Sunday, 29. April 2007, 13:48Uhr
"Das Zittern der Blätter im Wind, das ist der Film"
Henri de Parville
Die Blätter des Waldes zittern. Unmöglich diese Filme in ihrer Affinität nicht zusammen zu betrachten: Ferien in Wolfsbergen – und anders herum.
Was für zukünftige Zustände erwarten uns, wenn diese so artgleichen Filme von Thomas Arslan und Nanouk Leopold, gemäß Siegfried Kracauers Thesen zur Sozialpsychologie des Films, unbewusste kollektive Gemütsverfassungen sichtbar machen? Perseusspiegel. Welche Dispositionen der Deutschen, der Niederländer, der Europäer oder vielleicht einer übergreifenderen Kulturgemeinschaft, werden hier vorgespiegelt und erahnbar. Wäre diese Zukunft ein Problem? Denn um Probleme geht es in diesen Familienfilmen nicht.
Die Plansequenz am Anfang von Wolfsbergen wird in ihrer Abtrennung von den darauffolgenden Bildern programmatisch. Ein Wald, einfallendes Sonnenlicht, herrlich ziehen Schatten über den Waldboden. Die Helligkeit nimmt ab. Idyllisch vergänglich. Später, kurz vor Ende, werden Personen durch diesen Wald spazieren. Somit beginnt Wolfsbergen mit dem Ende – und endet mit dem Anfang. Alle Bewegung wird ein Lichtspiel gewesen sein, das im Zuschauer unbestimmte Stimmungen bewirkt haben wird. Im Wald findet der Film back to the roots. Zu dem, was als Wesen des bewegten Bildes bezeichnet wurde.
Konfliktherde verdampfen friedlich. Banaler Betrug. Viel Situation, wenig Aktion. Ungezwungen nebeneinander. Keine Lust auf Geschichten, als müssten diese nicht mehr erzählt werden. Fragmente von Apathie. Gesprächssimulation. Minimaler Anschluss. Relationen-Roulett ohne Einsatz. Die neue Generation spielt, noch ohne Sexualtrieb, in der Natur, oder reagiert verstört selbstzerstörend auf die vorgefundenen Absurditäten. (Groß)Eltern sterben und vereinen traditionell für einen Augenblick Verwandte in einem Bild, in der Kirche oder an einem Tisch, bis diese wieder ihre Wege gehen. Irgendetwas, mehr als die Summe der Situationen, dehnt sich aus, und liegt in der Luft, ohne sich zu formulieren. Es fühlt sich an, als ob alles verstummt, wenn nicht die Kommunikation noch kommunizieren und sich durch die Körper bemerkbar machen würde. Nullpunktstimmung ohne Schrecken. Vor oder nach einem ereignislosen Bruch. Die Stille ist kein Problem. Das Schweigen, die Nicht-Kommunikation, ebenfalls nicht. Trotzdem suggerieren die Beziehungen Beklemmung, vielleicht, weil ich das von Filmen gewohnt bin. Was stört, bleibt unklar, ist einfach so. Ursache und Sinn sind der gegenwärtigen Dauer verloren gegangen. Gesichter erzählen von Nichts, ohne überzeugende Eigenschaften. Nichts, was sich hinter oder unter ihnen abspielen könnte. Der Wiederholungen überdrüssig, scheinen sie es Leid, Gesichter zu sein, denen Langeweile oder Leid zugeschrieben wird.
Die Bildgliederung ist geometrisch, oft gerahmt, streng kadriert, die Bildbegrenzung an Linien ausgerichtet, an Fenstern und Türen, aus denen nachts Lichter leuchten. Räume und Rahmungen wirken abschlossen, als ob alles geklärt wäre, nichts ein Geheimnis trägt.
Der Wald bleibt dynamisch, als das Außen des geschlossenen Systems der Familie, das Produkt einer losen Kopplung von Individuen, die nur spärlich Familie praktizieren, aber trotz allem nicht darauf verzichten können. Die ruhende Kamera beobachtet das Rauschen der Blätter, gerne unabhängig von den Figuren, die auch nur Bäume unter anderen sind, und sich in langen Einstellungen unmerklich wandeln, ohne greifbar zu werden. Als ob alles so wäre, wie es ist. Es bewegt sich und dauert – und bewegt sich und dauert. Etwas ändert sich und dann doch nicht – oder doch.
Dramaturgisch ist der Tod der Alten ein Wendepunkt, ein Neustart, aber gefühlsmäßig ist diese Markierung auch nur Ergebnis einer Suche nach Halt im Haltlosen.
Zwei familiäre Filme, bei denen man empfinden kann, dass einem die unbewusste, kollektive Gemütsverfassungen nicht fremd ist. Filmischer Familienurlaub, um hektischer Kinematographie zu entkommen. Erholsame Reizreduktion, um über Wesentliches im Film nachzudenken.
Ferien
R: Thomas Arslan
Deutschland 2006
Wolfsbergen
R: Nanouk Leopold
Niederlande, Belgien 2007
Henri de Parville
Die Blätter des Waldes zittern. Unmöglich diese Filme in ihrer Affinität nicht zusammen zu betrachten: Ferien in Wolfsbergen – und anders herum.
Was für zukünftige Zustände erwarten uns, wenn diese so artgleichen Filme von Thomas Arslan und Nanouk Leopold, gemäß Siegfried Kracauers Thesen zur Sozialpsychologie des Films, unbewusste kollektive Gemütsverfassungen sichtbar machen? Perseusspiegel. Welche Dispositionen der Deutschen, der Niederländer, der Europäer oder vielleicht einer übergreifenderen Kulturgemeinschaft, werden hier vorgespiegelt und erahnbar. Wäre diese Zukunft ein Problem? Denn um Probleme geht es in diesen Familienfilmen nicht.
Die Plansequenz am Anfang von Wolfsbergen wird in ihrer Abtrennung von den darauffolgenden Bildern programmatisch. Ein Wald, einfallendes Sonnenlicht, herrlich ziehen Schatten über den Waldboden. Die Helligkeit nimmt ab. Idyllisch vergänglich. Später, kurz vor Ende, werden Personen durch diesen Wald spazieren. Somit beginnt Wolfsbergen mit dem Ende – und endet mit dem Anfang. Alle Bewegung wird ein Lichtspiel gewesen sein, das im Zuschauer unbestimmte Stimmungen bewirkt haben wird. Im Wald findet der Film back to the roots. Zu dem, was als Wesen des bewegten Bildes bezeichnet wurde.
Konfliktherde verdampfen friedlich. Banaler Betrug. Viel Situation, wenig Aktion. Ungezwungen nebeneinander. Keine Lust auf Geschichten, als müssten diese nicht mehr erzählt werden. Fragmente von Apathie. Gesprächssimulation. Minimaler Anschluss. Relationen-Roulett ohne Einsatz. Die neue Generation spielt, noch ohne Sexualtrieb, in der Natur, oder reagiert verstört selbstzerstörend auf die vorgefundenen Absurditäten. (Groß)Eltern sterben und vereinen traditionell für einen Augenblick Verwandte in einem Bild, in der Kirche oder an einem Tisch, bis diese wieder ihre Wege gehen. Irgendetwas, mehr als die Summe der Situationen, dehnt sich aus, und liegt in der Luft, ohne sich zu formulieren. Es fühlt sich an, als ob alles verstummt, wenn nicht die Kommunikation noch kommunizieren und sich durch die Körper bemerkbar machen würde. Nullpunktstimmung ohne Schrecken. Vor oder nach einem ereignislosen Bruch. Die Stille ist kein Problem. Das Schweigen, die Nicht-Kommunikation, ebenfalls nicht. Trotzdem suggerieren die Beziehungen Beklemmung, vielleicht, weil ich das von Filmen gewohnt bin. Was stört, bleibt unklar, ist einfach so. Ursache und Sinn sind der gegenwärtigen Dauer verloren gegangen. Gesichter erzählen von Nichts, ohne überzeugende Eigenschaften. Nichts, was sich hinter oder unter ihnen abspielen könnte. Der Wiederholungen überdrüssig, scheinen sie es Leid, Gesichter zu sein, denen Langeweile oder Leid zugeschrieben wird.
Die Bildgliederung ist geometrisch, oft gerahmt, streng kadriert, die Bildbegrenzung an Linien ausgerichtet, an Fenstern und Türen, aus denen nachts Lichter leuchten. Räume und Rahmungen wirken abschlossen, als ob alles geklärt wäre, nichts ein Geheimnis trägt.
Der Wald bleibt dynamisch, als das Außen des geschlossenen Systems der Familie, das Produkt einer losen Kopplung von Individuen, die nur spärlich Familie praktizieren, aber trotz allem nicht darauf verzichten können. Die ruhende Kamera beobachtet das Rauschen der Blätter, gerne unabhängig von den Figuren, die auch nur Bäume unter anderen sind, und sich in langen Einstellungen unmerklich wandeln, ohne greifbar zu werden. Als ob alles so wäre, wie es ist. Es bewegt sich und dauert – und bewegt sich und dauert. Etwas ändert sich und dann doch nicht – oder doch.
Dramaturgisch ist der Tod der Alten ein Wendepunkt, ein Neustart, aber gefühlsmäßig ist diese Markierung auch nur Ergebnis einer Suche nach Halt im Haltlosen.
Zwei familiäre Filme, bei denen man empfinden kann, dass einem die unbewusste, kollektive Gemütsverfassungen nicht fremd ist. Filmischer Familienurlaub, um hektischer Kinematographie zu entkommen. Erholsame Reizreduktion, um über Wesentliches im Film nachzudenken.
Ferien
R: Thomas Arslan
Deutschland 2006
Wolfsbergen
R: Nanouk Leopold
Niederlande, Belgien 2007


