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»h:r landshövding«

Jeder Film ist politisch, das ist klar aber manche sind es mehr als andere. Das hängt natürlich auch vom Blick der Kinogänger ab. Viele Filme, besonders gern Dokumentarfilme schmeißen einem ihre politischen Ambitionen mit viel Tamtam um die Ohren: Krieg und Elend, das Elend der Ausgebeuteten, die Skrupellosigkeit der Banken. Zuletzt hat man sich nicht einmal entblödet Tom Tykwers The International als Kommentar auf das Bankensystem zu lesen. Man muss schon taub und blind sein, um ausgerechnet das in diesem Film zu sehen. Warum tut man sich und den Filmen so etwas an?

Måns Månssons H:R LANDSHÖVDING zeigt in seiner zweiten Szene, die aus nur einer Einstellung besteht, einen riesigen, grauen rauchenden knisternden Scheiterhaufen, auf dem hier und da noch die letzten Flammen züngeln. Es dämmert Morgenlicht. Unweigerlich frage ich mich, was hier eigentlich verbrannt ist, was fehlt hier? Vor allem eine Erklärung. Stattdessen sitze ich weiter mit diesen rauschenden, sehr oft unterbelichteten Schwarz-Weiß-Bildern hier und muss mir die Sachen selber zusammensuchen. Die Herren in ihren korrekten Anzügen auf der Leinwand haben es da besser: lang und breit werden für jedes Treffen, für jede Zeremonie, für jede Aktion die Sachen vor- und nachbereitet, durchgesprochen ausgewertet. Ich gewöhne mich an die ungewohnte Bilder, die auf 16mm entstanden sind. Das ist, irgendwie, schön, sehr schön sogar. Da will einer was erzählen, aber er lässt die Bilder das machen. Und vor allem das, was nicht in diesen Bildern ist. Immer wieder ist die Rede vom schwedischen König, der dies und jenes auf einem Empfang machen soll, mit dem sich der Gouverneur von Uppsala noch einmal beraten muss usw. oder auch vom japanischen Kaiserpaar, das hier auf Staatsbesuch kommt. Aber zu sehen kriegen wir die alle nicht. So wie keiner weiß, was auf dem Scheiterhaufen am Anfang verbrannt ist.

Der schwedische Regisseur Mans Mansson auf der Berlinale 09.
Måns Månsson auf der Berlinale 09.

Damit kann man jetzt machen was man will, denn man sieht es eh nicht. Aber für mich liegt vielleicht genau darin das politische Statement des Films, denn statt dieses oder jenes vorzuführen, markiert er strukturelle Leerstellen und betont sie noch zusätzlich, indem sie lang und breit diskutiert werden, wie etwa der nicht im Bild gewesene Staatsbesuch aus Japan. Sowenig politische Stellvertretung einfach so aufgeht, sowenig geht das Verhältnis dieser Bilder und dessen auf, was sie (nicht) zeigen (können). Trotz der Leerstellen, um die der Film angeordnet ist, kann von Leere keine Rede sein: es sind wenigstens die körnigen Bilder, die tatsächlich hier und da wie cinéma vérité aussehen, aber natürlich keins sind, die eine optische Präsenz haben, wie man sie sich von manchem Film wünscht. Leider hat der in Presseheft und Berlinale-Katalog verbreitete Bezug auf dieses besondere Dokumentarkino dem Film wohl das Genick gebrochen, den plötzlich schaut keiner mehr auf den Film sondern auf die Sternstunden des cinéma vérité und stellt fest, dass er denen nicht das Wasser reichen kann. Das mag stimmen oder nicht, aber es ändert nichts daran, dass der Film hier seinen Kritikern und scheinbar sogar seinem Regisseur etwas voraus ist, weil sein Argument ebenso wie der Kern repräsentativer Politiken nicht in etwas liegt, was man beobachten könnte, sondern in systematisch verwalteter Abwesenheit: von Repräsentierten, von Kommentaren, von Staatsbesuchen oder von klaren Aussagen. Wenn einer der Herren Diplomaten im grauen Anzug aus diesem Film oder im Tagesgeschäft sagen würde, was er wirklich denkt oder will, dann könnte er sehr sicher sein, dass er es niemals bekommt. Vielleicht gilt das auch für's Kino und macht all die unsäglichen politischen Filme, die ihre Ziele anbieten wie Sauerbier so harmlos wie vulgär. Beides Eigenschaften, die ich diesem Film unter keinen Umständen zusprechen kann, auch wenn ich mit dieser Meinung so allein bin wie Anders Björck beim Säen auf dem Linaeus-Feld.

H:R LANDSHÖVDING
Schweden 2008
R,K,S: Måns Månsson
s/w, 35mm, gedreht auf 16mm