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»jugend«

Als Filmemacher/in ist man wahrscheinlich schnell versucht, einer Geschichte über Jugendliche in den Vororten Paris ein tragisches Ende zu verpassen, um nicht in Verdacht zu geraten, alles nur schönreden oder schönfilmen zu wollen oder noch schlimmer: die Realität nicht zu kennen, obwohl man da diskutieren könnte, inwieweit die denn abzufilmen sei. Schöngefilmt ist die Situation der Jugendlichen in "Regarde moi" überhaupt nicht, auch wenn die erste Hälfte des Films, 24 Std. aus einer "männlichen" Sicht, mit viel Witz daherkommt, so als wollte die Regisseurin sagen: Die tun nichts, die wollen nur spielen. Da hilft es mir eigentlich überhaupt nicht weiter, wenn die Regisseurin dann auf der Berlinale nach der Premiere ausplaudert, die erste Hälfte diene nur als Einführung, um zum "Herz der Geschichte" zu gelangen, zur weiblichen Sicht dieser 24 Std.; dann müsste ich sagen: eigentlich sollten sie 1. als Regisseurin befähigt sein, auch ohne 45-minütige Einleitungen "Herzen" von Geschichten erzählen zu können, und 2. hatte die Geschichte auch vor dem Perspektivwechsel viel Herz. Also erspare ich mir den Rest dieses Interviews und lasse mich von den Aussagen der Regisseurin oder Berlinale-Verantwortlichen nicht einreden, was ich da gerade gesehen und verstanden habe, und was nicht. Audrey Estrougo ergibt sich also nicht der Versuchung eines typisch tragischen Endes, sondern lässt zum Schluss ihres Films Hoffnung zu. Ich bin übrigens für die Einführung eines Gegenbegriffes zum "Happy End". Vielleicht könnte man in Zukunft bei europäischen Filmen, die immer mit dem Tod oder Selbstmord eines oder mehrerer Hauptfiguren enden "Tragic End" sagen, so dass man aus dem Kino rausgeht und ganz selbstbewusst vor sich hin krähen kann: "Böh, wieder so ein typisches Tragic End!" Aber zurück zum Film. Vielleicht gibt es so etwas wie ein Herz der Geschichte, aber das ist dann wohl die Liebe, die hier in verschiedenen Richtungen auftaucht. Das Augenmerk liegt dann zum Schluss auf der Geschichte zwischen der weißen Julie und dem schwarzen Jo, an deren Liebe sich die ganze Problempalette der Jugendlichen aufrollt. Jo ist hin- und hergerissen zwischen seinem Aufstieg als Profifußballer und seiner Fürsorge für seinen jüngeren Bruder, bei dem er eine kriminelle Karriere vermutet, Julie versucht mit Vorstellungsgesprächen aus dem Sumpf mit ihrem alleinerziehenden Vater herauszukommmen; wie die beiden sich verliebt haben, wird nicht gezeigt, ist ja auch egal, sie sind verliebt, tänzeln umeinander herum und schließlich will Jo sie mit nach England nehmen, wo er bei einem Fußballclub spielen wird. Aber da ist noch Éloïse, die eifersüchtig und zornig auf die beiden ist, auch sie liebt Jo und fühlt sich ungerecht behandelt und schwankt zwischen dem selbstbewussten Auftreten in der Gruppe als Schwarze und dem Traum, es würde alles besser, sei man weiß.
All dies geschieht in Sozialbauwohnungen, wenigen Straßen, engen Hausfluren, und immer wieder Treppenauf- und abgängen. Die Enge, in der diese Jugendlichen gefangen sind, ist auch eine räumliche Enge. Und diese räumliche Enge wird dann zu einer Bühne, auf der die Jugendlichen ihre Aufwachs-Performance abliefern.
Wer Audrey Estrougo nun vorwirft, mit ihrem Happy End würde sie doch nur wieder ein klassisches Werk abliefern, dem sei gesagt, dass sie die Erwartung, im Zusammenhang mit dem Happy Ende würde nun im "weiblichen" Teil alles viel weicher und emotionaler ablaufen, nicht erfüllt. Denn im zweiten Teil kommen wir tatsächlich näher - auch mit der Kamera - an die Darsteller heran, doch wir kommen auch näher an einer innere und äußere Brutalität. So wie der Film zwei Seiten hat, so hat auch der zweite Teil in sich zwei Seiten. Und so wie der Film zwei Seiten hat, hat auch die Realität in den Banlieus zwei Seiten.