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»dani levy«

»Mein Führer« das sind eine Menge Fragen in zwei Worten. Erstens: wer nimmt hier den Führer in Besitz, indem er »mein« sagt. Eva Braun, die mit dem unschönen Geständnis »Ich spüre Sie nicht, mein Führer.« herausrücken muss? Oder einer der unzähligen SS-Leute, die sich nicht erlauben wie Adolf Grünbaum »Herr Hitler« zu sagen, sondern den militaristischen Führungsanspruch einer Person bekräftigen, die selbst gar kein Militär war. Oder ist es Herr Hitler selbst, der irgendwann begreift, dass er ohne Adolf Grünbaum noch immer mit vollgepissten Schlafanzug im Bett herumkriechen würde. Und wer ist entsprechend der Führer? Ist es der impotente Hitler für Katja Riemann, ist es der Jude für dein ›wirklichen‹ Führer? »Mein Führer« ist nicht nur der Titel dieses Films, sondern es ist eine umlaufende Formel, die in ihrer Omnipräsenz und ständigen Verwandlung auch die Personenverhältnisse, die sie aufruft, bekräftigt oder umstößt, ins Wanken geraten lässt und letztlich für die Komik des Films sorgt. Wenn die Herrenmenschen von Hunden bestiegen werden oder Göbbels genervt ist von den ewigen »Heil Hitler«-Tiraden diverser Unter-Ober-Sturmbandführer, wenn Hitler vom Juden Grünbaum k. o. geschlagen wird oder er Schutz vor menschlicher Kälte in der Besucherritze der im Keller der Reichskanzlei wohnenden Juden sucht oder wenn ein Jude die Freilassung eines ganzen Konzentrationslagers erpresst, dann beruhen all diese zum Teil komischen Ungeheuerlichkeiten auf dem Sprachspiel, in das Dani Levy »Mein Führer« schickt. So unangefochten die faktische Verwendung dieser Parole im dritten Reich die Machtverhältnisse der Nazis gefestigt hat, so klug ist die Entscheidung Levys genau auf diese Funktion hinzuweisen und zu zeigen, welches Potential eine Sprache als Widerstand haben kann.

Aber, und das ist entscheidend, es wird in dem Film nicht suggeriert, dass alles auch hätte anders sein können. Der Jude sitzt am Ende ganz unten, allen Blicken entzogen und wird von den Nazis abgeknallt. So war es und so ist es auch hier. Was der Film vorher zeigt, zeichnet er, immer wieder als Fiktion aus und fragt immer wieder danach, wie wahr Fiktion sein kann oder besser: wie fiktiv jede historische Wahrheit immer schon gewesen ist. Über die Figur des Joseph Goebbels wird diese Fiktionalisierung schon für die Medienpolitik der Nazis behauptet: Goebbels weist immer wieder und mit großem Nachdruck darauf hin, dass er der Meister der »inszenierten Realität« ist, gleich ob er Berlin als Theaterkulisse wieder aufbauen lässt oder Hitlers Auftritte durch Leni Riefenstahls 15 Kameras zu dem machen lässt, was sie sein sollen. Und der Aufbau in der Reichskanzlei, mit dem Grünbaums Aktivitäten an Hitler überwacht werden, ist nicht mehr und nicht weniger als Kino. Durch halbdurchsichtige perforierte Leinwände, auf denen sich Bilder befinden schauen die Minister und Generäle dem Führer über die Schulter. Bormann ist die ganze Zeit damit beschäftigt, den Lautsprecher zu reparieren und nur in den Momenten, wo Helge Schneiders Stimme aus diesem Frequenzfilter rauscht und knattert, klingt sie wie die Hitler-Stimme, die wir aus zeitgenössischen Aufnahmen kennen. »Hitler«, das scheint eine der Thesen des Films zu sein, ist kein abgründiger Dämon, sondern letztlich ein Medieneffekt, zusammengeschnitten von Leni Riefenstahl, instruiert von Schauspiellehrern und Opernsängern. Wer anfängt Psychoanalyse zu betreiben und ihn auf die Couch legt, erntet nichts als plakative Zuschreibungen à la »Mein Vater hat mich gedemütigt, dafür müssen die Juden jetzt bezahlen.«

Die große Diskrepanz, die zwischen den teilweise unsäglich dämlichen Scherzen des Films (Goebbels fischt sich ein Schamhaar seiner Sekretärin aus den Zähnen, Hitler wird von seinem Schäferhund bestiegen) und den anrührenden Momenten zwischen Grünbaum und seiner Familie rührt genau aus der Einsicht in die unerreichbare Ferne, in der die historische Person Hitler von einer Unzahl von Zuschreibungen, Historisierungen, Erzählungen, Bildern und Parolen verschüttet liegt. Der Film begibt sich auf die Suche nach den Arten der Fiktionalisierungen, die aus der historischen Person Adolf Hitler, Hitler, und zwar nicht Herr Hitler, sondern einfach nur Hitler, gemacht haben. Er entdeckt es nicht zuletzt in den Qualitäten von Farbfilmmaterial aus den 30er und 40er-Jahren. Einmal sitzt Hitler mit Eva Braun da. Sie sehen Farbfilme voneinander und scheinen erst in dieser filmischen Umsetzung zu Personen zu werden. Die Farbigkeit des Films, die an einigen Stellen an der Grenze des Solarisierens liegt und Hitlers Uniform grünlich schillern lässt, verweist zudem darauf, dass das Kino vor die Erkenntnis das Bild gesetzt hat, genau wie zwischen den Plänen Goebbels und dem Büro des Führers Beutekunst aufgespannt ist.

Am Ende weist Grünbaum selbst noch einmal darauf hin: ob mit großem Ernst, historischem Pathos oder der Lust am Klamauk, ob also letztlich Helge Schneider, Charlie Chaplin oder Bruno Ganz den Hitler geben, ändert an zwei Dingen nichts: keinem steht die Geschichte zur Verfügung wie die Artikel zur Dekoration eines Schaufensters, sondern alle stochern auf ihre Weise in den Ablagerungen der Zeiten und befördern diese oder jene ideologische Parole als geschichtliche Wahrheit ans Licht. Die einzige Wahrheit aber, und da bezieht der Film klar Stellung, ist die, dass die Tragödie in der Ermordung der Juden und nicht im Untergang der Nazis besteht.

Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler
R, B: Dani Levy
K: Carl-Friedrich Koschnick, Carsten Thiele
S: Peter R. Adam
D: Helge Schneider, Ulrich Mühe, Sylvester Groth