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»drawing restraint 9«

Wer sich in die Filme Matthew Barneys begibt, der macht sich zu einer doppelten Reise auf: zu einer filmischen Reise weg vom Kino und zu einer Reise in die weit von allen Gewohnheiten entfernte Bilderwelt eines Künstlers, in der die Koordinaten der Erfahrung nicht mehr stimmen. Drawing Restraint 9 zeigt unzählige Menschen: Arbeiter, Tänzer, Perlentaucherinnen, kleine Kinder. Die Arbeiter schleppen verschiedene Baumaterialien und errichten aus einem nicht genau zu bestimmenden Material eine Rampe, die ins Meer hinein führt. Man beobachtet die Arbeitsgänge: das Zuschneiden großer weißer Planken, das Verfüllen eingeschalter Abschnitte, das Abkehren der Oberfläche. Jeder arbeitet mit Ruhe und Sorgfalt, ohne Aufregung. Aber was dort gebaut wird, ist unklar: eine weiße Rampe, die ins Meer führt. So sehr klar ist, dass diese Tätigkeiten nur für Matthew Barneys Film verrichtet werden, so sehr werden sie doch verrichtet. Die Bauarbeiter sind keine gecasteten Schauspieler, sonder sie sind Bauarbeiter, die Barney dabei beobachtet, wie sie seine Skulpturen errichten. Und so geht es auf dem Walfangschiff weiter, auf dem Barney eine große Skulptur aus Walfett gießen lässt, sie dann Stück für Stück zerschneiden und mit Krabben und Schlamm dekorieren lässt um sie schließlich zerfallen zu lassen. Die unzähligen großen und kleinen Skultpuren, die in dem Film auftauchen, wirken nie wie Dekoration. Sie sind gleich weit von der realen japanischen Welt und einer völlig fiktionalen Welt entfernt. Das Ritual, das Björk und Barney letztlich zu Walen werden lässt, könnte in seiner Fremdheit tatsächlich aus Japan stammen. Könnte!

Jede Bewegung, jedes Kleidungsstück, jede Geste und jeder Gegenstand steht hier für sich. Und darin liegt die unglaubliche Kraft von Barneys Entwürfen. Niemals wirkt etwas übertrieben oder deplaziert, sondern jedes Ding beugt die Bahnen aller Dinge bis zum Zerbrechen, um sich als mögliches Ding in die hier entworfene Filmwelt zu setzen. Wenn man so zurecht bemängeln kann, dass Schnitt und Kameraführung durchaus konventionell sind und bis auf ihren sehr eigenen ruhigen Rhythmus wenig Neues liefern, so ist es der Grad an Potentialisierung oder Virtualisierung der Dinge, der Barneys Entwurf notwendiger Weise im Kino ankommen lässt. Denn wie keine andere Kunst hat das Kino jedem wirklich vorhandenen Ding, jeder Geste, jedem Augenblick eine Fülle von virtuellen Dingen, Gesten und Augenblicken an die Seite gestellt und eine Wirklichkeit erschaffen, in der die aktuelle Gegenwart von einer Vielzahl von möglichen Vergangenheiten und Zukünften durchdrungen ist.
Barneys skulpturale Arbeiten scheinen auf einem sehr ähnlichen Weg zu liegen, da sie durch ihre Materialität im Werden immer wieder eine Zeit in Anspruch nehmen, die durch ihre Unteilbarkeit nicht mit Zeitpunkten zu beschreiben ist sondern ein Band von der Vergangenheit zur Gegenwart spannt. Denn der Waltalg braucht seine Zeit um fest zu werden, die langen Atemzüge der Perlentaucherinnen lassen sich nicht in Momente zerteilen, die Teezeremonie besteht nicht aus einer abzählbaren Menge von Handlungen sondern ist ein unentrinnbarer Verlauf. Die Welt wird nicht mehr die selbe sein, nachdem die Schiffe aneinander vorbeigefahren sind, nachdem die Harpune das Wasser durchbort hat, nachdem die Perlen auf den Meeresgrund gefallen sind.

Dass Barney dabei unter weitgehender Auslassung altbekannter Meerestopoi auskommt, macht das Ganze um so reizvoller und bestätigt, dass ihm eine doppelte Neuerung gelingt: eine neue skulpturale Welt der Dinge in einem neuen Kino.

DRAWING RESTRAINT 9
USA 2005, 135min, Farbe
R, B: Matthew Barney
K: Peter Strietmann
S: Luis Alvarez y Alvarez, Matthew Barney, Christopher Seguine, Peter Strietmann
M: Björk, Valgeir Sigurðsson
D: Matthew Barney, Björk