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»kamera«

Inmitten der Dokumentation über die Suche von Tenzin Zopa nach der Reinkarnation seines Lehrers gibt es zwischen den vielen wunderschönen und anrührenden Szenen vom spielenden Kind diese eine, die ihrer Schönheit und Bedeutung wegen von mir an dieser Stelle diskutiert werden muss.
Die betreffende Einstellung zeigt die Gesichter von Tenzin und Kind, nach dem er gesucht hat. Der Kleine ist zu diesem Zeitpunkt in etwa zwei Jahre alt. Sie füllen das Bild mit ihren lachenden Gesichtszügen nahezu aus, anscheinend hält Tenzin die Kamera in der Hand und filmt selbst. Das besondere daran ist der nun folgende Dialog: Das Kind sieht auf dem Bildschirm der Handkamera dasselbe Bild wie wir und kommentiert es voller Erstaunen. Ganz augenscheinlich hat es als asiatisches Bauernkind im zivilisatorischen Niemandsland noch nie einen Bildschirm oder eine Kamera gesehen. Tenzin fragt: „Wen siehst du da?“ Zögernd fragt das Kleinkind nach einigen Sekunden zurück: „Bist du das?“ Sich selbst erkennt es auch auf wiederholtes Nachfragen nicht. Mir dämmert, dass dieses wundervoll unschuldige Kind vermutlich in seinem Leben noch kein Spiegelbild von sich gesehen hat. Es kann sich gar nicht erkennen, da es nicht weiß, wie es aussieht. Das wirkt so faszinierend fremd und doch gleichzeitig beruhigend auf mich. Ich versuche mir vorzustellen wie es wäre, wenn ich nicht wüsste, wie ich aussehe. Wie definiere ich dann meine Individualität? Wie ziehe ich mich an? Dieses Kind offenbart allein durch seine Unkenntlichkeit des eigenen Äußeren aus meiner Sicht die Fixierung auf die Oberfläche in meiner Gesellschaft, an die ich trotz Studium gewohnt bin und an der ich trotz besseren Wissens teilnehme.
Nur wenige Sekunden nach diesem ersten magischen Moment offenbart sich der zweite noch in der selben Einstellung: Die Mutter des Kleinen kommt im Hintergrund aus der Haustür. Dieser erkennt sie sofort, zeigt aufgeregt mit dem Finger auf sie. Was dann folgt, ist eine Dokumentation des menschlichen Lernprozesses in Bildern. Es dauert nur wenige Sekunden, aber man kann in diesem Zeitabschnitt den Gedankenvorgang des Jungen in seinem Gesicht direkt ablesen: In den letzten Momenten hat er Tenzin auf dem Bildschirm gesehen, während er auch neben ihm saß. Es scheint eine Verbindung zwischen diesen beiden Tenzins zu geben. In kürzester Zeit wird nun die Brücke vom Raumverhältnis von Tenzin zur Mutter im Hintergrund auf dem Bildschirm geschlossen, und daraufhin der Kopf nach hinten gedreht, um die eigene Theorie zu bestätigen. Es gab keinen anderen Grund für ihn zu vermuten, dass seine Mutter hinter ihm steht, als die Erkenntnis, dass der Bildschirm die derzeitige Realität zeigt. Spätestens an diesem Punkt müsste zwangsweise auch die Identifikation der bisher unbekannten Person neben Tenzin beginnen, und somit das Wissen über das eigene Aussehen entstehen.
Das menschliche Gehirn ist an sich schon ein Wunder, ihm bei der Arbeit direkt zuschauen zu dürfen, dass ist für mich jedoch ein wirklich atemberaubendes Gefühl gewesen.

Unmistaken Child, Israel/2008
Dokumentarfilm
R: Nati Baratz
Ein offener Brief an Bradley Rust Gray

Lieber Bradley,
du hast einen wirklich schönen Film gedreht. Die beiden jugendlichen Figuren im Film zeichnet gerade ihre Durchschnittlichkeit aus. Ich konnte mich gleich mit ihnen identifizieren. Bisher wurden mir auf der Berlinale klamaukige Weltenretter, indonesische Rockbands, paranoide Väter, kindermordende Polizisten, und mit dem Vater schlafende Dreizehnjährige entgegengeworfen.
In THE EXPLODING GIRL sind die Menschen erfrischend stinknormal. Mit den bekannten Problemen und Ängsten. Und einer alltäglichen Geschichte. Und annormal vielen Telefongesprächen.

Ein paar Worte zur Kamera: Dein oftmals voyeuristischer Blick, der über Straßen hinweg die Figuren begleitet und sich dabei auch nicht von sichtverdeckenden Autos stören lässt, gibt den Personen genug Privatsphäre um sich zu entfalten. Das ist gut so. Man fühlt sich wie eine dritte Person, die dem Leben anderer Leute zuschaut, aber die Anteilnahme für sich behält. Allerdings gibt es auch Filme, nach denen man sich fragt, warum man sie im Kino gesehen hat. Deine unspektakulären Einstellungen sind ohne jede Bildkomposition und die unzähligen, körnigen Close-Ups laden nicht gerade zur visuellen Entspannung ein. Erst am Ende rechtfertigt dein Film sein Kinodasein, als Al und Ivy zusammen beim Taubenschlag auf dem Dach sitzen. Die Sonne geht unter und wir blicken mit den beiden Freunden auf den sich verfärbenden Horizont über die Dächer New Yorks, während Tauben um uns herum flattern, landen, und sich wieder in die Lüfte erheben. Mehr davon, bitte!

Was beim nächsten Film vernachlässigt werden darf, sind Telefongespräche. Ich würde jetzt sofort eine Wette abschließen, dass ein Viertel des Films am Telefon verbracht wird. Das wäre ja noch in Ordnung, wenn man sich in der Zeit etwas für die Kamera einfallen ließe. Leider zwingst du dich selbst im Authenzitätsdrang zum Spanner-Draufblick, anstatt die Umgebung zu ersichten. Wenn wenigstens die Dialoge unterhaltsam wären. Da aber Ivy und ihr „Freund“ Greg zu meinem Ärger beide unter Kommunikationsstörungen zu leiden scheinen, enthalten ihre „Gespräche“ mehr Pausen als Wörter, welche sich dann auch meistens auf ein „Hi“, „Well“ oder „Good talking to you“ beschränken. Da sich die beiden so oft so wenig zu sagen haben, reimte ich mir zusammen, dass sie sich schon längst getrennt haben und Ivy es bloß niemandem sagen wollte. Wäre dass nicht eine spannendere Idee gewesen, Bradley? Bei all der Emotionslosigkeit am Telefon scheint keine Liebe vorhanden, da erwarte ich auch keinen großen Trennungsschmerz sondern die konsequenterweise folgende Überwindung von Greg durch die neue Liebe Al. Die gemeinsamen Szenen zwischen ihm und Ivy bilden den Leim, der die Telefongespräche zusammenhält: Die Chemie stimmt, das sieht man ihnen sofort an. So wundert es mich auch nicht, dass Zoe Kazan und Mark Randall während der Fragerunde danach neben dir verliebt herumturteln. In einem Nebensatz erwähnst du, dass deine Wahl auf Mark viel, weil er mit Zoe befreundet war. Nur befreundet also. Du hast mit deinem Film ein augenscheinlich glückliches Pärchen zusammengeführt, Bradley. Meine Glückwünsche! Wenn du deine Prioritäten das nächste Mal weniger beim Nicht-Sprechen am Telefon und mehr bei den Stärken deiner Schauspieler und ihrer Umgebung setzt, wird dein nächster Film bestimmt auch so herzerwärmend wie dieser. Ich bin gespannt.

Dein durch deinen Film freundlich gestimmter

Milan

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The Exploding Girl, USA/2009
Regie und Drehbuch: Bradley Rust Gray
Darsteller: Zoe Kazan, Mark Rendall