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»bruce labruce«

Otto, das ist so etwas wie ein sehr ernster Spaß. Ernst, weil es wohl dem einen oder der anderen den Magen umdreht, wenn der kleine süße Untote ein überfahrenes Tier von der Straße aufhebt und genüsslich die Gedärme aus dem Kadaver frisst, weil er Appetit auf nicht-menschliches Fleisch hat. Überhaupt kommt Fleisch hier in so ziemlich jedem Sinn vor, den dieses Wort annehmen kann: da ist zuerst natürlich das Fleisch aus der Fleischtheke beim Metzger oder im Supermarkt. Ottos Vater scheint dort zu arbeiten und so ist dieses Fleisch seine immer wieder in kurzen Einstellungen ins Bild gebrachte Erinnerung an seine Kindheit. Und dann ist da Fleisch im metaphorischen Sinn: knackige Männer, die auf der Suche nach Frischfleisch die Berliner Clubs, darunter einen mit dem Namen Flesh durchstreifen. Und Fleisch steht pars pro toto für das, was vom Menschen übrig bleibt, wenn ihn das Leben verlässt. Zunächst hat dieses wildwuchernde Motiv für den Film akustische und optische Konsequenzen. Es vergeht kaum eine Sequenz, in der nicht irgendwelche gut gebauten Männer aufgeschlitzt werden, ihre Gedärme von einem schwulen Zombie verspeist und letztlich die entstehende Wunde als zu penetrierendes Sexualorgan benutzt wird. Dabei taucht Bruce LaBruce seine Bilder immer wieder in ziemlich penetrantes Blutrot und verklebt die Tonspur mit ausgesprochen plastischen Glibber-, Schleim- und Matschgeräuschen, die von der Lust am Fleisch produziert werden.


Foto: Berlinale

Die vielen Zuschauer, die den Film bei einer der Berlinale-Vorführungen verlassen haben, scheinen wohl auch am ehesten von dieser opto-akustischen Fleischorgie aus dem Kinosaal getrieben worden zu sein. Ob sie von der zweiten Ebene, die LaBruce mit diesem Motiv in unterschiedlichster Form entwirft, überfordert oder im Stich gelassen waren, weiß man nicht. Jedenfalls bieten die diversen Fleischschauplätze genügend Platz um die recht überschaubar komplexe Erzählung von Otto in die unterschiedlichsten Richtungen zu lesen. Man kann die halbtoten schwulen Zombies als Allegorie auf allzeit sexsuchende promiskuitive und von HIV gejagte Großstadtschwule deuten und Ottos Schattendasein im Zwischenreich von Leben und Tod als bissigen Kommentar auf jene Welt lesen, in der LaBruce sich schon lange sicheren Fußes bewegt. Man kann, der Eigeninterpretation des Regisseurs folgend das ganze aber auch auf einer dritten Ebene als Reminiszenz an den halbironischen Zombiehorrorfilm der 1970er-Jahre lesen.

Denn er ist ja nur auf den ersten Blick die Geschichte Ottos. Eigentlich ist »Otto, or up with dead people« ein Film über die Produktion eines Films namens »Otto, or up with dead people«. Dieses wiederum ziemlich komplexe Arrangement aus Filmerzählung und Film im Film-Erzählung hat zahlreiche Konsequenzen nicht nur für die einzelnen Ereignisse und Figuren des Films, sondern auch für seine Bilder, die immer wieder zwischen den beiden Ebenen hin und her springen, so wie Otto niemals ganz auf der Seite der Toten oder der Lebenden ist. Außerdem erlaubt dieses Spiel aus Film und Film LaBruce einige kleine witzige Spielereien, wie z. B. die Freundin der Regisseurin des Films im Film als Stummfilmfigur inkl. Taubheit, Zwischentiteln, wackelndem Schwarzweißbild, Zelluloidstörungen und antiquiertem Gestenrepertoire zu präsentieren. Das schreit nicht permanent nach großen Ideen, sondern lässt die Kinozuschauer schmunzeln und erklärt gleichzeitig den Status der Bilder, die hier von der Leinwand leuchten. Otto ist kein Lebender, kein Toter, kein Zombie und kein Schwuler, sondern er ist eine Projektion und bietet dem Zuschauer des Films wiederum genügend Fläche zur Projektion. Dass LaBruce diese Spannug und Offenheit nicht nur aushält, sondern aus ihr amüsant das Rückgrat des ganzen Filmes konstruiert, macht den Film klug, kinematographisch, schwul und sehr zeitgenössisch und sorgt dafür, dass ihn nicht alle mögen werden. Gut so.

Bruce LaBruce: Otto; or, up with dead people, DEU/CAN 2007