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»ricky«

Ob einen das Kino zum Vegetarier machen kann, weiß ich nicht. Ich weiß aber sehr sicher, dass ich nach der Berlinale 2009 im Umgang mit Hähnchenfleisch etwas vorsichtiger sein werde. Die Berlinale ist erst zur Hälfte vorbei und schon hat Hähnchenfleisch eine entscheidende, wenn nicht die Hauptrolle in drei Filmen gespielt, die ich gesehen habe. Der harmlose Fall zunächst: im russischen Sumashdshaya pomosh (Help Gone Mad, Russland 2009, R: Boris Khlebnikov, Forum) einer größtenteils sehr gelungenen Version von Warten auf Godot im Kino spielt gekochtes Hähnchen eine wichtige Rolle. Das einzige Band, über das eine Tocher hier mit ihrem – für die Verhältnisse nicht absurden Theaters etwas verrücktem Vater– kommuniziert, ist Essen, besonders ein Hähnchen, nach dem er ganz verrückt ist und von dem er behauptet, dass nur seine Tocher allein es wirklich zubereiten könne. Es stellt sich natürlich heraus, dass dem Hähnchen nicht zu trauen ist: statt darin ihre Kochkünste zu entfalten, kauft seine Tochter es in einem nahe gelegenen Supermarkt ein. Doch damit nicht genug: der seltsame Gast des seltsamen alten Mannes bekommt seltsamer Weise nichts von dem leckeren Hähnchen ab. Die Moral? Beim Hähnchen hört die Freundschaft aus und fängt das Misstrauen an.

Die beiden anderen Fälle in eine Rangfolge bringen zu wollen, wäre erfolglos: einer ist beunruhigender als der andere. Ich beginne mit dem etwas grobschlächtigeren. Und damit ist eigentlich auch schon alles gesagt: denn es geht um's Schlachten. In einem österreichischen Keller – und ja, wir sind immer noch im Reich der Fiktion – schlachtet ein Wirt diverse auf Rollstühlen nach Österreich eingereiste russische Zuhälter aus Tschechien, verarbeitet Stipe Erceg bis auf einen halben Finger zu einem schmackhaften Gulasch und bis kurz vor Schluss muss man glauben, dass auch Herr Horvath in die Knochenmühle des Knochenmanns gekommen ist, in der sonst nur die Knochen des Brathendls kommen, für das das Gasthaus, nein: Wirtshaus bekannt ist. (Der Knochenmann, Ö 2008, Wolfgang Murnberger, Panorama) Die Fingerfertigkeit im Menschenzerlegen jedenfalls, soviel macht der Film klar, ist an Geflügel erporbt worden, das mit den Resten seiner Artgenossen gefüttert wurde. Am Ende wird aus dem selben Suppenbehälter erst ein Hühnerbein und dann ein menschlicher Finger geborgen, über dessen weitere Verwendung noch keine Einigkeit besteht: Der Brenner ist ja schließlich kein Pianist.

Die Krone setzt dann aber allem noch Francois Ozon auf, bei dem Hähnchen oder besser: das Essen von Hähnchen magische Kräfte bekommt. (Ricky, FR/I 2009, François Ozon, Wettbewerb) Man muss nur herzhaft genug in einen Hähncheflügel hineinbeißen um den eigenen Bruder mit den schmackhaften Vögeln zu kreuzen.

Die Brathähnchen dieser Berlinale werden Bressons berühmten Esel Balthasar nicht so schnell ersetzen, geben aber wohl eine schöne Ergänzung zu einem noch zu schreibenden kinematographischen Bestiarium ab.
François Ozon wollte mit seinem im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb stehenden Film "Ricky" sicherlich keinen Film über ein fliegendes Baby drehen.

Das wäre wohl auch etwas zu einfach, nachdem große Teile des Publikums mit Leichtigkeit in "Ahhh!"-Laute und herzhafte Lacher versetzt wurden, als sie das
pummelige Rickylein da in der kleinen Plattenbauwohnung und im Supermarkt umherfliegen sahen. Nein, Ozon hat mit "Ricky" deutlich bewiesen, dass er die Reaktionen seines filmerfahrenen Publikums sehr gut einschätzen und mit ihnen spielen kann.

Haben wir etwa nicht befürchtet, dass die disziplinierte, selbstständige Lisa ihren kleinen Bruder tatsächlich verarztet, bevor dann die Kamerafahrt nach
unten erst auflöst, dass es sich nur um ihre lange vorher visuell etablierte kahle Babypuppe handelt?
Haben wir etwa nicht befürchtet, dass es wirklich der gleichgültige, überforderte Paco war, der seinen Sohn (in einer von Ozon beabsichtigt, elliptisch ausgelassenen Szene) unachtsam fallen ließ oder sogar geschlagen hat, weil wir nicht nach anderen Erklärungen für Rickys Blutergüsse suchen wollten oder konnten?
Haben wir etwa nicht befürchtet, dass die egozentrische, launische Katie ihren Sohn allen Ernstes hinter sich auf dem Motorrad platzieren wollte, als sie nach
der kleinsten Schutzhelmgröße verlangte?
Und haben wir etwa nicht befürchtet, dass Lisa ihre Schere nach der geflügelten Röntgenprojektion am Wohn-/Schlafzimmerfenster dazu nutzen würde, um ihrem Bruder die Flügel zu stutzen, wenn Paco nicht das Zimmer betreten hätte?

Nicht nur in diesen Momenten hat Ozon uns geschickt dazu verleitet, seine Charaktere zu unterschätzen und zu schnell abzustemplen.

Dass es sich bei Rickys Wunden um Flügelauswüchse handeln muss, hätte der gediegene Zuschauer nach Ozons subtilen, den gesamten Film durchzogenen Hinweisen eigentlich wissen müssen. Hat er wohl aber kaum. Obwohl wir, wenn ich das mal unspektakulär zusammenfassen darf, konfrontiert wurden mit: Auffliegenden Seemöwen zu Beginn des Films und nach der Entdeckung der Flügel, den wiederkehrenden Möwenschreien, die Katie in ihrem Bett hören kann, Lisas Engelflügelkostüm, Wölkchentapete für das Baby, Hühnchen zur Ehre von Rickys Geburt, Lisas Wunsch, einen Flügel zu essen und dabei zu zusehen, wie ihr Bruder gestillt wird (Ozons Gegenschnitte sind oft ebenso unmerklich gesetzt, wie seine Kamerabewegungen). Schließlich wird Rickys Laufstall natürlich unbeabsichtigt und mehrfach als Käfig bezeichnet - zur Freude des jungfräulichen Publikums.

Diese wohl plumpe Babygeschichte mit Flügeln mag als Parabel für eine gegenwärtige französische Arbeiterfamilie gelten. Denn der Film lässt sich viel Zeit, alltägliche Begebenheiten (das Abliefern und Abholen von der Schule als auch die diversen Frühstückstraditionen und das "Holding on tight?" - "Yes.") zu inszenieren. Dabei ungeklärt bleibt jedoch, aus welcher Phase des Films die Eingangszene stammt, in der eine verzweifelte Katie sich um einen Heimplatz für ihr schreiendes Kind (welches?) erkundigt. Wenn dieses Verschwinden Pacos nicht gar nach dem Ende des Films liegen würde, denn "several months earlier" ist etwas Anderes als eine exakte zeitliche Beschreibung. Muss es aber auch nicht, denn es geht weder um Ricky, noch um das am Ende erwartete Kind - es geht um Lisa.

Wenn man wirklich von jemandem geliebt wird, wird derjenige einen nie verlassen, hat Lisa gesagt. Ihr Vater hat sie verlassen, ihre Mutter zeitweilig ignoriert (Bus statt holding on tight?), ihre Puppe ist eben nur eine Puppe, doch dieses neues Geschwisterlein sollte ihr nicht noch mehr Liebe und Aufmerksamkeit der Mutter rauben. Lisa wirkt zu ernst, weil sie schwach und ängstlich ist. Sie hat Verlustängste, wie auch ihre Mutter.

Kein Wunder also, dass Katie beim alternativen, familiären Drachenfliegen den Strick in dem Moment loslässt, in dem sie glücklich über die Flugkünste ihres Sohnes staunt. Sie ist bereit, ihn loszulassen, seinen abweichenden Merkmalen Freiraum zu gewähren. Kein Wunder also, dass Lisa ihrem Bruder erfreut zuruft: "Fly, Ricky, fly." Und kein Wunder also, dass Katie erneut schwanger ist, als Paco sich rührend um Lisa kümmert und sie es im Fahrtwind des letzten Filmbildes sichtlich genießt.

Die Hoffnung auf ein zukunftsfähiges Zusammenleben wäre gegeben, wenn wir wüssten, dass Katies Zusammenbruch beim Jugendamt zu Beginn am Ende des Films bereits vergangen ist und sich auf das Baby mit den Flügeln bezieht.


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R: François Ozon
D: Alexandra Lamy, Sergi López, André Wilms, Mélusine Mayance, Arthur Peyret
Frankreich 2009
Was soll man zu Ozon sagen? »Il est different« heißt es im Film von dem Kind, dem er seinen Titel verdankt. Und das gilt vielleicht nicht nur für seine offensichtlichste Abweichung, die sich noch schnell als Märchen abhandeln ließe. Es gilt zum Beispiel auch für die leichten Verschiebungen, die er an seiner Zeitstruktur vornimmt. Er beginnt mit einer Szene einer Mutter, die beim Jugendamt um Unterstützung bittet, weil sie mit ihrem Baby nicht mehr zurecht kommt. Beim Schnitt auf die nächste Einstellung sagt ein eingeblendeter Text: »Einige Monate früher.« Erwarten würde man irgendwann gegen Ende des Filmes also wieder bei jener ersten Szene anzukommen und begriffen zu haben, wie es soweit kommen konnte. Wenn man aber nicht so weit gehen will zu behaupten, dass diese erste Szene ein mögliches von vielen Futur II des Films gewesen sein wird, so muss man doch bemerken, dass der Film über diesen Anfang in einer nicht näher zu bestimmenden Weise hinweggeht: wohin, sei dahingestellt. Dann die Wiederholung: beim zweiten Mal wird nichts gewesen sein wie beim ersten Mal. Wiederholung ist praktisch nicht möglich: zweimal blendet der Film langsam auf vier solitär in der Landschaft stehende Wohnhochhäuser. Während das beim ersten Mal leicht als Signatur eines realistischen Sozialdramas lesbar ist, scheinen diese Türme bei der zweiten Aufblende wie die Türme eines geheimnisvollen Märchenschlosses zu sein: nicht nur die unheimliche, verzaubernde Filmmusik sagt uns, dass hier mittlerweile alles anders ist. Und schließlich wird die Zeitökonomie des Filmes durch einige wenige, vielleicht zwei oder drei fast unmerkliche Jump Cuts durchbrochen, Schnitte, die man getrost als unnötig bezeichnen kann, weil sie, anders etwa als die klassischsten aller Jump Cuts in À bout de souffle keinerlei erzählerische Funktion haben. Der Film ist lediglich aus dem Takt seiner eigenen Zeit geraten, unterbricht sich selbst kaum merklich.

Vielleicht muss man doch noch mal darüber nachdenken, ob es ausgehend von der nie wieder gefundenen ersten Szene hier doch einen Film gibt, der sich in ein noch genau zu untersuchendes Konditional kleidet. Und dieses Konditional ist tatsächlich zeitlicher Natur. Man denke hier nur an die vielfältigen Überkreuzungen von Tieren und Menschen aus einer Zeit, in der der Begriff vom Menschen sich weniger über binäre Oppositionen zu Tieren oder Dingen definierte, sondern zum Beispiel über Vermischungen mit diesen. Derartige Denktraditionen lassen sich nicht nur in sogenannten vormodernen, sondern auch in vielen außereuropäischen Gesellschaften finden.
Ozon macht mögliche Filme: Filme, in denen es möglich ist, dass man nur herzhaft genug in einen Hähnchenflügel beißt und der kleine Bruder auch Flügel bekommt. Filme, in denen Tierisches und Menschliches sich gegenseitig austauscht, ergänzt, fordert und überformt.

Während des Films wurde herzhaft gelacht, kollektiv laut die Luft angehalten, frenetisch gejubelt und lautstark gebuht. Jedenfalls: der Film fordert, dass man sich zu ihm positioniert, sich mit ihm auseinandersetzt, ein Verhältnis zu ihm entwickelt. Und das heißt: die Bilder laufen ebenso wenig einfach nur so vor den Menschen ab, wie die Tiere einfach nur so neben den Menschen her existieren. Es gibt Austauschverhältnisse, unheimliche Mischungen, glückliche Entwicklungen und eben auch, wie beim Anschauen dieses Films, ein faszinierendes Unverständnis, das man nirgends so schön lernen kann wie in gutem Kino.

Ricky
R: François Ozon
D: Alexandra Lamy, Sergi López, André Wilms, Mélusine Mayance, Arthur Peyret
Frankreich 2009