Saturday, 24. February 2007, 01:32Uhr

Foto: Berlinale
Wim Wenders wird wahrnehmbar. Wendig erscheint er vor dem Vorhang, groß, langes graues Haar, ergreift ein Mikrofon und berichtet dem Saal verstärkt: Wir, das Publikum, sind die ersten, die diesen Film sehen werden. Bis heute Morgen in der früh, bis 6:30 Uhr wurde an ihm gearbeitet. Berlinale 2007, Donnerstag, 15. Februar, 12 Uhr, CineStar 7.
Die Kopie in HD – High Definition – wurde nicht fertig. Deshalb sehen wir nun den gleichen Film, wie die Zuschauer nach uns, nur die Schriften und Untertitel sind nicht genauso scharf. Wenn Wenders es nicht gesagt hätte, wem wäre es aufgefallen? Und ist HD bei Dokumentarfilmen wirklich wichtig? Er geht die Treppe hinauf, bleibt stehen, dreht sich zur Leinwand, der Film beginnt, und er verschwindet – Festivals macht sichtbar. Invisibles. Die Unsichtbaren.
Unbehagen ohne Grenzen. Was mir letztlich durch den Film deutlich wird, ist die Unnachvollziehbarkeit, die Unerfahrbarkeit der Erfahrungen dieser Menschen. Ich kann es mir noch nicht einmal vorstellen, was ich mir sowieso schon immer so vorstelle.
Kriegsbericht, Frontgeschichten, Kindersoldaten, Entführung, Vergewaltigung, Gruppenvergewaltigung, Mehrfachvergewaltigung, Gewalt an sich, Mord, Schlafkrankheit, Krankheit an sich, Verbrennen, verbrannt werden… nicht im Bild, sondern im Ton. Bild und Ton an sich. Ich, als Ich, als Zuschauer. Was soll ich tun? Was kann ich tun? Was muss ich tun… ? Wieso frage ich mich das? Erzählungen, Erinnerungen, Gegenwart, Zeugnisse, Kurzgeschichten, Dokumentationen, Fiktionen, Protokolle… der Film macht Subjekte real, realistisch, phantastisch, macht Subjekte – es ist anzunehmen, dass es sie wirklich gibt, die Stimmen und Bilder. Hier und jetzt. Dieser Film ist unbehaglich.
Wim Wenders Kongo-Dokument „gefällt“ mir später am besten. Weil es ein Wenders ist? Vielleicht, aber vor allem, weil er die Sichtbarkeit mit den filmischen Mitteln bewusst werden lässt. Platt, plakativ, naheliegend... eventuell. Wie der Titel.
Zunächst ein Ort, ein Schauplatz, leere Hütte, eine Stimme, dann wird ein Körper eingeblendet und die Stimme passt sich den Lippenbewegungen an, zieht in den Körper ein, ich könnte sie ohne Untertitel – not High Definition – nicht verstehen.
Synchron, eine Weile, dann verblasst der Mensch wieder, wird unsichtbar, entgrenzt, gespenstisch, nur die Stimme bleibt und erzählt. Platt, plakativ…
Der abgelichtete Körper allein berichtet nicht, ist nur sichtbar und lässt andere Erfahrungen sichtbar werden als die Stimme. Ist das ein richtiger Ansatz – oder sind diese Darstellungen zu abstrakt, zu weltfremd, was meine Welt betriff… Kontextualisieren! Aber wie?
Müsste nicht jeder dieser Menschen sich einen Film lang formulieren, sich formen dürfen, einen Film formen, sich zeigen, sichtbar werden, Filmen als Erfahrung, als Experiment – oder doch nur Stimme, Geschichte ohne Gesicht – oder würden große hungrige Kinderaugen allein schon all diese Geschichten erzählen… ein Foto, ein Blick in die Kamera? ...aber man erkennt, dass es um die richtige Sache geht, gehen soll.
Auf dem Dorfplatz ziehen halb eingeblendete Geister vorüber. Doppelbelichtungen. Die Frauen, die sich um Frauen kümmern, sitzen aufgereiht, erzählen und singen. Im Hintergrund wird auf die Wand das Außen, die Steppe, geblendet. Effekt-Tapete.
Vielleicht plakativ – ich weiß es nicht. Wie kann ich es besser machen? Emotionale Musik, wie auch immer, Plansequenz, Long Shot – eine moralische Angelegenheit – Close, Augen, Hände, Establishing shot, Schwenk…
Uganda, Kolumbien, Berlin, Afrika, egal wo – Kriegsgebiet, Menschen, Ärzte, grenzenlose, entgrenzte, Soldaten-Träume, Traum-Soldaten, Zukunft, Hoffnung, Utopie.
Was ich gerne nicht gesehen hätte, dass weiß ich:
Schwarz-weiss – der Dialog – Aufklärung – Klischee-Kommunikation – mit dem Boss des Medikamentenkonzerns, schwarz-weiss. Der Befehlshaber beharrt darauf, dass es Aufgabe des Staates sei, für die Finanzierung von Forschung und die Verteilung von Medikamenten zu sorgen, schwarz-weiss. Dann wird eine Frau sichtbar, Afrikanerin, bunt, im Büro des Bösen, des uneinsichtigen Bosses, der sich rhetorisch retten konnte, sie nun jedoch sieht und offensichtlich erschrickt, ein Gespenst, weil sie nun nahe ist, animierte Nähe, Farbkontrast, und ich denke, dass ihm nun etwas bewusst wird, was nicht passiert wäre, wenn er sie nicht vor sich gesehen hätte, die Aura der Armut, so nah und doch so fern, so wie sie dem Zuschauer erscheint, der die Unsichtbaren vor sich sieht… und vielleicht erkennen muss, das er es ist, der etwas bewirken kann, nicht die anderen, nein, auch er, ein kleiner Beitrag für eine bessere Welt, Menschenleben retten, helfen, Frauen, Realität retten, zumindest die innere, Kinder…
oder ist es schlicht ein Bericht vom Arbeitsplatz der Ärzte ohne Grenzen? Verantwortungs-PR.
Vielleicht muss man es heute so machen. Oder wieder. Oder immer wieder. Wie immer. Oder doch besser Cinéma vérité, weil dort andere Grenzen sichtbar werden?
…es berührt, unangenehm, eine Weile, wird zur Erfahrung im Kinosaal, wird erinnert, ein Eindruck bleibt, wird nacherzählt, ohne Gesicht, draußen, in der Unsichtbarkeit, wo sie umhergeistern, die Erfahrungen, die nur im Kino geteilt werden können.
Invisibles
Die Unsichtbaren
Spanien, 2007, 95 min
Regie: Isabel Coixet, Fernando León de Aranoa, Mariano Barroso, Javier Corcuera, Wim Wenders
