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Die am weitesten verbreitete und heftig kritisierte frauenfeindliche Erzählung des Kinos geht ungefähr so: in einem von Männern dominierten Millieu (also gern Armee, Schule, Universität oder ähnliches) taucht eine Frau auf, die den treu der Gemeinschaft dienenden Männern gefährlich wird, weil sie nicht nur ein Begehren hat, sondern dieses an den gerade verfügbaren Männern auch stillt. Nachdem sie solcherart ein oder zwei Männer ins Verderben gerissen hat, kommt sie zu Tode, wird außer Landes gebracht oder verschwindet sonst irgendwie von der Bildfläche. Zurück bleibt der männliche Star des Films, der sie zwar geliebt hat, sich ihr aber nicht hingegeben hat und deshalb doppelt gerettet ist: vor ihr und vor seinem Begehren, das nur noch als melancholischer Schatten übrig bleibt. Das Musterbeispiel dieser Erzählung ist Alfred Hitchcocks Vertigo.
Die am weitesten verbreitete und heftig kritisierte homophobe Erzählung des Kinos geht ungefähr so: ein Schwuler kennt sein Begehren und ist entschlossen, sich ihm hinzugeben. Er versucht deshalb den begehrten Anderen zu verführen, was ihm in einer traumartigen, alkoholisierten oder sonst irgendwie aus dem gewöhnlichen Lauf der Dinge herausgenommenen Situation auch gelingt. Daraufhin bricht dieser den Kontakt ab und macht ihm und sich Vorwürfe. Schließlich stirbt der offen mit seinem Begehren umgehende Schwule. Durch seinen Tod wachgerüttelt, nähert sich der Zurückgebliebene ein klein wenig mehr seinem eigentlichen Begehren und vereinigt sich in einem weiteren Traum doch noch mit dem Geliebten, der nun, ungefährlich, weil tot, und ewig rein, weil nur imaginär mit ihm verbunden ist.
Gemeinsam ist diesen beiden Erzählungen, dass sie ein offen abweichendes Begehren nur um den Preis zulassen, dass es sich nicht wiederholen kann und keine wirklichen Auswirkungen auf das Wohl der Gemeinschaft mehr entfalten kann. Die Lektion, die hier gelernt werden kann: wer nicht begehrt wie alle anderen, wird vom Leben ausgeschlossen. Wer dem Tod durch falsches Begehren gerade noch entkommt, bleibt melancholisch und dysfunktional zurück. Das Musterbeispiel dieser Erzählung ist Brokeback Mountain.
Ich muss nicht weiter ausführen, dass ich nichts auf der Welt weniger möchte, als noch einen Film zu sehen, der eines dieser beiden Narrative bedient. Warum sich Marco Berger entschlossen hat, in Ausente das Schlimmste aus beiden Narrativen in einen Topf zu werfen, alles in unerträglich dämmeriges Sepia zu tauchen, mit aberwitzig sinnlosen Filmzitaten vollzustopfen (eine Duschszene, die glücklicherweise nicht in Mord endet) und keine Gelegenheit auszulassen, die männlichen Hauptfiguren in Pinup-Posen schlafend auszustellen, weiß nur er allein.

Ausente
Argentinien, 2011, 87 min
R: Marco Berger
D: Carlos Echevarria, Javier De Pietro, Antonella Costa

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Vermutlich glauben außer mir noch mehr Menschen, das eigene Leben sei etwas, das sich irgendwie in uns abspielt. Unsere Gedanken und Vorstellungen, Wünschen und Erwartungen, die Stimme, mit der wir uns Mut zusprechen oder zu blödsinnigen Aktionen überreden: alles in uns. Wie verhält sich dieses innere Leben aber zu dem, was sich draußen, sagen wir, vor unserem Fenster abspielt? In welchem Verhältnis stehen meine Gedanken, wenn mir mein Freund am Telefon Vorwürfe macht, zu der Frau, die zufällig vor meinem Fenster vorüber geht und unterm Arm eine Zeitung trägt, dazu schwarze Ballerinas und ein rotes Oberteil?
Thomas Imbachs Day is Done stellt diese Frage nicht nur, sondern er beantwortet sie großformatig, brilliant, überzeugend, humorvoll, leise, neblig und vor allem: als Film. Er lässt seine Aaton 35-3P aus dem Fenster seines Ateliers schauen, das sich in der Nähe des Züricher Bahnhofs befindet. Der Blick geht zunächst über Lagerhäuser, zahlreiche Schienen und Brücken und fängt sich an einem großen Schornstein, der nahezu in der Talsohle Zürichs liegt. An den beiden Seiten erheben sich langsam die Berge und lassen die Stadt in der Landschaft verschwimmen. Zunächst konzentrieren sich auch die Bilder des Films auf den Schornstein: wie die Vögel um ihn kreisen; wie Flugzeuge hinter ihm vorbeifliegen; wie ohne Ende Rauch aus ihm aufsteigt: einmal dick und milchig, dann wieder dünn und faserig. Der Film zeigt dieses eigentlich belanglose Motiv in den unglaublichsten Farben und Wetterlagen: von gleißend blauem Weiß, bis zu völliger Schwärze, von erwachendem Rot bis zu undurchdringlichem Graublau hebt sich dieses Ding vom Himmel in allen erdenklichen Farben ab. Die bemerkenswert detailreichen Bilder machen aus dem Schornstein eine große Frage. Je länger sich der Film dann mit den tausend Umständen beschäftigt, unter denen man sich von ihm ein Bild machen kann, desto vielstimmiger wird sie.
In den Bildern, die Thomas Imbach im Laufe von fünfzehn Jahren gefilmt hat, schwenkt die Kamera, wechselt ihre Lichtempfindlichkeit, ist immer wieder mit anderen Objektiven ausgestattet, so dass vom KLleinsten bis zum Größten, Tag und Nacht, nah und fern alles zum Bild werden kann. Erst die zweite Hälfte des Films wendet sich den Menschen zu, die direkt vor dem Fenster entlanggehen. Da gibt es die junge Frau aus der Firma von gegenüber, die täglich die Post aus einem nicht sichtbaren Briefkasten holt. Da sind knutschende Paare, Bauarbeiter, spielende Kinder, spazierende Rentner, Kunden einer Weinhandlung. Manchmal wird die Kamera beim Beobachten beobachtet, nicht zufällig zuerst von einem anderen Kamerateam, später von einem Mann mit Telefon.
Und tatsächlich ist das Telefon oder genauer: der Anrufbeantworter, das zweite Gerät, das Imbach braucht um mit all dem vor seinem Fenster Kontakt aufzunehmen. Über viele Jahre hat er die Nachrichten, die auf seinem Gerät hinterlassen wurden, aufgezeichnet und rekonstruiert mit ihrer Hilfe nun eine Reihe von Ereignissen aus der Vergangenheit. Die Krebserkrankung seines Vaters und dessen Tod, die Beziehung zu seiner Freundin und die Geburt des gemeinsamen Sohnes Noah, das Heranwachsen des Kindes, berufliche Erfolge und vieles mehr. Die jeweils nur wenige Sekunden kurzen Kommunikationsschnipsel suchen Kontakt: sie bitten um Rückruf, bestätigen Verabredungen, vereinbaren Termine. Hörbar und chronologisch vergeht in ihnen die Zeit: dem Vater geht es schlechter, der Sohn lernt sprechen, die Anspannung der Partnerin wächst. Während wir im Film T.s Antworten nicht hören können, seine Reaktionen teilweise nur indirekt über andere Nachrichten erahnen, lässt er seine Bilder antworten. In ihnen vergeht nicht die konkrete Zeit, von der auf dem Anrufbeantworter ständig die Rede ist: am Dienstag, Viertel nach Acht, am 11. April, jetzt. In den Bildern kann man der Zeit an sich zusehen: selten führt der Film die Bilder in Echtzeit vor. Sie sind verlangsamt, beschleunigt, gewinnen in der Projektion an Geschwindigkeit oder bremsen abrupt ab. Die Bilder sind keine Illustrationen und haben es auch nicht nötig welche zu werden. Sie sind zu schön, zu präsent, zu selbstverständlich, als dass sie auf andere angewiesen wären. Sie zeigen vor allem, dass es sie und die Zeit, in der sie gesehen werden, gibt. Die digitale Projektion, in der ich den Film gesehen habe, hat das noch einmal unterstrichen. Ohne jede Bildstörung, ohne jedes Zittern und Flackern stehen diese Bilder auf der Leinwand und sind perfekter nicht denkbar.
Es wäre vielleicht zu viel und zu wenig, den Film als große Reflektion auf die Zeit zu sehen. Erstens klingt das zu pathetisch und zweitens ist er noch so viel mehr: er ist ein autobiographischer Film, er ist ein Dokumentarfilm über Zürich, er ist eine Studie des Schweizer Wetters, er ist eine Liebeserklärung an den Anrufbeantworter, er ist … einfach wundervoll.

Day is Done
R,K: Thomas Imbach
Schweiz 2011

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Strukturiert und beobachtend bleibt er im Hintergrund. Er muss wieder an Geld ran, nicht allein, die richtigen Leute müssen es sein; zuverlässig, orientiert und skrupellos. Trojan hat es satt mit Stümpern zu arbeiten. Im Dickicht der Großstadt taucht er ab, rekrutiert und taucht an anderer Stelle wieder auf, agiert. Im Wechselspiel aus Verfolgung und verfolgt sein, geraten Handlungen in Serie, die letztendlich in Morden enden.
Die Orte, die in guten Einstellungen aus Montage und Licht aufgehen, verdichten sich zu Sitzplätzen im Auto. Dem Auto als Mittler zwischen Handlung und Beobachtung. Es stellt eine feste Größe in Trojans Aktionismus dar. Er kommuniziert darin und darüber, ist Tarnung und Versteck. Es reiht sich als Hybrid in die Serie aus Verkehr und Handlung, von Trojan zu mehr als ein Fließbandfabrikat geschaffen. Trotz kriminalistischem Geschick verwundert der sich nicht wirklich zur Spannung aufbauende Bogen. Mag es an fehlendem Trickreichtum oder dem abprupten Ende des Filmes liegen. Man wird zu oft in seinen Erwartungen allein gelassen, hofft auf weitere Verstrickungen und einfallsreichere Problemlösungen im Plot, Fehlanzeige. Thomas Arslan hält die Leine kurz, ausreichend, um einen Kreis zu ziehen, unzureichend, um neue Formen zu beschreiben. Zurück bleibt eine Hoffnung auf einen nächsten Film mit mehr Überraschungen und gerissenen Winkelzügen.

D, 2010, 85 Min. , Thomas Arslan
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„Ken Uehara in einer seiner besten Hauptrollen.“ heißt es.
Das erste Bild provoziert einen Lacher, der sich durch die Sitzreihen zieht. Japaner im Dirndl auf einer Theaterbühne, eine schöne Frau, ein Verehrer, ein Blumenstrauß. Es ist eine unwirkliche Konstellation aus Inszenierung und Kulturverriss, in tradionellem Kimono, Anzug und Krawatte. Eine Liebesgeschichte, eine Bestimmte sowie Selbstbestimmte, verfängt sich im freien Küstlerleben und kämpft gegen das Gefangenwerden in der Tradition. Diese beiden Pole reiben aneinander, sind bestimmt durch Tränen des Zwangs und naiver Hingabe. Uehara steht im Kampf zur Seite, im Look eines Spaniers und Cowboys, sich seines großgekrempten Hutes bewusst, nicht auf seine Zigarette im Regen verzichten zu müssen. Der Eindruck des Genremixes untermauert die Lacher, die sich aus Dialog und Auftritt überraschend ergeben. So richtig Drama will er nicht sein, Komödie auch nicht. So sollen wir entscheiden, mit dem Helden mitfiebern, mit der Schönen leiden. Im Wechselspiel offensichtlicher Kulisse und dokumentarischem Archivmaterials entwickelt sich eine Handlung, die immer wieder durch gut fotografierte Bilder beeindruckt. Ästhetik, die das Prasseln des Regens auf der Haut zu Standbildern elektrisieren lässt. Im Einklang stechender Tonknackser, Bildsprüngen und risshaften Schnitten ist der Film greifbar und authentisch. Ein Vertreter des klassischen Kinos der 30er Jahre lässt die Herzen der Kinobesucher höher schlagen. Ein Film der Frage der Ehre, des Mutes und der Hingabe zur Kunst, unter Beanspruchung der Lachmuskeln. Skuril.

J, 1937, 77 Min. , Shimazu Yasujiro
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