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»gitarre«

Wieso dieser Film so gut funktioniert? Weil die drei genialen Gitarristen, um die es sich dreht, eben aus verschiedenen Generationen und Musikrichtungen kommen und jeder seinen eigenen Weg gefunden hat, die elektrische Gitarre als Instrument neu zu erfinden.

Jimmy Page (Led Zeppelin) funktioniert als der natürliche Musiker, der die Melodien fühlt und seine Fingerfertigkeit perfektioniert hat. Wenn er sich eine Schallplatte anhört und auf der Luftgitarre mitspielt, oder wenn er mit Jack White und The Edge zusammen jammt, kann man die Musik durch seinen ganze Körper fließen sehen.

The Edge (U2) ist dagegen der Purist, der nach neuen Soundsphären und Effekten sucht. Ein Bastler, der sich geduldig an einzelnen Rhythmuswechseln und Verzerrungen ewig versuchen kann, bis er das gefunden hat, was ihn glücklich macht. Passend dazu wird er beim Meditieren auf dem Dach des Hotels gezeigt. Seine Stärken zeigen sich in seiner Freude, als er der Kamera seine eigene, reinere Methode, einen E-Akkord zu spielen, präsentieren kann und in dem genialen Augenblick, als er eine neue Melodie vorstellt um danach durch die Abschaltung sämtlicher Effekte zu demonstrieren, dass er eigentlich nur zwei Akkorde immer abwechselnd im Halbtakt gespielt hat

Jack White (White Stripes, Raconteurs) komplettiert das ungleiche Trio als der durchgeknallte Erfinder, der stets nach neuen Ausdrucksweisen sucht, seine Energie und „Attitude“ (dieses Wort zu übersetzen ist nicht so einfach...) auszudrücken. In den ruckartigen, energiegeladenen Bewegungen auf der Bühne erkennt man sofort seinen Ursprung als Schlagzeuger wieder. Ein unbändiger Wille zur Kreativität treibt diesen Mann, der sich zur Not eine E-Gitarre aus einem Holzblock, einer Glasflasche, einem Stück Schnur, der Elektronik und ein paar Nägeln innerhalb wenigen Minuten selbst zusammenbaut. Easy, ain't it? Für ihn schon. Beeindruckend und charakteristisch auch sein Liveauftritt, während dem er sich an der Gitarre die Finger wund schrammelt, was ihn aber nicht ein mal zögern lässt, weiter zu spielen. Sein Instrument sieht hinterher aus, als wäre es zu Liquidierung zu aufdringlicher Fans benutzt worden.

Diese drei Musiker in einem Film zusammenzuführen, ist der eigentliche Geniestreich von Regisseur Davis Guggenheim. Auf sehr professionelle Art und Weise wird das Material geschnitten und präsentiert, nichts wirkt überflüssig. Dafür dröhnen die Riffs durch die Halle, als wolle der Film einen anschreien: Ich habe euch gewarnt! Und das ist gut so. Dass der Song, den die drei Virtuosen zum Schluss gemeinsam aufnehmen, bloß durchschnittliche Rock-Kost ist, fällt bei dem ganzen Spektakel wenig ins Gewicht. Was zählt, sind die unterschiedlichen Perspektiven auf dieses ebenso kraftvolle wie sensible Instrument. Page, Edge und White: Melodie, Klang und Energie – der Film ist ein Ganzes.

It Might Get Loud
USA/2008
R: Davis Guggenheim
D: Jimmy Page, The Edge, Jack White
Der Applaus wollte gar kein Ende nehmen. Noch Minuten nach Ende des Abspanns und Verklingen des letzten Tons standen Regisseur Davis Guggenheim und einer seiner Hauptdarsteller auf der Bühne und nahmen den Beifall des Publikums entgegen. Der Hauptdarsteller, das ist in diesem Fall kein geringerer als The Edge, seines Zeichens Gitarrist von U2. In den eineinhalb Stunden zuvor konnte das Publikum ihn, Jack White von den White Stripes und Jimmy Page von Led Zeppelin dabei beobachten, was es heißt, seine Musik und sein Instrument zu lieben, zu leben.
Es macht unglaublichen Spaß, diesen drei Ikonen des Rock zuzusehen, wie sie über Gitarren und Tricks und Spielweisen fachsimpeln und sich – wie im Falle Pages – auch nach 40 Jahren als Musiker neu inspirieren zu lassen. Man sieht und spürt einfach, dass hier die Musik auf die Musiker übergegangen ist und hat das Gefühl, dass diese Herren einfach gar nichts anderes machen könnten, als Gitarre zu spielen. Die Hingabe, mit der sie sich ihrem Instrument widmen, ist sofort spürbar. Jimmy Page zum Beispiel, bei dem man wirklich sieht, dass die Musik jede Faser seines Körpers durchströmt, der jeden Ton lebt. Oder The Edge, der in einer der lustigsten Szenen des Films ein 'new cool riff' spielt – um danach alle Effektgeräte auszuschalten und die selben Töne noch einmal anzuschlagen: welch ein Unterschied! Oder auch in der ersten Szene, in der Jack White aus ein paar Brettern, Nägeln, Draht und einer Cola-Flasche eine E-Gitarre bastelt und dieses spielt. You don't need much more to build a guitar. Oder wie sich eben jener Jack White während eines Konzerts die Finger blutig spielt, was natürlich kein Grund ist, das Spiel zu unterbrechen. Oder, oder, oder... das hier ist eine Hommage auf den Gitarrenrock! Es sind ohnehin die ästhetischsten Momente des Films, die in extremen Großaufnahmen die Gitarrenkörper und die Finger der Musiker beim Spielen der Saiten zeigen, ihre Virtuosität und Filigranität.
Ich las an anderer Stelle, der Film wäre ein Abgesang auf den Rock, dass dieser an Bedeutung verloren habe und das Jamming der drei am Ende 'drollig' sei. Wahrscheinlich habe ich dann einen anderen Film gesehen. It Might Get Loud ist nämlich alles andere als der Nachruf auf ein aussterbendes Genre. Wenn Page, White und The Edge jammen, weiß ich, warum ich zu dieser Musik gefunden habe. Die Vielfältigkeit, die Kraft und auch die Magie, die vom Sound einer E-Gitarre ausgehen, sind einfach faszinierend. Und in Zeiten, in denen AC/DC und Metallica-Welttourneen in weniger als 15 Minuten ausverkauft sind und 2 Millionen Menschen Tickets für Led Zeppelin haben wollen, weiß ich auch, dass Gitarrenrock so schnell nicht aussterben wird. Oder, um mit Jimmy Page zu sprechen: „There might come the day when I'm to old to play. But let it be as far far away as possible.“