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»christopher nolan«

Christopher Nolan, USA 2008.

Entgegen meines inneren Anspruchs auf Vollständigkeit, auf die Berührung des Rahmens der das Bild umgibt, will ich hier versuchen, auf Dinge hinzuweisen, die vielleicht nicht Thema der Rezensionen der Großen sind. Man beachte z.B. die Verortung Christian Bales als Batman außerhalb glamuröser Tatorte; Batman taucht da auf, wo Kriminelle sich treffen, um ungestört zu sein. Parkhäuser, dunkle Straßen, verlassene oder verfallene Gebäude. Schon immer war Batman kein Superheld im klassischen Sinn, seine Stärke war zum Einen sein Sinn, Hang und Drang nach Gerechtigkeit und die Möglichkeit, sich technisch so auszustatten, dass er gegen Kriminalität mit anderen Waffen kämpfen kann, als die Exekutive dies kann. Trotzdem ist er verletzlich. Christian Bale als Batman kann seine Wunden nicht verschwinden lassen, er muss sie selbst zunähen. Aber auch das wissen wir schon alles, das wussten wir auch schon seit Michael Keatons grandioser Szene in Pinguins Abwassergewölbe. Intelligenterweise spricht Christopher Nolan Batman als Superkraft doch eines zu: das Auftauchen und Verschwinden von der "Bildfläche". Dieses Verschwinden und Auftauchen ist durch diegetische Technik nicht zu bewerkstelligen und wird im ersten Teil nur unzureichend als Trainingseinheit Ablenkungsmanöver erklärt. Im Batman von 1989 benutzt Michael Keaton kleine Rauchbomben um zu verschwinden. Aber in "The Dark Knight" ist das alles eine Sache des Schnitts und einmal eine Sache des Lichts (die Verhörszene, in der Jim Gordon aus der Zelle verschwindet und Batman hinter dem Joker aus dem Dunkel auftaucht). Zumeist befindet sich Batman im Dialog, wird durch sein Gegenüber für einen Moment aus den Augen gelassen und ist im nächsten Schnitt verschwunden. Nichts ungewöhnliches für einen Film, wieso, frage ich mich, wundert das uns eigentlich ob des Umstands, dass jeder der auf der Leinwand zu sehenden Personen vom einen zum anderen Augenblick verschwinden oder auftauchen kann? Aber es wundert uns natürlich, weil die andere Person Batman noch dort erwartet, wo er vorher war und das trägt erheblich zum realitätserweckenden Charakter des Films bei. Christopher Nolan spricht Batman so eine Superkraft zu, die er sowieso als Filmschauspieler hat.
Zu Anfang des Films taucht ein weiteres interessantes Thema und Problem auf. Das der Kopie und des Originals. Batman ist jeder, der sich ein Fledermauskostüm anzieht und Gewalt ausübt. "Was unterscheidet dich von mir", fragt ein verkleideter Gangster in einer der Anfangsszenen und Christian Bale antwortet: "Dass ich keine Schulterpolster brauche", und verweist damit auf seinen durchtrainierten Körper aber lässt den Zuschauer sich die wesentlichen Unterschiede ins Gedächtnis rufen. Trotzdem wird hier auf die schwierige Frage des Unterschieds zwischen Original und Kopie hingewiesen, deren Beantwortung Batman sich entzieht; da er der endgültigen Antwort nie gerecht werden kann, verweist er auf einen unwichtigen aber dafür deutlich sichtbaren Unterschied. Ein paar kleine Szenen wie diese machen - neben der sorgfältig ausgefalteten Geschichte und der schauspielerischen Leistung, der ja aber wie gesagt schon woanders genug Rechnung getragen wird - die Größe dieses Films aus. Da sieht man Christian Bale, wie er mit Hilfe Morgan Freemans als Lucius Fox gegen den Joker kämpft; weil es dunkel ist, bedient sich Batman eines Sonars, das durch den Verbund von Mobiltelefonsignalen funktioniert. Dieses Sonarbild wird Batman direkt vor die Augen projiziert, auf das er sich blind im wahrsten Sinne des Wortes verlässt. Als unpraktisch erweist sich dieser allwissende Blick aber schon in der nächsten Sekunde, als der Joker direkt vor ihm auftaucht und ihm einen Schlag ins Gesicht verpasst. So fühlen wir uns aber wie in einem neuartigen reell wirkenden Cyberspace, wenn dieses Sonar einen dreidimensionalen Raum erzeugt.
Einen sehr gegenwärtigen und aktuellen Blick wirft der Film auf die Wahrnehmung der Katastrophenschauplätze. Wie in den Nachrichten Bilder von Hubschrauberkameras der Sender verwendet werden, werden diese Orte - hervorgerufen durch terroristische anmutende Aktivitäten des Jokers - in "The Dark Knight" von den Kameras überflogen. Weiterhin manipulierte der Joker schon im "Batman" von 1989 das Fernsehen, indem er sich mit einem Störsignal in das Programm einhackte. Dort pervertierte er das Einkaufsfernsehen Das muss der Joker 2008 nicht mehr tun. Er filmt mit einer Amateurkamera seine Geiselnahmen und Verbrechen und schickt/sendet/überträgt diese ans lokale Fernsehen. Die Katastrophe ist adoptiert, an die Existenz des Chaos hat man sich gewöhnt, man baut sie als Berichterstattung ins Fernsehen ein.
Ein weiteres Beispiel der Infragestellung bestehender Gesellschaftsordnung(en) ist die Legitimierung krimineller Handlungen wie Mord durch staatlich anerkannte Verfahren. Wir sehen dieses blinde Vertrauen der Menschen in ihnen bekannte Verfahren bei den zwei Bomben in den zwei Fähren, die durch einen Fernzünder von der jeweils anderen Fähre gezündet werden können. Auf der einen Fähre sitzen normale Bürger Gotham Citys. Auf der anderen Fähre sitzen Verbrecher aus dem Gefängnis Gothams zusammen mit ihren Wärtern und Polizisten. Sie haben eine halbe Stunde Zeit den Zünder für die Bombe in der anderen Fähre zu zünden, ansonsten zündet der Joker beide Bomben. Und natürlich muss jede Fähre fürchten, dass die andere Fähre jederzeit den Zünder betätigen könnte. Die Fähre mit den normalen Bürgern streitet kurz und einigt sich dann, die Entscheidung, ob sie den Zünder betätigen oder nicht, mit einer Wahl zu treffen. In einer Extremsituation wie dieser zeigt sich die Todesangst und der Überlebenswille der Normalbürger auch durch die Argumentation, die auf der anderen Fähre hätten ihre Chance gehabt und sich für Raub und Mord entschieden. Ihr Leben sei deswegen nichtig und könne geopfert werden. Sich selbst zu opfern und damit nicht denselben Weg wie Gefängnisinsassen zu gehen, darauf kommen sie nicht. Die verurteilten Verbrecher werden also zum zweiten Mal verurteilt, dieses Mal nicht von einem vereidigten Richter, sondern von der Demokratie. Man stimmt ab, es werden mehr Stimmen für "Ja" im Sinne von Ja, wir sprengen die andere Fähre gesammelt und damit ist das Verbechen legitimiert. Eigentlich hätte man zu der Einsicht kommen müssen, dass der in dieser Situation zu identifizierende Verbrecher sich der Bestrafung entzieht und somit weder die eine noch die andere Fähre berechtigt wäre, den Zünder zu betätigen. Im Recht blieben dann sowohl die einen als auch die anderen. Aber das Leben in Schuld ist ihnen lieber als mit dem Recht in den Tod zu gehen. Schließlich fehlt der Mini-Gesellschaft auf der Fähre aber die Exekutive. Niemand sieht sich bereit, das auszuführen, was mehrheitlich bestimmt wurde. Der, der glaubt es zu können, kann es dann doch nicht. Das Ergebnis der Abstimmung bleibt unausgeführt. Das Vertrauen in das Verfahren der Abstimmung, der Entscheidung durch Mehrheit müsste erschüttert sein. Wie etwas zuvor Entschiedenes erfahren, wenn es nicht umgesetzt wird?
Die Fähre mit den Verbrechern streitet nur, ihnen wird nicht die Einsicht zur Durchführung eines gesellschaftlich und staatlich anerkannten Verfahrens zugesprochen. Statt dessen steht der größte und furchteinflößendste der Verbrecher auf und überredet den obersten Beamten auf der Fähre, ihm den Zünder auszuhändigen, damit er das vollzöge, wozu er nicht imstande sei. Dieser ist verzweifelt und lässt den Verbrecher gewähren, woraufhin der den Zünder an sich nimmt und aus dem Fenster wirft.
Dies alles addiert sich zu dem postmodernen Batman, den wir in "The Dark Knight" sehen. Teile davon sah man auch schon in "Batman Begins", doch da hatte man noch die Vorgeschichte in Bhutan, in der Bruce Wayne erst zu Batman "wird", die dem ganzen Film einen weitaus mystischeren Anstrich gab als "The Dark Knight" das zulässt. Batman, Harvey Dent (später Two-Face), Rachel Dawes, Jim Gordon und Der Joker sind Manifestationen menschlicher Ideen von Stärke und Schwäche, Schönheit und Hässlichkeit, Gewalt und Frieden, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Ehrlichkeit und Lüge, Aufrichtigkeit und Niederträchtigkeit, Chaos und Ordnung, Größenwahn und Bescheidenheit, Schicksal und Zufall. Was in der Gesellschaft durch den Staat und andere Ordnungen seit Jahrhunderten und Jahrtausenden verankert ist, seinen Ursprung nahm und sich weiterentwickelt hat, wird hier dargestellt, bestätigt, widerlegt und hinterfragt. Schwierig eigentlich für einen Film, der in manchen Rezensionen für "nur ein Superhelden-Film" gehalten wird. Dabei würde es nicht lange brauchen, um zu mehreren interessanten Beweggründen des Bedürfnisses der Gesellschaft nach einem Superhelden zu gelangen. Wenn Recht und Ordnung durch den Staat und seine Mittel nicht mehr aufrecht erhalten werden können, dann kommt eben jemand, der es auf seine Art und Weise macht, aber natürlich trotzdem immer mit Gewalt. Ob dies nun ein Held mit oder ohne Superkräfte ist, spielt für die Leinwand letztendlich keine Rolle. Auf der Leinwand ist jeder ein Held, wenn er vom Regisseur und Schnitt künstlich herbei und auf und ins Bild gerufen wird. Dass dieser Leinwaldheld aber eigentlich keinem Gesetz unterworfen ist, außer dem Inhalt des Drehbuchs und den Anweisungen des Regisseurs, ist aber eigentlich bei keinem Film der Fall. Vielmehr verweist "The Dark Knight" durch seine Figuren auf ein uraltes Problem des Films selbst. Wenn wir Figuren im Kino sehen, kämpfen sie eigentlich Zeit ihres Filmdaseins für 80, 90, 120 oder auch wie hier 152 Minuten dagegen an, was wir von dem halten, was sie repräsentieren oder sagen oder tun. Was repräsentiert Batman oder was wollen wir von ihm? Das gleicht eigentlich dem, was die Bürger von Gotham City von ihm wollen. Gerechtigkeit soll Batman ausüben, Gerechtigkeit soll den Guten widerfahren, Bestrafung und Bekehrung für die Bösen. Aber "The Dark Knight" stellt dies durch seine Figuren in Frage. Batman, Harvey Dent, Der Joker, das sind alles nur Projektionsflächen, um das zuordnen zu können, was die Menschen für gerecht und ungerecht halten. Und wir schauen uns selbst dabei auf der Leinwand zu. Wir schauen dem Mechanismus des Ordnens zu, den wir bestätigt oder widerlegt sehen. Aber letztendlich sehen wir uns wieder geläutert nach Abspann. Batman ist auf der Flucht, Harvey Dent/Two-Face ist tot, nur der Joker... als wir ihn das letzte Mal sehen, hängt er kopfüber.