Wednesday, 2. May 2007, 11:14Uhr
Eine Geschichte, die Geschichte schreibt. Diktaturen diktieren Dramaturgien. Aufarbeitung ist gut. Filmisches Verarbeiten auch. Erfolgversprechend funktioniert es schematisch. Beispielsweise mit dem erweiterten Kindchenschema. Eine Angelegenheit für Jung und Alt: kleiner Junge trifft Vertreter der Großelterngeneration, denn die Mitte, die Eltern, die fehlen. Sie fahren in die „Ferien“, d.h. sie machen Urlaub im Exil, flüchten vor der Tyrannei und lassen ihren Sohn Mauro allein zu Haus. Kein Weihnachtsmärchen. Vater- und mutterlos muss er sich in der verlassenen Wohnung seines verstorbenen Opas zurechtfinden, bis sich ein anderer Elternloser, ein jüdischer Ziehopa, seiner annimmt. Familienschicksal einer Nation. Darauf verlässt sich auch beispielsweise Walter Salles in Central do Brasil. Erst wollen die Alten nichts von den einsamen Burschen wissen, da sie schon selbst genug mit ihrer Isolation zu tun haben, aber dann gewinnen sie diese lieb, oder fühlen sich verpflichtet, und helfen den Ersatzkindern als genötigte Ersatzeltern. Plötzlich fangen sie an, voneinander zu lernen, die Generationen der Verlassenen, denen nur der duldsame Glaube bleibt – einerseits eingefahren, andererseits befremdend – in einer Gesellschaft, die alles tut, um unglaublich zu bleiben. In der Konfrontation werden die Alten ein Stück jünger, und die Jungen älter. Mauros Blicke gegenüber Frauen werden gezielt begehrlich, wenn er mit Freunden im Kinoersatz – Umkleidekabinen mit Guckloch in der Rückwand – Frauen beim umziehen zuschaut. Doch die Objekte der aufkommenden Begierde sind vor allem Träger mütterlicher Zuneigung.
Die Rückkehr der Eltern bleibt die beständige Illusion. Die Utopie des Außen. Erwartete Anweisungen bleiben aus, und die Nachkommen müssen lernen, antiautoritär erwachsen zu werden. Das endet bisweilen im Chaos, manchmal in karikierender Imitation der Älteren und es trifft sich im Fußball, der Generationen zu Kindern macht, sie vor den Bildschirmen vereint, wo sie sich gelb und grün schreien, während Studenten grün und blau geschlagen werden. Bis mit dem Schlusspfiff die einen nach Hause in ihre stillen, privaten Zellen zurückkehren, und die anderen gewaltsam in solche verschleppt werden; durch die Straßen, die mit Müll in den Nationalfarben übersät sind. Die Montage von Fernsehbildern der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 mit der Inszenierung einer gleichzeitigen Unterdrückung radikalen Potenzials erzählt kritisch – aber von allzu bekannten Klischees. Die vereinte Masse gibt sich leerer, karnevalesker, nationalisierender Hoffnungen hin, ohne Prinzip, und diese Hingabe ist unpolitisch politisch. In Brasilien (einem Land, in dem Wahlpflicht herrscht) ist das bis heute ein wiederhallender Weltmeisterschaftsgesang: vier Jahre schlechte Regierung für wenige Wochen guten Fußball – oder zumindest die Vorfreude. Ach, wenn doch die Zuschauer ebenso Politik- wie Fußballexperten wären… vor allem nach der Diktatur. Und deshalb endet die Konstruktion der Hoffnungs-Historie hoffnungslos.
International gesehen ist dieses filmische brasilianische Bild der Verzweiflung zwischen all den Filmen des Diktatur-Genres, die es weltweit in die Kinos schaffen, um einiges gelungener und wertvoller als beispielsweise Jayme Monjardims Olga.
Was in der Trostlosigkeit der Trennungsgeschichte ausbleibt, ist die Suche nach filmischen Eltern. Die scheinen im Exil geblieben. Zu entfernt, um die Kinder vor allzu klassischen Narrationen zu beschützen. Das Drama diktiert weltweit, doch bei allem Verständnis für verständliche emotionale Momente, frage ich mich, wie vergangenheitsstiftende Erzählungen unverdauter Tatsachen filmisch heterogener präsentiert werden könnten. Wer in Fernseharchive steigt, um dort Bilder eines kollektiven Gedächtnisses zu suchen, könnte auch in andere Richtungen graben, um Geschichten irrealerer Realitätsproduktionen zu konstruieren. Cao Hamburger bereitet leicht verdauliche Kost. History fiction für Realisten.
O ano em que meus pais saíram de férias | Das Jahr als meine Eltern im Urlaub waren
R: Cao Hamburger
Brasilien 2006
Portugiesisch, Jiddisch
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