1 items on »Film und Kritik« tagged with

»from arusha to arusha«

Am 6. April 1994 wurde eine neue Begrifflichkeit dem ruandischen Wortschatz hinzugefügt: Genozid. Denn an diesem Tag begannen die ungeheuerlichen Gewalttaten, die wir heute als den Völkermord in Ruanda bezeichnen, und hielten bis Mitte Juli desselben Jahres an. Dabei kamen mindestens 500.000 Angehörige der Minderheit Tutsi sowie widerständige Hutu um, leider beläuft sich die realere Anzahl der Toten eher auf 1.000.000. Der seit Jahren schwellende Konflikt zwischen der damaligen Regierung um Habyarimana und Bagosora sowie der Rebellenbewegung namens Ruandische Patriotische Front (RPF) erreichte in diesen Massentötungen seinen Höhepunkt. Auch ein Großteil der zivilen Bevölkerung beteiligte sich an den Grausamkeiten, die von Misshandlungen über Vergewaltigungen zu grausamer Folter mit anschließendem Tötungsakt reichten.
Der Film D´arusha à Arusha von Christophe Gargot dokumentiert die anschließenden Gerichtsverhandlungen vor dem internationalen UN-Tribunal. Verhandelt wurde über die Schuld und Bestrafung dreier Hauptbeteiligter: ehemaliger ruandischer Präsident Habyarimana, Oberst und führender Planer des Verteidigungsministeriums Bagosora als auch Propagandachef Ruggiu, ein in Ruanda lebender belgischer Moderator des Hass-Radiosenders RTLM. Parallel dazu werden Gespräche mit Zivilisten geführt, die ihre Sicht zum Völkermord äußern.
Anhand der Aussagen der interviewten ruandischen Bürger lässt sich der Wunsch erkennen, dass das UN-Gerichtstribunal die Situation in Ruanda wieder in richtige Bahnen lenken soll. Hierzu äußert der Film allerdings Skepsis. Denn ist es Außenstehenden überhaupt möglich die Auslöser und Ausmaße des Konfliktes richtig einzuschätzen auch wenn sie im rechtlichen Fach fundierte Vorkenntnisse haben? Die Mehrheit der Richter und anderer Sachverständigen sind keine Tutsi oder Hutu. Sie sind Ausländer, Angehörige der UN-Staaten, die nach Ausbruch der Gewalthandlungen 1994 ihre Friedenstruppen in Ruanda nicht verstärkte, sondern noch Soldaten abzog. Es stellt sich von Beginn an die Frage: Ist Ruanda selbst nur ein Opfer fehlgeleiteter internationaler Politik? Bei der Suche nach Antworten kommt hier erschwerend hinzu, dass die ruandische Gesellschaft durch einen komplizierten Aufbau gekennzeichnet ist. Laut den Aussagen des ehemaligen Präsidenten gibt es im ruandischen Staatsgebiet keine Rassen sowie ethnischen Gruppen. Irritierend wirkt dann aber ein Gesetz, das zwischen der Mehrheit der Hutu und der Tutsi-Minderheit trennt.
Hier ist die Trennlinie zwischen Schuld und Verantwortung nur sehr schwer zu ziehen. Eins bleibt dabei aber klar: die Wahrheit über die Ereignisse im Frühsommer 1994 kennen nur die Gefangenen. Alle anderen sind tot oder wissen nichts. Auf der Suche nach der Schuld und der folgenden Vergeltungsfrage, sollte eins nicht außer Acht gelassen werden: man urteilt immer noch über Menschen.
Und zum Schluss steht die essentielle Frage immer noch im Raum: Ist es wahr oder nicht?
Das UN-Tribunal beantwortete sie mit einem Urteil im Jahr 2008: Lebenslänglich für Bagosora.

Theresa Brüheim

Zusätzliche Quelle zur Informationsvertiefung:
http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_in_Ruanda