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»marie antoinette«

Eine Filmkritik ist das noch nicht. Überlege bitte nochmals, ob du aus diesem Film nicht mehr herausholen kannst. Zunächst der Titel - das Wortspiel Rock´n´Rokoko ist zu naheliegend, und wenn du googlest, dann findest du heraus, dass es auch schon von anderen verwendet wurde. Insgesamt wird mir noch nicht ganz klar, auf was du hinaus möchtest. An einigen Stellen hast du das ganz gut geordnet, wenn du über die Musik schreibst, als Kontrast zum üppigen Prunk, die ihr angedeutetes Befreiungspotential nicht einlöst, und die in den High-School-Movie-Szenen zur poppigen "Mädchen probieren neue Kleider und Schuhe"-Montage platt ans Bild geklebt wurde. Siehe I Want Candy. Wenn ich das richtig sehe, geht es dir vor allem darum, den Film aus der Perspektive des Rokoko auseinander zu nehmen, wobei deine kunstgeschichtlichen Schwächen hervorstechen. Deiner Meinung nach, könnte man dem Film noch etwas abgewinnen, wenn man ihn als eine Anwendung der Barock- bzw. Rokokoformen auf sich selbst versteht. Das spielst du an einigen Anhaltspunkten durch und nicht zuletzt an der Geschichte selbst, die nicht erzählt werden kann, weil sich die Kamera in der überladenen Farbigkeit, der Kostümkonstellationen, dem Food Design und den Symmetriespielchen verliert. Wie du richtig beobachtest, wird dabei in der zeitlichen Entwicklung vieles nur angedeutet und in den unwitzigen Wiederholungen unter den Tisch gekehrt. Historische Fakten scheinen dir genauso unwichtig, wie der filmische Plot. Alles schnörkelt sich aufgetorkelt dahin, lächelnd und lächerlich, vor allem auch in der wuchernden Kommunikation, der Gerüchteküche am Hof, und alles ist auf bunte und gänzlich unaussprechliche Weise leer. Daraufhin gehst du auf die Natur ein, und ihre Umsetzung im Bild, das satte Grün, das dem Auge gut tut und vielleicht nur gespürt dem Bild eine gesteigerte Körnigkeit und ein Super8-Film-Flair verleiht. Irgendwann kommt dann Rousseau dazwischen, Hellblau und Rosa, die Rolle des Essens, ein kurzer Überblick über die Funktion des Fetisch, das Theater, die Masken, die Blickstrukturen der Protagonisten, die sich zur Verführung des Van Versen steigern, die Triebe im Allgemeinen, der mögliche Bezug zur popmodernen Gegenwart, oder die Episode in der du aufgrund des Kerzenlichts einen Vergleich zu Stanley Kubricks Barry Lyndon wagst. Deine Beobachtungen sind alle ganz prima, aber letztendlich fehlen mir Höhepunkte, die dieses Mischmasch vereinen könnten, so wie du im Film auf eine Explosion dieser Banalitäten wartest. Mein Vorschlag: Beschränke dich eventuell auf ein paar Gegenstände, eine Einstellung oder einen Satz im Film, an dem du deine Kritik entlang schreibst. Bei einer Sache muss ich dir jedoch zweifellos zustimmen: Wenn man schon Marie Antoinette beständigen beim Herrichten ihrer Gardarobe zuschauen muss, hätte man wenigstens am Ende durch ein Blutbad oder eine orgiastische Hinrichtung entschädigt werden müssen. So sehr ich im Film auf die Französische Revolution wartete, so sehr hoffe ich, dass er zum Schneidetisch geführt und guillotiniert wird.
In diesem Punkt wünschte ich mir in deiner Kritik ein deutlich härteres Statement.


Marie Antoinette
R: Sofia Coppola
D: Kirsten Dunst u.a.
Japan / France / USA, 2006