2 items on »Film und Kritik« tagged with

»rob zombie«

Der Film ist vorbei und nachdem ich mir mehrfach die Augen zugehalten habe, weil ich literweise schwarzes Blut nicht mehr sehen wollte, verlasse ich den Kinosaal noch vor Ablauf des Abspanns mit den letzten anderen Gästen. Ich will hier nicht allein als letzter sitzen. Ich fürchte mich nicht: ich habe Angst. Ich habe Angst, weil ich einen ganzen Film im vermoderten, halb braunen, mondfahlen Licht dieses widerwärtigen Films gedämmert habe. Ich habe Angst, weil ich mit beispiel- und sinnloser Ernsthaftigkeit die verrottete Gummihaut eines 4 m großen Psychopathen und die vergammelten Reste eines gruftartigen Hauses ertragen musste.

Am allermeisten habe ich aber Angst, dass jetzt die schöne lustige Postmoderne vorbei ist, die das Kino nicht neu erfunden, aber plötzlich im Alten ganz neue Dinge entdeckt hat. Ich habe es immer genossen statt Errol Flynn Jonny Depp über die Weltmeere tänzeln zu sehen. Ich liebte Action-Helden, die keine mehr waren sondern stattdessen von einem Schnitt zum nächsten durch die Welt montiert werden wie Jason Bourne. Und letztlich ging ich ins Kino um zu sehen, wie das Kino den Horrorfilm selbst sieht und statt eines lauten Screams ein großes süffisantes Lächeln mit mir herumzutragen. Das postmoderne Kino konnte endlich laut und selbstbewusst feiern, was man bei John Wayne nur als Ironie sehen konnte, wenn man wusste, dass er nicht nur Männlichkeit war, sondern sie selbst auch liebte.

Von all den Doppelbödigkeiten, die Hollywood in seinen besten Momenten in den letzten dreißig Jahren produzierte hat ohne darauf auszurutschen, bleibt hier nur eine Zwischenwand, hinter der sich – ganz im Ernst – eine Frau vor einem Monster verbirgt, das es auch ganz im Ernst sehr sehr ernst meint. Wo die Coen-Brüder eine Leiche im Gartenhexler als Lust an der roten Farbe auf der Leinwand inszenieren, langweilt mich ein Mann mit dem völlig inakzeptablen Nachnamen Zombie mit stundenlangen Psychostudien, in denen ein 5 m großer Mann sich Lehm auf seine Neandertaler-Füße schmiert.

Ich will die Postmoderne zurück! Ich will keine ernst gemeinten Morde im Kino, ich will keine echten Schreie, sondern wenn, dann will ich schreien, weil die Ironie nicht auszuhalten ist. Hier ist nur die Übertreibung nicht auszuhalten: jeder Mord ist ein bisschen länger und detaillierter ausgemalt und es gibt immer ein paar mehr Tote. Wenn ein Remake originaler ist als das Original, könnte das auch postmodern sein. Könnte! Aber das hier ist leider Gottes ernst.
Vergleicht man den Filmanfang von Halloween aus dem Jahr 1978 mit dem des aktuellen Remakes, offenbart sich bereits die grundsätzliche Differenz: Während der Low-Budget-Klassiker mit einer unendlich langen subjektiven Kamerafahrt besticht, die die Sicht des jungen Psychopathen Michael Myers einnimmt und in einer unheimlichen Art und Weise das Geschehen im nächtlichen Elternhaus aus nächster Nähe darstellt, findet man sich zu Beginn von Rob Zombies Remake umringt von brüllenden Freaks wieder: »Scheiße, Titten, Pimmellutscher, Schwuchtel, Schlampe.«

Starke Worte, die bezeichnend sind für die unsensible Vorgehensweise des Regisseurs. Statt eine subtile Grusel-Atmosphäre zu schaffen, die einen plötzlichen Schock um so stärker auf mich wirken lassen würde, ist Halloween 2007 permanent laut. Dabei zeigt die Kamera häufig zu viel, ohne wirklich zu erschrecken. Beispielsweise die Großaufnahme eines blutüberströmten Tieres: Diese Bilder begegnen uns täglich auf der Landstraße. Gerade das »nicht-zeigen« des Äußersten birgt aber die Möglichkeit Grusel zu erzeugen – die Bilder des Schreckens entstehen im Kopf des Zuschauers. Selbst die einzelnen Kampfszenen sind überraschend langweilig, jeder durchschnittliche Hollywood-Film verarbeitet das Zusammenspiel von Messer und Körper spannender.
Die Versuche die Handlung der Charaktere, beispielsweise durch plumpe Dialoge wie »Du hast seit 15 Jahren nicht mehr gesprochen«, zu motivieren, schlagen fehl. So stirbt Figur um Figur, ohne dass meine Gefühle berührt werden oder die Handlung vorangebracht wird. Es ist, als ob der Film ständig um ein und dasselbe Thema kreist: Man sieht die Brüste eines Cheerleaders – im Hintergrund taucht der Psychopath auf – das Mädchen entdeckt ihn, kreischt für eine gefühlte Minute – die Kamera wackelt und plötzlich fließt Blut.

Der Film ist weder Fisch noch Fleisch, weder ein spannender Grusel-Schocker, noch ein brutaler Splatter-Film. Die wenigen guten Einstellungen, wie eine schräge POV-Einstellung aus der Sicht des Opfers, oder die unglaublich brutal wirkende Szene des jungen Mike mit seinem Opfer im Wald können nicht über die schwache Gesamtleistung hinwegtäuschen. Dieser Film berührt mich nicht und kann allenfalls noch rülpsende Jugendliche begeistern, für die die Mischung aus Fäkalsprache, Rock'n Roll und Soft-Porno wie geschaffen scheint.

HALLOWEEN
USA 2007, 109min, Farbe
R: Rob Zombie
K: Phil Parmet