit Ehrfurcht vor dem Schönen staunen, wie es seinen wärmenden Deckmantel über die tragischen Bilder des Lebens wirft.
Jener Film, Amphetamine, der diese postmoderne Hochglanzwelt und ihre Auswirkungen auf die Menschen zeigt und dabei, die Zusammenhänge perpetuierend, eine leuchtende, hochaufgelöst glänzende Ästhetik einsetzt, biegt den Hohlspiegel für den Lauf seiner Zeit wieder gerade. Die Schicksalhaftigkeit der auratischen Celluloidillusionen wird in ihrer Konsequenz inhaltlich aufgegriffen, schlägt sich auf die Figuren nieder, die im Rausch dieses Bilderkreises einander zu halten versuchen und wird zur Ursache des Versagens.
Ein schöner Mann, Kafka, der nichts mehr hat als seinen Körper und eine Sucht nach Wärme und Geborgenheit, findet die ersehnte Liebe bei einem anderen Mann. Einzig und allein das Wissen, dass nur noch diese Liebe zählt, weil sie frei bleibt von Zuschreibungen, weil sie abstrahlt auf die künstliche Welt und das Gewohnte neu besetzt, hält ersteren in dieser Beziehung. Weder schwul, noch von Männern sexuell angezogen findet der schöne Mann das warme Nest, das er so schmerzlich vermisst und weist trotzdem das schwule Kino und seine üblichen Handlungsmotive zurück. Verwaist und mit Bildern allein gelassen, denen er entsprechen soll, verzweifelt er an dem Rausch seines neuen Lebens. Er braucht keinen Anzug mehr, wenn keiner sieht, wie gut er ihm steht. Noch weniger braucht er eine ehrenwerte Arbeit, wenn keiner mehr da ist, den er versorgen muss. Und so trägt er meist wenig, zeigt seinen schönen Körper, bereit ihn bezeichnen und besetzen zu lassen und schwimmt. Sein treuer Freund, Daniel, etabliert, schön und genießerisch, lernt indes sein Verlangen zu hinterfragen und gibt schließlich einen großen Teil der Leichtigkeit seiner Welt auf, um seiner Liebe ein stützender Partner zu sein.

Eine unfertige Brücke, die monströs und als bautechnische Ursache vieler physischer Qualen über einer Meerenge sich erstreckt, wird schließlich zum postmodernen Symbol für die unvermeidbare Restmenge emotionaler, körperlicher und geistiger Begehren einer jeden Beziehung, deren Überwindung zur tiefen Liebe führt. Das schöne Leben bleibt dennoch ein tragisches. Nachdem in einem nahezu sektuösen Überschwang das Ende der finanziellen Krise zelebriert wird, verwandelt sich der schöne traurige Mann in einen jungen Vogel.
Der Kanon der blendenden Motive unserer Werbewelt erweitert sich mit diesem Film, mit dem Untergang dieser Liebe und wälzt fantasiereich die Zeichen um. Brücken und Papierkörbe, rauchende Schornsteine und Mittelstreifen auf der Autobahn werden Symbole einer tiefen Liebe und bleiben dennoch auch die Boten des irrationalen Fortschrittes. Kafka und Daniel, Models einer bunten vorgedachten Warenwelt, Modell einer Liebe, die sich selbst neu bezeichnen lernt und der man niemals wird entsprechen können.
Diese Kritik ist all jenen gewidmet, die dem tragischen Film im schönen Leben den Vorzug verleihen. CB
HK, 2009, 97min, 35mm, B/R: Scud, K: Charlie Lam



