Thursday, 12. February 2009, 21:43Uhr
Ein weißes Konzertplakat in A2. Darauf steht in violetter Schrift geschrieben: Einstürzende Neubauten, unter dem Namenszug prangt ein großer schwarz gezeichneter Kopf mit Irokesen. Die Punkfrisur der Achtziger.
Das Plakat hängt an einem grauen Haus mit kleinem Eingang. Man hört den dröhnenden Sound der Bassgitarre, das derbe Hämmern des Schlagzeuges und eine schwer verständliche, grölende Stimme.
Sie singt:
Fütter mein Ego!
Fütter mein Ego!
Fütter mein Ego!
…
Hörst du das nicht?
Eine fixe Idee geht durchs Zimmer
Riemenschneider
schnitzt sie in meine
Gehirnwindungen
Dübelt sich in meinen Kopf
Später dann
Kannst du Regale dran
aufstellen, oder...
…
Fütter mein Ego!
…
Blixa Bargeld schreit diese Worte ins Mikro auf der Bühne des Kulturhaus VEB Elektro. Es ist der 21. Dezember 1989. Die Mauer ist schon offen. Heute gibt die Westberliner Punkrock Band Einstürzende Neubauten ihr erstes Ostkonzert. Im Berliner Stadtteil Lichtenberg, denn es ist ja jetzt quasi eine Stadt und gleich um die Ecke.
Das ist nun schon fast 20 Jahre her.
Doch auf dem Weg, den sie damals am Konzerttag, von Mama und Papa, von ihren ersten eigenen Wohnungen oder von der Kaserne aus hin zur ehemaligen VEB Elektro, gingen und ihn heute nochmal für uns und sich selbst nachlaufen, scheint es wie gestern zu sein. Sie, das waren euphorische, freiheitsliebende Ostberliner von 19 und 20 Jahren, heute sind sie alle an die 40 Jahre alt und manche kaum als Liebhaber harten Punks wieder zuerkennen. Und doch gern bereit für einen Ausflug in die wilde Vergangenheit.
Für sie alle waren die Neubauten nicht nur Musik, sie waren Freiheit und Aufschrei zugleich. Sie waren zerstörerisch, dagegen, anders. So wie die DDR es nicht erlaubte und deshalb Idole. Ihre Texte stellten grundsätzliche Begrifflichkeiten infrage, ihr Sound war Spektakel. Die Platten wurden verehrt wie Heiligtümer. Sonntag schmuggelte die Oma nach dem Besuch bei Westberliner Verwandten die neue Platte für den Enkel in den Osten, Montag hatte die halbe Stadt die neuen Songs auf Kassette. Für die Stasi stets nur nicht identifizierbare Musikeffekte und Geräusche. Für die Fans der Ur-Schrei der Moderne.
Und jetzt auf einmal so kurz nach dem Mauerfall: keine Grenzen mehr, keine Zwänge, Westkultur in Ostberlin. Kaum zu glauben: eine artifizielle Punkband in den Örtlichkeiten der planwirtschaftlichen Industrieproduktion. Was für eine explosive Mischung!
Und endlich hier sind sie, hier sind Blixa Bargeld, FM Einheit, Marc Chung, Alexander Hacke und NU Unruh, hier sind Einstürzende Neubauten!
Bringt die Bühne zum Sturz und die Fans zur Ektase!
Was hätte ich drum gegeben damals dabei zu sein…
Theresa Brüheim
Wednesday, 11. February 2009, 15:44Uhr
Der Applaus wollte gar kein Ende nehmen. Noch Minuten nach Ende des Abspanns und Verklingen des letzten Tons standen Regisseur Davis Guggenheim und einer seiner Hauptdarsteller auf der Bühne und nahmen den Beifall des Publikums entgegen. Der Hauptdarsteller, das ist in diesem Fall kein geringerer als The Edge, seines Zeichens Gitarrist von U2. In den eineinhalb Stunden zuvor konnte das Publikum ihn, Jack White von den White Stripes und Jimmy Page von Led Zeppelin dabei beobachten, was es heißt, seine Musik und sein Instrument zu lieben, zu leben.
Es macht unglaublichen Spaß, diesen drei Ikonen des Rock zuzusehen, wie sie über Gitarren und Tricks und Spielweisen fachsimpeln und sich – wie im Falle Pages – auch nach 40 Jahren als Musiker neu inspirieren zu lassen. Man sieht und spürt einfach, dass hier die Musik auf die Musiker übergegangen ist und hat das Gefühl, dass diese Herren einfach gar nichts anderes machen könnten, als Gitarre zu spielen. Die Hingabe, mit der sie sich ihrem Instrument widmen, ist sofort spürbar. Jimmy Page zum Beispiel, bei dem man wirklich sieht, dass die Musik jede Faser seines Körpers durchströmt, der jeden Ton lebt. Oder The Edge, der in einer der lustigsten Szenen des Films ein 'new cool riff' spielt – um danach alle Effektgeräte auszuschalten und die selben Töne noch einmal anzuschlagen: welch ein Unterschied! Oder auch in der ersten Szene, in der Jack White aus ein paar Brettern, Nägeln, Draht und einer Cola-Flasche eine E-Gitarre bastelt und dieses spielt. You don't need much more to build a guitar. Oder wie sich eben jener Jack White während eines Konzerts die Finger blutig spielt, was natürlich kein Grund ist, das Spiel zu unterbrechen. Oder, oder, oder... das hier ist eine Hommage auf den Gitarrenrock! Es sind ohnehin die ästhetischsten Momente des Films, die in extremen Großaufnahmen die Gitarrenkörper und die Finger der Musiker beim Spielen der Saiten zeigen, ihre Virtuosität und Filigranität.
Ich las an anderer Stelle, der Film wäre ein Abgesang auf den Rock, dass dieser an Bedeutung verloren habe und das Jamming der drei am Ende 'drollig' sei. Wahrscheinlich habe ich dann einen anderen Film gesehen. It Might Get Loud ist nämlich alles andere als der Nachruf auf ein aussterbendes Genre. Wenn Page, White und The Edge jammen, weiß ich, warum ich zu dieser Musik gefunden habe. Die Vielfältigkeit, die Kraft und auch die Magie, die vom Sound einer E-Gitarre ausgehen, sind einfach faszinierend. Und in Zeiten, in denen AC/DC und Metallica-Welttourneen in weniger als 15 Minuten ausverkauft sind und 2 Millionen Menschen Tickets für Led Zeppelin haben wollen, weiß ich auch, dass Gitarrenrock so schnell nicht aussterben wird. Oder, um mit Jimmy Page zu sprechen: „There might come the day when I'm to old to play. But let it be as far far away as possible.“
Sunday, 16. November 2008, 15:41Uhr
Noch benommen von den elektronischen Klängen und den nicht enden wollenden weiß auf schwarz ausschlagenden Amplitudepegeln begab ich mich auf die nächtlichen Straßen, um ähnlich wie DJ Ickarus mit den unverzichtbaren Assecoirs MP3-Player samt Kopfhörern dahinzugehen. Doch nichts außer Stille – mein Akku hatte den Geist aufgegeben. Derartige narrative oder musikalische Stillstände (selbst der Tablettenakku war stets eher voll als leer) gab es in Hannes Stöhrs fiktivem DJ-Portrait nur äußerst selten und dann natürlich auffällig intendiert.
Ohne große Umschweife werden wir in den Alltag und die Fußballtrikotkollektion des coolen, Sonnenbrille tragenden und erfolgreichen Protagonisten DJ Ickarus eingeführt. Eine sehr oft wackelige Handkamera hält für uns ausverkaufte Festival- und Clubauftritte, glitzernde Discokugeln, aufblitzendes Stroboskoplicht, eine sich im Nebel der Dampfmaschine zur Musik bewegenden Menge, durchgeschwitzte Leibchen und feiernde, losgelöste Gesichter fest.
„Der ist auch der Hammer!“, kommentiert Ickarus einen seiner Tracks für sein neues Album. Die ersten gesprochenen Worte des Films und die zugleich verstummenden Elektrobeats verheißen nichts Gutes: Die kurz zuvor eingeführte heile Welt des DJ bekommt nach und nach tiefere Risse. Ein modernes mit witzigen Momenten bestücktes Woyzeckdrama nimmt seinen Lauf.
Alice, die britische Plattenlabelchefin findet die neuen Lieder des bald darauf hilflos wirkenden Ickarus nicht gut genug (später: Kein Albumrelease, Zertrümmerung von Alices Büro, Finanzamtschulden von 25.000 Euro), in der Beziehung zu seiner Freundin und Managerin Mathilde kriselt es (Ickarus verkehrt anal auf Discoklos und Mathilde zieht es zurück in die Arme ihrer bisexuellen Freundin Corinna, Gewaltausbrüche und Auszug Mathildes folgen), im Beisein seines Orgel spielenden Vaters und ehrgeizigen Bruders täuscht Ickarus ein geregeltes Leben vor, Ickarus’ Drogenquelle Erbse hält eine „böse Pille“ bereit und stellt damit den notwendigen Auslöser, um in eine andere Welt einzutauchen. Die Welt der psychischen Anstalt.
Eine statische und wahrscheinlich die längste Plansequenz des Films zeigt uns einen am Boden gekrümmt umher kriechenden Ickarus, der durch die Einnahme einer kleinen weißen Pille den Tiefpunkt seines Drogensumpfes erreicht hat.
Von der durch Türsteher und Plattenfirmen legitimierten Discoclubszene geht es ab in die Institution Klinik. Und eine weitere Pillenbeschaffende wird eingeführt – die als böse deklarierte, mysteriöse und fast unnahbar erscheinende Prof. Dr. Petra Paul (nicht umsonst von Corinna Harfouch gespielt). Eine 68er Schlampe, die nicht nur ihre Zierfische, sondern auch ihre verwirrten Patienten gern regelmäßig mit gelben und hellblauen Scheißpillen eindeckt. Neben den armen Irren und überforderten Zivildienstleistenden leidet Ickarus unter anhaltenden Halluzinationen. Für die Zuschauer auditiv nachvollziehbar wird dabei das imaginierte Klorauschen, das eher dem Geräuschpegel eines Wasserfalls entspricht.
Bei Rebellion gegen das stationäre Einschließungs-verfahren und einer attestierten suizidalen Gefahr wird Ickarus schließlich in die vergitterte „Einzelhaft“ weggesperrt.
Ganz im Gegensatz zu den immer wieder kehrenden Transiträumen der Straßen- und U-Bahn. Inspirierende Geräusche, aus denen Ickarus neue Ideen schöpft. Da kommt das Wegsperren von öffentlichen Verkehrs-mitteln und feiernden Mengen ganz schlecht.
Die drei Frauen Mathilde, Corinna und Alice sind es, die an Ickarus’ Lebenssaft – seine Musik glauben. Sie sind es, die ihm den Weg frei bahnen und ihn am Ende doch noch als sympathischen Helden erscheinen lassen. Corinna unterstützt ihn beispielsweise auf Kosten ihrer eigenen filmischen Präsenz. Und dennoch wird Ickarus’ Vater, der Schoß der Familie benötigt, um den Sohn aus den Fängen der Klinikleiterin zu befreien.
So wie Ickarus die Fliege aus dem durchsichtigen Trinkglas freilässt, um ihr einen anderen, evtl. aufgeschobenen Tod zu ermöglichen, so wird auch er keiner großen Alternative entgegenblicken, sondern gelassen einzelne Momente genießen. Denn subversive Alternativen gibt es nicht. Wir sind lediglich in der Lage dank der Transitmittel zwischen sehr begrenzten Spielräumen hin und her zu changieren.
Weniger heroisch spült Ickarus die Pillen der Paul die Kloschüssel hinunter. Mehr als jede Pille braucht er seine Musik (und Mathilde auch). Gebannt und verflacht ist nun jegliche Kritik am Patientengehorsam und der Pilleneinnahme, da durch die einseitige Patientensicht alle Schuld der Ärztin zugewiesen wird. Selbst das eingebaute retardierende Moment gegen Ende des Films, in dem man annehmen könnte, unser DJ hätte sich vor die Bahn gestürzt, wirkt dick aufgetragen. Ebenso Ickarus’ darauf folgende Vernichtung kostbaren Koks.
Zurückgekehrt in den DJ-Alltag und die Zwänge des Plattenlabels, dessen eigener Bestandteil er ist, lässt Ickarus sich im Sportraum der Anstalt vor bunten Gymnastikbällen im blauen Leibchen, den Fuß auf eine Discokugel stellend, ablichten. Auch Echtes wird inszeniert – das zeigt uns der Film, der ja selbst nicht anders funktioniert.
Tapeziert and alle Berliner Litfasssäulen und im Schutz seiner Familie erreicht Ickarus schließlich seine am Anfang des Films gesteckten Ziele – Albumrelease und Urlaub mit Mathilde. Am Ende sind wir wieder am Anfang angekommen - in einem Wartesaal eines Flughafens – nur dass es sich diesmal nicht um eine Konzertreise, sondern einen erholenden Urlaub dreht. Unerwähnt und ausgespart dabei bleibt natürlich die erneute Loslösung Mathildes von Corinna – da diese Frauenverbindung in jedem Moment des Films im Gegensatz zu jeder heterosexuellen Verbindung akribisch harmonisiert ins Bild gerückt wurde – zu harmonisch.
Statt des Albumtitels „Titten, Techno und Trompeten“ wird Ickarus erneut beschnitten – „Berlin Calling“ – ein Film, der von seiner eigenen Begrenztheit berichtet und trotzdem funktioniert.
Wednesday, 11. February 2009, 23:27Uhr
Wieso dieser Film so gut funktioniert? Weil die drei genialen Gitarristen, um die es sich dreht, eben aus verschiedenen Generationen und Musikrichtungen kommen und jeder seinen eigenen Weg gefunden hat, die elektrische Gitarre als Instrument neu zu erfinden.
Jimmy Page (Led Zeppelin) funktioniert als der natürliche Musiker, der die Melodien fühlt und seine Fingerfertigkeit perfektioniert hat. Wenn er sich eine Schallplatte anhört und auf der Luftgitarre mitspielt, oder wenn er mit Jack White und The Edge zusammen jammt, kann man die Musik durch seinen ganze Körper fließen sehen.
The Edge (U2) ist dagegen der Purist, der nach neuen Soundsphären und Effekten sucht. Ein Bastler, der sich geduldig an einzelnen Rhythmuswechseln und Verzerrungen ewig versuchen kann, bis er das gefunden hat, was ihn glücklich macht. Passend dazu wird er beim Meditieren auf dem Dach des Hotels gezeigt. Seine Stärken zeigen sich in seiner Freude, als er der Kamera seine eigene, reinere Methode, einen E-Akkord zu spielen, präsentieren kann und in dem genialen Augenblick, als er eine neue Melodie vorstellt um danach durch die Abschaltung sämtlicher Effekte zu demonstrieren, dass er eigentlich nur zwei Akkorde immer abwechselnd im Halbtakt gespielt hat
Jack White (White Stripes, Raconteurs) komplettiert das ungleiche Trio als der durchgeknallte Erfinder, der stets nach neuen Ausdrucksweisen sucht, seine Energie und „Attitude“ (dieses Wort zu übersetzen ist nicht so einfach...) auszudrücken. In den ruckartigen, energiegeladenen Bewegungen auf der Bühne erkennt man sofort seinen Ursprung als Schlagzeuger wieder. Ein unbändiger Wille zur Kreativität treibt diesen Mann, der sich zur Not eine E-Gitarre aus einem Holzblock, einer Glasflasche, einem Stück Schnur, der Elektronik und ein paar Nägeln innerhalb wenigen Minuten selbst zusammenbaut. Easy, ain't it? Für ihn schon. Beeindruckend und charakteristisch auch sein Liveauftritt, während dem er sich an der Gitarre die Finger wund schrammelt, was ihn aber nicht ein mal zögern lässt, weiter zu spielen. Sein Instrument sieht hinterher aus, als wäre es zu Liquidierung zu aufdringlicher Fans benutzt worden.
Diese drei Musiker in einem Film zusammenzuführen, ist der eigentliche Geniestreich von Regisseur Davis Guggenheim. Auf sehr professionelle Art und Weise wird das Material geschnitten und präsentiert, nichts wirkt überflüssig. Dafür dröhnen die Riffs durch die Halle, als wolle der Film einen anschreien: Ich habe euch gewarnt! Und das ist gut so. Dass der Song, den die drei Virtuosen zum Schluss gemeinsam aufnehmen, bloß durchschnittliche Rock-Kost ist, fällt bei dem ganzen Spektakel wenig ins Gewicht. Was zählt, sind die unterschiedlichen Perspektiven auf dieses ebenso kraftvolle wie sensible Instrument. Page, Edge und White: Melodie, Klang und Energie – der Film ist ein Ganzes.
It Might Get Loud
USA/2008
R: Davis Guggenheim
D: Jimmy Page, The Edge, Jack White