1 items on »Film und Kritik« tagged with

»keith richards«

Wundert mich eigentlich, dass es die Leute nicht von den Sitzen gerissen hat, bei dem was in "Shine A Light" von Martin Scorsese im Zoo-Palast bei der Berlinale auf der Leinwand abgeht. Aber es ist eben dann doch nur eine Leinwand und kein Live-Konzert, und alle bleiben brav sitzen und klatschen verhalten. Martin Scorsese schafft ein wenig Distanz zwischen den Rolling Stones und sich in den ersten Szenen, er will von der Perfektion seiner Abfilmung und Inszenierung ablenken, indem er einen gefakten Streit um Bühne und Setlist darstellt. Das führt dann dahin, dass man umso mehr begeistert ist, wie präzise und scharf in jedem Sinne die Performance der Rolling Stones eingefangen ist. Die HDKameras gehen nicht schonungsvoll mit den verlebten Gesichtern um, man sieht jede Falte, jede Zigarette, jede Flasche Alkohol. Und trotzdem springen alle, vor allem Mick Jagger, auf der Bühne herum, als wäre all die Jahre nichts gewesen. Es folgen aneinandergereihte Hits aus der Vergangenheit und jüngeren Gegenwart, Gastauftritte von Jack White, Christina Aguilera und Buddy Guy. Zum Glück bleibt es dann aber doch nicht ganz bei einem reinen Konzertfilm. Martin Scorsese schneidet geschickt Schnipsel aus alten Interviews in das aktuelle Konzert mit hinein, so dass man den Eindruck eines Rock-Dinosauriers bekommt, der alle Natur- und in diesem Fall Pop und Rockmusikkatastrophen überlebt hat. Die Rolling Stones stehen über allem. Absolut. Unantastbar sind sie, den Schweiß schüttelt Mick Jagger lässig wie kein anderer ab, die Kippe spuckt Keith Richards auf die Bühne, als stände er im ersten Proberaum vor 40 Jahren. Natürlich konnte niemand ahnen, wie lange die Erfolgsgeschichte der Rolling Stones andauern würde; die Aussage des jüngsten Mick Jaggers, es könnte mindestens noch ein Jahr so weitergehen, getroffen vor bestimmt 40 Jahren, wirkt somit wie das stärkste Understatement im Rockbusiness. Vielleicht hätte man sich aber gewünscht, es wäre noch mehr Film und Musik zusammengekommen, es hätte noch eine tiefere Verschmelzung von Konzertfilm und Regiearbeit gegeben. So sitze ich als Anerkenner der Musik, aber eben nicht als Fan nach einer Stunde dann mehr aushaltend als gespannt im Kinosaal und wünsche mir die Hits herbei, die in Form von "Start me up", "Sympathy for the devil" und "Satisfaction" auftauchen, in Form von "Angie", "Honky tonk woman" und "Paint it, black" fehlen. Die Perfektion Martin Scorseses liegt hier dann vielleicht nicht im Bedienen des Erwarteten, sondern im Verwirklichen seiner Vision, der Vision eines Fans.