Wednesday, 18. February 2009, 00:05Uhr
Was soll man zu Ozon sagen? »Il est different« heißt es im Film von dem Kind, dem er seinen Titel verdankt. Und das gilt vielleicht nicht nur für seine offensichtlichste Abweichung, die sich noch schnell als Märchen abhandeln ließe. Es gilt zum Beispiel auch für die leichten Verschiebungen, die er an seiner Zeitstruktur vornimmt. Er beginnt mit einer Szene einer Mutter, die beim Jugendamt um Unterstützung bittet, weil sie mit ihrem Baby nicht mehr zurecht kommt. Beim Schnitt auf die nächste Einstellung sagt ein eingeblendeter Text: »Einige Monate früher.« Erwarten würde man irgendwann gegen Ende des Filmes also wieder bei jener ersten Szene anzukommen und begriffen zu haben, wie es soweit kommen konnte. Wenn man aber nicht so weit gehen will zu behaupten, dass diese erste Szene ein mögliches von vielen Futur II des Films gewesen sein wird, so muss man doch bemerken, dass der Film über diesen Anfang in einer nicht näher zu bestimmenden Weise hinweggeht: wohin, sei dahingestellt. Dann die Wiederholung: beim zweiten Mal wird nichts gewesen sein wie beim ersten Mal. Wiederholung ist praktisch nicht möglich: zweimal blendet der Film langsam auf vier solitär in der Landschaft stehende Wohnhochhäuser. Während das beim ersten Mal leicht als Signatur eines realistischen Sozialdramas lesbar ist, scheinen diese Türme bei der zweiten Aufblende wie die Türme eines geheimnisvollen Märchenschlosses zu sein: nicht nur die unheimliche, verzaubernde Filmmusik sagt uns, dass hier mittlerweile alles anders ist. Und schließlich wird die Zeitökonomie des Filmes durch einige wenige, vielleicht zwei oder drei fast unmerkliche Jump Cuts durchbrochen, Schnitte, die man getrost als unnötig bezeichnen kann, weil sie, anders etwa als die klassischsten aller Jump Cuts in À bout de souffle keinerlei erzählerische Funktion haben. Der Film ist lediglich aus dem Takt seiner eigenen Zeit geraten, unterbricht sich selbst kaum merklich.
Vielleicht muss man doch noch mal darüber nachdenken, ob es ausgehend von der nie wieder gefundenen ersten Szene hier doch einen Film gibt, der sich in ein noch genau zu untersuchendes Konditional kleidet. Und dieses Konditional ist tatsächlich zeitlicher Natur. Man denke hier nur an die vielfältigen Überkreuzungen von Tieren und Menschen aus einer Zeit, in der der Begriff vom Menschen sich weniger über binäre Oppositionen zu Tieren oder Dingen definierte, sondern zum Beispiel über Vermischungen mit diesen. Derartige Denktraditionen lassen sich nicht nur in sogenannten vormodernen, sondern auch in vielen außereuropäischen Gesellschaften finden.
Ozon macht mögliche Filme: Filme, in denen es möglich ist, dass man nur herzhaft genug in einen Hähnchenflügel beißt und der kleine Bruder auch Flügel bekommt. Filme, in denen Tierisches und Menschliches sich gegenseitig austauscht, ergänzt, fordert und überformt.
Während des Films wurde herzhaft gelacht, kollektiv laut die Luft angehalten, frenetisch gejubelt und lautstark gebuht. Jedenfalls: der Film fordert, dass man sich zu ihm positioniert, sich mit ihm auseinandersetzt, ein Verhältnis zu ihm entwickelt. Und das heißt: die Bilder laufen ebenso wenig einfach nur so vor den Menschen ab, wie die Tiere einfach nur so neben den Menschen her existieren. Es gibt Austauschverhältnisse, unheimliche Mischungen, glückliche Entwicklungen und eben auch, wie beim Anschauen dieses Films, ein faszinierendes Unverständnis, das man nirgends so schön lernen kann wie in gutem Kino.
Ricky
R: François Ozon
D: Alexandra Lamy, Sergi López, André Wilms, Mélusine Mayance, Arthur Peyret
Frankreich 2009
Vielleicht muss man doch noch mal darüber nachdenken, ob es ausgehend von der nie wieder gefundenen ersten Szene hier doch einen Film gibt, der sich in ein noch genau zu untersuchendes Konditional kleidet. Und dieses Konditional ist tatsächlich zeitlicher Natur. Man denke hier nur an die vielfältigen Überkreuzungen von Tieren und Menschen aus einer Zeit, in der der Begriff vom Menschen sich weniger über binäre Oppositionen zu Tieren oder Dingen definierte, sondern zum Beispiel über Vermischungen mit diesen. Derartige Denktraditionen lassen sich nicht nur in sogenannten vormodernen, sondern auch in vielen außereuropäischen Gesellschaften finden.
Ozon macht mögliche Filme: Filme, in denen es möglich ist, dass man nur herzhaft genug in einen Hähnchenflügel beißt und der kleine Bruder auch Flügel bekommt. Filme, in denen Tierisches und Menschliches sich gegenseitig austauscht, ergänzt, fordert und überformt.
Während des Films wurde herzhaft gelacht, kollektiv laut die Luft angehalten, frenetisch gejubelt und lautstark gebuht. Jedenfalls: der Film fordert, dass man sich zu ihm positioniert, sich mit ihm auseinandersetzt, ein Verhältnis zu ihm entwickelt. Und das heißt: die Bilder laufen ebenso wenig einfach nur so vor den Menschen ab, wie die Tiere einfach nur so neben den Menschen her existieren. Es gibt Austauschverhältnisse, unheimliche Mischungen, glückliche Entwicklungen und eben auch, wie beim Anschauen dieses Films, ein faszinierendes Unverständnis, das man nirgends so schön lernen kann wie in gutem Kino.
Ricky
R: François Ozon
D: Alexandra Lamy, Sergi López, André Wilms, Mélusine Mayance, Arthur Peyret
Frankreich 2009
