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»marin blue«

Es scheint alles klar zu sein: der Junge Jim wird in eine Anstalt eingeliefert, weil er gewisse Probleme mit der Realität hat. Dort muss er leiden: Einzelzelle, kein Licht, Freiheitsentzug. Er weiß nicht, was er dort soll. Und ich auch nicht. Glücklicherweise gelingt ihm sehr bald die Flucht: er springt über einen Zaun und ist ... alles andere als frei. Denn jetzt geht der Wahnsinn erst so richtig los. »What's wrong?« fragt einmal jemand und ich möchte am liebsten laut schreien: The Movie, Baby! »Do you like this dream?« wird er gefragt, aber er weiß nicht einmal, welchen Traum sie meint. Es kann nur um den Alptraum gehen, der dieser Film ist. Bis zum Überdruss weichgezeichnete Digitalbilder, die an jeder Lichtquelle, die im Bild auftaucht die unsäglichsten Spiegel- und Schatteneffekte produzieren. Als die Ärztin in der Anstalt Jim fragt »Is there an end you wanna get to?« habe ich den Film das auch schon mehr als einmal gefragt. Was soll das? Warum muss man diesen armen Jungen so foltern der wahnsinnig ... gut frisiert ist? Es gibt kein Entkommen. Sinnlose Fragen aus sinnlosen Gesichtern werden auf die Tonspur gekotz, die in der Vorführung, in der ich sitze auch noch absurd zu laut ist. Ich hätte aus dem Kino fliehen sollen, wie Jim das mit der Anstalt getan hat. Aber wenn der Wahnsinn für ihn jenseits des Zaunes nicht zu Ende ist, was gibt mir die Sicherheit, dass das hier draußen vor dem Kino für mich zu Ende ist? Endlich, in einer der endlos unmotivierten Szenen sagt es mal jemand: » They're all strange in here.« Allerdings sind in diesem Film alle very strange und es ist so richtig auch keine Besserung in Sicht.
Ich schaue auf die Uhr. Wie lang muss das noch gehen; schließlich wollte ich noch mehr sehen heute. Die einzige Person, die in diesem Film nicht leidet, ist Marin, eine überschminkte und ebenfalls überfrisierte junge Frau, die in einem David-Lynch-Film zwischen zwei Einstellungen hervorgekrochen zu sein scheint. Glück hat sie, weil sie untern Narkolepsi leidet und ständig einfach so für ein paar Minuten einschläft. Wie gern würde ich jetzt schlafen können um mir diese Bilder, diesen Plot, diese Schauspieler: all das hier zu ersparen. Aber es geht nicht, weil diese furchtbare Tonspur in die tiefsten Träume kriechen würde.
Jim sagt: »How long do I have to stay here?« Leider weiß ich das auch nicht, aber ich weiß, dass ICH jetzt hier verschwinden werde. Das letzte, was ich von ihm höre, bevor ich diesen eigentlich irgendwie goldigen Jungen dem Film und damit seinem Schicksal überlasse, ist: »Fuck!« Das hab ich, nur auf Deutsch, in der letzten Stunde auch diverse Male gedacht. Beim Verlassen des Kinos überlege ich, welche Greueltaten diesem armen Ding von dem Film noch angetan werden. Doch dann: draußen vor der Tür steht er: nicht als Jim, sondern als Cory Knauf aber mit den selben goldblonden Haaren und lächelt etwas verlegen. Das Gute siegt also! Er hat die Qualen dieses Filmes überlebt. So wie ich. Hoffentlich ...

Marin Blue
USA 2009
R,B: Matthew Hysell
K: George Su
D: Cory Knauf, Najarra Townsend
77min, Farbe, HDCam