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»clive owen«

Den entscheidenden Hinweis, was man mit diesem Film anstellen soll, der ein bisschen zu lang, ein bisschen zu moralisch, ein bisschen zu »zu« ist, gibt er natürlich selbst. Die beiden unerschrockenen und unerschreckbaren Ermittler kommen in eine heruntergekommene Bude, in der offenbar Polizisten illegal Verhaftete zu ebenso illegalen Verhören zwischennparken, starren einen dicken, unbewegt hinter einem Tresen hockenden Kerl an und fragen ihn, wie es ihm geht, worauf dieser nur schnodderig zurückfragt: »As compared to what?« Und das müsste man auch zurückfragen, wenn man gefragt wird, wie denn dieser Film sei. Für sich genommen kann man ihn so oder so finden. Im Fall der Vorführung, in der ich ihn sah, müsste man auf die superbe Qualität der Digitalprojektion eingehen, die Bilder liefert, die auf Zelluloid so nicht realisierbar wären, weil es eine solche absolute Brillianz und völlige Abwesenheit von Störungen dort schon aus technischen Gründen nicht geben kann.
Aber womit soll man ihn denn vergleichen? Das Thema der von Finanzimperien gelenkten Staaten und Revolten lässt vielleicht an den letzten James Bond denken, bei dem die holzschnittartige Story praktisch nur dann zu verstehen war, wenn man von seinem freundlichen Blockbuster-Kino im Voraus mit einer Inhaltszusammenfassung ausgestattet wurde. Stattdessen gab es hier den völligen Overkill aus Hunderten von Einstellungen, die nur Sekundenbruchteile lang waren und außer ihrer eigenen Geschwindigkeit nichts mehr mitteilten. Wenn man das als Qualität betrachtet, bringt Tykwer diese nicht auf aber wie Armin Müller-Stahl im Film in seinem charmanten Englisch erklärt: »Fiction has to make sense.« und man mag dem Film unterstellen was man will, für sich stellt er durchaus Sense her. Und zwar weniger im Vergleich als in der Abgrenzung zu anderen Filmen. Als Clive Owen und Noami Watts einmal in einen Fahrstuhl einsteigen und nichts geschieht, bis sie den dezenten Hinweis gibt: »You must press the button!«, fällt einem erst auf, wie viele Filme man gesehen hat, bei denen Menschen in wie von Geisterhand bewegte Fahrstühle einsteigen, bei denen eben keine Knöpfe gedrückt werden müssen.
Oder wenn bei einem Attentat im Film eine Stoppuhr auf eine Minute eingestellt wird und klar ist, dass nach Ablauf dieser Minute jemand sterben muss, in der Zwischenzeit aber niemand eine Rettung in letzter Sekunde versucht oder dergleichen, sondern der Film dem Verstreichen dieser Minute in aller Seelenruhe zusieht um dann geschehen zu lassen, was geschehen musste. Ein letztes Beispiel, welches den spielerischen Umgang des Films mit allzu bekannten Topoi seines Genres zeigt, mag man in der Szene sehen, in der Watts und Owen in einem Wagen einer herannahenden Polizistenhunderschaft zu entfliehen versuchen. Sie kommen einen halben Block weit und werden dann von unzähligen Polizeiwagen eingekesselt. Alles scheint klar zu sein: hier ist die Heldentat beendet, die beiden werden verhaftet. Es stellt sich aber heraus, dass sie in ihrem Wagen nicht erkannt werden und sich der vermeintliche Verkehrsstau nur langsam aufzulösen braucht, damit die beiden weiterkommen. Es ließen sich dergleichen mehr kleine Nettigkeiten aufzählen, die zu beobachten viel Freude macht, wenn man die Hoffnung an die Story aufgegeben hat. Anders gesagt: es macht nicht Spaß den Film zu beobachten, sondern es mach Spaß den Film dabei zu beobachten, wie er seinesgleichen beobachtet und sich oft ein klein wenig anders verhält. Ein weiteres großes Vergnügen ist Tykwers Freude an wunderbar durchkomponierten Einstellungen, oftmals in wahnsinnig hohen und weiten Vogelperspektiven die genau von oben auf Plätze und verschiedene Szenerien blicken und die unglaublichsten Bilder entwerfen. Oder wenn er immer wieder sehr bekannte Architekturen aus der ganzen Welt mischt, wenn plötzlich im Sony-Center in Berlin die Bundesanwaltschaft sitzt oder Zaha Hadids Wolfsburger Museumsburg am Ufer eines italienischen Sees als Unterschlupf skrupelloser Waffenhändler auftaucht.
Man könnte die wunderbarsten Details dieses Filmes aufzählen: der digitale Schnee in New York, der auf den Schultern der Figuren sogar schmilzt (!) oder eine Verfolgungsjagd zu Fuß, die vor der »Chase Bank« beginnt. Das alles ist viel zu schön um es blöd zu finden aber in zwei Stunden dann doch ein bisschen großräumig verteilt. Man weiß nicht, ob man Tykwer für seinen nächsten Film ein paar Millionen mehr oder weniger wünschen soll, aber diesen nächsten Film, den wünsche ich mir schon.

The International, USA/D 2009
R: Tom Tykwer
B: Eric Warren Singer
K: Frank Griebe
S: Mathilde Bonnefoy
D: Clive Owen, Naomi Watts, Armin Müller-Stahl