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Das am 27. April 2009 geführte Interview mit Emily Atef kann man hier nachhören:

http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=28592

atef
Bildquelle: www.berlinbabylon14.de

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Kritik zum Film selbst:


Rebecca: „Alle waren begeistert von seinem Geruch. Ich habe nichts gerochen.“

Was tu ich hier eigentlich? Er sieht verkrampft aus. Dieses hilflose, nackte Wesen. Sein Bauch hebt und senkt sich. Er atmet schwer. Er räuspert sich. Er schließt seine Augen. Wenn meine Arme ihn jetzt noch tiefer in die Wanne absenken. Wenn ich ihn jetzt loslasse… wenn ich ihn jetzt loslasse… Meine Arme lassen ihn wieder auftauchen. Er hustet.


Julian: „Reiß dich doch einmal noch zusammen!"

Sie redet nicht mit mir. Sie reagiert überhaupt nicht. Als ob ich mit einer Wand sprechen würde… Das ist ungerecht. Wir hatten das doch gemeinsam besprochen. Warum arbeite ich so hart? Damit sie zusammen mit unserem Sohn zu Hause bleiben kann… Sie redet nicht mit mir.


Rebecca und Julian – ein junges Ehepaar, dessen Beziehung durch die Geburt ihres ersten Kindes stark erschüttert wird. Beide müssen sich voneinander abstoßen, um sich wieder annähern zu können. Das Ende des Films handelt nicht von Liebe, nicht von Nähe, sondern dem leisen Antizipieren des nächsten Morgens.


Deutschland 2008
R: Emily Atef
B: Emily Atef, Esther Bernstorff
K: Henner Besuch
D: Susanne Wolff, Johann von Bülow, Maren Kroymann, Herbert Fritsch
Am 6. April 1994 wurde eine neue Begrifflichkeit dem ruandischen Wortschatz hinzugefügt: Genozid. Denn an diesem Tag begannen die ungeheuerlichen Gewalttaten, die wir heute als den Völkermord in Ruanda bezeichnen, und hielten bis Mitte Juli desselben Jahres an. Dabei kamen mindestens 500.000 Angehörige der Minderheit Tutsi sowie widerständige Hutu um, leider beläuft sich die realere Anzahl der Toten eher auf 1.000.000. Der seit Jahren schwellende Konflikt zwischen der damaligen Regierung um Habyarimana und Bagosora sowie der Rebellenbewegung namens Ruandische Patriotische Front (RPF) erreichte in diesen Massentötungen seinen Höhepunkt. Auch ein Großteil der zivilen Bevölkerung beteiligte sich an den Grausamkeiten, die von Misshandlungen über Vergewaltigungen zu grausamer Folter mit anschließendem Tötungsakt reichten.
Der Film D´arusha à Arusha von Christophe Gargot dokumentiert die anschließenden Gerichtsverhandlungen vor dem internationalen UN-Tribunal. Verhandelt wurde über die Schuld und Bestrafung dreier Hauptbeteiligter: ehemaliger ruandischer Präsident Habyarimana, Oberst und führender Planer des Verteidigungsministeriums Bagosora als auch Propagandachef Ruggiu, ein in Ruanda lebender belgischer Moderator des Hass-Radiosenders RTLM. Parallel dazu werden Gespräche mit Zivilisten geführt, die ihre Sicht zum Völkermord äußern.
Anhand der Aussagen der interviewten ruandischen Bürger lässt sich der Wunsch erkennen, dass das UN-Gerichtstribunal die Situation in Ruanda wieder in richtige Bahnen lenken soll. Hierzu äußert der Film allerdings Skepsis. Denn ist es Außenstehenden überhaupt möglich die Auslöser und Ausmaße des Konfliktes richtig einzuschätzen auch wenn sie im rechtlichen Fach fundierte Vorkenntnisse haben? Die Mehrheit der Richter und anderer Sachverständigen sind keine Tutsi oder Hutu. Sie sind Ausländer, Angehörige der UN-Staaten, die nach Ausbruch der Gewalthandlungen 1994 ihre Friedenstruppen in Ruanda nicht verstärkte, sondern noch Soldaten abzog. Es stellt sich von Beginn an die Frage: Ist Ruanda selbst nur ein Opfer fehlgeleiteter internationaler Politik? Bei der Suche nach Antworten kommt hier erschwerend hinzu, dass die ruandische Gesellschaft durch einen komplizierten Aufbau gekennzeichnet ist. Laut den Aussagen des ehemaligen Präsidenten gibt es im ruandischen Staatsgebiet keine Rassen sowie ethnischen Gruppen. Irritierend wirkt dann aber ein Gesetz, das zwischen der Mehrheit der Hutu und der Tutsi-Minderheit trennt.
Hier ist die Trennlinie zwischen Schuld und Verantwortung nur sehr schwer zu ziehen. Eins bleibt dabei aber klar: die Wahrheit über die Ereignisse im Frühsommer 1994 kennen nur die Gefangenen. Alle anderen sind tot oder wissen nichts. Auf der Suche nach der Schuld und der folgenden Vergeltungsfrage, sollte eins nicht außer Acht gelassen werden: man urteilt immer noch über Menschen.
Und zum Schluss steht die essentielle Frage immer noch im Raum: Ist es wahr oder nicht?
Das UN-Tribunal beantwortete sie mit einem Urteil im Jahr 2008: Lebenslänglich für Bagosora.

Theresa Brüheim

Zusätzliche Quelle zur Informationsvertiefung:
http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_in_Ruanda
Ein weißes Konzertplakat in A2. Darauf steht in violetter Schrift geschrieben: Einstürzende Neubauten, unter dem Namenszug prangt ein großer schwarz gezeichneter Kopf mit Irokesen. Die Punkfrisur der Achtziger.
Das Plakat hängt an einem grauen Haus mit kleinem Eingang. Man hört den dröhnenden Sound der Bassgitarre, das derbe Hämmern des Schlagzeuges und eine schwer verständliche, grölende Stimme.
Sie singt:

Fütter mein Ego!
Fütter mein Ego!
Fütter mein Ego!


Hörst du das nicht?
Eine fixe Idee geht durchs Zimmer
Riemenschneider
schnitzt sie in meine
Gehirnwindungen
Dübelt sich in meinen Kopf
Später dann
Kannst du Regale dran
aufstellen, oder...


Fütter mein Ego!


Blixa Bargeld schreit diese Worte ins Mikro auf der Bühne des Kulturhaus VEB Elektro. Es ist der 21. Dezember 1989. Die Mauer ist schon offen. Heute gibt die Westberliner Punkrock Band Einstürzende Neubauten ihr erstes Ostkonzert. Im Berliner Stadtteil Lichtenberg, denn es ist ja jetzt quasi eine Stadt und gleich um die Ecke.
Das ist nun schon fast 20 Jahre her.
Doch auf dem Weg, den sie damals am Konzerttag, von Mama und Papa, von ihren ersten eigenen Wohnungen oder von der Kaserne aus hin zur ehemaligen VEB Elektro, gingen und ihn heute nochmal für uns und sich selbst nachlaufen, scheint es wie gestern zu sein. Sie, das waren euphorische, freiheitsliebende Ostberliner von 19 und 20 Jahren, heute sind sie alle an die 40 Jahre alt und manche kaum als Liebhaber harten Punks wieder zuerkennen. Und doch gern bereit für einen Ausflug in die wilde Vergangenheit.
Für sie alle waren die Neubauten nicht nur Musik, sie waren Freiheit und Aufschrei zugleich. Sie waren zerstörerisch, dagegen, anders. So wie die DDR es nicht erlaubte und deshalb Idole. Ihre Texte stellten grundsätzliche Begrifflichkeiten infrage, ihr Sound war Spektakel. Die Platten wurden verehrt wie Heiligtümer. Sonntag schmuggelte die Oma nach dem Besuch bei Westberliner Verwandten die neue Platte für den Enkel in den Osten, Montag hatte die halbe Stadt die neuen Songs auf Kassette. Für die Stasi stets nur nicht identifizierbare Musikeffekte und Geräusche. Für die Fans der Ur-Schrei der Moderne.
Und jetzt auf einmal so kurz nach dem Mauerfall: keine Grenzen mehr, keine Zwänge, Westkultur in Ostberlin. Kaum zu glauben: eine artifizielle Punkband in den Örtlichkeiten der planwirtschaftlichen Industrieproduktion. Was für eine explosive Mischung!
Und endlich hier sind sie, hier sind Blixa Bargeld, FM Einheit, Marc Chung, Alexander Hacke und NU Unruh, hier sind Einstürzende Neubauten!
Bringt die Bühne zum Sturz und die Fans zur Ektase!
Was hätte ich drum gegeben damals dabei zu sein…

Theresa Brüheim
"Es schläft ein Lied in allen Dingen"

Wenn er das goldene Blech der Trompete an den Lippen spürt, wenn der Luftstrom sanft durch die Rohre fließt und sich die Töne im Raum verbreiten, dann spielt er nicht, er atmet Leben. Das Publikum schweigt und träumt, verzaubert vom Schwermut des Augenblicks. Auch sie steht im blitzenden Licht, gefangen von Klängen, mit dem Herz bei ihm. Doch seins ist zerrissen. Liebt sie mich nur wegen der Gabe, nicht wegen meiner selbst? Er muss ziehen, sie zurücklassen mit all ihrer Liebe, die er nicht sieht, um sich der Einsamkeit zu ergeben. Seine Liebe zu ihr, seine Liebe zur Musik, was nützt es noch? So geht er davon, lässt beides zurück, um in eine andere Welt einzutauchen, um nicht dort zu sein, so glaubt er, wo man ihn nicht will. Die Zeit vergeht, er wartet, auf was, er weiß es nicht. Erst als seine Augen die Worte erblicken, in blauer Schrift aus fremder Zauberhand, erwacht die Welt zu neuem Leben, ist nicht mehr taub und nicht mehr stumm. Es schläft ein Lied in diesen Zeilen, mit neuem Mut erweckt er‘s sanft. Die Töne strömen wieder mit all den sehnsuchtsvollen Worten, mit denen er ihr leise flüstert ICH HABE JA GESAGT, FÜR IMMER.
Ein weiter Reifrock der von der Taille bis zum Boden reicht, an Brust und Bauch sehr eng und körperbetont geschnitten, fast wie eine Korsage und oben ein opulenter Stehkragen zur pompösen Vollendung. Ein Kleid wie es auch Marie Antoinette getragen hat. Nun ja, mit einer kleinen Abweichung: ihre Kleider waren aus den feinsten Stoffen, aus Seide und Taft mit Spitzenbesatz, aber dieses ist es nicht. Es ist aus schwarzer Erdbeer-Abdeck-Folie und Schwarz-Weiß gestreiften Duschvorhang. Auch sehr Chic, aber vor allem auch Charmant und Dauerhaft so wie das gleichnamige Ost-Berliner-Label von Sabine von Oettinger, die dieses Kleid bereits einmal in der DDR für eine Schau anfertigte und diese tolle Kreation noch einmal für Ein Traum in Erdbeerfolie nachschneiderte.
Denn diese opulente Robe und andere Kostüme sind nicht als Verkleidung zu sehen, sie waren vielmehr die Möglichkeit frei zu sein. Sie stellten eine Zuflucht, eine Abstraktion der freiheitsraubenden, sozialistischen Verhältnisse dar, sie waren die Rettung für den Tiger im Käfig. Deshalb feiert der Film sie durch die Aneinanderreihung von riesigen Modefotografien von Sven Marquadt und Robert Paris ganz zu Recht als Lebensgefühl.
Marco Wilms, Frank Schäfer und alle anderen DDR-Models hatten auf dem Laufsteg endlich die Möglichkeit so zu sein wie das System sie sonst nicht duldet: anders, besonders, individuell. Sie konnten sich und ihre Sehnsüchte ausleben, frei sein. Solang die Show ging galten Glitzerhaarspray, auffällige Schminke, glatt rasierte Köpfe, ein Kleid nur aus Gürteln, Männer in Frauenkleidern, bunte Punkfrisuren als der neue Trend in der Berlin-Underground-Szene, als hip und angesagt. Sobald allerdings diese Looks den Laufsteg verließen und man sie in leicht abgewandelter Form auf dem Alexanderplatz, dem Tourismuszentrum der DDR, sah, waren sie nur eines: absichtlicher Verstoß gegen die sozialistische Einheitsnorm und somit rechtswidrig. Da bestraften Stasi-Spitzel Glitzerhaarspray mit Vergewaltigung und Schlägen wie im Fall des heutigen Berliner-In-Friseurs Frank Schäfer.
Hier lässt sich nur Bewunderung aussprechen für alle Mitwirkenden von Ein Traum in Erdbeerfolie, die sich trotz aller Zwänge und Massenkonformität bis heute das bewahrt haben, was junge Berliner mit Fell-Tschapkas, Hornbrillen und Pumphosen auszudrücken versuchen: die individuelle Gesamterscheinung.

Theresa Brüheim
Der Taiwanese Cheng Yu-Chieh, der gerade mit „Yang Yang“ im Panorama-Programm der Berlinale 2009 vertreten ist, hat sich viel vorgenommen. Cheng Yu-Chieh möchte die Kinoindustrie in Taiwan aufbauen und nebenbei eine Geschichte erzählen von Freundschaft, Liebe, Eifersucht und der Frage nach der eigenen Identität. Viel zu tun für einen einzigen Menschen und so kommt es mir beim Betrachten von „Yang Yang“ oft vor, als hätte Cheng Yu-Chieh beim Drehbuchschreiben gerne schon Produktion, Distribution und internationaler Vermarktung seiner nächsten vier Spielfilme geplant.
Die Handlung prescht unaufhaltsam voran: Yang Yang ist Eurasierin, halb französisch, halb chinesisch. Ihre Mutter heiratet einen anderen Mann. Yang Yang bekommt eine Halbschwester. Es gibt Missverständnisse, Auseinandersetzungen sportlicher Art und welche emotionaler, denn Yang Yang lässt sich zu einem One-Night Stand mit dem Freund der neuen Schwester hinreißen. Die Spannungen in der Familie wachsen. Yang Yangs Stiefvater fordert Ordnung und Disziplin. Selbst die Mutter, zu der Yang Yangs Verhältnis ein intensives zu sein scheint, kann das junge Mädchen nicht von der Flucht in die große Stadt abhalten. Yang Yang will sich befreien aus der Enge und schafft dies gerade mit etwas, dass ihr den größten Schmerz zufügt: Ihrem exotischen Aussehen- eine schmerzhafte Erinnerung an den unbekannten französischen Vater. Als Model erfüllt sie Aufträge für Nokia, spielt kleinere Rollen, bis sie erneut ein Angebot erhält: Die Hauptrolle in einem Film über eine junge Eurasierin, die sich auf die Suche nach ihrem fremden Vater macht…
Viel abzuarbeiten hat der Film in fast zwei Stunden und es gelingt nicht so richtig. Während man Yang Yangs Verhalten zwar nachvollziehen kann, verwendet der Regisseur kaum Zeit die inneren Zwiespalte und Gefühle des jungen Mädchens näher zu beleuchten. Natürlich gibt es Close-Ups auf das nachdenkliche oder weinende Gesicht zu sehen, dennoch bleibt alles Äußerlichkeit. Interessanter wäre es gewesen, wenn Cheng Yu-Chieh den Fokus auf die letzte halbe Stunde des Filmes verlagert hätte: Wie konnte sich Yang Yang gerade durch den Dreh eines Filmes mit dem Gefühlen um den unbekannten Vater versöhnen? Doch auch hier wird wieder nur an der Oberfläche rumgestochert.
Nach 112 Minuten wackeliger Bilder und unscharfer Einstellungen verlasse ich den Kinosaal wie Mc Donald’s: Vollgestopft und trotzdem hungrig.
Noch bevor ich am 9. Februar früh morgens um sechs Uhr aufwache und die Berlinale auch für mich beginnt, träume ich von meinem ersten Festivalfilm. Mitte Ende August – dieser Titel und die damit verbundene Jahreszeit mit ihrem ganz eigenen Lebensgefühl gehen mir nicht aus dem Kopf. Ich gespannt was dieser Film zu bieten hat, was er ist, was er sagen will. Im Traum ist es bereits Hochsommer. Ich bin im Urlaub, irgendwo… ich schwimme, genieße den Sonnenschein, die langen Abende mit Freunden. Ich spüre es deutlich, dieses besondere Leben wie man es nur im Sommer führen kann.
Ich wache auf.
Später in der Kartenschlange vor dem Berlinale-Center erzähle ich vom meinem Traum und freue mich sehr auf den Film.
Dann sitze ich im Kino und denke vielleicht ist Sebastians Schippers dritter Film ein wenig so wie in meiner Fantasie.
Aber nein, das ist er nicht, wirklich nicht. Auch wenn er es versucht mir weiß zu machen mit allen Mitteln. Er probiert es mit diesen wahnsinnig leidenschaftlichen Gefühlen, den verletzenden Streitereien, den intensiven Auf und Ab’s der Liebesbeziehung zwischen Hanna und Tommy. Doch es kommt nicht an. Leider nicht. Auch wenn Mitte Ende August überladen ist mit diesen besonderen emotionalen Momenten wie man sie nur so intensiv im Sommer leben kann. Wenn Tommy sich nach dem Sex auf der Wiese hinter dem Haus mit Hannas erwachsen gewordener Patentochter Augustine schnell anzieht, verwirrt zurück ins Haus läuft, sich maßlos betrinkt, man in den Close-Ups auf sein Gesicht deutlich den Schmerz und die Reue seiner Handlung erkennt und er dann auch noch zum See rennt, sich ins Wasser stürzt und beginnt zu weinen, nein, dann kommt es nicht an dieses Gefühl, ich kann es nicht spüren.
Oder nachdem Hanna zu ihrem Geburtstag vollkommen ausflippt, weil Tommy sie nach allem als seine Frau bezeichnet, sie sich ein teures Kleid anzieht und zusammen mit Friedrich, dem Bruder ihres Freundes, wegläuft, allem entfliehen will, nein auch dann kommt es nicht an. Ich kann diese Gefühle nachvollziehen, aber wirklich intensiv und echt kann ich sie nicht spüren. Denn Mitte Ende August gelingt einfach leider nicht mich mitzureißen, mein Herz zu öffnen. Vielmehr ist eine leichte, nicht besonders anspruchsvolle Unterhaltung, die wohl eher an das Ende eines heißen Sommertages passt als in die Reihe der Filme, die einen auf der Stelle, immer und überall ergreifen.
Aber wieso ist das so?
Es liegt wohl weniger an der Frei-nach-Johann-Wolfgang-von-Goethe-Geschichte oder dem Schauplatz als an der Art der Inszenierung sowie der schlechten Leistung der Schauspieler. Also ist so vorhersehbar und gewollt. Bereits in der Szene, in der Tommy ohne Nachzudenken eine tragende Mauer des neu gekauften renovierungsbedürftigen Hauses einreißt, ist es eindeutig, dass er und Hanna sich immer mehr von einander entfernen werden und Augustine sowie Friedrich nur das Mittel zum Zweck sind um den anderen zu verletzten.
Die motivationslos eingesetzte Handkamera, die unpassende Musik scheinen so initiiert, so übertrieben.
Und leider bildet der Regisseur in der nach dem Film folgenden Diskussion keine Ausnahme zu diesem nichtssagenden Szenario. Und ein weiteres leider folgt: er hat viel zu sagen, viel Nichts. Bis auf einen Satz, der mir noch deutlich in Erinnerung ist: Wer diesen Film nicht fühlt, ihn intensiv spürt, der hat Angst vor seinen Gefühlen.
Nein, Herr Schipper, so ist das wirklich nicht. Ich habe keine Angst, aber ich denke sie hatten welche, sogar sehr große. Denn warum sonst sagen Sie so etwas über einen Film, der selbst am Ende nicht mehr zu sagen hat als „Hallo“.
Ich antworte „Auf nimmer Wiedersehen“.
Wenn es ein Gefühl gibt, das mehr es selbst ist und weniger wie alle anderen, dann ist es Liebe.
Wenn es eine Frau gibt, die mehr sie selbst ist und weniger wie alle anderen, dann ist es Gitti. Wenn es einen Film gibt, der mehr er selbst ist und weniger wie alle anderen, dann ist es Alle Anderen.
Und doch stellen alle drei ihr Selbst zurück für alle anderen.

Wenn Gitti zu Chris sagt: „Ich wär manchmal gern so anders für dich.“, dann möchte am liebsten aus dem Kinosessel aufstehen, in den Film eingreifen, ihr Gesicht zwischen meine beiden Hände nehmen und sagen: „Nein, du bist ganz großartig und besonders so wie du bist!“.
Wenn Chris zu Gitti sagt: „Du bist so peinlich.“, dann will ich ihn anschreien: „Begreifst du nicht was für eine Frau du vor dir hast. Lieb sie um ihrer selbst willen und zwing sie nicht so zu sein wie alle anderen!“

Nach dem Film fühle ich mich wie in einer eigens durchlebten Liebesbeziehung, die nach einem heftigen Streit in einem Schwebezustand zwischen Weiterführen und Beenden steht. Das Schauspiel, die Gesichter, die Worte, aber vor allem die Gefühle sind so intensiv, gehen von der ersten Einstellung an unter die Haut und greifen tief, packen zu, lassen nicht mehr los.
Chris nimmt beim Wandern keine Rücksicht auf Gitti. Ich spüre ihren Zorn.
Sie sagt: „Ich will dich nicht verlieren.“ Ihre Angst ist meine.
Er antwortet: „Was soll ich sagen? Wie soll ich antworten? Etwa ich liebe dich? Oder ich werde dich nie verlassen?“ Verdammt, wie kannst du das aussprechen, Chris…ihr Schmerz tut so weh.

Chris, willst du eine Liebesbeziehung wie Hans und Sana? Ein kleines Frauchen, das bei allen was du sagst lacht und sich alles gefallen lässt? Die du schwängern kannst damit sie nicht erfolgreicher ist als du?
Oder willst du eine Frau, die anders ist als alle anderen? Eine Frau, die für dich aus dem Fenster springt, nur um dir zu zeigen wie viel du ihr wert bist? Willst du Gitti?
Dann hör sofort auf damit!
Steh auf, nimm ihre Hand und sag: „Nein, du wirst mich nicht verlieren.“
Und mein es auch so.
Denn ihr habt die wahrhaftigste Liebesbeziehung, die der Friedrichstadtpalast je gesehen hat.
Romeo und Julia, Scarlett und Rhett, Jack und Rose sind nicht viel dagegen.
Denn ihr seid echt und weniger so als alle anderen.

Und dafür möchte ich sagen: Vielen Dank!
Andy Warhol liebte ihn: Jim Morrison, den sexy Poet, den hübschen Verrückten, der vielleicht auch ein bisschen zu wild war für diese Zeit. Jim, verletzlich auf der Bühne, die Augen geschlossen, beide Hände fest am Mikrophon, als gäbe es den lebenswichtigen Halt nirgendwo anders. Light my fire als Flehen. Jim als lässiger Rebell, versessen auf den Exzess, Drogen, anfangs LSD später Kokain, Alkohol, mit dem Kopf zwischen den Beinen von Janis Joplin oder mit den Händen im Schritt eines Fans. Morrison braucht den Ruhm. Was er macht ist genial, oder zumindest genial auf den großen Erfolg hin inszeniert. Gebt ihm Aufmerksamkeit und er wird überleben, denn he’s the Lizard King, he can do anything! Aber Achtung: Gebt ihm Alkohol und er wird zu Jimbo. Jimbo können nicht einmal die engagierten Saufkumpanen im Zaum halten, wenn er pöbelnd die Menge aufmischt. Jim, was willst du? Uns deinen Penis zeigen oder doch nur Liebe. Liebe. Liebe. Liebe. Liebe. Du sagst es ja: I need some love, come on.
The doors of perception: Viele kleine Schnipsel, fast ein Ganzes. Fotos reiner Selbstdarstellung und welche von Aufnahmegeräten im Proberaume, von Präsidenten und roher Intensität. Bilder tanzender Hippies, kreischender Fans, Jim im grellen Scheinwerferlicht und auf dem Segelschiff. Wörter, gesprochene und geschriebene. Geräusche. Töne der Gitarre und immer wieder die sensible Stimme. Wenn das Streichholz erlischt, wenn die Musik verstummt, weiß man so vieles und trotzdem nichts.
Sebastian Schipper liebt seinen neuen Film und er liebt es mindestens genauso, sich reden zu hören. Wirklich sehr gelungen sei der Film und wahre Gefühle würden transportiert. Aber man wollte natürlich nicht etwas ohne Ecken und Kanten abliefern. Dass „Mitte Ende August“ nicht Everybody‘s Darling sei, darauf habe er sich schon vorbereitet. Doch plötzlich ist es da, ein kurzes, aber sichtbares Entsetzen, zwischen Wortschwallen bestehend aus Anekdoten des Schipper‘schen Urlaubs am Meer, inspirierenden Goethewerken und innovativen Schauspielcastings. Aus dem Saal kam die hinterhältige Frage, wie Schipper die schlechte Kritik zum Film vom Vortag verkraftet habe. Welche schlechte Kritik? Davon habe er bisher nichts gelesen oder gehört und außerdem könne man seinen Film nur schlecht finden, wenn man Angst vor seinen eigenen Gefühlen habe. Punkt. Das hat gesessen. Die eigene Meinung zum Film als Ausgangspunkt für eine Psychoanalyse à la Schipper. Heißt dies wiederum, wenn wir „Mitte Ende August“ bedingungslos lieben, stimmt alles mit uns? Das wird ein schwerer Kampf oder es könnte womöglich im Selbstbetrug enden, denn was da zwischen Hanna und Thomas in ihrer baufälligen Sommerresidenz geschieht, ist alles andere als liebenswürdig. Als Adjektiv würde “ vorhersehbar“ gut passen. Man nehme ein glückliches Pärchen, das Spaß hat beim Handwerkeln. Diese traute Zweisamkeit zerbröckle man nun peu à peu durch die Hinzugabe externer Störfaktoren. Im Film sind das Thomas frisch verlassener Bruder Friedrich und (der Gerechtigkeit halber) Hannas Patenkind Augustine. Eine Überkreuzliebelei ist zwingend, besonders wenn man die experimentelle Verwendung verschiedener alkoholischer Substanzen berücksichtigt. Anders als die Figuren bleibt die Geschichte stets nüchtern. Und kalt, wie die Farben auf der Leinwand und der See, in dem sich Hanna und Friedrich abwechselnd reinwaschen von gegenseitigen Vorwürfen und einem Seitensprung. Was Schipper denkt zu zeigen fehlt: Gefühle. Ich erwarte keine Close-ups gefüllt mit Tränen, aber doch mehr als ein entferntes Heulen im nächtlichen Gewässer, eines, das passen soll ,das unbedingt passen muss und doch nicht passt. Es ist so unpassend wie der Kurzauftritt von Hannas Vater inklusive Ostblockschönheit oder die ständig wiederkehrende Verwendung des Shallow Focus. Ich brauche im Film keine pompösen Liebesschwüre oder verzweifeltes Flehen, um Gefühle zu spüren, aber ich brauche die Bilder. Sie fehlen. Ich muss gestehen: So wie mir „Mitte Ende August“ keine Gefühle zeigen konnte, so kann ich ihm keine entgegenbringen. Was das für mich bedeutet, müssen wir wohl Herrn Dr. Schipper fragen.