4 items on »Film und Kritik« tagged with

»festival«

The win and will situation

Das „Wissen der Filme“ geht einem zu keinem Zeitpunkt mehr auf, als im Augenblick des 5. Mals Filmlicht an einem Tag - während der Berlinale „Shorts“ steigt diese Zahl plötzlich auf 9. Doch dann ist er plötzlich da: Der 10. und letzte Film für heute. Spike Jonze und Arcade Fire präsentieren „Scenes from the suburbs“. Aus Submarine (15. 02., 19. 15 Uhr, Cinestar 8) weiß man, dass sich Teenager gern den eigenen Tod ausmalen, um sich weitergehende Gedanken um die Aufrichtigkeit & Gerechtigkeit des eigenen Ablebens zu machen. Schließlich ist der finale Punkt, die eigene Beerdigung – der Moment, der sich gedanklich immer die Trauer der Freunde ausmalt und schließlich doch nur die Illusion nach mehr Anerkennung meint.
Das erste erinnerte Bruchstück der kanadischen Band Arcade Fire ist das Album „Funeral“. Will Butler ist 5 Tage älter als ich: Die gleichen Bands, die gleichen Filme, die gleichen 90-er Jahre, die gleichen Bücher, Konzert Reviews, Indie Diskos, Slackers, Generation X, Sonic Youth Songs – wer weiß. Oder ganz andere. „Suburban life, a pretty wife“ beginnt die erste Single von Ugly Kid Joe, deren Album 1992 auf MC erscheint. Damals gab es noch keine als 2.0 Söldner verkleideten Bandmitglieder, die mit dem Maschinengewehr in der Hand „What´s your name?“ brüllen. Wir wissen es seit „Edward mit den Scherenhänden“ und aus 100 weiteren amerikanischen Filmen. Die Vorhölle der Langeweile, der amerikanischen Klischees sind die Suburbs. Alle fahren in den gleichen Chevys die Revolutionary Road entlang, alle haben die gleichen Ängste, in der Masse unterzugehen und alle wohnen einem alles in sich beerdigenden Friede bei; unter dem ein erbitterter Krieg geführt wird, niemand nur ansatzweise Ruhe findet, und schließlich Amok läuft, die Untoten heimkehren lässt, oder Gemetzel & Prophezeiungen vom Untergang kursieren.
Der Film weiß, die Suburbs haben nichts Gutes zu berichten, außer von verlorenen Träumen. Den Soundtrack dazu liefern die grandiosen Arcade Fire, die mit Ihrem „album advertisement movie“ den Tod des Musikvideos einläuten wollen, (obgleich sie es in einem späteren Interview wieder zurücknehmen): Video killed the radio star, movie killed the video star? So einfach ist es dann doch nicht, vor allem dann nicht, wenn die ge-teen-agede Tagtraumversion die Grenzen der Stadt durch das Militär verriegeln lässt, bzw. die Eltern die Haustür versperren, weil der Abwasch sich türmt und der einzige Rückzugsort das Jugendzimmer/ die Plastik-Pumpgun & die Kassettensammlungen sind, in denen sich Alben mit dem Titel „Funeral“ auffinden. Dann wünscht man sich, aus politischen Gründen zu sterben, aus Protest zu verbrennen, sich der Folter des Alltags durch größere Diskussionen um „wer der größere Looser ist“, zu entziehen. Das ausgedehnte Ausmalen von Szenarien gehört zum älter werden, wie der erste Kuss: „you know when the situation comes, think it´s gonna be cool.“ - neben den gängigen Rollenstereotypen des z.B. ewigen Paars, gibt es natürlich auch den Typen im Film, der alles verstehen will & aufrichtig für seinen Freund eintritt… hiking and biking, stand up beside the fireplace & as restless as we are…
Doch dieses Mal wird man nicht im Familienkrach verzweifeln und die Haustür werfen, darum soll der Rückblick auf „scenes from the suburbs“ auch nicht im Allgemeinen verbleiben – in der Vermutung, dass sich an dem Ort im Film, an dem Jugendliche sind, auch immer Klischees versammeln. Denn ich finde die Idee der „album movies“ eigentlich gut. Anmutig sind die Szenen, in denen das sinnierende Klavier die Augenblicke der Phantasie in Herzpochen und Augenaufschlag verfilmt, die tiefen, mächtigen Kontrabässe, die wie ein Unheil in den Krieg mit sich selbst ziehen und die im Verkehrslärm der Stadtautobahn untergehende Prophezeihung „You know guys, sth. will happen to you“. Spike Jonze entwickelt ein völlig neues Format der „Tagtraum-Sequenzen“, die physisch die Gedankenwelt ganz ohne sepia, slowmotion und schwarzweiß-flash-forward, übersetzt. Will dieser Film Käufer für das Album gewinnen, oder die Musik über das Format gewinnen lassen – ist es die Emanzipation des Soundtracks hin zum Soundmovie? „I don´t know“ steht auf dem T-Shirt des Protagonisten dieses kleinen Films. Mir bleibt, mit den lyrics von „Suburban war“ an eines zu glauben: „I've been living in the shadows of your song.“

scenes from the suburbs
canada, 2011, 28 min
R: spike jonze
D: arcade fire
Wenn man mit einem fantasievollen Auge unsere Welt abtastet, Räume und Wege begeht mit einem Blick für Lücken und Verstecke, dann kann man Stunden damit zubringen, sich geheime Liebesnester, Osternester oder Nester des eigenen Rückzuges vorzustellen. Der kleine Junge unter dem Küchentisch, das Pärchen hinter der Palme im Straßencafé, das Geschenk für die Liebste im Werkzeugkoffer, die eigene Entspannung auf einer kleinen grünen Lichtung; das sind Bilder, die man kennt, reichlich alltäglich und zuhauf reproduziert von uns und unserem routinierten, medial geprägten Einfallsreichtum.
Wenn diese geistige Fahrt durch eine Kamera miterlebbar wird und sich scheinbar endlos durch die Räume und Lande erstreckt, begänne man ob der Vielzahl der Verstecke an der entsprechenden Menge von Gründen zum Verstecken zu zweifeln, wären diese nicht ebenso zahlreich in den Bildern enthalten: Lärmende Fabriken, präzise surrende Maschinen, spießige Vorgärten, vollendet museal eingerichtete Wohnzimmer. Was aber macht man, wenn kein Versteck zum dauerhaften Untertauchen geeignet ist?
Wenn man sich den permanenten Qualen des eigenen Lebens ausgesetzt und sich aber nicht mehr in der Lage sieht, die eigene Ohnmacht mit stupider Arbeit, Geranien, Haushalt oder Sport zu kompensieren, wenn die Fantasie an ihre Grenzen gerät, dann braucht man etwas anderes. Viele, sehr viele fangen an zu trinken. Das ist eine ebenso reproduzierte und routinierte Verhaltensweise, eine allgemeine Reaktion, ein permanentes Zucken, ein Tick der Gesellschaft die wir bilden.
Wenn man von der Arbeit nachhause kommt, erstmal einen Schluck zur Entspannung, wenn man eine gute Freundin im Citycenter trifft, erstmal einen Sekt, wenn man die Prüfung bestanden hat, erstmal anstoßen, wenn man sich gut oder schlecht fühlt, ist Alkohol immer als entsprechendes Ausdrucksmittel der eigenen Befindlichkeit verfügbar.
Wenn man sich jetzt einmal die Gleichzeitigkeit all dieser Situationen vorstellt, die Omnipräsenz dieses Reaktionsmusters, dann ist es wahrscheinlich der nächste Grund zu einem Glas zu greifen. Wie gekittet wirken die Bilder, aus denen sich die „Portraits deutscher Alkoholiker“ zusammensetzen. Die Kommunikationen im sozialen Raum, gelöster geführt durch Alkohol, das unaufhörlich entfantasierte Arbeiterleben, kein Grund mehr zum wirklichen Aufbegehren dank Alkohol. Krankenhäuser gereinigt und Schmerzen gelindert mit Alkohol, Freude bereitet und Trost gespendet mit geschenktem Alkohol.
Wenn sich ein weiter grüner Weinberg vor unserem Auge erstreckt, dann wirkt es beinahe bedrohlich, wenn man sich überlegt, wie die Konsumption dieser gewaltigen Mengen in den Alltag implementiert wurde. Einen Höhepunkt findet der Film im Bild der Flaschenhälse, die an der Kamera vorbeirattern, wie an einem Fließbandangestellten. Wenn die Tristesse einer Abfüllanlage zur Alkoholsucht führt, ist der systematische Irrationalismus der Gesellschaft die wir bilden, wohl mit härtester Ironie manifestiert.
Wenn Menschen von ihrem Leben mit dem Alkohol erzählen, dann schaut man ihnen ins Gesicht und kommt sich meistens nicht einmal schlecht vor, wenn man es nach Zeichen ihrer Schwäche und ihres Selbstbetruges absucht. Man sucht den angstvollen Blick, wenn sie davon sprechen gerade trocken zu sein und schaut ob die geplatzten Äderchen auf der Nase tatsächlich zurückgegangen sind.
Wenn Carolin Schmitz ihren Protagonisten nicht diesen vermissten Zufluchtsort, die erlösende Anonymität beim Schildern ihrer Geschichten geliefert hätte, dann wären wohl diese vielen Gründe und Verstecke für Alkohol und damit seine verbindende Wirkung über Bilder, Situationen und Klassen hinaus nicht so subtil zum Vorschein gekommen. Sie hätte uns einmal mehr verstecken lassen vor dem Opfer, vor der Verantwortung die wir mittragen und vor der Einsicht, die wir brauchen, wenn sie uns von Angesicht zu Angesicht mit den Süchtigen die Flucht in eine Schuldzuweisung ermöglicht hätte.
Wenn man mit den Augen von Carolin Schmitz durch die Lande fährt, dann tuscheln die Pärchen hinter den Palmen über den Mann, der am Nebentisch Schnaps trinkt, dann sitzt unter dem Tisch der kleine Junge, weil er Angst hat wenn Mama bewußtlos im Badezimmer liegt, dann ist der Schnaps plötzlich in jedem Haushaltsgerät und jedem Hohlraum verborgen. Der öffentliche und private Raum, das Alltägliche, Profane und Eingebettete, die Allgemeinplätze sind was wir sehen, während sich der Sound verlagert, Irritationen provoziert, Orte verknüpft und das Gesprochene sich manchmal begleitend hinter die Bilder legt oder asynchron bereits gesehenes zurückruft sowie zukünftige Bilder heraufbeschwört. Alkohol als Lückenfüller, der die lückenhafte bildliche Erzählweise komplettiert, und aus dem Schnitt eben, dank der Geschichten, einen Kitt macht. Wie auch die Gesellschaft die wir bilden zerfiele, würden wir nicht ein Mittel finden um uns den Umständen, die uns unerträglich sind, immer wieder aussetzen zu können, löste sich auch der Film wieder auf in seine Fragmente, gründete er nicht auf diesem Mittel und kann uns so assoziativ die konträrsten Bilder vorführen. Die Collage des unterdrückten Kollapses, sozusagen.
Wenn dieser Film Talking Heads gezeigt hätte oder prätentiös seine Machart überhöht und uns den Blick auf unsere Herkunft, Umwelt und Biografie verstellt hätte, dann wäre es ein schlechter Film geworden und ich hätte wieder ein Versteck weniger vor dem Leben gehabt.
Und wenn ich irgendwann einen wirklich guten Grund habe, höre ich auf zu trinken und wenn ich mich anderswo als im Rausch verstecken darf, dann erzähle ich meine Geschichte. Versprochen! CB

D, 2009, 78min, R: Carolin Schmitz, K: Carolin Schmitz, Olaf Hirschberg, S: Marc Stoppenbach

Fotos: Berlinale



Der neue Film ist alt!
Wir glauben an den Tod!


KurzFilmKritikFilm

Ein filmisches Feedback auf die
53. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen
R: Martin Schlesinger
M: Pianosamples aus Memories, Johannes Mössinger & Wolfgang Lackerschmid, Joana´s Dance,
2000 Double Moon Records 71017
3:49 min
Deutschland 2007
In der letzten Woche habe ich für interfilm Berlin, das von sich behauptet, das zweitgrößte Filmfestival in Berlin nach der Berlinale zu sein (glaub ich gern), einen Video Podcast, Videocast, was auch immer, produziert. Kleine persönliche Reaktionen auf das was ich während der Tage des Festivals so gesehen habe. Festivalkritik. Filmkritik. Filme darüber.

Meine anfängliche Vermutung, dass die vielen Kurzfilme irgendwann zu einem großen, unklaren Kloß zusammen schmelzen, bestätigte sich tatsächlich am 5.Tag, nachdem ich in einem Filmblock kurz eingeschlafen war.

Den kompletten Videocast kann man mit diesem Feed abonnieren oder auf der interfilm Webseite sehen. Ich will hier jedoch ein paar, in Hinblick auf Filmkritik besonders relevante, Episoden vorstellen.

Interfilm 06 - Reality Bites
Der erste Filmblock den ich sehe dreht sich um Dokumentarfilme und solche die vorgeben, welche zu sein. Ich versuche mich an Sub Dub von Matthias Meyer zu erinnern. Eigentlich kein Dokumentarfilm...
Film ansehen (4:00min)

Interfilm 10 - Filmriss
Mitten im Programm der New Yorker Experimentalfilmklassiker schlafe ich für 5 Minuten ein. Banause! Als ich wieder aufwache ist nichts mehr so wie vorher. Die bisherigen Tage und Filme während des interfilm Festivals sind wie zu einem Kloß zusammen geschmolzen. Ich bin etwas orientierungslos. Aber irgendwie ist dieser Zustand auch spannend. Die große interfilm Party im Berliner "Club 103" ist mir jedenfalls ziemlich egal. Ein guter Ort, um zu versinken. Wie im Kino.
Film ansehen (7:20min)

Interfilm 11 - Laudatio als Filmkritik

Am Abend der Preisverleihung werden viele Filme beschrieben und gelobt. Ich denke über die Laudatio als Filmkritik nach. Eine gute Möglichkeit, um die Filme der letzten Tage in Gedanken noch einmal Revue passieren zu lassen. Der zu Tränen gerührte Otto Sander wird mir im Kopf bleiben. Das interfilm Festival geht da zu ende.
Film ansehen (12:00min)

Die übrigen Episoden findet man hier...