Thursday, 28. February 2008, 05:06Uhr
DIE LIEBE IN DEN ZEITEN DER CHOLERA
Regie: Mike Newell, USA 2007, 139 Minuten, Verleih: Tobis, Startdatum-D: 21.02.2008
Ein altes Grammophon spielt, die Kamera blickt von oben auf das Gerät. Ein alter Mann lauscht der Musik, dann schreckt er hoch. „Da bist du ja!“, er steht auf und das Bild öffnet sich für einen wunderschönen Garten. Auf dem Baum, da sitzt sein Papagei, den er wieder einfangen will. Gebrechlich wie er ist, mit einem Krückstock, geht er zur Leiter, steigt auf sie. Das Hausmädchen brüllt von der Veranda: „Er solle es lassen, er wird sich noch das Genick brechen.“ Doch der alte Herr hört nicht auf sie. Einige Szenen später läuten die Glocken der Kathedrale von Cartagena, Kolumbien.
„Es muss jemand wichtiges gestorben sein“, bemerkt der ältliche aber gutaussehende Florentino Ariza (Javier Bardem) und blickt von der Hängematte zum Fenster. „Heute ist Pfingsten“, meint die junge Frau, die halbnackt mit ihm in der Hängematte liegt. Doch Florentino Ariza liegt richtig, er steht auf, schickt sie weg und Schnitt.
Weitere Szenen später hat der Film die Epoche gewechselt: 1879, Cartagena, Kolumbien. Ein junger Mann bringt ein Telegramm zu einem Maultierhändler, der soeben in die Stadt gezogen ist, zusammen mit seiner Tochter. Sie, sieht er, der junge Florentino Ariza (Unax Ugalde), beim verlassen des Hauses und kann seinen Blick minutenlang nicht von ihr abwenden. Sie, die ebenso junge Fermina Daza, beantwortet sein Anstarren mit einem verschüchterten Aufblicken.
Vom „Blitz der Liebe getroffen“, wie er es später formulieren wird, schreibt er die ganze Nacht an einem Liebesbrief. Seine Mutter wird am nächsten morgen –freudestrahlend- Tipps geben. Er gibt ihr den Brief und wartet auf Antwort: „Du musst jetzt leiden, mein Junge.“, weiß seine Mutter zu bemerken und dann bringt die Zofe die erlösende Antwort. Es folgen heimliche Briefwechsel, ein nächtlicher Hochzeitsschwur: „Ewige Treue, immerwährende Liebe“ verspricht er ihr. Dann kommt Ferminas Vater hinter die Geschichte, verbietet ihr den Umgang und droht ihm den Tod an, was er mit einem heroischen „Nichts wäre ruhmreicher als für die Liebe zu sterben“, beantwortet.
Wem an dieser Stelle immer noch nicht klar geworden ist, WAS dieser Film ist, der hat die entscheidende Lektion in Sachen Filmgeschichte verpennt: Die Schnulze! Vornehmlich von Hollywood, dem (zumeist jungen) Publikum mit Disney-Filmen beigebracht.
Diese „Halbgattung von Film“ birgt eine Menge Sprengstoff in sich: Sie ist fähig, ein Publikum auf der Stelle in das Lager der Liebhaber und der erbitterten Feinde zu spalten. Und das quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. Die Schnulze bzw. der pathetische Liebesfilm hat es mittlerweile schwer im Kino: Hollywood verdient sein Geld lieber mit hochgezüchteten Spektakel-Blockbustern. Und das europäische Kino scheitert meistens weit vor Drehbeginn an monetären Gegebenheiten. Und dann wird der Kino-Schnulze das Feld auch noch durch einen schwarz-grauen Kasten, mit Rosamunde Pilcher darin, streitig gemacht. So hat sie über die Jahre ihr Publikum verloren, die Glanzzeiten sind lange vorbei: Im Kino geht’s heute 120 Minuten lang rund oder aber 90 Minuten lang um bildgewordene Depression; böse Zungen nennen das den „Neuen deutschen Film“.
Der Import dominiert das verbliebene Terrain der Schnulze: Qietschbuntes Zelluloid – Made in India. Gezeigt in Festivals oder gleich auf DVD veröffentlicht.
Aber wann haben sie das letzte Mal solche Sätze im Kino gehört: „Der Blitz der Liebe hat mich getroffen und hoffnungslos verbrannt.“, „Das Schicksal meines Lebens ist es, Fermina zu lieben.“ oder „Ich wusste, du bist zu stolz um zurück zukommen, also bin ich gekommen um dich zu holen.“ Solche Texte werden in DIE LIEBE IN ZEITEN DER CHOLERA häufig gesprochen. Fast das gesamte Drehbuch scheint aus solch bedeutungsschwangerer Wortwahl zu bestehen. Jeder Satz ist pathetisch genug, um daraus drei Hollywood-Filme zu machen. Und das geht 139 Minuten so. Die Feinde der Schnulze werden den Hass in jeder Ader spüren und das Kino noch vor der 60. Minute verlassen haben. Doch dann entgehen ihnen solch kleine wortgewordene Juwelen: „Warum hast du soviel Erfolg bei Frauen?“ Antwort: „Weil sie sehen, dass ich einsam bin. Das ich ihnen nicht wehtun kann…, mein Herz hat mehr Zimmer als ein Hurenhaus.“, sagt Florentino Ariza und beginnt von seiner letzten Affäre zu erzählen, Nummer Sechshundert irgendwas: Amerika.
Und hier schließt sich der Kreis wieder, der Film kehrt zur Hängematte und den Turmglocken der Kathedrale Cartagenas zurück. Es folgt -selbstverständlich- das Happy End.
In den zwei Stunden vorher, erlebte der Zuschauer die Literaturverfilmung von Gabriel García Márquez’ Roman „Liebe in Zeiten der Cholera“, die Geschichte der geheimen Liebe des Florentino Ariza zu der schönen Fermina Daza, die sie über fünfzig Jahre hinweg nicht ausleben konnten. Regisseur Mike Newell (MONA LISAS LÄCHELN, HARRY POTTER 4) und Drehbuchautor Ronald Harwood (TAKING SIDES, DER PIANIST, OLIVER TWIST) destillieren aus dem Roman des Nobelpreisträgers Márquez einen elegischen Film, der seine Geschichte -in exotisch-schönem Dekor- gemächlich ausbreitet. Ein opulentes, plakatives Werk, aber nicht so schreiend bunt und laut wie Bollywood. Nicht so überdramatisiert wie bei den Indern, aber doch mit einer mächtigen Portion Pathetik. Dieser Film ist kein Sittengemälde, er erhebt keinen Anspruch auf historische Authentizität. Seine Figuren sind so Plakativ wie beim „ganz großen“ Theater, ohne tiefere Schichten oder Eigenleben. Javier Bardems Florentino Ariza muss der ewig leidende Hund bleiben, der ähnlich gebrochen und mitleiderregend umher tippelt wie Ben Whishaws Wahnsinns-Mörder, Jean-Baptiste Grenouille im Tykwer/Eichinger-Machwerk DAS PARFUM. Und Giovanna Mezzogiorno darf ihre Fermina Doza stets als die still leidende, aber vernunftbegabte Schöne darbieten. Nur selten sind die Zügel lockerer, können Bardem wie Mezzogiorno ihren Figuren mal etwas Vitalität einhauchen.
DIE LIEBE IN ZEITEN DER CHOLERA ist ein monströses Werk, im zeitlichen Sinne. Mit einer Dramaturgie, weitab von –narrativ turbo-gebrüteten- 60 Fernsehminuten, was diesen Streifen irgendwie sympathisch macht. Dieser Film gefällt sich sichtlich im Ausleben seiner Schnulzigkeit. Er gibt nicht vor, etwas Anderes sein zu wollen als eine ausgewachsene Kino-Schnulze.
Sowas muss man nicht mögen oder sehen wollen, aber man kommt nicht umhin, ihm für diese Ehrlichkeit Respekt zu zollen. Annehmbar.
Regie: Mike Newell, USA 2007, 139 Minuten, Verleih: Tobis, Startdatum-D: 21.02.2008
Ein altes Grammophon spielt, die Kamera blickt von oben auf das Gerät. Ein alter Mann lauscht der Musik, dann schreckt er hoch. „Da bist du ja!“, er steht auf und das Bild öffnet sich für einen wunderschönen Garten. Auf dem Baum, da sitzt sein Papagei, den er wieder einfangen will. Gebrechlich wie er ist, mit einem Krückstock, geht er zur Leiter, steigt auf sie. Das Hausmädchen brüllt von der Veranda: „Er solle es lassen, er wird sich noch das Genick brechen.“ Doch der alte Herr hört nicht auf sie. Einige Szenen später läuten die Glocken der Kathedrale von Cartagena, Kolumbien.
„Es muss jemand wichtiges gestorben sein“, bemerkt der ältliche aber gutaussehende Florentino Ariza (Javier Bardem) und blickt von der Hängematte zum Fenster. „Heute ist Pfingsten“, meint die junge Frau, die halbnackt mit ihm in der Hängematte liegt. Doch Florentino Ariza liegt richtig, er steht auf, schickt sie weg und Schnitt.
Weitere Szenen später hat der Film die Epoche gewechselt: 1879, Cartagena, Kolumbien. Ein junger Mann bringt ein Telegramm zu einem Maultierhändler, der soeben in die Stadt gezogen ist, zusammen mit seiner Tochter. Sie, sieht er, der junge Florentino Ariza (Unax Ugalde), beim verlassen des Hauses und kann seinen Blick minutenlang nicht von ihr abwenden. Sie, die ebenso junge Fermina Daza, beantwortet sein Anstarren mit einem verschüchterten Aufblicken.
Vom „Blitz der Liebe getroffen“, wie er es später formulieren wird, schreibt er die ganze Nacht an einem Liebesbrief. Seine Mutter wird am nächsten morgen –freudestrahlend- Tipps geben. Er gibt ihr den Brief und wartet auf Antwort: „Du musst jetzt leiden, mein Junge.“, weiß seine Mutter zu bemerken und dann bringt die Zofe die erlösende Antwort. Es folgen heimliche Briefwechsel, ein nächtlicher Hochzeitsschwur: „Ewige Treue, immerwährende Liebe“ verspricht er ihr. Dann kommt Ferminas Vater hinter die Geschichte, verbietet ihr den Umgang und droht ihm den Tod an, was er mit einem heroischen „Nichts wäre ruhmreicher als für die Liebe zu sterben“, beantwortet.
Wem an dieser Stelle immer noch nicht klar geworden ist, WAS dieser Film ist, der hat die entscheidende Lektion in Sachen Filmgeschichte verpennt: Die Schnulze! Vornehmlich von Hollywood, dem (zumeist jungen) Publikum mit Disney-Filmen beigebracht.
Diese „Halbgattung von Film“ birgt eine Menge Sprengstoff in sich: Sie ist fähig, ein Publikum auf der Stelle in das Lager der Liebhaber und der erbitterten Feinde zu spalten. Und das quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. Die Schnulze bzw. der pathetische Liebesfilm hat es mittlerweile schwer im Kino: Hollywood verdient sein Geld lieber mit hochgezüchteten Spektakel-Blockbustern. Und das europäische Kino scheitert meistens weit vor Drehbeginn an monetären Gegebenheiten. Und dann wird der Kino-Schnulze das Feld auch noch durch einen schwarz-grauen Kasten, mit Rosamunde Pilcher darin, streitig gemacht. So hat sie über die Jahre ihr Publikum verloren, die Glanzzeiten sind lange vorbei: Im Kino geht’s heute 120 Minuten lang rund oder aber 90 Minuten lang um bildgewordene Depression; böse Zungen nennen das den „Neuen deutschen Film“.
Der Import dominiert das verbliebene Terrain der Schnulze: Qietschbuntes Zelluloid – Made in India. Gezeigt in Festivals oder gleich auf DVD veröffentlicht.
Aber wann haben sie das letzte Mal solche Sätze im Kino gehört: „Der Blitz der Liebe hat mich getroffen und hoffnungslos verbrannt.“, „Das Schicksal meines Lebens ist es, Fermina zu lieben.“ oder „Ich wusste, du bist zu stolz um zurück zukommen, also bin ich gekommen um dich zu holen.“ Solche Texte werden in DIE LIEBE IN ZEITEN DER CHOLERA häufig gesprochen. Fast das gesamte Drehbuch scheint aus solch bedeutungsschwangerer Wortwahl zu bestehen. Jeder Satz ist pathetisch genug, um daraus drei Hollywood-Filme zu machen. Und das geht 139 Minuten so. Die Feinde der Schnulze werden den Hass in jeder Ader spüren und das Kino noch vor der 60. Minute verlassen haben. Doch dann entgehen ihnen solch kleine wortgewordene Juwelen: „Warum hast du soviel Erfolg bei Frauen?“ Antwort: „Weil sie sehen, dass ich einsam bin. Das ich ihnen nicht wehtun kann…, mein Herz hat mehr Zimmer als ein Hurenhaus.“, sagt Florentino Ariza und beginnt von seiner letzten Affäre zu erzählen, Nummer Sechshundert irgendwas: Amerika.
Und hier schließt sich der Kreis wieder, der Film kehrt zur Hängematte und den Turmglocken der Kathedrale Cartagenas zurück. Es folgt -selbstverständlich- das Happy End.
In den zwei Stunden vorher, erlebte der Zuschauer die Literaturverfilmung von Gabriel García Márquez’ Roman „Liebe in Zeiten der Cholera“, die Geschichte der geheimen Liebe des Florentino Ariza zu der schönen Fermina Daza, die sie über fünfzig Jahre hinweg nicht ausleben konnten. Regisseur Mike Newell (MONA LISAS LÄCHELN, HARRY POTTER 4) und Drehbuchautor Ronald Harwood (TAKING SIDES, DER PIANIST, OLIVER TWIST) destillieren aus dem Roman des Nobelpreisträgers Márquez einen elegischen Film, der seine Geschichte -in exotisch-schönem Dekor- gemächlich ausbreitet. Ein opulentes, plakatives Werk, aber nicht so schreiend bunt und laut wie Bollywood. Nicht so überdramatisiert wie bei den Indern, aber doch mit einer mächtigen Portion Pathetik. Dieser Film ist kein Sittengemälde, er erhebt keinen Anspruch auf historische Authentizität. Seine Figuren sind so Plakativ wie beim „ganz großen“ Theater, ohne tiefere Schichten oder Eigenleben. Javier Bardems Florentino Ariza muss der ewig leidende Hund bleiben, der ähnlich gebrochen und mitleiderregend umher tippelt wie Ben Whishaws Wahnsinns-Mörder, Jean-Baptiste Grenouille im Tykwer/Eichinger-Machwerk DAS PARFUM. Und Giovanna Mezzogiorno darf ihre Fermina Doza stets als die still leidende, aber vernunftbegabte Schöne darbieten. Nur selten sind die Zügel lockerer, können Bardem wie Mezzogiorno ihren Figuren mal etwas Vitalität einhauchen.
DIE LIEBE IN ZEITEN DER CHOLERA ist ein monströses Werk, im zeitlichen Sinne. Mit einer Dramaturgie, weitab von –narrativ turbo-gebrüteten- 60 Fernsehminuten, was diesen Streifen irgendwie sympathisch macht. Dieser Film gefällt sich sichtlich im Ausleben seiner Schnulzigkeit. Er gibt nicht vor, etwas Anderes sein zu wollen als eine ausgewachsene Kino-Schnulze.
Sowas muss man nicht mögen oder sehen wollen, aber man kommt nicht umhin, ihm für diese Ehrlichkeit Respekt zu zollen. Annehmbar.
