Monday, 12. February 2007, 23:43Uhr
Auf der Berlinale sind die Filme nie allein. Weil unzählige Kinos mit noch unzähligeren Filmen gleichzeitig Berlinale genannt werden, überlagern sich die Filme, kommentieren sich gegenseitig. Das Kino bekommt eine Vielstimmigkeit, die man sich immer schon von ihm gewünscht hatte. Deshalb muss auch die Festivalfilmkritik mit vielen Stimmen sprechen.
Der Tag beginnt mit einer Reise durch das Unbestimmte. Ein ziemlich aufmüpfiger junger Draufgänger kriecht durch schwarze ausgetrocknete Flussbetten, verschwindet in weißen Nebelwolken, reitet immer aus dem sorgfältig kadrierten Bild. So wie die Wege Sergeant Okubos immer wieder im Kreis verlaufen und die Fronten der Chinesen und Japaner in verschiedene Richtungen durchbrechen, so weicht der Film die Genregrenzen auf: vom Kriegsfilm über eine Detective-Story zum Western, vom Amerikanischen Westen in die Mandschurai. Dabei spielt Okamoto Kihachi souverän mit den bildlichen Konventionen des Genrekinos, die er als Japaner vielleicht sogar souveräner beherrscht als Hollywood selbst. Immerhin kann er die Bilder von außen sehen, beschreiben, verstehen, kopieren während Hollywood selbst immer über die zahlreichen Schwellen zum eigenen Unbewussten stolpern muss. Es ist ein großes Vergnügen, die spielerische Strenge von Mise-en-Scène und Montage zu beobachten, zu sehen, wie der Bildkader nicht als Interpretation einer wirklichen Welt missbraucht wird, sondern wie jedes Bild eine starke Kinowelt begründet, die am Rand der Leinwand endet. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Dramaturgie von Desperado Outpost ist durch und durch klassisch und folgt dem, was Farocki und Deleuze als Grundprinzip des Bewegungskinos identifiziert haben: die Handlung wird ständig durch asymmetrische Personen- und Handlungsverhältnisse vorangepeitscht. Zehn japanische Soldaten gegen 500 chinesische, ein Outlaw gegen eine ganze Bande organisierter Gangster, die tote Verlobte, der kein verstorbener Verlobter auf der Seite der neuen Braut gegenüber steht.
So sehr das Kino selbst seit den 1950er-Jahren auf die Suche nach neuen Räumen, alternativen Erzählformen und Ereignissen gegangen ist, so sehr neige ich an diesem Tag dazu, mich in meiner rot-plüschigen Kinonostalgie zu vergraben und mich nach der guten alten Zeit zu sehnen, in der im Kino noch nichts Neo, Post oder New war. Und folglich fällt es mir schwer, Armin einfach so durch meine Kinoreihe ziehen zu lassen. Nach Kihachis Bilderwelt fällt es schwer das bewegungsarme und aktionslose Kino vom Balkan zu genießen. Die Kamera trottet neben den beiden sympathischen Landeiern her, als ob sie die Kraft nicht mehr hätte den Rahmen für irgend ein Geschehen zu setzen. Was im Kino wenig Spaß macht, ist aber ganz bei sich. Denn Armin ist im wahrsten Sinne ein Vor-Film, der lediglich die Reise zu einem erfolglosen Casting zeigt und sehr souverän verkündet, dass Bosnien mehr als seinen Krieg zu bieten hat. Wer sich für Armin interessiert, der muss wenigstens Sinn für folkloristische Musik haben und der muss auch verstehen, dass dieses Land so anders geworden ist, dass es andere Filme braucht. Sergeant Okubos Kampf aus Schuss und Gegenschuss, sein Kaderkrieg, sein Bewegungsrausch jedenfalls gehören zu einer anderen Zeit und zu einem anderen Kino, das vielleicht wirklich mit dem Bosnienkrieg verschwunden sein muss. Politische Geschichte und Kino-Geschichte gehören zusammen, soviel konnte ich Okubos Geschrei und Armins starrem Halbgrinsen gerade noch entnehmen.

Desperado Outpost
Japan 1959
R: Okamoto Kihachi
K: Yuzuru Aizawa
S: Yoshitami Kuroiwa
M: Masaru Satô
108 min, s/w
Armin
Kroatien/Deutschland/Bosnien und Herzegowina 2007
R: Ognjen Sviličić
K: Stanko Herceg
S: Vjeran Pavlinić
82 min, Farbe
Der Tag beginnt mit einer Reise durch das Unbestimmte. Ein ziemlich aufmüpfiger junger Draufgänger kriecht durch schwarze ausgetrocknete Flussbetten, verschwindet in weißen Nebelwolken, reitet immer aus dem sorgfältig kadrierten Bild. So wie die Wege Sergeant Okubos immer wieder im Kreis verlaufen und die Fronten der Chinesen und Japaner in verschiedene Richtungen durchbrechen, so weicht der Film die Genregrenzen auf: vom Kriegsfilm über eine Detective-Story zum Western, vom Amerikanischen Westen in die Mandschurai. Dabei spielt Okamoto Kihachi souverän mit den bildlichen Konventionen des Genrekinos, die er als Japaner vielleicht sogar souveräner beherrscht als Hollywood selbst. Immerhin kann er die Bilder von außen sehen, beschreiben, verstehen, kopieren während Hollywood selbst immer über die zahlreichen Schwellen zum eigenen Unbewussten stolpern muss. Es ist ein großes Vergnügen, die spielerische Strenge von Mise-en-Scène und Montage zu beobachten, zu sehen, wie der Bildkader nicht als Interpretation einer wirklichen Welt missbraucht wird, sondern wie jedes Bild eine starke Kinowelt begründet, die am Rand der Leinwand endet. Nicht mehr und nicht weniger.

Desperado Outpost von Okamoto Kihachi (Foto: Berlinale)
Die Dramaturgie von Desperado Outpost ist durch und durch klassisch und folgt dem, was Farocki und Deleuze als Grundprinzip des Bewegungskinos identifiziert haben: die Handlung wird ständig durch asymmetrische Personen- und Handlungsverhältnisse vorangepeitscht. Zehn japanische Soldaten gegen 500 chinesische, ein Outlaw gegen eine ganze Bande organisierter Gangster, die tote Verlobte, der kein verstorbener Verlobter auf der Seite der neuen Braut gegenüber steht.
So sehr das Kino selbst seit den 1950er-Jahren auf die Suche nach neuen Räumen, alternativen Erzählformen und Ereignissen gegangen ist, so sehr neige ich an diesem Tag dazu, mich in meiner rot-plüschigen Kinonostalgie zu vergraben und mich nach der guten alten Zeit zu sehnen, in der im Kino noch nichts Neo, Post oder New war. Und folglich fällt es mir schwer, Armin einfach so durch meine Kinoreihe ziehen zu lassen. Nach Kihachis Bilderwelt fällt es schwer das bewegungsarme und aktionslose Kino vom Balkan zu genießen. Die Kamera trottet neben den beiden sympathischen Landeiern her, als ob sie die Kraft nicht mehr hätte den Rahmen für irgend ein Geschehen zu setzen. Was im Kino wenig Spaß macht, ist aber ganz bei sich. Denn Armin ist im wahrsten Sinne ein Vor-Film, der lediglich die Reise zu einem erfolglosen Casting zeigt und sehr souverän verkündet, dass Bosnien mehr als seinen Krieg zu bieten hat. Wer sich für Armin interessiert, der muss wenigstens Sinn für folkloristische Musik haben und der muss auch verstehen, dass dieses Land so anders geworden ist, dass es andere Filme braucht. Sergeant Okubos Kampf aus Schuss und Gegenschuss, sein Kaderkrieg, sein Bewegungsrausch jedenfalls gehören zu einer anderen Zeit und zu einem anderen Kino, das vielleicht wirklich mit dem Bosnienkrieg verschwunden sein muss. Politische Geschichte und Kino-Geschichte gehören zusammen, soviel konnte ich Okubos Geschrei und Armins starrem Halbgrinsen gerade noch entnehmen.

Armin Omerovic-Muhedin, Marie Bäumer in Armin von Ognjen Sviličić
(Foto: Berlinale)
(Foto: Berlinale)
Desperado Outpost
Japan 1959
R: Okamoto Kihachi
K: Yuzuru Aizawa
S: Yoshitami Kuroiwa
M: Masaru Satô
108 min, s/w
Armin
Kroatien/Deutschland/Bosnien und Herzegowina 2007
R: Ognjen Sviličić
K: Stanko Herceg
S: Vjeran Pavlinić
82 min, Farbe
