Thursday, 3. May 2007, 09:57Uhr
„Weil meine Gedanken nur meine sind. Die entstehen, weil meine Augen etwas sehen“

Im Vordergrund eine Frau, mit Rock und Tasche. Sie streichelt einen Hund. Im Hintergrund öffnet sich der Blick in den spärlich bevölkerten Zuschauerraum eines Theaters. Die Frau kniet vor dem Hund auf einer leeren Bühne und vergräbt ihre Hände in seinem Fell. Ihr Text: „Du bist jung und ich bin Deine einzige Gesellschaft.“ Sperrig. Eine Theaterprobe. Immer wieder steigen Techniker durchs das feste Bild. Bevor die Frau ihren Satz endlich sagt, beschwert sie sich, dass die Tasche zu schwer sei. Eine Assistentin springt herbei und entlädt Bücher aus der Ledertasche, die fast ein kleiner Koffer ist.
Diese Einstellung steht so isoliert vom Rest des Films, dass man sie glatt vergessen würde, wenn nicht Agnes später auf ihre Empfindungen beim Anblick von Irene und dem Hund zu sprechen käme. Sie spricht von der ungewohnten Zärtlichkeit, die da in dieser Frau ist, und davon, wie sie der Anblick eines Hundes auf einer Theaterbühne berührt hat. Die nächste Einstellung zeigt eine sommerliche villengesäumte Straße, ganz in helle Sonne und tiefen Laubbaumschatten getaucht. Am Rand parkt ein Daimler, ein Mann lädt Koffer aus, die Frau beginnt, die Kolosse aus Aluminium durch ein Gartentor zu hiefen. Die Frau ist noch immer zierlich, beschwert sich hier aber nicht über das Gewicht der Koffer.
Leiden an schweren Koffern. Der Ausdruck von Leid, das irgendwie lächerlich wirkt angesichts anderer schwerwiegender Probleme, an denen die Figuren in Nachmittag leiden könnten. „Ich habe Hunger“, „Ich konnte nicht einschlafen“. Leiden, das zu einem Ersatzleiden wird. Schanelec findet stille, leuchtende Sommerbilder, um von den komplizierten Beziehungen zwischen den Menschen in diesem Film, die Familie, Nachbarn, Geliebte, Freunde sind zu erzählen. Neben den Bildern beeindruckt in Nachmittag die Sprache der Figuren. Tschechov-Sprache und immer wieder diese Hauptsätze, mit denen sich die Figuren mit einer seltenen Härte und Offenheit mit ihren Empfindungen füreinander konfrontieren. In Soaps werden Katastrophen ausgelöst, wenn eine Figur der anderen die „Meinung sagt“. In Nachmittag ähnelt dieses Meinungsagen einem beiläufigen Mitteilen. Es löst keinen emotionalen Zusammenbruch, keine Tränen und keine innige Umarmung aus.
Agnes. Die Kamera zeigt ihr Gesicht von nah, wenn sie spricht. Was sie sagt, geht dem Zuschauer zu nah. Klischées und Altvertrautes. Beide sind ausgesprochen nicht auszuhalten, scheinbar offenherzig und wahr. Agnès beherrscht das Repertoire der erlaubten Gesten und Sätze nicht. Ihr Blick fällt voller Verwunderung auf einen vietnamesischen Jungen an einem Kiosk, der mit größter Sorgfalt auf der Langnesetafel einzelne Eissorten mit einem Kreuz auspinselt. Agnes’ Staunen brennt diese zärtlich banale Handlung auf meiner Netzhaut ein. Agnès sagt über ihre Mutter, die Tänzerin war, „sie hatte Glieder wie helle gewundene Seile“.
Ein Sommer in einem Haus am See. Die Tage sind in Bildern strukturiert: vom Schwimmen, vom An- und Ausziehen, von den Mahlzeiten und Gesprächen. Auffällig viele Ansichten vom Ablegen der Badekleidung: Wie Konstantin Mimmi nach dem Schwimmen den Bademantel anzieht und ihren erdigen kleinen Füßen in die Badelatschen hilft. Wie Agnes ihre Bikinihose unter dem Kleid auszieht und sich wohlig auf dem Bett räkelt, während die Hose nass und verdreht auf den Dielen zurückbleibt. Wie sie später ihren Bikini auswäscht und sorgsam zum Trockenen ins geöffnete Fenster legt.
Einer dieser Filme, von denen mir einzelne Bilder und gesprochene Sätze im Kopf hängen bleiben. Da wird trotz aller Fremde etwas verhandelt, das mit mir zu tun hat.
Nachmittag
R: Angela Schanelec
Deutschland 2006
http://www.peripherfilm.de/nachmittag

Im Vordergrund eine Frau, mit Rock und Tasche. Sie streichelt einen Hund. Im Hintergrund öffnet sich der Blick in den spärlich bevölkerten Zuschauerraum eines Theaters. Die Frau kniet vor dem Hund auf einer leeren Bühne und vergräbt ihre Hände in seinem Fell. Ihr Text: „Du bist jung und ich bin Deine einzige Gesellschaft.“ Sperrig. Eine Theaterprobe. Immer wieder steigen Techniker durchs das feste Bild. Bevor die Frau ihren Satz endlich sagt, beschwert sie sich, dass die Tasche zu schwer sei. Eine Assistentin springt herbei und entlädt Bücher aus der Ledertasche, die fast ein kleiner Koffer ist.
Diese Einstellung steht so isoliert vom Rest des Films, dass man sie glatt vergessen würde, wenn nicht Agnes später auf ihre Empfindungen beim Anblick von Irene und dem Hund zu sprechen käme. Sie spricht von der ungewohnten Zärtlichkeit, die da in dieser Frau ist, und davon, wie sie der Anblick eines Hundes auf einer Theaterbühne berührt hat. Die nächste Einstellung zeigt eine sommerliche villengesäumte Straße, ganz in helle Sonne und tiefen Laubbaumschatten getaucht. Am Rand parkt ein Daimler, ein Mann lädt Koffer aus, die Frau beginnt, die Kolosse aus Aluminium durch ein Gartentor zu hiefen. Die Frau ist noch immer zierlich, beschwert sich hier aber nicht über das Gewicht der Koffer.
Leiden an schweren Koffern. Der Ausdruck von Leid, das irgendwie lächerlich wirkt angesichts anderer schwerwiegender Probleme, an denen die Figuren in Nachmittag leiden könnten. „Ich habe Hunger“, „Ich konnte nicht einschlafen“. Leiden, das zu einem Ersatzleiden wird. Schanelec findet stille, leuchtende Sommerbilder, um von den komplizierten Beziehungen zwischen den Menschen in diesem Film, die Familie, Nachbarn, Geliebte, Freunde sind zu erzählen. Neben den Bildern beeindruckt in Nachmittag die Sprache der Figuren. Tschechov-Sprache und immer wieder diese Hauptsätze, mit denen sich die Figuren mit einer seltenen Härte und Offenheit mit ihren Empfindungen füreinander konfrontieren. In Soaps werden Katastrophen ausgelöst, wenn eine Figur der anderen die „Meinung sagt“. In Nachmittag ähnelt dieses Meinungsagen einem beiläufigen Mitteilen. Es löst keinen emotionalen Zusammenbruch, keine Tränen und keine innige Umarmung aus.
Agnes. Die Kamera zeigt ihr Gesicht von nah, wenn sie spricht. Was sie sagt, geht dem Zuschauer zu nah. Klischées und Altvertrautes. Beide sind ausgesprochen nicht auszuhalten, scheinbar offenherzig und wahr. Agnès beherrscht das Repertoire der erlaubten Gesten und Sätze nicht. Ihr Blick fällt voller Verwunderung auf einen vietnamesischen Jungen an einem Kiosk, der mit größter Sorgfalt auf der Langnesetafel einzelne Eissorten mit einem Kreuz auspinselt. Agnes’ Staunen brennt diese zärtlich banale Handlung auf meiner Netzhaut ein. Agnès sagt über ihre Mutter, die Tänzerin war, „sie hatte Glieder wie helle gewundene Seile“.
Ein Sommer in einem Haus am See. Die Tage sind in Bildern strukturiert: vom Schwimmen, vom An- und Ausziehen, von den Mahlzeiten und Gesprächen. Auffällig viele Ansichten vom Ablegen der Badekleidung: Wie Konstantin Mimmi nach dem Schwimmen den Bademantel anzieht und ihren erdigen kleinen Füßen in die Badelatschen hilft. Wie Agnes ihre Bikinihose unter dem Kleid auszieht und sich wohlig auf dem Bett räkelt, während die Hose nass und verdreht auf den Dielen zurückbleibt. Wie sie später ihren Bikini auswäscht und sorgsam zum Trockenen ins geöffnete Fenster legt.
Einer dieser Filme, von denen mir einzelne Bilder und gesprochene Sätze im Kopf hängen bleiben. Da wird trotz aller Fremde etwas verhandelt, das mit mir zu tun hat.
Nachmittag
R: Angela Schanelec
Deutschland 2006
http://www.peripherfilm.de/nachmittag







