Wednesday, 27. September 2006, 15:26Uhr
... so basically it means "you're going to hell"
Megan Thomas Melly auf die Frage nach einer Definition des Begriffs Tarnation.

Inhaltlich ist Tarnation wohl jeglicher negativen Kritik gefeit. Zu unmittelbar hat man am Schicksal von Jonathan Couette und seiner Mutter 88 Minuten teilgehabt. Man kann da kaum noch von einer Distanz zu den Bildern, den persönlichsten, die man gesehen hat, sprechen. Da ist man wie er: machtlos. Und da ist auch kein Pathos im Titel, wenn man sagt, das Schicksal von Renee und Jonathan Caouette war wohl von Anfang an chancenlos ?tarnated?, also verdammt.
Renee Caouette fällt als Kind vom Dach. Kann, wenn auch körperlich gesund, anschließend nicht mehr laufen. Die Eltern überlassen sie einer Elektroschocktherapie. In Folge dessen erkrankt sie einer Schitzophrenie und verlässt nicht mehr das Haus. Die Ehe zu einem Vertreter scheitert, bevor der weiß, dass Renee schwanger ist. Sie muss in die Psychatrie, Jonathan wächst bei den Großeltern auf. Sein Vater ist verschwunden. Eines Tages holt sie ihn ab. Will mit ihm in Chicago neu anfangen. Am ersten Abend wird die Mutter vergewaltigt. Der Sohn muss zusehen. Und dies ist erst der Anfang.
Der weitere Verlauf beider Geschichten wird gesehen durch die Augen des Sohnes. Oder anders: wird gesehen, wie er sieht und eben dies wiederspiegelt. Mit so viel Liebe zur Mutter. Distanzlos zu sich. Jonathan Couette dokumentiert sich von klein auf. Er will Schauspieler werden. Macht Kurzfilme. Kurz: Filmt. Sich. Seine Familie. Alles Mögliche. Und der gesamte Film, seine und die Geschichte seiner Mutter, erzählt sich aus gesammeltem persönlichen, erst später bewusst für den Film dokumentierten Bildern. Fotos, Tonaufnahmen von Anrufbeantwortern, VHS, später DV. Kein Off Text, nur Titel, die über den Verlauf oder das Geschehene in Kenntnis setzen. Tarnation ist eine Collage unzähliger Bilder und Tonspuren, die Jonathan Caouette gesammelt und, mit später bewusst für den Film dokumentierten Bildern, montiert. Tausender kleiner Bildfragmente, die sich im Schnitt ins Unzählbare splitten. An Splitter mag man denken. Da geht?s um eine Identität. Eine zerborstene. In den zwischenzeitlich gesetzten Titeln, die das nicht dokumentierte erzählen, spricht er von sich in der dritten Person. Auf Grund traumatischer Erlebnisse erleidet Caouette eine psychische Störung. Er kann sich nur von außen wahrnehmen.
Was geschehen ist, dokumentieren aber auch immer wieder die Bilder auf ihre eigene Art und Weise. Dies, da sie nicht das Geschehene dokumentieren, sondern Dokumente als solche sind, die in ihrer fragmentarischen Anordnung all dies innehaben. All dies aus sich heraus lesen lassen. Bspw. wenn Caouette als 12 jähriger, nur für sich selbst, vor der Kamera eine vergewaltige Frau spielt. Sich in Rage spielt, nicht aufhört, weiter und weiter macht, die Tränen fließen und ganz plötzlich einfach alles transzendiert. Das Fiktionale, das Dokumentarische, er, die Mutter, das Bild, das Format, die Leinwand, das Innen, das Außen.
Es sind die gerade diese Bilder aus Caouettes Jugend, in der eine Performation oder Inszenierung seiner Selbst statt findet, sei es auf einer modisch- oder subkulturell codierten Zeichenebene (wie kann man mit 12 schon so hip sein?) oder durch das was er tut, in welchen gerade durch seine Entfremdung zum Betrachter eine ganz große Nähe entsteht. Und dies nur durch die montierten Bilder, wo ihn doch damals niemand verstanden hat. Man will mit ihm aufschreien. Man wird aber auch mit ihm zu Ruhe kommen. Dann gibts kein gefühltes Innen und Außen mehr. Dann ist die Leinwand wieder weiß und vorne. Caouette - zumindest gefühlt - sitzt neben einem.
Noch eine Anmerkung zum Schluss: nicht minder tief als in seinem Bilderfundus hat Caouette Perlen seiner Jugend für den Soundtrack ausgegraben. Ganz ganz vorne.
TARNATION
USA 2003 88min DV, VHS, Super 8
B. R. K.: Jonathan Caouette
Tarnation Trailer
Megan Thomas Melly auf die Frage nach einer Definition des Begriffs Tarnation.

Inhaltlich ist Tarnation wohl jeglicher negativen Kritik gefeit. Zu unmittelbar hat man am Schicksal von Jonathan Couette und seiner Mutter 88 Minuten teilgehabt. Man kann da kaum noch von einer Distanz zu den Bildern, den persönlichsten, die man gesehen hat, sprechen. Da ist man wie er: machtlos. Und da ist auch kein Pathos im Titel, wenn man sagt, das Schicksal von Renee und Jonathan Caouette war wohl von Anfang an chancenlos ?tarnated?, also verdammt.
Renee Caouette fällt als Kind vom Dach. Kann, wenn auch körperlich gesund, anschließend nicht mehr laufen. Die Eltern überlassen sie einer Elektroschocktherapie. In Folge dessen erkrankt sie einer Schitzophrenie und verlässt nicht mehr das Haus. Die Ehe zu einem Vertreter scheitert, bevor der weiß, dass Renee schwanger ist. Sie muss in die Psychatrie, Jonathan wächst bei den Großeltern auf. Sein Vater ist verschwunden. Eines Tages holt sie ihn ab. Will mit ihm in Chicago neu anfangen. Am ersten Abend wird die Mutter vergewaltigt. Der Sohn muss zusehen. Und dies ist erst der Anfang.
Der weitere Verlauf beider Geschichten wird gesehen durch die Augen des Sohnes. Oder anders: wird gesehen, wie er sieht und eben dies wiederspiegelt. Mit so viel Liebe zur Mutter. Distanzlos zu sich. Jonathan Couette dokumentiert sich von klein auf. Er will Schauspieler werden. Macht Kurzfilme. Kurz: Filmt. Sich. Seine Familie. Alles Mögliche. Und der gesamte Film, seine und die Geschichte seiner Mutter, erzählt sich aus gesammeltem persönlichen, erst später bewusst für den Film dokumentierten Bildern. Fotos, Tonaufnahmen von Anrufbeantwortern, VHS, später DV. Kein Off Text, nur Titel, die über den Verlauf oder das Geschehene in Kenntnis setzen. Tarnation ist eine Collage unzähliger Bilder und Tonspuren, die Jonathan Caouette gesammelt und, mit später bewusst für den Film dokumentierten Bildern, montiert. Tausender kleiner Bildfragmente, die sich im Schnitt ins Unzählbare splitten. An Splitter mag man denken. Da geht?s um eine Identität. Eine zerborstene. In den zwischenzeitlich gesetzten Titeln, die das nicht dokumentierte erzählen, spricht er von sich in der dritten Person. Auf Grund traumatischer Erlebnisse erleidet Caouette eine psychische Störung. Er kann sich nur von außen wahrnehmen.
Was geschehen ist, dokumentieren aber auch immer wieder die Bilder auf ihre eigene Art und Weise. Dies, da sie nicht das Geschehene dokumentieren, sondern Dokumente als solche sind, die in ihrer fragmentarischen Anordnung all dies innehaben. All dies aus sich heraus lesen lassen. Bspw. wenn Caouette als 12 jähriger, nur für sich selbst, vor der Kamera eine vergewaltige Frau spielt. Sich in Rage spielt, nicht aufhört, weiter und weiter macht, die Tränen fließen und ganz plötzlich einfach alles transzendiert. Das Fiktionale, das Dokumentarische, er, die Mutter, das Bild, das Format, die Leinwand, das Innen, das Außen.
Es sind die gerade diese Bilder aus Caouettes Jugend, in der eine Performation oder Inszenierung seiner Selbst statt findet, sei es auf einer modisch- oder subkulturell codierten Zeichenebene (wie kann man mit 12 schon so hip sein?) oder durch das was er tut, in welchen gerade durch seine Entfremdung zum Betrachter eine ganz große Nähe entsteht. Und dies nur durch die montierten Bilder, wo ihn doch damals niemand verstanden hat. Man will mit ihm aufschreien. Man wird aber auch mit ihm zu Ruhe kommen. Dann gibts kein gefühltes Innen und Außen mehr. Dann ist die Leinwand wieder weiß und vorne. Caouette - zumindest gefühlt - sitzt neben einem.
Noch eine Anmerkung zum Schluss: nicht minder tief als in seinem Bilderfundus hat Caouette Perlen seiner Jugend für den Soundtrack ausgegraben. Ganz ganz vorne.
TARNATION
USA 2003 88min DV, VHS, Super 8
B. R. K.: Jonathan Caouette
Tarnation Trailer
