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»jerichow«

Eins, zwei, drei: ein Film wie eine Übung im Zählen und Zahlen. Am Ende bleibt davon nichts verschont, vielleicht nicht einmal Petzold selber. »Man kann sich nicht Lieben, wenn man kein Geld hat.« Aber scheinbar kann man das auch nicht, wenn man welches hat. Oder man muss es dann. Aber lieben müssen und nicht lieben können ist wohl das gleiche. Es geht los, rückwärts, denn nun ist alles vorbei:
DREI
Sie stehen dort an der Klippe, zu dritt, als ob sie demonstrieren wollten, was die Psychoanalyse mit Triangulierung meint: da ist ein Konflikt zwischen zweien und ein dritter kommt hinzu. Aber niemals können sich alle drei in die Augen sehen. Man kann nur einem zusehen, wie er den anderen ansieht. Oft sind wir im Kinosaal dieser dritte und schauen denen auf der Leinwand beim Schauen zu. Petzolds drei brauchen uns scheinbar nicht. Was könnten wir für sie auch tun? Wir wissen zwar hier und da etwas mehr über einen der drei, z.B. das er gar nicht in die Türkei fliegt, aber was dann wirklich passiert, erfahren wir hier unten in der Dunkelheit auch erst mit denen da oben im Licht. So schön geordnet wie sie kurz vor Schluss am Meer stehen, hätte man es in den 90 Minuten vorher manchmal gern gehabt: dann starrt sie aber nur hinaus ins Dunkel der Nacht oder er steht hinter ihr im Schatten und sie kann ihn nicht ansehen, weil sie sonst den anderen aus den Augen verliert. Am Ende stehen drei und das ist immer einer zuviel, in der Psychoanalyse wie im Kino. Einer muss also weg, dann sind es nur noch
ZWEI
Zwei, als Paar, könnten so schön eins sein, aber nicht in Jerichow. Hier verdoppelt sich alles unheilvoll. Man wiederholt: es, sich und merkt es nicht einmal. Einmal kommt Ali frühmorgens in Thomas’ Haus und macht Kaffee: »Ich hab dir auch einen gemacht.«, sagt er und hält ihm die Tasse hin. Von Ali klingt diese nette Geste mindestens doppeldeutig: ich kümmere mich um dich, aber pass auf Freund: ich beobachte dich auch! Später ist Laura in dem Haus, auch morgens, nach einer gemeinsamen Nacht und macht ebenfalls Kaffee: »Ich hab dir auch einen gemacht.« spricht sie Ali nach. Thomas merkt nichts, aber im Kinosaal kriegt man Gänsehaut. Zweimal steht Alis Leben auf der Klippe, der Film zentriert sich um zwei Häuser: ein schönes großes und ein kleines altes. Zweimal wird Geld versteckt vor anderen, die es besser nicht finden sollten und dann doch klüger waren: einmal ist es von der Mutter geerbt und einmal vom Ehemann gestohlen. Und selbst die Orte sind hier unheilvoll verdoppelt: als ob der Fluch, der auf den eingestürzten Mauern des biblischen Jericho lastet in Sachsen-Anhalt zur vollen Entfaltung gekommen wäre. Schließlich fällt es nicht schwer in den Lichtbildern der Leinwand unsere deutsche Welt von heute wieder zu erkennen. Aber es sind eben doch zwei unterschiedliche Welten, die nur wie Zwillinge nebeneinander existieren: sie sind zwei und sehen doch aus wie
EINS
Um einen Unterschied zu markieren, braucht man nicht zwei Dinge, die sich voneinander unterscheiden, sondern man braucht ein Ding, das den Unterschied macht. Und dieses Ding muss einmalig sein, sich selbst nicht unterscheiden, vielleicht sogar ununterscheidbar sein. In der Welt von Jerichow trifft das vielleicht nur auf ein Ding zu: ein blinkendes, kitschiges, hässliches Feuerzeug in der Form eines Rennwagens, bei dem aus dem Dach Feuer kommt, wenn man hinten draufdrückt. Und dieses Ding macht den Unterschied zwischen Leben und Tod: als Ali es findet, ist sein Schicksal besiegelt. Es sind nicht die Menschen, die für sich oder andere Entscheidungen treffen, sondern es sind die Dinge, die einen Unterschied machen. Sie machen sich selbstständig und nehmen uns den Glauben an unseren freien Willen.

Von einem solchen träumt Christian Petzold mit seinem arithemtischen Filmen wohl schon lange nicht mehr. Was Beziehungen waren sind abzählbare Relationen geworden: immer schaut bei zweien ein dritter zu, immer hat man eines vergessen. Vielleicht bleibt, um eine in Weimar gerade zirkulierende These aufzugreifen, tatsächlich nur ein Film, der am Meer endet. Wenn man in diesem Kino nicht mehr mitzählen will, dann kann man den Blick sich nur im Wald verlieren lassen oder, am Ende, auf dem wunderbaren Grün der Ostsee, auf dem Meer. Auf einem Grün, das man nicht zählen und nicht sagen kann, sondern sehen muss und das einem vielleicht so etwas wie Trost in all der Zähl- und Zahl-Schwere von Jerichow gibt.

JERICHOW
Deutschland 2008, 93min, Farbe
B/R: Christian Petzold
K: Hans Fromm
S: Bettina Böhler
D: Benno Fürmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer
JERICHOW
Regie: Christian Petzold, Deutschland 2008, 92 Min.



Im Morgengrauen. Es herrscht Stille. Ein Mann liegt im Graß, im Garten eines heruntergekommenen Hauses. Ein Reh beschnüffelt ihn. Es wendet sich ab.
Eine kleine, eine betörenden Szene von denen es viele gibt - in JERICHOW.
Thomas heißt der, der dort im Dreck liegt - bewusstlos.

"Nen Profil für nen Gurkenflieger?!", Thomas schaut die Frau vom Arbeitsamt irritiert an. Einen Job als Erntehelfer kann sie ihm anbieten. Ihm, dem Soldaten. Seine unehrenhafte Entlassung, wird natürlich auch eingetragen. Wenige Schnitte später findet man Thomas bei der Gurkenernte wieder. Es muss Juni sein, immer um den Juni herum werden die Gurken geerntet. Doch vom Sommer merkt man in Christian Petzolds neuem Film nicht viel.
Zwar scheint die Sonne fast unentwegt und stehen die Wälder des Jerichower Lands in vollem Grün. Aber das Licht wirkt unnatürlich: Kalt. Farblos. Ausgelaugt. Fahl scheint die Sonne, selbst am Strand. Unwirtliche Schönheit.
Vor der Ernte begegnet ihm Ali, im Strassengraben. Ein Unfall führt die beiden zusammen. Eine wichtige, kleine Wegmarke für den weiteren Verlauf der Geschichte.

Der Strand. Ein Haus im Wald. Ein Haus am Acker. Dazwischen Strassen, Dörfer, Imbissbuden vor Billig-Supermärkten. Und die Steilküste. Jerichow, im platten Jerichower Land Sachsen-Anhalts, an der Grenze zu Brandenburg, liegt gleich am Flughafen Rostock-Laage und die Steilküste samt Strand, ist auch nur einen Schnitt weit entfernt. Petzold hat seine Figuren umfassend entwurzelt: Der große Raum zwischen Ostseeküste und Berlin ist scheinbar verschmolzen. Wo kaum mehr Menschen leben, heben sich terretoriale Ordnungen einfach auf. Für Thomas, Laura und Ali gibt es nur noch die aufgezählten Orte. Einzig eine Stadt wird genannt: Leipzig. Doch das ist viel weiter südlich, in Sachsen, da gibts noch Leben. Aber für eine der drei Hauptfiguren trotzdem keine Hoffnung mehr.

45 Imbissbuden gehören Ali, dem Deutschtürken, der sich aus dem nichts eine Existenz aufgebaut hat, hier im Nirgendwo. Sein Geld verdienen andere. Aber er sitzt ihnen täglich im Nacken, macht den Einkauf, kontrolliert die Bücher, was auch nötig ist, wie sich schnell zeigt: "Die bescheissen mich doch alle hier!" Der Beschiss, den er hier gegenüber Thomas, seinem neuen Angestellten und Fahrer, äussert, wird sich bald in ungeahnter Weise entwickeln.

Avantgarde

Laura, die schlanke, streng und abweisend wirkende Ehefrau Ali's, macht die Buchhaltung. Sie nimmt den neuen Angestellten kaum zur Kenntnis, er sie dafür umso mehr: Thomas kann die Augen nicht von ihr lassen! Doch Thomas ist unattraktiv für sie. Er hat nichts, ausser dem baufälligen Haus seiner toten Mutter. Ali hat eine florierende Firma und ein wesentlich schöneres Haus, idyllisch gelegen, mitten im Wald. Geld, auch in diesem Film von Christian Petzold scheint es die allgegenwärtige Religion der Protagonisten zu sein. Vor allem Petzolds Frauenfiguren können ohne Mammon scheinbar nicht existieren. Yella, aus Petzolds vorherigem Werk mit gleichem Namen, und Laura - beide ähneln sich in ihren Charakteren auffallend. Beide vertehen sie das Handwerk des Geldes, als Buchhalterinnen. Und beide kann nur das Geld an einen Mann binden. Wer nichts hat, ist nichts. Dafür verlies Yella ihre Heimat und ihren Ehemann. Dafür lebt Laura mitten im Wald, schleppt Getränkekisten durch die Gegend und erduldet die rasende Eifersucht Alis. Doch der Drang zum Geld hat bei Laura wie bei Yella kein konkretes Ziel. Träume haben sie nicht, höchstens die ihrer Männer. Zukunft findet nicht statt. Das einzige was zählt, ist Geld im hier und jetzt. Es ist der Antrieb ihrer Existenzen.

Überstrapazierten Super-Mütter. Pseudo-emanzipierte und fashionorientierte Chicks aus Manhattan. Heimchen am Herd. Sinnsuchender Gutmensch. Mitzwanzigerin in der Lebenskriese. Petzolds Frauen haben mit all diesen verkommenen, wie auch gänzlich überstrapazierten Rollenbildern nicht das Geringste zu tun. Sie sind, ja man muss es vielleicht wirklich so sehen, Avantgarde! Und sie sind Arschlöcher! Geld - thats it! Liebe ist nett und wichtig. Aber ohne Geld keine Liebe. Das spricht Laura offen aus. Nach dieser Premisse handelt Yella. Geld ist gleichbedeutend mit Sicherheit. Und in seiner Flüchtigkeit ist es doch das einzig Verlässliche. Ist es weg, kann man es wiederbeschaffen. Die dazu notwendigen Mittel finden sich. Männer sind hingegen unberechenbar, können tödlich sein oder zum Ballast werden. Aber sie sind gern genommen, man bringt ihnen sogar Liebe entgegen. Solange sie Sicherheit versprechen und dieses Versprechen auch täglich einlösen.

Gespenster

Sicherheit: Ein zentrales Thema aller Petzoldschen Charaktere. Der ständige Blick über die Schulter, Gefahrenabschätzung und Absicherung. Und Selbstvergewisserung. Existensversicherung und Existenzsischerung durchdringen sich in JERICHOW fortlaufend. Und hier kommen die Gespenster dann doch wieder zum Zuge. Schonwieder. Aber doch genau passend und richtig. Der Beginn des Films, mit dem Tod, ist hier nur der offensichtlichste Anhaltspunkt. Thomas und Laura, und Orte die schon immer geisterhaft besetzt waren - vom Film: Scheinbar verlassene Häuser, dunkle Wälder und natürlich Klippen. Hier treffen sich beide heimlich, hier lieben sie - Schlüsselszene: Ali und Laura suchen des Nachts Waschbären im Wald vor dem Haus. Thomas hatte die Geräusche verursacht, die Ali als Waschbär deutet. Laura entfernt sich von Alis Taschenlampe, geht ein paar Schritte rückwärts. Ein Baum wirft vom Licht des Hauses Schatten. Aus dem Dunkel des Schattens umschließen Hände die von Laura. Thomas liebkost sie kurz. Ali dreht sich um. Doch bevor seine Taschenlampe die Szenerie entlarven kann ist Thomas bereits ins Dunkel der Schatten zurückgewichen. "...dachte da war was."

Aber Ali bildet hier keineswegs den lebendigen Gegenpol zum geisterhaften Duo. Unsichtbar. Unsichtbar in einem Land - das ist Ali. "Ein Land das mich nicht will!", sagt er zu Thomas, verbittert und wütend. Alle Arbeit, alles Geld scheint wertlos zu sein, er kann hier nicht ankommen, er soll hier nicht ankommen. Er ist von woanders her, das ist hier allenfalls gedultet. Aber er hat keinen Anspruch auf Heimat. Er fährt nur tagtäglich seine 45 Imbissbuden ab, mit seinem weißen Lieferwagen. Anonym. Und ähnlich unwillkommen wie die Familie in Petzolds DIE INNERE SICHERHEIT. Politik und Gesellschaftskritik, unmißverständlich in den Kopf des Zuschauers gepflanzt. Großartig!
kamera: hans fromm

Das findet Petzold sicher blöd, aber viel besser als seine Filme finde ich das, was er so über seine und Filme allgemein zu sagen hat. Nach dem Kino lese ich im Foyer ein Interview mit ihm in der Zeit. Der Witz seiner Rederei löst die Schwere und Bedeutungsgeladenheit seines Films in wenigen Sekunden bei mir auf.

"Is ja lustig!" scheint mir erst der schönste, weil trivialste, also richtig aus dem Leben gegriffene Satz des Films zu sein (klingt eher wie ein Satz aus 'nem Dresen-Film...). Thomas, gibt Ali Feuer für seine Zigarette. Das Feuerzeug hat die Form eines Autos aus dessen Dach beim Drücken des Heckspoilers Feuer kommt. Ali findet das lustig. Aber nur so nebenbei. Ist es auch besonders, weil Thomas sonst gar nichts Komisches an sich hat, so voll Trauer und Afghanistan und Sinnsuche. Das Feuerzeug mit seiner Komik lenkt ab und löst die Spannung der Szene. Schließlich wissen wir, dass Thomas kurz zuvor mit Alis Frau Laura "intim" war, wie man sagt.

"Is ja lustig", sagt der Mann und ich denke sofort, wie lange er (Petzold) wohl an dem Satz geschrieben haben mag, ehe er ihn so hatte.Wahrscheinlich purzelte er nach drei Tagen Probe endlich einfach so aus Ali, bzw. Hilmi raus. Tja. Ich will da nicht drauf rumreiten. Fiel mir halt auf. Aber dann!

Ich schwöre, ich wollte eigentlich nur über diesen gelungenen normalen Satz schreiben, dessen Erzeugung (ich meine das mit vollem Ernst!) viel Arbeit ist, wohl auch, weil mir das andere über diesen Film zu Schreibende so kurz danach noch nicht einfällt und ich über meine eigene unmittelbare Unfähigkeit dessen hinwegschreiben wollte, als mir im Schreiben und Nachdenken darüber, die eigentliche Pointe des Witzes, des Feuerzeugs an sich, erst klar wird. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Das Feuerzeug taucht kurz vor Ende des Films, oh winkender Zaunpfahl, nochmal auf. Und noch mehr: Ali stürzt mit seinem Auto die Ostsee-Kante hinunter und die Karre explodiert. Schönes Feuer. Der Liebe zwischen Thomas und Laura stehen kein Ali und keine Schulden mehr im Weg. Denn sie wissen nicht was sie da tun.

Oh Mann! Also selbst der vermeintlich simpelste Satz, der erst aufheiternd auffällig wird und heraus fällt, fügt sich in das Ganze und bekommt Bedeutung über die Szene hinaus, betont diese und nimmt vor weg, unterstreicht und besiegelt die komplette Konstruktion dieses Films. Künstlichkeit. Das raubt dem Satz schlagartig die Unschuld und dem Film seine letzte Leichtigkeit.

Ich kann mich nicht entscheiden ob ich diese "Erkenntnis" erhellend oder ernüchternd, genial oder banal finde. Denn letztlich entsteht bei diesem petzoldschen Denkkino, dessen noble Haltung und Intellektualität ich immer spüre, aber in dem Augenblick des Sehens selten reflektiere, nicht viel. Suspense, ja. Das ist schon viel mehr als sonst im "deutschen Kino". Who cares. Gefühl entsteht höchstens für Ali, einer neuen Figur im Petzold Kosmos. Der ganze Subtext, der Osten, Arbeit heute, keine Arbeit, Ödnis, Einsamkeit, Kriegstrauma, Geld, Körper, Kapitalismus, Amerika, ... verstecken sich in ganz wenigen Szenen und im Schweigen. Und wird erst so richtig offen klar, mir zumindest, in den erhellenden Interviews mit Christian Petzold hier und dort.

Vielleicht bin ich zu blöd, um alles sofort zu sehen, vielleicht bin ich auch zu bewusst sehend, um es nicht sofort nur zu spüren. Der im Film ausgesparte, aufs Minimum reduzierte Subtext befreit womöglich die Handlung vom Ballast des Alltäglichen und gibt der zeitlosen Tragik Raum. Das gibt dem Film Größe, macht ihn zu Kino, bringt Kompatibilität zum internationalen Kontext. Das zu kapieren erfordert den Weg, den ich als Zuschauer nach dem Film noch gehe. Ich fürchte die wenigsten tun es. Das Interview-Gerede von Petzold hilft dabei. 100.000 Leute im Kino reichen, um Petzold-Filme zu refinanzieren, sagt er da. Mehr nicht. Jeder Petzold-Film bringt also Gewinn.

JERICHOW
Deutschland 2008, 93min, Farbe
B/R: Christian Petzold
K: Hans Fromm
S: Bettina Böhler
D: Benno Fürmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer

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