4 items on »Film und Kritik« tagged with

»sabine timoteo«

„Ich bin der Welt abhanden gekommen“ - manchmal passiert das, einfach so. Dann schleppt man sich Tag für Tag todtraurig dreinblickend zur Arbeit, obwohl man gar keinen Sinn darin sieht. Erhält die höchste Auszeichnung für seine innovativen Ideen und kann sich trotzdem nicht freuen. Karl scheint nicht nur in seiner Abteilung, sondern auch in seinem eigenen Leben „nur zu Besuch“ zu sein. Da muss erst so einer wie Hans kommen und einem zeigen, wofür jeden Tag um 7:30 Uhr der Wecker klingelt, wofür es sich lohnt aufzustehen und warum man nie wieder in das blaue Büro zurückkehren kann. Zum Beispiel um den Unterschied zwischen einem silbernen und einem anthrazitfarbenen Porsche zu erkennen, um sich nachts nackt dem Geschwindigkeitsrausch hinzugeben, um Dinge zu sehen, die man vorher nicht sah und um eine Königin zu erkennen, wenn man ihr begegnet. Um ab sofort glücklich zu sein, einfach so.



EIN FREUND VON MIR
D 2006, 84min, Farbe
R: Sebastian Schipper
Nettie, Theo, Mühlheim: herzlich willkommen in einer hochkarätig besetzen Kinohölle. Gefoltert wird hier nicht mit unerträglicher Gewalt, mit Bildern, die so nah dran sind, dass es weh tut, sondern gefoltert wird hier einzig und allein mit dem Film selbst. Blasse Videobilder, die ihre Farbigkeit irgendwo zwischen der belgischen Küste und Berliner Weihnachtsmärkten verloren haben; grünweiß kotzende Leuchtreklamen, die noch die schlimmste Filmbeleuchtung aller Zeiten im Nachhinein rehabilitieren. Nach fünf Minuten will man die Augen schließen, weil man das Graugrün dieser ewig dämmrig-nebligen Welt nicht mehr ertragen kann. Die meisten Einstellungen verirren sich so zufällig in diesen Film, der glauben macht er sei eine Welt, wie Theos Opfer ihm über den Weg laufen. Und wenn sie schonmal da sind, dann macht man damit, was man eben damit macht. Theo schlägt sie zusammen und fickt sie irgendwo im Dreck, im Hinterhof. Der Regisseur sperrt die Zuschauer mit den Einstellungen zusammen in einen dunklen Raum und lässt sie dort fast drei Stunden lang sich gegenseitig ankotzen. Die Welt, die aus Theo und Nettie gemacht hat, was sie sind, ist so grauenhaft, dass der Film sich keine schönen, keine warmen, keine herzlichen Blicke darauf genehmigt. Nur einmal, wenn beide in der Wanne liegen und über Netties Brüste plaudern, wird ein Lächeln, eine Geste, eine Berührung gestattet. Sonst: Schreien, Schlagen, Kämpfen, Wegrennen, Langeweile, Absurdität, Trotslosigkeit.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob der Film sich wenigstens Zeit für diese Welt im Abgrund nehmen würde. Man braucht nichts der Fantasie des Zuschauers zu überlassen. Sieh hin, wir haben Zeit: wie Theo wieder und wieder auf die schon bewusstlose Frau einschlägt, wie er an der Haltestelle wartet und immer wieder eine schöne Frau taxiert, wie er in eine Wohnung eindringt und es fast wieder tut, wie Nettie die schreckliche Aussicht von ihrem Balkon ansieht. In diesen Ewigkeiten aber, in dieser Langsamkeit verliere ich den Anschluss. Wo die Einstellung der Einstellungen völlige Gleichgültigkeit ist, wo Sabine Timoteo in jeder beliebigen Situation auf tausend beliebige Arten ihr Gesicht sehr existenziell verzerren kann: da wird mir irgendwann auch alles egal. Was war eigentlich mit diesem Mann mit den schlechten Zähnen und dem großen Tattoo nochmal los? Ach ja: er vergewaltigt, wenn es sich so ergibt.

Ich bin selten so gleichgültig aus dem Kino geschlichen, in dem die selbe Fahrstuhlmusik nach Ende des Films läuft wie in den Einkaufszentren, in denen Theo und Nettie allerlei ertragen. Und ich habe mich selten so über meine Gleichgültigkeit geärgert. Das Feuilleton und die Filmpreisrichter haben ja verordnet, was hiervon zu halten ist: Schock, soziales Engagement, großes Wagnis etc. Nichts davon habe ich hier gesehen. Auf der Leinwand ist alles egal. Jeder Schlag ist nur ein Bild mit einem Geräusch dazu, das Blut, das aus Theos Adern quillt, sickert direkt in die Leinwand ein. Zwischen der Empathie mit den Opfern und dem psychologischen Megapathos, das hier aufgefahren wird, versackt jede vielleicht nötige ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Thema, das mit 16:9 definitiv das falsche Format hat. Wie die Kamera sich in ewigen Bögen, Zirkeln und auf wackeligen Wegen durch das Grau schleicht, so mogelt sich der Regisseur um ein Statement zum Thema und delegiert seine eigene Unentschiedenheit an eine philosophische Großfrage: es hätte auch der freie Wille eines Filmemachers sein können, eine Meinung zu vertreten, statt sich wie ein Nebel um alles wie ein Nichts zu schmiegen.

DER FREIE WILLE
Deutschland 2006, 163min, Farbe
R: Matthias Glasner
B: Matthias Glasner, Judith Angerbauer, Jürgen Vogel
K: Matthias Glasner, Ingo Scheel
D: Jürgen Vogel, Sabine Timoteo
Namen wie Hermann Hesse-Helden: Hans, Karl - zwei Lebenspole - eine kleine Freundschaftsgeschichte, in der niemand unter die Räder kommt.
Film und Protagonisten haben kein Problem. Weder Theologie wird studiert noch verrät der Verrat. Nichts scheint einen Unterschied zu machen. Und so sehr sich das Palindrom auch anbietet: Karl ist determiniert wie Otto, und steht trotz Vorwärts- und Rückwärtsfahren, am Ende wieder mit Rastplatzkaffee in der Autobahnmelancholie, ohne sich wirklich bewegen zu können. Dafür stimmt die Stimmung, die nur Filmbild und Musik so sehen können, und nach der ich mich sehnen darf.
Erneut bleibt die Kamera leblos beim Aufzugfahren und im Büro neben Karl stehen, um ihn zu kommentieren, um ihn wie sein Chef zu reizen. Doch auch am Ende kommt sie bei aller Nähe nicht unter die Haut, so sehr sie auch Leberflecken studiert.
Es könnte Road Movie sein, ein zartes, innerhalb einer Gesellschaft, die man nicht sieht. Aber provozierte Identitätskrisen rauschen über Straßen ohne Reibung, an Nicht-Orten und in Nicht-Zeiten, ohne Potential zum Scheitern, ohne bei aller Nacktheit und unkomplizierter Dreisamkeit wirklich physisch, oder in aller Alltagsphilosophie mental zu werden. Keine Crashs, nur im Sprachspiel, das überrascht, erfrischend witzig, kurzfristig, wie ein Schrei oder Schweigen im richtigen Augenblick, wie ein flüchtiger Film - ein schönes Märchen für unbekümmerte deutsche Herbsttage.


Ein Freund von mir
R: Sebastian Schipper
D: Daniel Brühl, Jürgen Vogel, Sabine Timoteo u.a.
Deutschland, 2006
Daniel sagt: Ich bin der Welt abhanden gekommen, mit der ich sonst viele Zeit verdorben und blicke jetzt immer etwas zu lang und etwas zu verloren aus meinem Bürohochhaus auf die Stadt. Leider bin ich nicht so ein toller Schauspieler, dass mein Gesicht einem Closeup wirklich standhalten könnte.

Sebastian sagt: Sie hat so lange nichts von mir vernommen, deshalb habe ich mir die erste Riege jener Schauspieler aufs Hochhaus geholt, die mal Teenies waren und noch vor etwas mehr als Jahresfrist die Revolution proben wollten.

Sabine sagt: Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben oder besser: ich wäre am Sterben. Aber so ist das, wenn man wie ich immer sehr existentialistisch und doch wie ein kleines Mädchen am Weihnachtsabend seine Stupsnase an den Kerlen reibt. Ich habe nun einmal nur fünf verschiedene Gesten. Die kann beherrsche ich aber auch perfekt und die Zuschauer wissen nie, welchen meiner Filme sie gerade sehen, weil ich immer gleich geheimnisvoll am Daumen lutsche.

Karl sagt: Ich bin gestorben dem Weltgetümmel Und ruh? in einem stillen Gebiet. Aber dann auf einmal kommt Hans, dieser krasse Typ mit seinem komischen gelben Auto und irgendwie entkomme ich dem Sog des Weltgetümmels dann doch nicht mehr. Die moderne Fassung von Weltverdruss lässt sich nicht mit idealistischer Introspektion lösen, sondern nur mit Wiederholung und Bewegung. Was bei Mahler thematische Arbeit im Orchesterlied ist, das ist 2006 das Klingeln des Weckers geworden.

Sebastian sagt: Ich leb? allein in meinem Himmel, In meinem Leben, in meinem Kino. Mahler hat auch sein halbes Leben mit zwei Dingen zugebracht: dem Auffinden von möglichst exotischer Kunst und Selbstzitaten. Das kann ich auch. Und ich kann es gut. Ich weiß, wie Kino funktioniert und weiß, dass das Kino genug mit sich selbst zu tun hat. Deshalb gibt es bei mir Schauspieler, die sich selbst Synchronisieren, Schauspieler, die andere Synchronisieren, Meta-Untertitel, die eigentlich keiner braucht, Schauspieler, an die immer neue Rollen verteilt werden, Menschen, die die Gesten von Schauspielern interpretieren, Sprachen und Sätze, die sich mit Körpern in einem Bild verbinden.

Der Filmkritiker sagt: wenn Kino Kino ist, weil es weiß, was Kino ist und weil es großzügig auf starke Erzählungen verzichten kann, und wenn Nicht-Kino-Kunst bearbeitet wird, anstatt anbiedernd illustriert zu werden, dann ist dieses Kino auf jeden Fall ein Freund von mir.

Ein Freund von mir
R: Sebastian Schipper
D: Daniel Brühl, Jürgen Vogel, Sabine Timoteo u.a.
Deutschland, 2006