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»ein traum in erdbeerfolie«

Ein weiter Reifrock der von der Taille bis zum Boden reicht, an Brust und Bauch sehr eng und körperbetont geschnitten, fast wie eine Korsage und oben ein opulenter Stehkragen zur pompösen Vollendung. Ein Kleid wie es auch Marie Antoinette getragen hat. Nun ja, mit einer kleinen Abweichung: ihre Kleider waren aus den feinsten Stoffen, aus Seide und Taft mit Spitzenbesatz, aber dieses ist es nicht. Es ist aus schwarzer Erdbeer-Abdeck-Folie und Schwarz-Weiß gestreiften Duschvorhang. Auch sehr Chic, aber vor allem auch Charmant und Dauerhaft so wie das gleichnamige Ost-Berliner-Label von Sabine von Oettinger, die dieses Kleid bereits einmal in der DDR für eine Schau anfertigte und diese tolle Kreation noch einmal für Ein Traum in Erdbeerfolie nachschneiderte.
Denn diese opulente Robe und andere Kostüme sind nicht als Verkleidung zu sehen, sie waren vielmehr die Möglichkeit frei zu sein. Sie stellten eine Zuflucht, eine Abstraktion der freiheitsraubenden, sozialistischen Verhältnisse dar, sie waren die Rettung für den Tiger im Käfig. Deshalb feiert der Film sie durch die Aneinanderreihung von riesigen Modefotografien von Sven Marquadt und Robert Paris ganz zu Recht als Lebensgefühl.
Marco Wilms, Frank Schäfer und alle anderen DDR-Models hatten auf dem Laufsteg endlich die Möglichkeit so zu sein wie das System sie sonst nicht duldet: anders, besonders, individuell. Sie konnten sich und ihre Sehnsüchte ausleben, frei sein. Solang die Show ging galten Glitzerhaarspray, auffällige Schminke, glatt rasierte Köpfe, ein Kleid nur aus Gürteln, Männer in Frauenkleidern, bunte Punkfrisuren als der neue Trend in der Berlin-Underground-Szene, als hip und angesagt. Sobald allerdings diese Looks den Laufsteg verließen und man sie in leicht abgewandelter Form auf dem Alexanderplatz, dem Tourismuszentrum der DDR, sah, waren sie nur eines: absichtlicher Verstoß gegen die sozialistische Einheitsnorm und somit rechtswidrig. Da bestraften Stasi-Spitzel Glitzerhaarspray mit Vergewaltigung und Schlägen wie im Fall des heutigen Berliner-In-Friseurs Frank Schäfer.
Hier lässt sich nur Bewunderung aussprechen für alle Mitwirkenden von Ein Traum in Erdbeerfolie, die sich trotz aller Zwänge und Massenkonformität bis heute das bewahrt haben, was junge Berliner mit Fell-Tschapkas, Hornbrillen und Pumphosen auszudrücken versuchen: die individuelle Gesamterscheinung.

Theresa Brüheim