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»bernd eichinger«

Der im linken Gewand verkappte Hollywood-Kapitalist Bernd Eichinger dreht einen Film über die antiimperialistische, kommunistische Stadtguerilla der Roten Armee Fraktion.
Gegen dies im Allgemeinen spricht, dass Eichinger in seinem Profit orientierten, kommerziell-kapitalistischen Denken weder eine moralische Einordnung der Geschehnisse des deutschen Herbstes und seiner Akteure integriert, noch gelingt es ihm die Zeitumstände der 1970er Jahre hinreichend auszuführen um Hintergründe der RAF-Ideologie zu verdeutlichen.
Gegen dies im Besonderen spricht, dass der Produzent gerade in einem Film, der eine militante Gruppe, die Staats- und Kapitalismuskritik durch Formen von Terrorismus übte, thematisiert, sich jeglicher politischer als auch moralischer Stellungnahme entzieht, sie ja sogar zu scheuen scheint. So ist der Baader-Meinhof Komplex politisch in alle Richtungen offen: er reicht von einer Heroisierung der ersten Generation mit ihrem unglaublich radikal-revolutionärem Geist, der dennoch die Zivilbevölkerung zu schonen suchte, bis zu dem Abstempeln der dritten Generation als kaltblütige Mörder, die keinen, nicht einmal den unbewaffneten Schleyer-Fahrer, in ihren Befreiungsaktionen der Stammheimer begnadigen wollen. Zudem wird versucht über diese mangelnde Politisierung hinwegzutäuschen: bei jeder gezeigten gewalttätigen, blutigen Aktion der RAF hört man als Kommentar aus dem Off das politisch theoretische Bekennerschreiben der Gruppe, das im Film als Rechtfertigung der Radikalität dienen soll. Doch diese Fakten sind vom Scheiß-Kapitalist Eichinger wohl gewollt, eine Strategie der politischen und ideologischen Zweideutigkeit, die er von seichten, Profit heischenden Hollywood-Blockbustern abgeschaut auf deutsche Tatsachengeschichte überträgt.
Gegen dies im Speziellen spricht, dass Eichinger, der diesen Film unter anderem als Vermittlung deutscher Geschichte an junge Menschen, die sich heute weder mit dem Begriff der RAF noch ihren antiimperialistischen Aktionen auseinander setzen noch identifizieren können, sieht, diese Bürger ohne politische, moralische Einordung, ohne konkretes Urteil über die Radikalität, ohne Erläuterung der Hintergründe, ohne die Erkenntnis, dass zum Töten auch Sterben gehört den Kinosaal verlassen lässt und somit wiederum zur Entpolitisierung der Gesellschaft beiträgt.

Gegen den Baader-Meinhof Komplex von Bernd Eichinger spricht, dass ein Film zu politischer Zeitgeschichte auch eine politische Debatte anregen sollte und diese nicht aus kapitalistischer Angst vor zu geringen finanziellen Einnahmen an den Kinokassen scheuen sollte.
Was für eine Scheißaktion! Das war konträr zur Hauptlinie!

Theresa Brüheim
In den ersten und den letzten Szenen des Films gibt es idyllische Bilder. Zu Beginn zwei Mädchen, die in der Nordsee planschen, während ihre Mutter im Strandkorb liest. Zum Schluss ein herbstlich belaubter Wald in Goldtönen. Was dazwischen passiert kann ich nicht beschreiben, weil hier keine Geschichte erzählt wird. Stattdessen reiht der Film in chronologischer Reihenfolge Situationen und Ereignisse aneinander, die sich zwischen 1968 und 1977 in Deutschland, dem Irak, in Somalia und anderen Ländern der Welt zugetragen haben oder so zugetragen haben mögen. Ulrike Meinhof mit ihren Kindern am Strand. Der ‚Polizeistaatsbesuch’ des Schahs. Gudrun Ensslin in einem Streitgespräch mit ihrem Vater über den „imperialistischen Expansionskrieg der USA in Vietnam“. Ein brennendes Kaufhaus. Baader und Ensslin vor Gericht. Die erste Befreiungsaktion. Die ersten Toten. Flugschriften. Die Banküberfälle. Die nackten, fliehenden Kinder in Vietnam. Die Anschläge auf amerikanische Militärbasen. Körper, die vor Kugeleinschlägen erzittern.

Es folgt Bild auf Bild, Aktion auf Aktion, Diskussion auf Diskussion und es gibt nichts, woran ich mich festhalten könnte, kein Bild, keine Szene die als Aufhänger dienen, an der man festmachen könnte: An dieser einen, zentralen Stelle zeigt der Film verdichtet das, was er zeigen will. So etwas wie ein zentrales Bild gibt es im Baader-Meinhof Komplex nicht, der Film konzentriert sich auf nichts. Stattdessen zeigt er so viel, dass ich nach der letzten Einstellung (der Kopf des erschossenen Hanns Martin Schleyer sinkt auf den belaubten Waldboden) sprachlos das Kino verlasse und erst mal versuchen muss all die Bilder in meinem Kopf zu ordnen und in Beziehung zueinander zu setzen.

Die Kamera bewegt sich oft mit den Terroristen durch die Räume, schwenkt über den Flur zu einer Tür und betritt mit ihnen ein Zimmer. Sie bleibt auch einmal am Türrahmen stehen, fast so als halte sie Wache, während eine Terroristin die Bombe hinter einem Regal versteckt. Die Kamera nimmt mich als Betrachter immer mit. Sie schiebt mich mitten hinein in die Unruhen zwischen den Studenten und den Anhängern des Schahs, ganz nach vorn, in Reichweite der Wasserwerfer. Ich werde zum Mitwisser, als der erste Brandanschlag geplant wird. Aus der Perspektive eines kleinen Mädchens beobachte ich aus dem Fenster wie Andreas Baader ins Bein geschossen und wie er verhaftet wird. Ich stehe auch hinter Ponto, als er Brigitte Mohnhaupt die Tür seines Hauses öffnet, so wie ich mit den Wärtern die Zellentüren im Stammheimer Gefängnis öffne und die Leichen der Inhaftierten finde.

Nur zum Schluss hält die Kamera sich kurz fern. Während die Schüsse auf Schleyer zu hören sind, zeigt sie den goldenen Herbstwald. Ich hatte mich gerade damit abgefunden, dass ich so haltlos durch diesen Film gerissen werde, wie wahrscheinlich auch die Deutschen in den siebziger Jahren durch den Terror der RAF Sicherheit und Orientierung verloren.
Aber dann erscheint der goldene Wald in der vorletzten Einstellung. Nach den vorangegangen zwei Stunden wirkt dieser natürlich überhaupt nicht idyllisch. Irgendwie stört diese Einstellung gewaltig, weil sie die Phrase vom „deutschen Herbst“ aufdrängt und diese Metaphorik unglaublich schwach und simpel wirkt im Vergleich zu sämtlichen Bildern, die der Film bis hier hin zeigte. So sticht dieses eine Bild doch heraus, aber nur, weil es dem Rest des Films nicht gerecht werden kann.