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Ein heikles Thema muss vielleicht sensibel gefilmt werden, deswegen stört mich die Art der Kameraführung und die zum Großteil pixelige Qualität der Bilder in Parvez Sharmas Dokumentation "A Jihad For Love" sehr. Hier will jemand an den jeweiligen Drehorten kein großes Aufhebens um die Personen - und vor allem nicht um das Thema - machen, um das es geht. Alle Männer und Frauen in Parvez Sharmas Film leben ein homosexuelles Leben respektive versuchen es zu leben. Und alle Männer und Frauen bekennen sich zum Islam. Wie kann das funktionieren, wenn der Islam doch augenscheinlich Homosexualität verbietet? Die Personen selbst scheinen zum Großteil im Frieden damit zu leben, sie deuten den entsprechenden Text aus dem Koran so, dass es kein Verbot von Homosexualität gibt, sondern das Verbot homosexueller Vergewaltigung. Das Problem, inwiefern der Koran ein geschichtliches Dokument ist hier mal ganz außen vor gelassen. Andere Gedanken betreffen Die Schöpfung eines Gottes, der nichts erschaffen hat, was nicht sein soll. Jeder legt irgendwie seine Position dar. Das Problem ist, dass oben genannte Art es zu filmen, das Leben dieser Hauptfiguren der Dokumentation wiederum problematisiert. Es positioniert das Leben in die Bildersprache des Boulevard-Journalismus. Verschwommene Gesichter, die "versteckten" Kameras, all das wirkt so, als filme man Verbrecher ab. Glücklicherweise zieht sich das nicht durch den ganzen Film. Parvez Sharma bricht auch mit dieser Machart, indem dann doch Gesichter gezeigt werden oder aber auch bei Pinguinen die Köpfe unkenntlich gemacht werden. Somit thematisiert er in meinen Augen die Schwierigkeit, eine Dokumentation wie diese zu drehen. Ihm ist also durchaus bewusst, dass die Machart der Dokumentation ein Problem darstellen könnte. Unter diesem Gesichtspunkt bleibt eigentlich nur zu sagen, dass die Veröffentlichung dieser Leben ein wichtiger Beitrag zum Verständnis und zur Freiheit ist.

A Jihad For Love
Parvez Sharma
USA 2007
Wenn ein schwuler Filmemacher fünf Jahre lang islamische Länder rund um die Welt von Indien bis Kanada bereist, um über das zu berichten, was schwulen Muslimen und lesbischen Musliminnen geschieht, wenn sie ein Leben leben wollen, das ihrer Sexualität entspricht, dann hätte daraus ein Film werden können, der in einem grandiosen exotistisch-orientalistischen Panorama die wunderbaren Moscheen und spektakulären Landschaften des nahen Ostens ausbeutet und sie zu einem Märchen aus tausend und einer Nacht zusammen montiert. Das Gegenteil unternimmt A Jihad for Love. Unter teilweise schweren Drehbedingungen, immer unter der Androhung von meist lebensbedrohenden Strafen bringt Parvez Sharma auf die Leinwand, was von Angst und Trauer gezeichnete Gesichter hätten sein können, wenn die Menschen, denen diese Gesichter gehören es wagen würden diese unverstellt der Kamera zu zeigen. Die meisten Schwulen und Lesben Moslems, die in diesem Film auftauchen haben aber ihre Gesichter verloren und lassen sie deshalb in einer unscharfen Wolke verschwimmen, weil sie um ihre Familien, ihre Ehre und letztlich um ihr Leben fürchten müssen. Sharma ist klug genug dieses zugleich groteske und unerträgliche Versteckspiel ironisch zu kommentieren. An einer Stelle wird ein schwuler Islamgelehrter mit seinen Kindern gezeigt, wie er an einem Strand in Südafrika Pinguine füttert. Als einer der Pinguine in die Kamera blickt, wird sein Gesicht so unkenntlich gemacht, wie die Gesichter all der angsterfüllten Menschen im Film.



Die Bilder des Films sind in den meisten Einstellungen hässlich, in mehr als durchschnittlicher Camcorderqualität auf die Leinwand gestolpert und laden nicht zum Schwelgen oder Genießen ein. Es wäre leicht dem Film das vorzuhalten, genauso wie man problemlos die holpernde, lückenhafte und ausgesprochen durchsichtige Dramaturgie verurteilen könnte. Aber wofür? Um der Ignoranz und dem Hass einiger konservativer Koran-Exegeten noch den blasierten Charme europäischer Ästhetenbourgeoisie hinzuzufügen? Um aus einem bequemen demokratischen Kinosessel heraus ein ebenso schnelles und stilles Urteil zu fällen, wie es die religiösen Gerichte im Iran und anderswo auch tun? Sicher, der Film ist pathetisch, er versucht immer wieder zu den Tränen auf der Leinwand die Tränen im Kinosaal kommen zu lassen. Und er ist unfreiwillig komisch und sagt damit zuweilen, dass die Freiheit, die sich die Schwulen und Lesben hier erträumen, vielleicht nicht immer die Freiheit ist, für die in demokratischen Ländern gekämpft wird. Wenn einer der Verfolgten bei seiner Ankunft im kanadischen Exil davon träumt, sich endlich ein pinkes Kleidungsstück zu kaufen, weil Pink wohl die Farbe der Schwulen sei, dann ist das provinziell und ausgesprochen ernst zugleich.

Die Textur, die diesen Film hässlich macht, ist die selbe, die die Welt dieses Filmes hässlich gemacht hat. Mein Abscheu gegen den filmischen Moralismus, dem ich in diesen Zeilen das Wort rede, lässt mich eher über diesen Abscheu als über den Moralismus grübeln und zeigt damit, dass auch die Freiheit zu denken was man will, eine doppelte Aufgabe ist, die so schwer zu verstehen ist, wie der Wunsch der schwulen Moslems und lesbischen Muslimas weiterhin ihren islamischen Gott zu lieben. Trotzdem.

Parvez Sharma: A Jihad for Love (USA/D 2007)