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»marco berger«

Die am weitesten verbreitete und heftig kritisierte frauenfeindliche Erzählung des Kinos geht ungefähr so: in einem von Männern dominierten Millieu (also gern Armee, Schule, Universität oder ähnliches) taucht eine Frau auf, die den treu der Gemeinschaft dienenden Männern gefährlich wird, weil sie nicht nur ein Begehren hat, sondern dieses an den gerade verfügbaren Männern auch stillt. Nachdem sie solcherart ein oder zwei Männer ins Verderben gerissen hat, kommt sie zu Tode, wird außer Landes gebracht oder verschwindet sonst irgendwie von der Bildfläche. Zurück bleibt der männliche Star des Films, der sie zwar geliebt hat, sich ihr aber nicht hingegeben hat und deshalb doppelt gerettet ist: vor ihr und vor seinem Begehren, das nur noch als melancholischer Schatten übrig bleibt. Das Musterbeispiel dieser Erzählung ist Alfred Hitchcocks Vertigo.
Die am weitesten verbreitete und heftig kritisierte homophobe Erzählung des Kinos geht ungefähr so: ein Schwuler kennt sein Begehren und ist entschlossen, sich ihm hinzugeben. Er versucht deshalb den begehrten Anderen zu verführen, was ihm in einer traumartigen, alkoholisierten oder sonst irgendwie aus dem gewöhnlichen Lauf der Dinge herausgenommenen Situation auch gelingt. Daraufhin bricht dieser den Kontakt ab und macht ihm und sich Vorwürfe. Schließlich stirbt der offen mit seinem Begehren umgehende Schwule. Durch seinen Tod wachgerüttelt, nähert sich der Zurückgebliebene ein klein wenig mehr seinem eigentlichen Begehren und vereinigt sich in einem weiteren Traum doch noch mit dem Geliebten, der nun, ungefährlich, weil tot, und ewig rein, weil nur imaginär mit ihm verbunden ist.
Gemeinsam ist diesen beiden Erzählungen, dass sie ein offen abweichendes Begehren nur um den Preis zulassen, dass es sich nicht wiederholen kann und keine wirklichen Auswirkungen auf das Wohl der Gemeinschaft mehr entfalten kann. Die Lektion, die hier gelernt werden kann: wer nicht begehrt wie alle anderen, wird vom Leben ausgeschlossen. Wer dem Tod durch falsches Begehren gerade noch entkommt, bleibt melancholisch und dysfunktional zurück. Das Musterbeispiel dieser Erzählung ist Brokeback Mountain.
Ich muss nicht weiter ausführen, dass ich nichts auf der Welt weniger möchte, als noch einen Film zu sehen, der eines dieser beiden Narrative bedient. Warum sich Marco Berger entschlossen hat, in Ausente das Schlimmste aus beiden Narrativen in einen Topf zu werfen, alles in unerträglich dämmeriges Sepia zu tauchen, mit aberwitzig sinnlosen Filmzitaten vollzustopfen (eine Duschszene, die glücklicherweise nicht in Mord endet) und keine Gelegenheit auszulassen, die männlichen Hauptfiguren in Pinup-Posen schlafend auszustellen, weiß nur er allein.

Ausente
Argentinien, 2011, 87 min
R: Marco Berger
D: Carlos Echevarria, Javier De Pietro, Antonella Costa

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