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Noch benommen von den elektronischen Klängen und den nicht enden wollenden weiß auf schwarz ausschlagenden Amplitudepegeln begab ich mich auf die nächtlichen Straßen, um ähnlich wie DJ Ickarus mit den unverzichtbaren Assecoirs MP3-Player samt Kopfhörern dahinzugehen. Doch nichts außer Stille – mein Akku hatte den Geist aufgegeben. Derartige narrative oder musikalische Stillstände (selbst der Tablettenakku war stets eher voll als leer) gab es in Hannes Stöhrs fiktivem DJ-Portrait nur äußerst selten und dann natürlich auffällig intendiert.

Ohne große Umschweife werden wir in den Alltag und die Fußballtrikotkollektion des coolen, Sonnenbrille tragenden und erfolgreichen Protagonisten DJ Ickarus eingeführt. Eine sehr oft wackelige Handkamera hält für uns ausverkaufte Festival- und Clubauftritte, glitzernde Discokugeln, aufblitzendes Stroboskoplicht, eine sich im Nebel der Dampfmaschine zur Musik bewegenden Menge, durchgeschwitzte Leibchen und feiernde, losgelöste Gesichter fest.

„Der ist auch der Hammer!“, kommentiert Ickarus einen seiner Tracks für sein neues Album. Die ersten gesprochenen Worte des Films und die zugleich verstummenden Elektrobeats verheißen nichts Gutes: Die kurz zuvor eingeführte heile Welt des DJ bekommt nach und nach tiefere Risse. Ein modernes mit witzigen Momenten bestücktes Woyzeckdrama nimmt seinen Lauf.

Alice, die britische Plattenlabelchefin findet die neuen Lieder des bald darauf hilflos wirkenden Ickarus nicht gut genug (später: Kein Albumrelease, Zertrümmerung von Alices Büro, Finanzamtschulden von 25.000 Euro), in der Beziehung zu seiner Freundin und Managerin Mathilde kriselt es (Ickarus verkehrt anal auf Discoklos und Mathilde zieht es zurück in die Arme ihrer bisexuellen Freundin Corinna, Gewaltausbrüche und Auszug Mathildes folgen), im Beisein seines Orgel spielenden Vaters und ehrgeizigen Bruders täuscht Ickarus ein geregeltes Leben vor, Ickarus’ Drogenquelle Erbse hält eine „böse Pille“ bereit und stellt damit den notwendigen Auslöser, um in eine andere Welt einzutauchen. Die Welt der psychischen Anstalt.

Eine statische und wahrscheinlich die längste Plansequenz des Films zeigt uns einen am Boden gekrümmt umher kriechenden Ickarus, der durch die Einnahme einer kleinen weißen Pille den Tiefpunkt seines Drogensumpfes erreicht hat.

Von der durch Türsteher und Plattenfirmen legitimierten Discoclubszene geht es ab in die Institution Klinik. Und eine weitere Pillenbeschaffende wird eingeführt – die als böse deklarierte, mysteriöse und fast unnahbar erscheinende Prof. Dr. Petra Paul (nicht umsonst von Corinna Harfouch gespielt). Eine 68er Schlampe, die nicht nur ihre Zierfische, sondern auch ihre verwirrten Patienten gern regelmäßig mit gelben und hellblauen Scheißpillen eindeckt. Neben den armen Irren und überforderten Zivildienstleistenden leidet Ickarus unter anhaltenden Halluzinationen. Für die Zuschauer auditiv nachvollziehbar wird dabei das imaginierte Klorauschen, das eher dem Geräuschpegel eines Wasserfalls entspricht.
Bei Rebellion gegen das stationäre Einschließungs-verfahren und einer attestierten suizidalen Gefahr wird Ickarus schließlich in die vergitterte „Einzelhaft“ weggesperrt.
Ganz im Gegensatz zu den immer wieder kehrenden Transiträumen der Straßen- und U-Bahn. Inspirierende Geräusche, aus denen Ickarus neue Ideen schöpft. Da kommt das Wegsperren von öffentlichen Verkehrs-mitteln und feiernden Mengen ganz schlecht.

Die drei Frauen Mathilde, Corinna und Alice sind es, die an Ickarus’ Lebenssaft – seine Musik glauben. Sie sind es, die ihm den Weg frei bahnen und ihn am Ende doch noch als sympathischen Helden erscheinen lassen. Corinna unterstützt ihn beispielsweise auf Kosten ihrer eigenen filmischen Präsenz. Und dennoch wird Ickarus’ Vater, der Schoß der Familie benötigt, um den Sohn aus den Fängen der Klinikleiterin zu befreien.

So wie Ickarus die Fliege aus dem durchsichtigen Trinkglas freilässt, um ihr einen anderen, evtl. aufgeschobenen Tod zu ermöglichen, so wird auch er keiner großen Alternative entgegenblicken, sondern gelassen einzelne Momente genießen. Denn subversive Alternativen gibt es nicht. Wir sind lediglich in der Lage dank der Transitmittel zwischen sehr begrenzten Spielräumen hin und her zu changieren.

Weniger heroisch spült Ickarus die Pillen der Paul die Kloschüssel hinunter. Mehr als jede Pille braucht er seine Musik (und Mathilde auch). Gebannt und verflacht ist nun jegliche Kritik am Patientengehorsam und der Pilleneinnahme, da durch die einseitige Patientensicht alle Schuld der Ärztin zugewiesen wird. Selbst das eingebaute retardierende Moment gegen Ende des Films, in dem man annehmen könnte, unser DJ hätte sich vor die Bahn gestürzt, wirkt dick aufgetragen. Ebenso Ickarus’ darauf folgende Vernichtung kostbaren Koks.

Zurückgekehrt in den DJ-Alltag und die Zwänge des Plattenlabels, dessen eigener Bestandteil er ist, lässt Ickarus sich im Sportraum der Anstalt vor bunten Gymnastikbällen im blauen Leibchen, den Fuß auf eine Discokugel stellend, ablichten. Auch Echtes wird inszeniert – das zeigt uns der Film, der ja selbst nicht anders funktioniert.

Tapeziert and alle Berliner Litfasssäulen und im Schutz seiner Familie erreicht Ickarus schließlich seine am Anfang des Films gesteckten Ziele – Albumrelease und Urlaub mit Mathilde. Am Ende sind wir wieder am Anfang angekommen - in einem Wartesaal eines Flughafens – nur dass es sich diesmal nicht um eine Konzertreise, sondern einen erholenden Urlaub dreht. Unerwähnt und ausgespart dabei bleibt natürlich die erneute Loslösung Mathildes von Corinna – da diese Frauenverbindung in jedem Moment des Films im Gegensatz zu jeder heterosexuellen Verbindung akribisch harmonisiert ins Bild gerückt wurde – zu harmonisch.

Statt des Albumtitels „Titten, Techno und Trompeten“ wird Ickarus erneut beschnitten – „Berlin Calling“ – ein Film, der von seiner eigenen Begrenztheit berichtet und trotzdem funktioniert.