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»brad pitt«

Es wäre nicht nur leicht, sondern auch ein unbändiges Vergnügen an dieser Stelle darüber zu schreiben, in welchem Verhältnis sich dieser Film zu John Fords »The Searchers« befindet. Wie in beiden Filmen das Bild rechts und links von schwarzen Balken beschnitten wird, die dem Haus gehören, aus dem heraus die Kamera die Ankunft des Helden filmt. Oder wie von einem Schnitt zum nächsten die Reise von zwei einsamen Western-Helden aus brütender Sonne in schneebedeckte Landschaft verschoben wird. Oder wie an die Stelle eines richtigen Duells unbändige, unbegründete und unmenschliche Rache tritt, die einmal tote Indianer skalpiert und einmal alten Freunden irgendwo in der Nacht das Gehirn zerreißt. Es wäre leicht das zu machen und ein unbändiges Vergnügen, aber warum soll man über Dinge schreiben, die so offensichtlich sind wie Brad Pitts Schönheit und seine ewig gleicher darstellerischer Manierismus.

Es gibt nämlich unzählige Dinge an diesem sehr, sehr langen Film, dessen Länge völlig gleichgültig ist, weil man schon beim Lesen des Titels weiß, wie er ausgeht, deren Erwähnung deshalb lohnenswert ist, weil sie noch viel offensichtlicher sind als die Vorzüge und Nachteile Brad Pitts und deshalb allzu leicht übersehen werden könnten.

Wenn der Film als unverständliches Puzzle-Spiel aus wirres Zeug austauschenden Closeups besteht und selbst demjenigen, der die Geschichte von Jesse James, seiner Bande, seinen Verbrechen und seinem Mörder in- und auswendig kennt, Rätsel über Rätsel vor die Füße legt, so ist er doch in einem so hell und klar wie vielleicht nur das Licht des Filmprojektors, der all das auf die Leinwand bringt: was hier gezeigt wird sind Reflektionen in jedem Sinn, den dieses Wort haben kann. Es sind die Reflektionen eines toten Körpers in einer Fotokameralinse, die Reflektionen des Lichtes eines Zuges zwischen den Bäumen, der aus der unvorstellbaren Schwärze einer unbeleuchteten Kinoleinwand auftaucht: Es werde Licht! Und es ward Licht. Es sind die Reflektionen des Lichts auf unzähligen winzigen Rauchpartikeln, die Jesse James in unvordenklicher Schwärze auf die Barrikaden steigen lassen und ihn in nicht mehr und nicht weniger als gleißendem Weiß verschwinden lassen. Es ist der Schein des Geheimnisses, das zurückbleibt, wenn eine Kerze ausgeblasen wird und auf der Leinwand ein kleines Fleck Orange verglimmt, während anzügliches ausdrücklich wird. Es ist die Reflektion des Mondlichts auf drei, vier weißen Birken, die dort zurückgelassen werden, wo Jesse James gerade einen ehemaligen Gefährten in ewiger Dunkelheit in die ewige Dunkelheit geschossen hat. Es sind die Reflektionen von allem Licht der Welt auf einer schneebedeckten Wiese, über die zwei Schatten auf der Suche nach Gott weiß was reiten oder der stumpfe Glanz einer halb vom Schnee bedeckten nackten, blau-grünen Leiche im Wald. Wer das nicht sehen kann oder will, der soll sich von diesem Kino der Feiglinge fernhalten, weil es hier nichts von dem gibt, was Bazin einmal unvorsichtig werden lies als er sagte, dass der Western das amerikanische Genre par excellence sei. Es gibt keine richtigen Duelle und nur halbe und viertel-amerikanische Einstellungen. Es gibt kein Monument Valley und keine Indianer, keine Vieherden und zu wenig schnelle Pferde. Aber es gibt Reflektionen auf all das: in blassem Blau und lauwarmen Sandtönen. In grellem Grün tiefem schwarz. In staubigem Weiß und zähem Blutrot. Manchmal erinnert man sich daran, dass sie Namen haben, wie sie auf Orscar-Verleihungen genannt werden, manchmal haben sie zu viel Schminke auf dem Gesicht und wissen nicht mehr, ob sie noch wissen, was sie da tun.

Nach diesem Film scheint Jesse James der Name für ein Zweifeln zu sein, dass sich in buckligen Fensterscheiben verzerrt und das Licht weniger grell macht, oder es ist einer der bunten Aufdrucke auf einer schnell geschriebenen und billig gedruckten Westerngeschichte oder das blasse Antlitz einer Wachsfigur auf Eis, die wie Brad Pitt aussieht und deren 156-minütiger Traum von den Leinwänden dieser Welt sich in den Augen all jener reflektiert, die sehen wollen, was man sehen muss, weil es etwas anderes ist als die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford.
Viktor (19:21):
Wie war denn nun der Film gestern?
Benjamin (19:23):
Ich fand den Film großartig. Allerdings erst, nachdem er wirklich zu Ende war. Bis zur letzten halben Stunde dachte ich nämlich: was soll das alles? Er ist ja absichtlich in einer Marlboro-Ästhetik gedreht. Aber die soll ja auf was hinweisen. Und zwar auf das Verhältnis von Mythos und Wahrheit bzw. Original und Kopie, worum es in dem ganzen Film geht. Ein Film will wie die Wirklichkeit sein. Und Robert Ford will wie Jesse James sein bzw. will Jesse James selbst sein.
Viktor (19:25):
Blödsinn. Da gibt es keine Marlboro-Ästhetik. Sonnenuntergang und Kornfeld reichen da nicht aus.
Benjamin (19:26):
Na klar. Es ist ja geradezu schreiend perfekt alles. Alle sind so schön in dem Film, alle Farben passen so unglaublich gut, alle Brauntöne und Orangetöne, es ist der perfekte Western. Wir haben das komplette Orchester an Western-Insignien: Hörrohr, Hochrad, Zinkwanne, Waffen und Holster, dreckige Straßen, Pferde, Hüte, Bärte, Hemden... alles alles alles. Nichts fehlt. Der Film ist "grell" in gewisser Weise. Der Mythos Film und der Mythos Jesse James werden beide zwei Stunden lang aufgebaut, bis sie in sich zusammenfallen. Auch beide. Und dann merkt man: das ganze Zerstören bringt nichts. Beide Mythen leben weiter. Nick Cave singt falsche Sachen in seinem Song, der Film ist immer noch Film. Es gibt keine lineare Entwicklung von Mythen. Sie verlaufen parallel.
Viktor (19:30):
Nun ja. Ein Verweis zu Malick ist da offensichtlicher als zur Marlboro-Werbung. Deshalb wurde der Film auch fast zwei Jahre lang umgeschnitten. Er war ursprünglich noch länger und die Produzenten (unter anderem Pitt) fanden, dass er zu sehr an Malicks Ästhetik angelehnt war. Der Regisseur hatte dies nämlich (laut Interview) bewusst gewählt.
Benjamin (19:30):
Das ist doch vollkommen egal. Entscheidend ist, was ich sehe.
Viktor (19:31):
Wir sehen ja auch immer was wir wissen. Ein "reines" Sehen gibt es nicht.
Benjamin (19:31):
Aber da ist es doch besser vorher nichts zu wissen, so wie ich.
Viktor (19:34):
Besser oder schlechter... darum geht es ja nicht. Entscheidend ist, dass der Film in sich stimmig ist und einfach funktioniert. Malick hin oder her. Aber die ersten Minuten in Film sind stark an Days of Heaven angelehnt. Und derselbe Schauspieler wie in Days of Heaven taucht auch auf. Dies ist natürlich nicht entscheidend, aber auch kein Zufall.
Benjamin (19:35):
Ja, meinetwegen. Aber noch einmal kurz zu Brad Pitt. Brad Pitt bleibt Brad Pitt. Er wird niemals gut spielen. Er wird immer er selbst sein. Wenn er sich aufregt, wenn er weint, wenn er lacht. Er ist immer Braddie. Er kackt vollkommen ab gegen Casey Affleck. Braddie wurde sehr sehr gut in Szene gesetzt und das lässt ihn gut aussehen. Aber spielen kann er nicht.
Viktor (19:37):
Brad Pitt kann nicht spielen? Spielen muss ja nicht unbedingt verstellen bedeuten.
Benjamin (19:39):
Nein, aber wenn du jedes mal dieselben physiognomischen... wie auch immer... Gesten oder wie
soll ich das sagen... Mimiken hast, dann reicht das einfach nicht. Er regt sich genauso auf wie in Sieben oder 12 Monkeys. Und er heult genauso wie in Legenden der Leidenschaft.
Viktor (19:42):
Das ist gut möglich. Und? In dem Teil des Filmes, nachdem er den Jungen verprügelt, steht er an seinem Pferd und hat einen Zusammenbruch, bei dem er etwas weint. DAS hatte ich vorher in dieser Weise in keinem Film gesehen. Auch nicht das nervöse über-die-Lippen-fahren, während er im Garten sitzt. Er hat einige neue Facetten hinzugefügt.
Benjamin (19:43):
Nein. Das war alles absolut wie immer.
Viktor (19:43):
Ich mochte auch all die anderen Schauspieler. Sam Rockwell sowieso, aber auch der eine Kerl der von Jesse von hinten erschossen wurde.
Benjamin (19:44):
Ja, die waren super. Sam Rockwell ist aber auch immer Sam Rockwell.
Viktor (19:44):
Und du bist auch immer Benjamin.
Benjamin (19:44):
Ich spiele aber nicht in Filmen mit. Es ist letztendlich nicht wichtig. Im Prinzip fügt das noch eine Ebene dem Film hinzu. Der Schauspieler bleibt Schauspieler, egal welcher Film. Und am Ende ist Brad Pitt als Jesse James tot. Aber natürlich nicht in echt. Also sind wir bei: was ist die Kopie und was ist das Original? Ist der Western ein Abbild der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts oder bildete sich das 19. Jahrhundert vielleicht auch schon nach einem Abbild wie das Aufkommen der Fotografie und der Dime Novels (diese Comics unter dem Bett von Robert Ford) vermuten lassen? Mythen bleiben Mythen. Wir sehen wie Brad Pitt erschossen wird aber nicht wie Robert Ford erschossen wird. Das ist ebenfalls wichtig. Warum sehen wir das nicht?
Viktor (19:47): Ich weiß es nicht.
Benjamin (19:48): Ich auch nicht.
Steine bewegen sich nicht, Steine treffen ihr Ziel. Kino bewegt Bilder von Steinen, Bilder treffen. Dorthin, wo man sich nicht bewegt, sondern sitzt, sieht und hört, dann aufsteht, nach Haus geht, sich hinlegt und verstummt. Das Sprachgewirr von Babel trifft nicht ein. Ein Eintreffen, dort wo sich Grenzen bewegen: In Marokko, der Straße zum Gibraltar, in San Diego, an der Grenze zu Mexiko, in Tokyo an plattentektonischen Brüchen, die ihre gewisse Nähe zu Erdbeben haben.
Mit jedem Meter spürt man mehr Wüste, als Sie im Bus einschläft, irgendwo in Marokko. Mehr Wüste, als die Haushälterin die Kinder zurücklässt. Mehr Wüste als während der Flucht des Vaters mit den Kindern mitten im Sand plötzlich ein hölzern verlorenes Schiff auftaucht. Mehr Wüste, als Tokyo in der Nacht Mensch an Mensch wie Stein an Stein reiht, mehr Wüste, wo früher Ozeane waren, die eine andere Weltaufteilung wollten. Ein Schuss, der allen Kontinenten gleichsam passiert.
Das Abreißen der Kontinente: Ein Schuss als ein Schnitt im Film, dann eine Verbindung mit einem anderen und auch eben genau dies nicht. Um einen Schuss als solches zu identifizieren und ihn ohne Anschluss und einfach zu hinterlassen: als Schmerz, als Reißen der Erdteile. Ein Schuss ist ein Schnitt, der etwas auslöst, das nichts lässt wie vorher. Ist der Ursprung der Waffe, das Ereignis des Schusses die Geschichte, die diesen Film zusammenhält, den Alejandro Gonzales Inarritu dann anschließend fein säuberlich wieder auseinander reißt?
Zurück: Ein Schuss, der ihre Bluse rot färbt in Marokko, ein Schuss auf einer Hochzeitsfeier in Mexiko, wo Sie ein rotes Kleid trägt. Ein Schuss zunächst ziellos, dann gezielt aus Kinderhand, auf eine Mutter, die auch 2 Kinder hat. Dann ein Schuss einer Mutter in Tokyo, auf sich selbst, mit einer Tochter die rot in Haare gefärbt hat. Leute, die schauen, und die beschaut werden. Zufall oder Intention aus Farbe und Schnitt?
Eine Hochzeitsfeier, deren bunte mexikanische Farben im Staub untergehen. Ein Lied für die Braut, das als Kommentar zu Bildern wird. Ein Reisetagebuch und doch wieder Film. Dann zerrissene Seiten, in diesem Tagebuch: Schnitte schalten in den Fernseher nach Tokyo, wo sie durch die Kanäle zappt. Kaugummiwelt und wieder Grenzsteine, zwischen lautem Schrei und Verstummen. Übersteuernden Reglern und Schüssen in die Stille, dieses taubstummen Mädchens. Ist das zu gut arrangiert, sind es der Ästhetik nach Werbeaufnahmen?
Was wäre der Film ohne die Disko in Tokyo, als da Volvic im Kühlfach steht, und was wäre die mexikanische Grenzwüste ohne eben dies, als leere, verdorrte Plastikflasche, über die da gestolpert wird? Wenn die Amerikanerin aus ihrer Tragbahre schaut und wir aus ihrer Sichtweise heraus, wie aus einem Sarg blicken, dann das angebotene und nicht -angenommene Geld des Marokkaners vor dem Abflug ins Bild rückt? Ist das zu erkennbar und schlichtweg die Geschichte einer Waffe und der aus ihr global resultierenden Missverständnisse und die sich anschließende und ausschließende Möglichkeit der Sichtweisen? So geht die Inszenierung des Zufallstreffers von Marokko, hin zum nackten Nabel der Welt, bis nach Tokyo.

Es gibt keinen Schuss in die richtige Richtung, denn die gibt es laut Babel nicht. Hier gibt es die richtigen Bilder, die jedoch nicht unbedingt richtige Sichtweisen produzieren. Treffliches Bild und unfertiges Sehen. Verwirrend schön und anmutig zerstörerisch, wenn sich Inarritu das Geheimnis bewahrt, Dinge unaufgelöst im Schnitt verschwinden zu lassen, so die Untertitel des Briefes an den Kommissar. Dann werden Bilder nicht nur blickbar, sondern körperlich, wenn das schwere Propellerflugzeug Städte vorbeiziehen lässt und sich dennoch in fühlbar schwerer Luft bewegt. Musik, die so laut wird, das Kino als Dröhnen fühlbar macht. Ein Schlag, der in Nahaufnahme ins eigene Gesicht geht. Steine treffen, Kino bewegt treffende Steine. Und dann: Ein Verstummen, zuliebe der Bilder. Schnitt.

Babel
R: alejandro gonzáles iñárritu
B: Guillermo Arriga
France/ USA/ Mexico 2006
Cate Blanchett, Brad Pitt ...
´142 min.
- nominiert für 7 oscars - :-)


Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.
Daher heißt ihr Name Chieko, körperlich und emotional taub, lebt sie in ihrer eigenen Welt und kann sich nicht verständlich machen. Ihre Suche nach Liebe verläuft ins Leere.
Daher heißt ihr Name Amelia, sie lebt seit 16 Jahren in einem Land, dessen Sprache sie zwar spricht, aber dessen Gesetze sie nicht zu verstehen weiß.
Daher heißen ihre Namen Richard und Susan. Deren emotionale Verständigung nicht mehr existent ist. Die erst in ein fremdes Land fahren müssen, dessen Sprache sie nicht verstehen, um wieder zu einander zu finden.
So wohlauf, lasst uns erneut eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche; damit alle Völker einerlei Sprache und Zunge besäßen, um sich endlich wieder miteinander verständigen zu können.

BABEL
USA/Mexiko 2006, 146min, Farbe
R: Alejandro González Iñárritu