Thursday, 12. February 2009, 11:38Uhr
Es ist wahrscheinlich eine der schönsten, wenn nicht die schönste Einstellung dieser ganzen Filmfestspiele. Totale. Die Kamera steht in der Mitte einer gelblichen Betonpiste die am unteren Bildrand breiter ist als das Bild. Rechts und links gibt es nichts als Bäume. Sehr weit hinten sieht es so aus, als ob dort Wasser wäre, vielleicht ein Fluss oder ein See. Langsam sehen wir zwei Jungs auf Fahrrädern aus der Tiefe des Bildes auf uns zukommen. Es stellt sich heraus, dass das Wasser tatsächlich Luftspiegelung im Sommer sind. Dazu hören wir Klaviermusik, die bald von zwei Sängern ergänzt wird: im Abspann werden wir erfahren, dass es Händel gewesen ist. Die Einstellung ist sehr lang und ich wünsche mir, dass sie niemals aufhört. Die Kamera kommt in Bewegung und begleitet die beiden Jungs, die hier ein Rennen mit ihren Rädern veranstalten. Am Ende liegen beide auf dem Rücken und atmen schwer.

Plansequenz nennt man so etwas. Wenn ich noch einmal drüber nachdenke wurde darin wahrscheinlich doch irgendwann geschnitten aber die Musik klebt das ganze auf wunderbare Art und Weise zusammen. Im Kopf ist der Film anders als auf der Leinwand. Überhaupt passt der Begriff »Plansequenz« so gar nicht zu diesem Film. Denn obwohl hier vieles geplant beginnt, mit sehr genauen Aufstellungen und Arrangements, endet es dann irgendwo, im Ungefähren oder Möglichen. Einmal stehen Johann und Robin sich gegenüber und schauen sich in die Augen, nur um sich daraufhin voneinander wegzubewegen und ein seltsames Fangen und Verstecken im nächtlichen Wald zu spielen, das in einer unheimlich intensiven erotischen Begegnung endet. Ein anderes mal stehen sie Rücken an Rücken auf einem Feld, schauen voneinander weg, bis einer der beiden sich umdreht und seinen Kopf an den Hals des anderen legt. Anziehung und Abstoßung, Kontakt und Ferne, Weglaufen und Einfangen: sind die beiden Kräfte, die hier immer, in praktisch jeder Einstellung präsent sind.

Und auch der Film ist so ein auseinanderreißendes Zusammensein. Die unglaublich aufwendige und feingliedrig durchgearbeitete Tonspur erzählt eine ganz eigene Geschichte von Brandenburg und dem, was auf einem Bauernhof geschieht, auf dem die Jungs später landen. Es überlagern sich Natur- und Menschengeräusche mit Musik und diese wiederum mit anderen Musikstücken. Oft weiß man nicht mehr, wo man eigentlich hinhören soll. Das ergänzt sich mit dem Bild nicht zu einem schönen runden Ganzen, sondern kommentiert es, stellt es in Frage oder ruft nach Bildern, die man nie zu sehen bekommt, etwa wenn im Haus Stöhnen zu hören ist und man nicht weiß, wer hier gerade mit wem etwas macht. Möglichkeiten gibt es genug.
Der Film ist ein roher Kerl mit Hang zur Poesie. Wie Nathan von Witzlow, der in der Gegend im 18. Jahrhundert immer wieder ausgeweidete Schwäne auf ihren eigenen Federn drapierte. Wie schön, wie unverständlich, wie derb ist das. An RÜCKENWIND ist auch nicht alles zu verstehen. Wenn man aber die Anstrengung aufbringt ihm die Bürde der Eindeutigkeit abzunehmen, dann findet man hier einmal einen Film, der schwules Kino ist, wie wir es uns wünschen. Und zwar, weil er in aller erster Linie Kino ist und nur in zweiter Linie schwul und sich damit so wohltuend von den furchterregenden Erzählungen schwuler Liebe abhebt, die Beziehungen zwischen Männern immer nur im Kontext von Coming Out und HIV situieren. Es gibt mehr zwischen Männern, Jungs, Kerlen und Jan Krüger und dem Team des Films ist die Suche danach mehr als geglückt. Vor allem, weil sie keine Ergebnisse liefert, die man in die Tasche stecken kann wie Sahnebonbons sondern weil der Film das Versprechen auf eine wunderbare Süße ist, die man nur ab und an, in einigen Bildern und Tönen, in wenigen Augenblicken im Leben spüren kann, weil sie sich nicht festhalten lässt. Auch davon berichtet der Film in seinem Ende und empfiehlt das Kino, dieses Kino als wirksames Mittel zur Bekämpfung des Unglücks: wenn man diese Bilder sieht, muss es einem gut gehen und das beste daran ist: man kann sie immer wieder sehen.
RÜCKENWIND
D 2009
R,B: Jan Krüger,
K: Bernadette Paassen
S: Ute Schall
HD, Farbe, 75min
Fotos: Jan Krüger, Edition Salzgeber

Plansequenz nennt man so etwas. Wenn ich noch einmal drüber nachdenke wurde darin wahrscheinlich doch irgendwann geschnitten aber die Musik klebt das ganze auf wunderbare Art und Weise zusammen. Im Kopf ist der Film anders als auf der Leinwand. Überhaupt passt der Begriff »Plansequenz« so gar nicht zu diesem Film. Denn obwohl hier vieles geplant beginnt, mit sehr genauen Aufstellungen und Arrangements, endet es dann irgendwo, im Ungefähren oder Möglichen. Einmal stehen Johann und Robin sich gegenüber und schauen sich in die Augen, nur um sich daraufhin voneinander wegzubewegen und ein seltsames Fangen und Verstecken im nächtlichen Wald zu spielen, das in einer unheimlich intensiven erotischen Begegnung endet. Ein anderes mal stehen sie Rücken an Rücken auf einem Feld, schauen voneinander weg, bis einer der beiden sich umdreht und seinen Kopf an den Hals des anderen legt. Anziehung und Abstoßung, Kontakt und Ferne, Weglaufen und Einfangen: sind die beiden Kräfte, die hier immer, in praktisch jeder Einstellung präsent sind.

Und auch der Film ist so ein auseinanderreißendes Zusammensein. Die unglaublich aufwendige und feingliedrig durchgearbeitete Tonspur erzählt eine ganz eigene Geschichte von Brandenburg und dem, was auf einem Bauernhof geschieht, auf dem die Jungs später landen. Es überlagern sich Natur- und Menschengeräusche mit Musik und diese wiederum mit anderen Musikstücken. Oft weiß man nicht mehr, wo man eigentlich hinhören soll. Das ergänzt sich mit dem Bild nicht zu einem schönen runden Ganzen, sondern kommentiert es, stellt es in Frage oder ruft nach Bildern, die man nie zu sehen bekommt, etwa wenn im Haus Stöhnen zu hören ist und man nicht weiß, wer hier gerade mit wem etwas macht. Möglichkeiten gibt es genug.
Der Film ist ein roher Kerl mit Hang zur Poesie. Wie Nathan von Witzlow, der in der Gegend im 18. Jahrhundert immer wieder ausgeweidete Schwäne auf ihren eigenen Federn drapierte. Wie schön, wie unverständlich, wie derb ist das. An RÜCKENWIND ist auch nicht alles zu verstehen. Wenn man aber die Anstrengung aufbringt ihm die Bürde der Eindeutigkeit abzunehmen, dann findet man hier einmal einen Film, der schwules Kino ist, wie wir es uns wünschen. Und zwar, weil er in aller erster Linie Kino ist und nur in zweiter Linie schwul und sich damit so wohltuend von den furchterregenden Erzählungen schwuler Liebe abhebt, die Beziehungen zwischen Männern immer nur im Kontext von Coming Out und HIV situieren. Es gibt mehr zwischen Männern, Jungs, Kerlen und Jan Krüger und dem Team des Films ist die Suche danach mehr als geglückt. Vor allem, weil sie keine Ergebnisse liefert, die man in die Tasche stecken kann wie Sahnebonbons sondern weil der Film das Versprechen auf eine wunderbare Süße ist, die man nur ab und an, in einigen Bildern und Tönen, in wenigen Augenblicken im Leben spüren kann, weil sie sich nicht festhalten lässt. Auch davon berichtet der Film in seinem Ende und empfiehlt das Kino, dieses Kino als wirksames Mittel zur Bekämpfung des Unglücks: wenn man diese Bilder sieht, muss es einem gut gehen und das beste daran ist: man kann sie immer wieder sehen.
RÜCKENWIND
D 2009
R,B: Jan Krüger,
K: Bernadette Paassen
S: Ute Schall
HD, Farbe, 75min
Fotos: Jan Krüger, Edition Salzgeber
