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»rune denstad langlo«

Filme sieht man. Filme erblickt man. Menschen sehen, Menschen blicken. Und Blicke sind es, die in Nord auffallen. Vor allem Jomar, Hauptfigur des Films, blickt. Zu Beginn meist starr und ohne Ziel. Sein Leben erscheint ohne Inhalt, er fokussiert das Nichts seiner Welt oder Nichtigkeiten. Einen Ping-Pong-Ballwechsel etwa. Und viel zu oft fokussiert er seinen Blick zu tief ins Glas.
Als er aufbricht, seinen ihm bis dahin unbekannten Sohn zu suchen, scheint er auf einmal ein tatsächliches Ziel zu haben. Norden. Und so macht er sich auf den Weg, den Blick in die Weiten des norwegischen Schnees gerichtet. Und sieht plötzlich gar nichts mehr. Er wird schneeblind. Das Weiß des Schnees ist alles, was er noch sieht. Hier trifft er Lotta, die ihm hilft, und aus dem Weiß kommt er ins Schwarz, in die Dunkelheit einer Kammer, um dort seine Blindheit zu kurieren.
Und wieder bricht er auf, und wieder wird geblickt. Doch nicht Jomar schaut. Es wird auf ihn geschaut. Nicht nur die Zuschauer, sondern auch Lotta und ihre Großmutter schauen ihm nach. Sehnsüchtig, verwundert. Weiter führt Jomars Blick in den Norden. Immer wieder begegnen ihm Menschen, die nicht viel reden. Dafür umso mehr blicken. Ihn an, ihm nach. Ulrik etwa, der ihn mit einem Tampon auf dem Kopf den Rausch seines Lebens verspricht. Oder Ailo, ein Lappe, der allein in einem Zelt eisangelt. Und Jomars und unseren Blicken auf höchst eigenwillige und tragische Weise entschwindet. Und je weiter Jomar seinem Ziel kommt, umso so zuversichtlicher und erfüllter wird sein Blick. Seine Augen und sein Leben scheinen sich immer mehr mit Sinn und neuem (Lebens-)Mut zu füllen.
Kurz vor seinem Ziel sehen wir dann auf einmal die gleiche große Weiße, die Jomar als Schneeblinder gesehen haben muss. Wenn er auf Ski die Hänge des skandinavischen Hochgebirges hinunter fährt, gibt es keine Grenze zwischen Schnee und Himmel – alles ist weiß. Die ganze Leinwand ist eine einziges weißes Rechteck. Kino ohne Film, ohne Bewegung. Die einzige Bewegung sind die gleichmäßigen Schwünge Jomars, die uns versichern, dass der Film noch nicht vorbei ist und wir noch immer auf ihn blicken.
Der letzte intensive Blick Jomars ist der einzige, bei dem wir ihm nicht in die Augen sehen können. Er steht nach seiner skurrilen Reise vor seinem Sohn. Sie schauen sich an.
Nicht immer ist einem gleich bewusst, wie sehr und warum genau jene Filme an die Grenze der Erträglichkeit kommen, die mit bekannten und allzu bekannten Floskeln um die Gunst ihrer Zuschauerinnen und Zuschauer buhlen (lassen). Der Regisseur von Nord verzichtet in der Diskussion nach dem Film nicht darauf, das ewige Klischee vom authentischen Film hoch und runter zu beten. Immerhin habe man ja auf norwegische Lainedarsteller zurückgegriffen und an Originalschauplätzen gedreht. Klar: so muss das Leben sein. Das norwegische Offroadmovie, von dem so gesprochen wird und das an die Stelle der Reise von Ost nach West einen Irrweg von Nord nach Süd nach Nord gesetzt hat, versöhnt am Ende alle: die Kinozuschauer mit seltsamen Scherzen wie auf rasierte Köpfe geklebte, alkoholgetränkte Tampons und elegischen Winterbildern aus dem norwegischen Schnee; die Hauptfigur mit sich selbst, indem sie – welche Weisheit! – lernt, dass mit Alkohol und Tabletten die Probleme des Lebens nicht zu lösen sind und schließlich diesen sehr blonden und sehr blauäugigen Norweger mit seinem Sohn, bei dem die Reise schließlich endet und der nun seinen Vater zurückbekommt, der sich nolens volens vier Jahre lang von jenem besten Freund vertreten ließ, der ihm die Freundin ausspannte. Das ist irgendwie nett und man kann sich ein Lächeln hier und da nicht verkneifen, vielmehr noch: man ist streckenweise sehr gern unterwegs mit Jomar und seinem Motorschlitten.

Während ich diesen Text schreibe, sitzt mir auf den bequemen Berlinale Sofas in den Potsdamer Platz Arkaden ein vielleicht 50-jähriger Mann gegenüber, der die ganze Zeit abwechselnd stumm den Mund bewegt und gestikuliert und laut aufbrausend herumschreit: »Verhaften! Man muss ihn sofort verhaften. Der Mann, der meinen Sohn erzogen hat, wird sofort verhaftet.« Hier wurde scheinbar nichts versöhnt und am Ende so nett hergerichtet wie in dem Film, in dem mir die ganze Zeit über nicht so recht behaglich werden wollte. Nicht, dass ich mich diesem Mann hier gegenüber wohler fühlen würde: aber so ist es nun einmal: die ewige Versöhnsucht des Kinos ist schwer zu ertragen, wenn einem die Unversöhnten gegenüber sitzen. Kracauer hätte gewusst, was hier zu sagen wäre. Jetzt wird der Mann vom Wachpersonal der Arkaden freundlich nach draußen begleitet.

Nord
R: Rune Denstad Langlo
B:Erland Loe
K:Philip Øgaard
S: Zaklina Stojcevska
D: Anders Baasmo, Christiansen, Kyrre Hellum, Marte Aunemo, Mads Sjøgård Pettersen