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Was bewegt einen dazu vorzeitig aus dem Kino zu gehen?
Die schlechte Bildqualität? Jagadangchak läuft in 4:3 und hat so viele Kratzer und Flecken auf dem Film, dass es eigentlich schon wieder ästhetisch wirkt.
Der nicht ganz verständliche Humor? Jagadanchak hat einen super lustigen Humor. Soll ja schließlich eine Satire sein. Und was ist denn bitte an einem Polizeimaskottchen namens Podori, was keine Beine hat und gegen die Ratten, die seine neu gelieferten Beine anknabbern, in seiner Wohnung kämpft, nicht lustig?
Vielleicht ist es aber auch die nicht ganz so offensichtliche Kritik an Südkorea? Ich muss sagen, die hab ich auch nicht entdeckt. Aber das ist ja noch lange kein Grund zu gehen und nicht weiterzulachen.
Oder ist es vielleicht der brennende Dildo, den sich eine Frau umschnallt und versucht Podori damit zu töten? Ja, das wird es wohl sein.

“Jagadangchak: shidaejeongshin kwa hyeonshilchamyeo | Self Referential Traverse: Zeitgeist and Engagement”
Republik Korea, 2011, 73 min
Koreanisch
Regie: Kim Sun
Darsteller: Podori, Jung Ayoung, Kang Suk
Sektion: Forum
Ich habe bisher zwei Filme von Ulrike Ottinger gesehen. Jedes mal auf der Berlinale. Beide Male wurde Frau Ottinger von der Moderation im anschließenden Publikumsgespräch gedutzt. Man kennt sich … Nach beiden Filmen blieb das selbe zwiespältige Gefühl: auf der einen Seite große Freude über die Findungsgabe der Regisseurin, die nicht nur wunderbare Szenen entdeckt, immer weiß, wie sie ein Detail vom Hintergrund sich abheben lassen kann sondern die das alles in einer Montage präsentiert, deren Timing und Gespür für Kontraste ins Auge springt. Man lernt etwas kennen, zum Beispiel 2007 den Wiener Prater und in diesem Jahr DIE KOREANISCHE HOCHZEITSTRUHE zu sein. Ottinger scheint sich dabei nicht so sehr auf die vielbeschworene Suche nach Geschichten gemacht zu haben, sondern sie sucht spezifische Bilder auf: wie die bunten Lampions und Girlanden im Schnee des Tempels der Wunscherfüllung, das Türkis des Tempels im Rhythmus des Trommelschlags eines Mönches, die Anordnung der farbigen Säckchen in der Truhe, die Symbolik der farbigen Tücher, mit denen die Truhe eingeschlagen und überbracht wird. Die Bilder sind stark und verständlich und nebenebei auch noch schön. Das alles macht Ottingers Filme sehr sehenswert.
Bei all dem, und hier kommt mein Zwiespalt her, scheint sie in ihrer Begeisterung für die farbigen, großen und kleinen, eckigen und runden, glatt polierten und rauhen, solitären oder massenhaften Dinge eine seltsame Abneigung gegen die Menschen entwickelt zu haben, die sie zwischen all diesen Dingen antrifft. Wo man die diversen Kinderszenen, in denen der Verlierer eine kleine Ohrfeige bekommt, noch als Spielerei begreifen möchte, ist ihr Blick auf die Erwachsenen nicht selten desaströs bis beleidigend. In PRATER (2008) fand sie einmal ein im Suff tanzendes Paar, das offenbar zu den Leuten gehört, die die meiste Zeit des Tages in Ermangelung von Alternativen im Prater zubringen. Während der Tanz vom Alkohol immer schwerer wird und in eine Groteske zu entgleiten droht, zieht Ottinger sich mit der Kamera zurück und filmt das ganze mit Teleobjektiv wie aus dem nächstgelegenen Busch. Diese Einstellung hat mich damals schon schwer irritiert, weil dieser bloßstellende Blick mir im Kino zum Glück so selten begegnet. Nachdem ich nun aber DIE KOREANISCHE HOCHZEITSTRUHE gesehen habe, werde ich den Eindruck nicht los, dass es sich um etwas mehr als ein Versehen handelt. Nachdem sie in wirklich bewundernswert vielsagenden Bildern die Geschichte der Hochzeitstruhe erzählt hat, kommt es wie es kommen muss: es wird geheiratet. Das findet in einem sogenannten Hochzeitspalast statt, der offenbar eine Art Disneyland zum Heiraten ist. Von der Trauung bis zur Feierlichkeit wird hier alles organisiert und als Gesamtpaket verkauft. Der Witz daran: hier ist alles falsch. Die Rituale sind entleert und zur Maskenhaftigkeit erstarrt. Niemand, außer einer Schar von Damen, die wie Stewardessen aus den 50er-Jahren aussehen, weiß wie alles abzulaufen hat. Deshalb wird den Brautpaaren und ihren Gästen auch jeder Schritt, jede Geste, jedes Wort vorgesagt: schlechtes Laientheater, wo eine alte Tradition stehen könnte. Angereichert ist das alles von einer wilden Mischung aus amerikanischen, europäischen und koreanischen Versatzstücken, die, wie das Gesicht einer der Bräute unter ein bisschen Glanzlack fixiert werden. Man möchte in seinen schlimmsten Träumen hier nicht sein geschweige denn heiraten müssen. Ottinger präsentiert das mit viel Witz, welches das Kinopublikum der Premiere wie schon 2007 im PRATER mit ebensoviel Applaus und Lachern quittiert. An keiner Stelle gestattet sich Ottinger ein Bild, welches in irgend einer Weise denjenigen Raum gibt, für die das aller Groteske zum Trotz doch ein wichtiger Tag sein muss. Ohne Mitleid oder Mitgefühl verarbeitet die Regisseurin ihre Darstellerinnen und Darsteller zu Lachnummern. Sie bereitet das nicht nur lang und breit vor, sondern kostet es dann auch aus so lang es geht. So ist die Schilderung der Hochzeitstruhenzeremonie sehr ruhig und wunderschön anzusehen. Der Kontrast zu den monströsen Hochzeitszeremonien könnte nicht größer sein und wird von Ottingers Dramaturgie forciert wo es nur geht. In den Szenen der Zeremonie gibt es praktisch keine Einstellung, in der Schnitt und Kadrierung keinen komischen Effekt erzielen würden, es gibt keinen Moment des Bruchs oder der Reflexion über diesen Blick, mit dem eine deutsche Filmemacherin hier koreanische Hochzeitspaare vorführt. Im Nachhinein bin ich sauer, dass ich mich von diesem Film auch zum Lachen habe verführen lassen. Ich will hier nicht lachen müssen, denn was der Film zu Tage fördert ist pures Ressentiment: Schau mal, diese Koreaner da! Es geht mir nicht darum die koreanische Hochzeitsindustrie zu verteidigen. Im Gegenteil. Aber es muss darum gehen sich gegen ein Kino auszusprechen, das pures Ressentiment ist. Ottinger hätte den Film nicht in diesem schmutzigen Gelächter enden lassen müssen. Sie hätte etwas dagegen setzen können und müssen – einen Moment der Still, eine Leere – worin die Reflexion über dieses Lachen möglich gewesen wäre. Sie hat darauf aber verzichtet.
Vielleicht muss man, wie die Organisatoren des Forums mit Ulrike Ottinger befreundet sein um diesen ressentimentalen Blick ignorieren zu können oder ihn nicht wahrzunehmen. Das Kino selbst muss aber Liebe sein: Liebe zu den Bildern an sich, Liebe zu dem, was in diesen Bildern auftaucht und Liebe zu denen, die diese Bilder sehen.
Jean-Marie Straub und Danièle Huillet wurden in einem Interview einmal gefragt, warum sie in Filmen manchmal Konflikte sich bis zum äußersten steigern lassen, es aber nie zu Bildern von Gewalt kommt. Bis zum äußersten empört haben sie darauf geantwortet, dass Gewalt für Filmbilder inakzeptabel sei. Sie hätten es nicht erlauben wollen, dass Menschen sich schlagen, nur um davon ein Bild zu machen. Was Ottinger in ihren Filmen macht, geht darüber aber noch hinaus, weil sie die Gewalt mit ihren Bildern ausübt. Im Kino wird trotzdem gelacht. Da hilft wohl nur, dass es einmal einer ihrer Freunde merkt und ihr sagt oder sie mit dem nächsten Film einfach mal nicht einlädt.

DIE KOREANISCHE HOCHZEITSTRUHE
D 2009
R, B: Ulrike Ottinger
K: Ulrike Ottinger, Lee Sunyoung
35mm, Farbe, 82 min