Wednesday, 28. February 2007, 17:31Uhr
Die Kamera hält auf ein verrostetes Kanonenrohr, das längst mit Gras verwachsen, die andere Perspektive auf die Kriegsgeschehnisse von Iwo Jima lenken soll. So hat sich Clint Eastwood das gedacht: zwei Filme zu einem Thema. „Flags of the father“, die amerikanische Perspektive und „Letters from Iwo Jima“, als die vermeintlich japanische Sicht aus amerikanischer Perspektive.
Als wir Archäologen, dem Kanonenrohr entlang zu einem Fund folgen, der vergraben im Höhlensand tausende Briefe freilegt, kommt es zur dritten Perspektive, die der persönlichen Erinnerungen. Sie stellen sich ein, wenn der erste Brief vorgelesen wird, auch wenn man Krieg selbst nie erlebt hat, sondern immer nur Filme davon. „Hanako, schaufle ich mein eigenes Grab?“ Unweigerlich trifft es in der eigenen Erinnerung auf Wolfgang Borcherts Kegelbahn: „Zwei Männer hatten ein Loch in die Erde gemacht. Es war ganz geräumig und beinahe gemütlich. Wie ein Grab. Man hielt es aus.“ Perspektivwechsel, der über Menschen führt, die das alles befohlen haben, hin zu dem, der das Gewehr erfand und dafür einen Orden bekam. Und ein Mensch, der da liegt erschossen auf einer Insel, die unbewohnbar, weil sie Vulkaninsel ist. Die somit allein zum Schauplatz wird für kriegerische Großprojekte und Basis für militärische Versuchsanordnungen. Zum Schauplatz für den Film, der das alles nun recht übersichtlich einfangen kann. Übersichtlich wie ein Grab, eben.
Doch Eastwood geht zunächst behutsam vor: So verliert die Farbe des Films innerhalb von zwei Stunden von militär-sepia hin zu knochenweiß. Und wenig roter als die rote Sonne der Flagge Japans in diesem Film gibt es kaum ein rot. In dem militanten blaß-grün-grau, die schwarz-weiß dokumentarisch behagen wollen, fallen vor allem die Gerätschaften und Kleidungsutensilien auf, die Farben ahnen lassen: Das vermutliche grün der Helme, das braun der Lederriemen, die goldenen Orden und Sterne an der Uniform. Lediglich die Einstellungen der Gesichtseindrücken fallen hier heraus: Großaufnahmen derer, die hinter dem Rücken von jemandem über das Rückgrat des anderen reden. Und das bei Johnni Walker zum Abendbrot, welches auf der Insel Iwo Jima, ähnlich der Farben aus fast nichts besteht. Eine seltsame Lichtsetzung verrät Schatten, und Schattenumrisse des nicht vermeidbaren. Die Ankunft der Amerikaner, die Ankunft des wirklichen Krieges, angekündigt durch eine typisch amerikanisch stilistische Kinokonvention: Die flirrende Luft über einem Hügel, den zu später Stunde die Strategen um General Kuribayashi hinter sich lassen, um Pläne zu schmieden. Dann ein Regen, der schlammfarben so in sich aufnimmt, dass der Film erstmalig in einer natürlichen Farbgebung zu sehen scheint. Doch diese hält nicht lange an, denn jede Rückblende, die in getragenen, dunklen Farben einbricht, scheint dem Film selbst mehr und mehr Farbe zu entziehen.
Die Ankunft der Amerikaner wirkt ebenso unwirklich: Eine Strategie bricht herein, eine Kriegsmaschine pflügt das Meer um und wir sehen in tricktechnisch animierter Reproduktion eines Meeres, auf dem sich in quadratischer Formation Schiffe befinden, wie eine filmische Gemachtheit auf die nächste trifft. So auch in den dargestellten Militärschulungen der Japaner: „Die Amerikaner sind willensschwach und folgen ihren Gefühlen.“ Vielmehr ist es die Inszenierung des Quäntchens Selbstkritik, das die Amerikaner gerade noch zulassen können. Werden doch die Japaner wieder als in Höhlen kriechende, Würmeressende, verblendete Kriegsgetreue gezeigt, die Ehre kennen, weil man ihnen das Wort gesagt hat und nun vor der Maschinerie, der ausgefeilten Technik der Großmacht kapitulieren müssen. „Hanako, wir können froh sein, wenn wir ein Loch in der Erde kriegen, wenn wir tot sind.“
Dies fängt Eastwood nur noch collagenartig ein, als die ersten Bomben eintreffen und üblich die Kamera wackelt, als sie nur noch Bildfragmente erhaschen kann von brennenden Zelten, fallenden Menschen, und zerrissenen Flaggen.
Die inneren unbeschützten japanischen Strukturen der Kriegsbürokratie werden dabei in derselben Gefahr arrangiert, wie die Bombenangriffe durch die Amerikaner: Die Vernichtung des Einzelnen zum Ziel.
Die Farbhaftigkeit der Bomben ist erschreckend: Sie schlagen ein, wie Farb-Feuerwerke in den Film und sind das einzig bunte. Bunte Räume des Angriffs nannte man in den Weltkriegen den Einsatz von verschiedenen Giftgasen. Der filmische Zweck des entfärbten Volkes, der verdunkelten Erinnerung, schließlich des entfärbten Films wird in Eastwoods Film sichtbar als Raum des Angriffs. Eine ganze bunte Feuersbrunst erfasst die Leinwand und will scheinbar ins Kino, wenn Eastwood reiht: Die verschiedenen Möglichkeiten des Selbstmords, des Mordens, die Briefe aus den Trümmern, das pausenlose Einschlagen, schließlich das Nacht-Werden.
Der einzige japanische Identifikationsgegenstand, welches die Briefe aus Iwo Jima sein sollen, gibt es in der zweiten Stunde des Films dann ebenso von amerikanischen Müttern, amerikanischer Soldaten.
Eastwoods Kritik an amerikanische Militärverhältnisse hebt sich in allgemeiner Kriegskritik auf. Die von der Kritik verwundeten Amerikaner erhalten eine Umsetzung in der Figur und den Verletzungen des Soldaten Sam, der als einziger im ganzen Film wirklich rotes Blut besitzt, welches aus seinem verwundeten Körper tritt, als er von den Japanern gepflegt wird. Diese Stelle im Film, aus der das einzig richtig rote Blut tritt zeigt die konventionell christliche Kamera eines Amerikaners: Der amerikanische Soldat als Leib Christi und das „Blut als medialer Operator der Sichtbarkeit eines als Symptom und Inkarnation von Leiden und ewigem Leben Christi verstandenen Bildes“. (Georges Didi-Hubermann: Blut der Bilder)
Die Trennung in zwei Filme und die Verfremdung der Sichtweisen mögen die guten Absichten Eastwoods unterstreichen, doch sie verhilft nicht der Perspektivverfremdung, sondern nur einer zweifach falschen amerikanischen Auseinandersetzung mit sich selbst. "Hanako, das Schreiben tröstet mich."
„(...) doch dass wir sprechen und uns nicht verstehen und keinen Augenblick des andern Hand erreichen, zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen. Schon den Versuch bedrohen fremde Zeichen. (...)“ aus Ingeborg Bachmann: Es könnte viel bedeuten.
Letters from Iwo Jima USA 2006. Regie: Clint Eastwood, Drehbuch: Iris Yamashita, Paul Haggis, Darsteller: Ken Watanabe, Kazunari Ninomiya, Tsuyosi Ihara u. a.; 141 Minuten, Farbe.
Als wir Archäologen, dem Kanonenrohr entlang zu einem Fund folgen, der vergraben im Höhlensand tausende Briefe freilegt, kommt es zur dritten Perspektive, die der persönlichen Erinnerungen. Sie stellen sich ein, wenn der erste Brief vorgelesen wird, auch wenn man Krieg selbst nie erlebt hat, sondern immer nur Filme davon. „Hanako, schaufle ich mein eigenes Grab?“ Unweigerlich trifft es in der eigenen Erinnerung auf Wolfgang Borcherts Kegelbahn: „Zwei Männer hatten ein Loch in die Erde gemacht. Es war ganz geräumig und beinahe gemütlich. Wie ein Grab. Man hielt es aus.“ Perspektivwechsel, der über Menschen führt, die das alles befohlen haben, hin zu dem, der das Gewehr erfand und dafür einen Orden bekam. Und ein Mensch, der da liegt erschossen auf einer Insel, die unbewohnbar, weil sie Vulkaninsel ist. Die somit allein zum Schauplatz wird für kriegerische Großprojekte und Basis für militärische Versuchsanordnungen. Zum Schauplatz für den Film, der das alles nun recht übersichtlich einfangen kann. Übersichtlich wie ein Grab, eben.
Doch Eastwood geht zunächst behutsam vor: So verliert die Farbe des Films innerhalb von zwei Stunden von militär-sepia hin zu knochenweiß. Und wenig roter als die rote Sonne der Flagge Japans in diesem Film gibt es kaum ein rot. In dem militanten blaß-grün-grau, die schwarz-weiß dokumentarisch behagen wollen, fallen vor allem die Gerätschaften und Kleidungsutensilien auf, die Farben ahnen lassen: Das vermutliche grün der Helme, das braun der Lederriemen, die goldenen Orden und Sterne an der Uniform. Lediglich die Einstellungen der Gesichtseindrücken fallen hier heraus: Großaufnahmen derer, die hinter dem Rücken von jemandem über das Rückgrat des anderen reden. Und das bei Johnni Walker zum Abendbrot, welches auf der Insel Iwo Jima, ähnlich der Farben aus fast nichts besteht. Eine seltsame Lichtsetzung verrät Schatten, und Schattenumrisse des nicht vermeidbaren. Die Ankunft der Amerikaner, die Ankunft des wirklichen Krieges, angekündigt durch eine typisch amerikanisch stilistische Kinokonvention: Die flirrende Luft über einem Hügel, den zu später Stunde die Strategen um General Kuribayashi hinter sich lassen, um Pläne zu schmieden. Dann ein Regen, der schlammfarben so in sich aufnimmt, dass der Film erstmalig in einer natürlichen Farbgebung zu sehen scheint. Doch diese hält nicht lange an, denn jede Rückblende, die in getragenen, dunklen Farben einbricht, scheint dem Film selbst mehr und mehr Farbe zu entziehen.
Die Ankunft der Amerikaner wirkt ebenso unwirklich: Eine Strategie bricht herein, eine Kriegsmaschine pflügt das Meer um und wir sehen in tricktechnisch animierter Reproduktion eines Meeres, auf dem sich in quadratischer Formation Schiffe befinden, wie eine filmische Gemachtheit auf die nächste trifft. So auch in den dargestellten Militärschulungen der Japaner: „Die Amerikaner sind willensschwach und folgen ihren Gefühlen.“ Vielmehr ist es die Inszenierung des Quäntchens Selbstkritik, das die Amerikaner gerade noch zulassen können. Werden doch die Japaner wieder als in Höhlen kriechende, Würmeressende, verblendete Kriegsgetreue gezeigt, die Ehre kennen, weil man ihnen das Wort gesagt hat und nun vor der Maschinerie, der ausgefeilten Technik der Großmacht kapitulieren müssen. „Hanako, wir können froh sein, wenn wir ein Loch in der Erde kriegen, wenn wir tot sind.“
Dies fängt Eastwood nur noch collagenartig ein, als die ersten Bomben eintreffen und üblich die Kamera wackelt, als sie nur noch Bildfragmente erhaschen kann von brennenden Zelten, fallenden Menschen, und zerrissenen Flaggen.
Die inneren unbeschützten japanischen Strukturen der Kriegsbürokratie werden dabei in derselben Gefahr arrangiert, wie die Bombenangriffe durch die Amerikaner: Die Vernichtung des Einzelnen zum Ziel.
Die Farbhaftigkeit der Bomben ist erschreckend: Sie schlagen ein, wie Farb-Feuerwerke in den Film und sind das einzig bunte. Bunte Räume des Angriffs nannte man in den Weltkriegen den Einsatz von verschiedenen Giftgasen. Der filmische Zweck des entfärbten Volkes, der verdunkelten Erinnerung, schließlich des entfärbten Films wird in Eastwoods Film sichtbar als Raum des Angriffs. Eine ganze bunte Feuersbrunst erfasst die Leinwand und will scheinbar ins Kino, wenn Eastwood reiht: Die verschiedenen Möglichkeiten des Selbstmords, des Mordens, die Briefe aus den Trümmern, das pausenlose Einschlagen, schließlich das Nacht-Werden.
Der einzige japanische Identifikationsgegenstand, welches die Briefe aus Iwo Jima sein sollen, gibt es in der zweiten Stunde des Films dann ebenso von amerikanischen Müttern, amerikanischer Soldaten.
Eastwoods Kritik an amerikanische Militärverhältnisse hebt sich in allgemeiner Kriegskritik auf. Die von der Kritik verwundeten Amerikaner erhalten eine Umsetzung in der Figur und den Verletzungen des Soldaten Sam, der als einziger im ganzen Film wirklich rotes Blut besitzt, welches aus seinem verwundeten Körper tritt, als er von den Japanern gepflegt wird. Diese Stelle im Film, aus der das einzig richtig rote Blut tritt zeigt die konventionell christliche Kamera eines Amerikaners: Der amerikanische Soldat als Leib Christi und das „Blut als medialer Operator der Sichtbarkeit eines als Symptom und Inkarnation von Leiden und ewigem Leben Christi verstandenen Bildes“. (Georges Didi-Hubermann: Blut der Bilder)
Die Trennung in zwei Filme und die Verfremdung der Sichtweisen mögen die guten Absichten Eastwoods unterstreichen, doch sie verhilft nicht der Perspektivverfremdung, sondern nur einer zweifach falschen amerikanischen Auseinandersetzung mit sich selbst. "Hanako, das Schreiben tröstet mich."
„(...) doch dass wir sprechen und uns nicht verstehen und keinen Augenblick des andern Hand erreichen, zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen. Schon den Versuch bedrohen fremde Zeichen. (...)“ aus Ingeborg Bachmann: Es könnte viel bedeuten.
Letters from Iwo Jima USA 2006. Regie: Clint Eastwood, Drehbuch: Iris Yamashita, Paul Haggis, Darsteller: Ken Watanabe, Kazunari Ninomiya, Tsuyosi Ihara u. a.; 141 Minuten, Farbe.
