Monday, 25. June 2007, 18:45Uhr
“And you run and you run to catch up with the sun, but it's sinking / And racing around to come up behind you again / The sun is the same in the relative way, but you're older / Shorter of breath and one day closer to death”
Pink Floyd
Wer zu lange in die Sonne schaut, wird blind. Wyatt alias Captain America versucht dennoch gelegentlich mitten in das gleißende Licht zu blicken. Wahrnehmungsexperiment. Wenn die Kamera sich der Sonne nähert, brechen sich ihre Strahlen in lance flares. Und auch auf Wyatts Membranen trägt die Helligkeit mit emotionalen Nebeneffekten bunte Spuren ein, die es schaffen, ihn atemberaubt zwischen den Canyons von seinem Motorrad zu holen. Rot, Gelb, Blau – und dazwischen die anderen Farben ohne Grund.
Das reine Weiß, die Vereinigung aller Farben des Lichtes, ist der blinde Fleck. Das Unsichtbare, Unsagbare, Undenkbare. Ort einer Utopie, die auf andere Weise etwas Neuartiges sichtbar machen könnte, von dem man allerdings vorher nicht wissen kann, was es ist. Das Weiß verlockt zum kompromisslosen Versuch, alle vertraute Kultur hinter sich zu lassen. Weder der Vorschlag, Bestehendes neu zu ordnen, noch von Gewohntem aus zu neuen Zielen aufzubrechen. Das weiße Blatt Papier, eine weiße Leinwand. Grundlage eines absolut Anderen. Das Weiß lässt von etwas Wirklichem träumen: eine wirklich neue Zivilisation, eine wahrhaftig neue Form des sozialen Zusammenlebens. Weiß ist das Ende und der Anfang. Einerseits Vereinigung, andererseits völlige Leere. Ein Kreuzungspunkt in einem Kristall. Aber wenn man wüsste, wo diese Schnittstelle zu finden ist, wäre es nicht das wahre Weiß. Deshalb die Reise um der Reise Willen – die Suche nach dem Zugang.
Im Gegensatz zu seinem anarchistischen Begleiter Billy ist für Wyatt der Trip vor allem eine mentale Geschichte. Zwar kann er sich durch das Wegschmeißen seiner Armbanduhr vom Zeitdruck befreien, aber er bleibt den Raumdimensionen ausgeliefert, die doch so schnell durch ein Flugzeug überwindet werden könnten. Nur Motorradfahren ist schöner.
Der Film lädt zu einer unvoreingenommenen Tour ein, die einer Kulturkritik vorausgehen muss: lasst uns er-fahren, wie Amerika heute aussieht. Doch was Wyatt sucht, ist nicht eine patriotische Idee von Amerika, das er selbst die ganze Zeit in Form der Nationalflagge auf seiner Lederjacke, seinem Helm und seinem Tank mit sich herumfährt. Seine Suche ist von essenziellerer Art. Auf dem Weg von der Westküste nach Osten macht sich der Pop-Pionier ein Bild von dem, was Sesshafte ihre Heimat nennen können. Going east: die Ranch einer kinderreichen Großfamilie mit weißem Häuptling, der seine gehorsame Indianerehefrau domestiziert hat; die Hippiegemeinde, die versucht, das verloren gegangene Indianische in eine traditionelle Vorstellung von Familie zu integrieren, in Wigwams wohnt und im Kampf ums blanke Überleben eine westliche Gesellschaft ohne Cowbay-Hierarchie wiederbelebt; der konservative Süden, dessen kleingeistige Männer die Frauen zum Unterdrücken ihrer erotischen Phantasien zwingen.
Alle diese Gemeinschaftsformen bleiben repressiv, gehorchen Rangordnungen, Gruppendynamiken und Gesellschaftsverträgen, die Billy und Wyatt nicht unterschreiben möchten. Amerika lässt für sie keine Ausfahrt von den asphaltierten Wegen offen.
Nachts am Lagerfeuer in der Wildnis verlieren sich die Augen vom Marihuana betäubt in den flüchtigen Flammen. Und auch wenn im Wasser nackt mit zwei Frauen der Großstadtindianer geplanscht wird – vielleicht ein Moment, der sich in der undenkbaren Utopie ganz schick machen würde – lässt die Unruhe des Wassers keine aufklärenden Reflexionen zu. Keine hellen Momente. Billy und Wyatt treiben im Trüben in ständiger Bewegung zwischen Himmel und Erde.
Eine Koordinate in der Zukunft ist New Orleans und das Mardi Gras. Wenn die beiden geschlagen am Ziel angekommen, und mit zwei Huren ein sakrales Freudenhaus verlassen, ändert sich mit rebellischem kinematografischem Gestus die Materialität des Filmes. Das Bild scheint reflexiv zu werden und nach den Möglichkeiten der Sichtbarkeit zu fragen. Grobkörnig tanzen die Fratzen eines Ausnahmezustandes, einer karnevalesken Gegenkultur, die mit dem Fest entsteht und mit der vergänglichen Heiterkeit auch wieder verschwindet. Jeder Rausch ist nur auf Zeit. Daraufhin findet die Kamera bei einem LSD-Trip auf einem Friedhof letztendlich die Blickrichtung, die mitten in die Sonne führt und das Weiß durchbricht. Dadurch wird auch die Grenze zwischen objektiver und subjektiver Wahrnehmung überwunden.
Wyatt, Billy und weiblicher Anhang beginnen fischäugig zu rauschen, und in ihrem Inneren öffnen sich verdrängte Bereiche des Gehirns: sexuelle Lust, autoritäre Unterdrückung in der Familie, durch Kirche und Staat. Die Droge verhilft nicht zur Befreiung, sondern projiziert das beängstigende Unbewusste. Die Dinge, die zum Ich gehören, ohne das Ich es weiß. Doch nach dem Weiß, dem ekstatischem Einblick in den eigenen Speicher, folgt die Desillusion. Falsches Ticket. Wyatt erkennt seinen toten Winkel und die Reise ist gescheitert: „We blew it.“
Break on through to the other side. Beide kommen wieder in der realen Welt, auf der falschen Seite an. Alle Möglichkeiten dieser Gesellschaft lassen für Wyatt und Billy keinen Platz. Nachdem der Film sein glückliches Ende verpasst hat, werden die beiden sinnlos in der Vorwärtsbewegung mit einer Flinte von ihren Motorädern und wieder auf den Friedhof geholt. Mit der amerikanischen Flagge bedeckt Wyatt seinen gefallenen Gefährten, bevor sein Gefährt von Salutschüssen in die Luft geblasen wird.
Die letzte Einstellung des Filmes: durch die Explosion wird die Kamera Richtung Sonne geschleudert und Wyatt scheint verschwunden. Mit der Ermordung des Vehikels, löst sich der andere Teil dieser Maschine auf; der Fahrer, der Träger einer Vision, der nicht in der „Weißheit“ ansässig werden konnte, weiter als Weiß reiste und deshalb wie alle Antworten im Winde verwehen musste.
Easy Rider, USA, 1969
R: Dennis Hopper, D: Dennis Hopper, Peter Fonda
Pink Floyd
Wer zu lange in die Sonne schaut, wird blind. Wyatt alias Captain America versucht dennoch gelegentlich mitten in das gleißende Licht zu blicken. Wahrnehmungsexperiment. Wenn die Kamera sich der Sonne nähert, brechen sich ihre Strahlen in lance flares. Und auch auf Wyatts Membranen trägt die Helligkeit mit emotionalen Nebeneffekten bunte Spuren ein, die es schaffen, ihn atemberaubt zwischen den Canyons von seinem Motorrad zu holen. Rot, Gelb, Blau – und dazwischen die anderen Farben ohne Grund.
Das reine Weiß, die Vereinigung aller Farben des Lichtes, ist der blinde Fleck. Das Unsichtbare, Unsagbare, Undenkbare. Ort einer Utopie, die auf andere Weise etwas Neuartiges sichtbar machen könnte, von dem man allerdings vorher nicht wissen kann, was es ist. Das Weiß verlockt zum kompromisslosen Versuch, alle vertraute Kultur hinter sich zu lassen. Weder der Vorschlag, Bestehendes neu zu ordnen, noch von Gewohntem aus zu neuen Zielen aufzubrechen. Das weiße Blatt Papier, eine weiße Leinwand. Grundlage eines absolut Anderen. Das Weiß lässt von etwas Wirklichem träumen: eine wirklich neue Zivilisation, eine wahrhaftig neue Form des sozialen Zusammenlebens. Weiß ist das Ende und der Anfang. Einerseits Vereinigung, andererseits völlige Leere. Ein Kreuzungspunkt in einem Kristall. Aber wenn man wüsste, wo diese Schnittstelle zu finden ist, wäre es nicht das wahre Weiß. Deshalb die Reise um der Reise Willen – die Suche nach dem Zugang.
Im Gegensatz zu seinem anarchistischen Begleiter Billy ist für Wyatt der Trip vor allem eine mentale Geschichte. Zwar kann er sich durch das Wegschmeißen seiner Armbanduhr vom Zeitdruck befreien, aber er bleibt den Raumdimensionen ausgeliefert, die doch so schnell durch ein Flugzeug überwindet werden könnten. Nur Motorradfahren ist schöner.
Der Film lädt zu einer unvoreingenommenen Tour ein, die einer Kulturkritik vorausgehen muss: lasst uns er-fahren, wie Amerika heute aussieht. Doch was Wyatt sucht, ist nicht eine patriotische Idee von Amerika, das er selbst die ganze Zeit in Form der Nationalflagge auf seiner Lederjacke, seinem Helm und seinem Tank mit sich herumfährt. Seine Suche ist von essenziellerer Art. Auf dem Weg von der Westküste nach Osten macht sich der Pop-Pionier ein Bild von dem, was Sesshafte ihre Heimat nennen können. Going east: die Ranch einer kinderreichen Großfamilie mit weißem Häuptling, der seine gehorsame Indianerehefrau domestiziert hat; die Hippiegemeinde, die versucht, das verloren gegangene Indianische in eine traditionelle Vorstellung von Familie zu integrieren, in Wigwams wohnt und im Kampf ums blanke Überleben eine westliche Gesellschaft ohne Cowbay-Hierarchie wiederbelebt; der konservative Süden, dessen kleingeistige Männer die Frauen zum Unterdrücken ihrer erotischen Phantasien zwingen.
Alle diese Gemeinschaftsformen bleiben repressiv, gehorchen Rangordnungen, Gruppendynamiken und Gesellschaftsverträgen, die Billy und Wyatt nicht unterschreiben möchten. Amerika lässt für sie keine Ausfahrt von den asphaltierten Wegen offen.
Nachts am Lagerfeuer in der Wildnis verlieren sich die Augen vom Marihuana betäubt in den flüchtigen Flammen. Und auch wenn im Wasser nackt mit zwei Frauen der Großstadtindianer geplanscht wird – vielleicht ein Moment, der sich in der undenkbaren Utopie ganz schick machen würde – lässt die Unruhe des Wassers keine aufklärenden Reflexionen zu. Keine hellen Momente. Billy und Wyatt treiben im Trüben in ständiger Bewegung zwischen Himmel und Erde.
Eine Koordinate in der Zukunft ist New Orleans und das Mardi Gras. Wenn die beiden geschlagen am Ziel angekommen, und mit zwei Huren ein sakrales Freudenhaus verlassen, ändert sich mit rebellischem kinematografischem Gestus die Materialität des Filmes. Das Bild scheint reflexiv zu werden und nach den Möglichkeiten der Sichtbarkeit zu fragen. Grobkörnig tanzen die Fratzen eines Ausnahmezustandes, einer karnevalesken Gegenkultur, die mit dem Fest entsteht und mit der vergänglichen Heiterkeit auch wieder verschwindet. Jeder Rausch ist nur auf Zeit. Daraufhin findet die Kamera bei einem LSD-Trip auf einem Friedhof letztendlich die Blickrichtung, die mitten in die Sonne führt und das Weiß durchbricht. Dadurch wird auch die Grenze zwischen objektiver und subjektiver Wahrnehmung überwunden.
Wyatt, Billy und weiblicher Anhang beginnen fischäugig zu rauschen, und in ihrem Inneren öffnen sich verdrängte Bereiche des Gehirns: sexuelle Lust, autoritäre Unterdrückung in der Familie, durch Kirche und Staat. Die Droge verhilft nicht zur Befreiung, sondern projiziert das beängstigende Unbewusste. Die Dinge, die zum Ich gehören, ohne das Ich es weiß. Doch nach dem Weiß, dem ekstatischem Einblick in den eigenen Speicher, folgt die Desillusion. Falsches Ticket. Wyatt erkennt seinen toten Winkel und die Reise ist gescheitert: „We blew it.“
Break on through to the other side. Beide kommen wieder in der realen Welt, auf der falschen Seite an. Alle Möglichkeiten dieser Gesellschaft lassen für Wyatt und Billy keinen Platz. Nachdem der Film sein glückliches Ende verpasst hat, werden die beiden sinnlos in der Vorwärtsbewegung mit einer Flinte von ihren Motorädern und wieder auf den Friedhof geholt. Mit der amerikanischen Flagge bedeckt Wyatt seinen gefallenen Gefährten, bevor sein Gefährt von Salutschüssen in die Luft geblasen wird.
Die letzte Einstellung des Filmes: durch die Explosion wird die Kamera Richtung Sonne geschleudert und Wyatt scheint verschwunden. Mit der Ermordung des Vehikels, löst sich der andere Teil dieser Maschine auf; der Fahrer, der Träger einer Vision, der nicht in der „Weißheit“ ansässig werden konnte, weiter als Weiß reiste und deshalb wie alle Antworten im Winde verwehen musste.
Easy Rider, USA, 1969
R: Dennis Hopper, D: Dennis Hopper, Peter Fonda
