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»flügel«

François Ozon wollte mit seinem im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb stehenden Film "Ricky" sicherlich keinen Film über ein fliegendes Baby drehen.

Das wäre wohl auch etwas zu einfach, nachdem große Teile des Publikums mit Leichtigkeit in "Ahhh!"-Laute und herzhafte Lacher versetzt wurden, als sie das
pummelige Rickylein da in der kleinen Plattenbauwohnung und im Supermarkt umherfliegen sahen. Nein, Ozon hat mit "Ricky" deutlich bewiesen, dass er die Reaktionen seines filmerfahrenen Publikums sehr gut einschätzen und mit ihnen spielen kann.

Haben wir etwa nicht befürchtet, dass die disziplinierte, selbstständige Lisa ihren kleinen Bruder tatsächlich verarztet, bevor dann die Kamerafahrt nach
unten erst auflöst, dass es sich nur um ihre lange vorher visuell etablierte kahle Babypuppe handelt?
Haben wir etwa nicht befürchtet, dass es wirklich der gleichgültige, überforderte Paco war, der seinen Sohn (in einer von Ozon beabsichtigt, elliptisch ausgelassenen Szene) unachtsam fallen ließ oder sogar geschlagen hat, weil wir nicht nach anderen Erklärungen für Rickys Blutergüsse suchen wollten oder konnten?
Haben wir etwa nicht befürchtet, dass die egozentrische, launische Katie ihren Sohn allen Ernstes hinter sich auf dem Motorrad platzieren wollte, als sie nach
der kleinsten Schutzhelmgröße verlangte?
Und haben wir etwa nicht befürchtet, dass Lisa ihre Schere nach der geflügelten Röntgenprojektion am Wohn-/Schlafzimmerfenster dazu nutzen würde, um ihrem Bruder die Flügel zu stutzen, wenn Paco nicht das Zimmer betreten hätte?

Nicht nur in diesen Momenten hat Ozon uns geschickt dazu verleitet, seine Charaktere zu unterschätzen und zu schnell abzustemplen.

Dass es sich bei Rickys Wunden um Flügelauswüchse handeln muss, hätte der gediegene Zuschauer nach Ozons subtilen, den gesamten Film durchzogenen Hinweisen eigentlich wissen müssen. Hat er wohl aber kaum. Obwohl wir, wenn ich das mal unspektakulär zusammenfassen darf, konfrontiert wurden mit: Auffliegenden Seemöwen zu Beginn des Films und nach der Entdeckung der Flügel, den wiederkehrenden Möwenschreien, die Katie in ihrem Bett hören kann, Lisas Engelflügelkostüm, Wölkchentapete für das Baby, Hühnchen zur Ehre von Rickys Geburt, Lisas Wunsch, einen Flügel zu essen und dabei zu zusehen, wie ihr Bruder gestillt wird (Ozons Gegenschnitte sind oft ebenso unmerklich gesetzt, wie seine Kamerabewegungen). Schließlich wird Rickys Laufstall natürlich unbeabsichtigt und mehrfach als Käfig bezeichnet - zur Freude des jungfräulichen Publikums.

Diese wohl plumpe Babygeschichte mit Flügeln mag als Parabel für eine gegenwärtige französische Arbeiterfamilie gelten. Denn der Film lässt sich viel Zeit, alltägliche Begebenheiten (das Abliefern und Abholen von der Schule als auch die diversen Frühstückstraditionen und das "Holding on tight?" - "Yes.") zu inszenieren. Dabei ungeklärt bleibt jedoch, aus welcher Phase des Films die Eingangszene stammt, in der eine verzweifelte Katie sich um einen Heimplatz für ihr schreiendes Kind (welches?) erkundigt. Wenn dieses Verschwinden Pacos nicht gar nach dem Ende des Films liegen würde, denn "several months earlier" ist etwas Anderes als eine exakte zeitliche Beschreibung. Muss es aber auch nicht, denn es geht weder um Ricky, noch um das am Ende erwartete Kind - es geht um Lisa.

Wenn man wirklich von jemandem geliebt wird, wird derjenige einen nie verlassen, hat Lisa gesagt. Ihr Vater hat sie verlassen, ihre Mutter zeitweilig ignoriert (Bus statt holding on tight?), ihre Puppe ist eben nur eine Puppe, doch dieses neues Geschwisterlein sollte ihr nicht noch mehr Liebe und Aufmerksamkeit der Mutter rauben. Lisa wirkt zu ernst, weil sie schwach und ängstlich ist. Sie hat Verlustängste, wie auch ihre Mutter.

Kein Wunder also, dass Katie beim alternativen, familiären Drachenfliegen den Strick in dem Moment loslässt, in dem sie glücklich über die Flugkünste ihres Sohnes staunt. Sie ist bereit, ihn loszulassen, seinen abweichenden Merkmalen Freiraum zu gewähren. Kein Wunder also, dass Lisa ihrem Bruder erfreut zuruft: "Fly, Ricky, fly." Und kein Wunder also, dass Katie erneut schwanger ist, als Paco sich rührend um Lisa kümmert und sie es im Fahrtwind des letzten Filmbildes sichtlich genießt.

Die Hoffnung auf ein zukunftsfähiges Zusammenleben wäre gegeben, wenn wir wüssten, dass Katies Zusammenbruch beim Jugendamt zu Beginn am Ende des Films bereits vergangen ist und sich auf das Baby mit den Flügeln bezieht.


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R: François Ozon
D: Alexandra Lamy, Sergi López, André Wilms, Mélusine Mayance, Arthur Peyret
Frankreich 2009