Thursday, 22. January 2009, 00:24Uhr

Das findet Petzold sicher blöd, aber viel besser als seine Filme finde ich das, was er so über seine und Filme allgemein zu sagen hat. Nach dem Kino lese ich im Foyer ein Interview mit ihm in der Zeit. Der Witz seiner Rederei löst die Schwere und Bedeutungsgeladenheit seines Films in wenigen Sekunden bei mir auf.
"Is ja lustig!" scheint mir erst der schönste, weil trivialste, also richtig aus dem Leben gegriffene Satz des Films zu sein (klingt eher wie ein Satz aus 'nem Dresen-Film...). Thomas, gibt Ali Feuer für seine Zigarette. Das Feuerzeug hat die Form eines Autos aus dessen Dach beim Drücken des Heckspoilers Feuer kommt. Ali findet das lustig. Aber nur so nebenbei. Ist es auch besonders, weil Thomas sonst gar nichts Komisches an sich hat, so voll Trauer und Afghanistan und Sinnsuche. Das Feuerzeug mit seiner Komik lenkt ab und löst die Spannung der Szene. Schließlich wissen wir, dass Thomas kurz zuvor mit Alis Frau Laura "intim" war, wie man sagt.
"Is ja lustig", sagt der Mann und ich denke sofort, wie lange er (Petzold) wohl an dem Satz geschrieben haben mag, ehe er ihn so hatte.Wahrscheinlich purzelte er nach drei Tagen Probe endlich einfach so aus Ali, bzw. Hilmi raus. Tja. Ich will da nicht drauf rumreiten. Fiel mir halt auf. Aber dann!
Ich schwöre, ich wollte eigentlich nur über diesen gelungenen normalen Satz schreiben, dessen Erzeugung (ich meine das mit vollem Ernst!) viel Arbeit ist, wohl auch, weil mir das andere über diesen Film zu Schreibende so kurz danach noch nicht einfällt und ich über meine eigene unmittelbare Unfähigkeit dessen hinwegschreiben wollte, als mir im Schreiben und Nachdenken darüber, die eigentliche Pointe des Witzes, des Feuerzeugs an sich, erst klar wird. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Das Feuerzeug taucht kurz vor Ende des Films, oh winkender Zaunpfahl, nochmal auf. Und noch mehr: Ali stürzt mit seinem Auto die Ostsee-Kante hinunter und die Karre explodiert. Schönes Feuer. Der Liebe zwischen Thomas und Laura stehen kein Ali und keine Schulden mehr im Weg. Denn sie wissen nicht was sie da tun.
Oh Mann! Also selbst der vermeintlich simpelste Satz, der erst aufheiternd auffällig wird und heraus fällt, fügt sich in das Ganze und bekommt Bedeutung über die Szene hinaus, betont diese und nimmt vor weg, unterstreicht und besiegelt die komplette Konstruktion dieses Films. Künstlichkeit. Das raubt dem Satz schlagartig die Unschuld und dem Film seine letzte Leichtigkeit.
Ich kann mich nicht entscheiden ob ich diese "Erkenntnis" erhellend oder ernüchternd, genial oder banal finde. Denn letztlich entsteht bei diesem petzoldschen Denkkino, dessen noble Haltung und Intellektualität ich immer spüre, aber in dem Augenblick des Sehens selten reflektiere, nicht viel. Suspense, ja. Das ist schon viel mehr als sonst im "deutschen Kino". Who cares. Gefühl entsteht höchstens für Ali, einer neuen Figur im Petzold Kosmos. Der ganze Subtext, der Osten, Arbeit heute, keine Arbeit, Ödnis, Einsamkeit, Kriegstrauma, Geld, Körper, Kapitalismus, Amerika, ... verstecken sich in ganz wenigen Szenen und im Schweigen. Und wird erst so richtig offen klar, mir zumindest, in den erhellenden Interviews mit Christian Petzold hier und dort.
Vielleicht bin ich zu blöd, um alles sofort zu sehen, vielleicht bin ich auch zu bewusst sehend, um es nicht sofort nur zu spüren. Der im Film ausgesparte, aufs Minimum reduzierte Subtext befreit womöglich die Handlung vom Ballast des Alltäglichen und gibt der zeitlosen Tragik Raum. Das gibt dem Film Größe, macht ihn zu Kino, bringt Kompatibilität zum internationalen Kontext. Das zu kapieren erfordert den Weg, den ich als Zuschauer nach dem Film noch gehe. Ich fürchte die wenigsten tun es. Das Interview-Gerede von Petzold hilft dabei. 100.000 Leute im Kino reichen, um Petzold-Filme zu refinanzieren, sagt er da. Mehr nicht. Jeder Petzold-Film bringt also Gewinn.
JERICHOW
Deutschland 2008, 93min, Farbe
B/R: Christian Petzold
K: Hans Fromm
S: Bettina Böhler
D: Benno Fürmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer
http://www.jerichow-der-film.de/

