8 items on »Film und Kritik« tagged with

»berlinale 2007«

„Weil meine Gedanken nur meine sind. Die entstehen, weil meine Augen etwas sehen“



Im Vordergrund eine Frau, mit Rock und Tasche. Sie streichelt einen Hund. Im Hintergrund öffnet sich der Blick in den spärlich bevölkerten Zuschauerraum eines Theaters. Die Frau kniet vor dem Hund auf einer leeren Bühne und vergräbt ihre Hände in seinem Fell. Ihr Text: „Du bist jung und ich bin Deine einzige Gesellschaft.“ Sperrig. Eine Theaterprobe. Immer wieder steigen Techniker durchs das feste Bild. Bevor die Frau ihren Satz endlich sagt, beschwert sie sich, dass die Tasche zu schwer sei. Eine Assistentin springt herbei und entlädt Bücher aus der Ledertasche, die fast ein kleiner Koffer ist.
Diese Einstellung steht so isoliert vom Rest des Films, dass man sie glatt vergessen würde, wenn nicht Agnes später auf ihre Empfindungen beim Anblick von Irene und dem Hund zu sprechen käme. Sie spricht von der ungewohnten Zärtlichkeit, die da in dieser Frau ist, und davon, wie sie der Anblick eines Hundes auf einer Theaterbühne berührt hat. Die nächste Einstellung zeigt eine sommerliche villengesäumte Straße, ganz in helle Sonne und tiefen Laubbaumschatten getaucht. Am Rand parkt ein Daimler, ein Mann lädt Koffer aus, die Frau beginnt, die Kolosse aus Aluminium durch ein Gartentor zu hiefen. Die Frau ist noch immer zierlich, beschwert sich hier aber nicht über das Gewicht der Koffer.
Leiden an schweren Koffern. Der Ausdruck von Leid, das irgendwie lächerlich wirkt angesichts anderer schwerwiegender Probleme, an denen die Figuren in Nachmittag leiden könnten. „Ich habe Hunger“, „Ich konnte nicht einschlafen“. Leiden, das zu einem Ersatzleiden wird. Schanelec findet stille, leuchtende Sommerbilder, um von den komplizierten Beziehungen zwischen den Menschen in diesem Film, die Familie, Nachbarn, Geliebte, Freunde sind zu erzählen. Neben den Bildern beeindruckt in Nachmittag die Sprache der Figuren. Tschechov-Sprache und immer wieder diese Hauptsätze, mit denen sich die Figuren mit einer seltenen Härte und Offenheit mit ihren Empfindungen füreinander konfrontieren. In Soaps werden Katastrophen ausgelöst, wenn eine Figur der anderen die „Meinung sagt“. In Nachmittag ähnelt dieses Meinungsagen einem beiläufigen Mitteilen. Es löst keinen emotionalen Zusammenbruch, keine Tränen und keine innige Umarmung aus.

Agnes. Die Kamera zeigt ihr Gesicht von nah, wenn sie spricht. Was sie sagt, geht dem Zuschauer zu nah. Klischées und Altvertrautes. Beide sind ausgesprochen nicht auszuhalten, scheinbar offenherzig und wahr. Agnès beherrscht das Repertoire der erlaubten Gesten und Sätze nicht. Ihr Blick fällt voller Verwunderung auf einen vietnamesischen Jungen an einem Kiosk, der mit größter Sorgfalt auf der Langnesetafel einzelne Eissorten mit einem Kreuz auspinselt. Agnes’ Staunen brennt diese zärtlich banale Handlung auf meiner Netzhaut ein. Agnès sagt über ihre Mutter, die Tänzerin war, „sie hatte Glieder wie helle gewundene Seile“.

Ein Sommer in einem Haus am See. Die Tage sind in Bildern strukturiert: vom Schwimmen, vom An- und Ausziehen, von den Mahlzeiten und Gesprächen. Auffällig viele Ansichten vom Ablegen der Badekleidung: Wie Konstantin Mimmi nach dem Schwimmen den Bademantel anzieht und ihren erdigen kleinen Füßen in die Badelatschen hilft. Wie Agnes ihre Bikinihose unter dem Kleid auszieht und sich wohlig auf dem Bett räkelt, während die Hose nass und verdreht auf den Dielen zurückbleibt. Wie sie später ihren Bikini auswäscht und sorgsam zum Trockenen ins geöffnete Fenster legt.

Einer dieser Filme, von denen mir einzelne Bilder und gesprochene Sätze im Kopf hängen bleiben. Da wird trotz aller Fremde etwas verhandelt, das mit mir zu tun hat.

Nachmittag
R: Angela Schanelec
Deutschland 2006

http://www.peripherfilm.de/nachmittag
Kurzgedachtes zu Filmen der 57. Berlinale 2007




2 Days in Paris | R: Julie Delpy
Daniel Brühl brennt als Fast Food-Fee Burger-Buden nieder.

Bushi no Ichibun | R: Yoji Yamada
Wenn nicht Liebe sondern Essen blind macht, zahlt der Zuschauer die Rechnung.

Daibosatsu-Toge | R: Okamoto Kihachi
Ein Samurai-Schwert erzählt aus der Perspektive einer Kamera von Schizophrenie.

Dasepo Sonyeo | R: E. J-Yong
Koreanisches Karaoke-High School-Fantasy-Science Fiction-Medien-Musical besingt High-tech-Perversitäten.

El telón de azúcar | R: Camila Guzmán Urzúa
Kinematographische Krisen kubanischer Kinder.

Ferien | R: Thomas Arslan
Siehe Wolfsbergen.

Gen zong | R: Yau Nai Hoi
Pilotfilm einer potenziellen kantonesischen Polizeiserie über die Möglichkeit, Situationen durch wildes Montieren und digitale Musik komplex zu gestalten, um von der audiovisuellen Komplexität dieser Situationen zu erzählen.

Invisibles | R: Isabel Coixet, Fernando León de Aranoa, Mariano Barroso, Javier Corcuera, Wim Wenders
Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie den Festivalkatalog oder fragen sie ihren Regisseur oder Produzenten.

Kiru | R: Okamoto Kihachi
Warten auf Godot in einer japanischen Strandfassung.

O ano em que meus pais saíram de férias | R: Cao Hamburger
Brasilianische Variante von Kevin allein zu Haus.

Prater | R: Ulrike Ottinger
Literarisches Experiment auf Wiener Freizeitpark postuliert die Existenz von Bewegung und Vergangenheit, und beweist, dass man nicht mehr wissen kann, wo oben und unten ist, wenn in einem Film alle Fahrgeschäfte abgehakt werden wollen.

Sai bo gu ji man gwen chan a | R: Park Chan-wook
Psychiatrie-Love Story, die zeigt, dass Verrücktsein hungrig macht.

Shotgun Stories | R: Jeff Nichols
Regisseur verballert mit belanglosen Rachegelüsten langweilige Shots ins Publikum.

The Good German | R: Steven Soderbergh
Nachkriegskritischer Film Noir, Weiß-Schwarz, mit Femme Fatale, George Clooney, schmuggelndem Spiderman und absehbaren Überraschungen.

The Halfmoon Files | R: Philip Scheffner
Angenehme Archiv-Aktion auf der Suche nach auditiven, asiatischen Ahnen.

This Filthy World | R: Jeff Garlin
One Man Comedy-Show für John Waters-Fans, die sich auch im Kino über DVD-Extras freuen.

When A Man Falls In The Forest | R: Ryan Eslinger
Ein Film mit Sharon Stone.

Wolfsbergen | R: Nanouk Leopold
Siehe Ferien.


Interview with Nanouk Leopold about her movie Wolfsbergen

Questions: Michael Bartlewski
Camera: Martin Schlesinger
16:07 min
Berlinale 2007
Germany


R: Martin Schlesinger
3:20 min, Deutschland, 2007

Foto: Berlinale

Wim Wenders wird wahrnehmbar. Wendig erscheint er vor dem Vorhang, groß, langes graues Haar, ergreift ein Mikrofon und berichtet dem Saal verstärkt: Wir, das Publikum, sind die ersten, die diesen Film sehen werden. Bis heute Morgen in der früh, bis 6:30 Uhr wurde an ihm gearbeitet. Berlinale 2007, Donnerstag, 15. Februar, 12 Uhr, CineStar 7.
Die Kopie in HD – High Definition – wurde nicht fertig. Deshalb sehen wir nun den gleichen Film, wie die Zuschauer nach uns, nur die Schriften und Untertitel sind nicht genauso scharf. Wenn Wenders es nicht gesagt hätte, wem wäre es aufgefallen? Und ist HD bei Dokumentarfilmen wirklich wichtig? Er geht die Treppe hinauf, bleibt stehen, dreht sich zur Leinwand, der Film beginnt, und er verschwindet – Festivals macht sichtbar. Invisibles. Die Unsichtbaren.

Unbehagen ohne Grenzen. Was mir letztlich durch den Film deutlich wird, ist die Unnachvollziehbarkeit, die Unerfahrbarkeit der Erfahrungen dieser Menschen. Ich kann es mir noch nicht einmal vorstellen, was ich mir sowieso schon immer so vorstelle.
Kriegsbericht, Frontgeschichten, Kindersoldaten, Entführung, Vergewaltigung, Gruppenvergewaltigung, Mehrfachvergewaltigung, Gewalt an sich, Mord, Schlafkrankheit, Krankheit an sich, Verbrennen, verbrannt werden… nicht im Bild, sondern im Ton. Bild und Ton an sich. Ich, als Ich, als Zuschauer. Was soll ich tun? Was kann ich tun? Was muss ich tun… ? Wieso frage ich mich das? Erzählungen, Erinnerungen, Gegenwart, Zeugnisse, Kurzgeschichten, Dokumentationen, Fiktionen, Protokolle… der Film macht Subjekte real, realistisch, phantastisch, macht Subjekte – es ist anzunehmen, dass es sie wirklich gibt, die Stimmen und Bilder. Hier und jetzt. Dieser Film ist unbehaglich.

Wim Wenders Kongo-Dokument „gefällt“ mir später am besten. Weil es ein Wenders ist? Vielleicht, aber vor allem, weil er die Sichtbarkeit mit den filmischen Mitteln bewusst werden lässt. Platt, plakativ, naheliegend... eventuell. Wie der Titel.
Zunächst ein Ort, ein Schauplatz, leere Hütte, eine Stimme, dann wird ein Körper eingeblendet und die Stimme passt sich den Lippenbewegungen an, zieht in den Körper ein, ich könnte sie ohne Untertitel – not High Definition – nicht verstehen.
Synchron, eine Weile, dann verblasst der Mensch wieder, wird unsichtbar, entgrenzt, gespenstisch, nur die Stimme bleibt und erzählt. Platt, plakativ…
Der abgelichtete Körper allein berichtet nicht, ist nur sichtbar und lässt andere Erfahrungen sichtbar werden als die Stimme. Ist das ein richtiger Ansatz – oder sind diese Darstellungen zu abstrakt, zu weltfremd, was meine Welt betriff… Kontextualisieren! Aber wie?
Müsste nicht jeder dieser Menschen sich einen Film lang formulieren, sich formen dürfen, einen Film formen, sich zeigen, sichtbar werden, Filmen als Erfahrung, als Experiment – oder doch nur Stimme, Geschichte ohne Gesicht – oder würden große hungrige Kinderaugen allein schon all diese Geschichten erzählen… ein Foto, ein Blick in die Kamera? ...aber man erkennt, dass es um die richtige Sache geht, gehen soll.

Auf dem Dorfplatz ziehen halb eingeblendete Geister vorüber. Doppelbelichtungen. Die Frauen, die sich um Frauen kümmern, sitzen aufgereiht, erzählen und singen. Im Hintergrund wird auf die Wand das Außen, die Steppe, geblendet. Effekt-Tapete.
Vielleicht plakativ – ich weiß es nicht. Wie kann ich es besser machen? Emotionale Musik, wie auch immer, Plansequenz, Long Shot – eine moralische Angelegenheit – Close, Augen, Hände, Establishing shot, Schwenk…
Uganda, Kolumbien, Berlin, Afrika, egal wo – Kriegsgebiet, Menschen, Ärzte, grenzenlose, entgrenzte, Soldaten-Träume, Traum-Soldaten, Zukunft, Hoffnung, Utopie.

Was ich gerne nicht gesehen hätte, dass weiß ich:
Schwarz-weiss – der Dialog – Aufklärung – Klischee-Kommunikation – mit dem Boss des Medikamentenkonzerns, schwarz-weiss. Der Befehlshaber beharrt darauf, dass es Aufgabe des Staates sei, für die Finanzierung von Forschung und die Verteilung von Medikamenten zu sorgen, schwarz-weiss. Dann wird eine Frau sichtbar, Afrikanerin, bunt, im Büro des Bösen, des uneinsichtigen Bosses, der sich rhetorisch retten konnte, sie nun jedoch sieht und offensichtlich erschrickt, ein Gespenst, weil sie nun nahe ist, animierte Nähe, Farbkontrast, und ich denke, dass ihm nun etwas bewusst wird, was nicht passiert wäre, wenn er sie nicht vor sich gesehen hätte, die Aura der Armut, so nah und doch so fern, so wie sie dem Zuschauer erscheint, der die Unsichtbaren vor sich sieht… und vielleicht erkennen muss, das er es ist, der etwas bewirken kann, nicht die anderen, nein, auch er, ein kleiner Beitrag für eine bessere Welt, Menschenleben retten, helfen, Frauen, Realität retten, zumindest die innere, Kinder…
oder ist es schlicht ein Bericht vom Arbeitsplatz der Ärzte ohne Grenzen? Verantwortungs-PR.
Vielleicht muss man es heute so machen. Oder wieder. Oder immer wieder. Wie immer. Oder doch besser Cinéma vérité, weil dort andere Grenzen sichtbar werden?

…es berührt, unangenehm, eine Weile, wird zur Erfahrung im Kinosaal, wird erinnert, ein Eindruck bleibt, wird nacherzählt, ohne Gesicht, draußen, in der Unsichtbarkeit, wo sie umhergeistern, die Erfahrungen, die nur im Kino geteilt werden können.


Invisibles
Die Unsichtbaren

Spanien, 2007, 95 min
Regie: Isabel Coixet, Fernando León de Aranoa, Mariano Barroso, Javier Corcuera, Wim Wenders
Man fragt sich sehr lang, worum es in Faces of a Figtree eigentlich geht und bekommt genügend Zeit bei der Suche nach einer Geschichte, die eine etwas kauzige Familie zusammen hält, genau das zu genießen, was den Film so einzigartig macht. Die Regisseurin hat die Farben des Films aufgehellt und intensiviert. Jeder Pullover, jeder Teller, jede Tasche, jedes Stück Sushi leuchtet in dem Film wie die bunten Glastöpfchen, die in der Küche in einem Fensterregal stehen und von er Sonne durchscheint regelrecht zu glühen scheinen. Die klaren Linien des japanischen Hauses mit seinen Kassettenwänden und Schiebetüren, den Futons und rechteckigen Matten auf dem Boden wirkt wie ein Farbkasten, in dem nach und nach neue Farbkombinationen zurecht gemischt werden. Jede Verschiedbung eines Gegenstandes kleckst wo anders einen Farbtupfer hin, jede neue Einstellung suggeriert eine neue Palette.

Momoi Kaori: Faces of a Figtree, Japan 2006
Foto: Berlinale

Die Farben sind die stillen Eingeweide des Films und wenn der Vater in einen fantastisch leuchtenden Kubus hinabsteigt um ein nur notdürftig mit Klebeband gesichertes Rohrleitungssystem zu reparieren, dann gibt er damit sein Leben für den Film: wenn der Kubus und damit die seit dem Bluescreen zum allgemeinen Platzhalter für alles Filmische gewordene blaue Farbe gesprengt würde, wäre es aus mit dem Film. Die wunderbar liebevolle Ironie, mit der die Figuren sich selbst behandeln, versieht hier alles mit einem Augenzwinkern. Eine Sammlung blitzender Augenblicke: das ist das Material des Films und selbst der fast immer gegenwärtige Feigenbaum wird trotz des Filmtitels kein überfrachtetes Symbol, sondern ein Gebilde, an dem sich das Licht bricht, das in haus und Garten dringt und dadurch, also durch bloße Lichteffekte, farbiges Blinken und Flirren, die Vorstellungskraft der Bewohner und Kinozuschauer erregt.

Faces of a Figtree, Japan 2007
Ichijiku no kao
R, B: Momoi Kaori
K: Kugimiya Shinji
S: Oshima Tomoyo
M: Gilad Benamran
94 min, 35 mm, Farbe
Die roten Blumen auf dem Feld sind nicht rot vom Blut der mordenden Brüderbanden, sondern vom Pathos, das der Regisseur über ihnen ausgegossen hat in einem Film, in dem praktisch alles falsch ist, was man falsch machen kann. Die Jungs, die sich hier den Schädel abwechselnd mit Schaufelstielen oder an Traktoren einschlagen, haben große moralische Ansprüche an ihr kleines Leben und sie verteidigen die Moralgesetze von Arkansas bis zur letzten sinnlosen Einstellung. Aber wo sind die Filmgesetze? Jeder von ihnen weiß, dass man auf unbewaffnete Feinde nicht schießt. Aber keiner scheint zu Wissen, dass Schnitte nicht nur innerhalb einer Sequenz Sinn machen, sondern dass auch die Sequenzen untereinander Verbindungen brauchen. Sie sollten mal Nanouk Leopold und Wolfsbergen fragen. Die weiß nämlich wie es geht. Denn bei ihr ist jedes Element der Erzählung filmisch und das heißt als Verhältnis von Ton und Bild gedacht. Sie zeigt Episoden zweimal aus unterschiedlicher Perspektive, mit unterschiedlichem Ton oder unterschiedlichen Konnotationen: Eltern waschen ihre Kinder, Kinder ihre toten oder lebendigen Eltern, eine Frau sich selbst. Einmal sehen und hören wir ein Streichquartett spielen, ein anderes mal hören wir es nur aus eine defekten Verstärker, so dass ein Freund der Familie erst den Kasten schlagen muss um die Filmmusik wieder zu reparieren.

Wolfsbergen, Nanouk Leopold, NL/BE 2007
Nanouk Leopold: Wolfsbergen. NL/BE 2007 (Foto: Berlinale)

In Shotgun Stories dagegen immer wieder das selbe sinnlose Schema: Halbtotale auf einen unspektakulären Vorgarten, ein Auto fährt ins Bild, irgendwer steigt aus und sagt oder tut etwas Alltägliches, damit der Film auch seine Portion Realität bekommt. Dann tut oder sagt er etwas, um das zähe Räderwerk der völlig witzlosen überpathetischen Handlung einen schmerzvollen Millimeter voranzubringen. Nächste Sequenz. Die einzelnen Sequenzen hängen aneinander wie der letzte faule Apfel des Sommers an einem vertrockneten Birnenbaum. Obwohl eine übercodierte und überdeterminierte Handlung erzählt werden soll, bei der schließlich der dümmste, fetteste und faulste Typ von allen zum Held wird, versucht der Regisseur das mit einer nur losen Aneinanderreihung gewollt realistischer Ansichten der Pampa von Arkansas. Was er leider vergisst: Pathos im amerikanischen Kino braucht man nicht neu zu erfinden, man müsste nur in der Lage sein, filmische Traditionen, in denen die ewige Geschichte von Rache und Vergeltung unzählige Male durchgespielt wurde, adäquat weiterzubringen. Was die Jungs mit viel sinnlosem In-die-Landschaft-Gestarre neu erfinden wollen, haben John Ford oder Douglas Sirk schon vor Jahrzehnten im Kino perfektioniert. Also: nichts neues unter amerikanischer Sonne, aber ein Film, der in seiner unsagbaren Provinzialität versackt. Das Publikum der Uraufführung hat trotzdem begeistert geklatscht und ich mich gefragt, ob ich nicht Cutter werden sollte.

Shotgun Stories, Jeff Nichols, USA 2007
Jeff Nichols: Shotgun Stories, USA 2007 (Foto: Berlinale)

Shotgun Stories
R, B: Jeff Nichols
K: Adam Stone
S: Steven Gonzales
M: Ben Nichols, Lucero
92 min, Farbe

Wolfsbergen
R, B: Nanouk Leopold
K: Richard von Oosterhout
S: Katharina Wartena
Ton: Hans Helewaut
93 min, Farbe
Auf der Berlinale sind die Filme nie allein. Weil unzählige Kinos mit noch unzähligeren Filmen gleichzeitig Berlinale genannt werden, überlagern sich die Filme, kommentieren sich gegenseitig. Das Kino bekommt eine Vielstimmigkeit, die man sich immer schon von ihm gewünscht hatte. Deshalb muss auch die Festivalfilmkritik mit vielen Stimmen sprechen.

Der Tag beginnt mit einer Reise durch das Unbestimmte. Ein ziemlich aufmüpfiger junger Draufgänger kriecht durch schwarze ausgetrocknete Flussbetten, verschwindet in weißen Nebelwolken, reitet immer aus dem sorgfältig kadrierten Bild. So wie die Wege Sergeant Okubos immer wieder im Kreis verlaufen und die Fronten der Chinesen und Japaner in verschiedene Richtungen durchbrechen, so weicht der Film die Genregrenzen auf: vom Kriegsfilm über eine Detective-Story zum Western, vom Amerikanischen Westen in die Mandschurai. Dabei spielt Okamoto Kihachi souverän mit den bildlichen Konventionen des Genrekinos, die er als Japaner vielleicht sogar souveräner beherrscht als Hollywood selbst. Immerhin kann er die Bilder von außen sehen, beschreiben, verstehen, kopieren während Hollywood selbst immer über die zahlreichen Schwellen zum eigenen Unbewussten stolpern muss. Es ist ein großes Vergnügen, die spielerische Strenge von Mise-en-Scène und Montage zu beobachten, zu sehen, wie der Bildkader nicht als Interpretation einer wirklichen Welt missbraucht wird, sondern wie jedes Bild eine starke Kinowelt begründet, die am Rand der Leinwand endet. Nicht mehr und nicht weniger.

Okamoto Kihachi: Desperado Outpost, Japan 1959
Desperado Outpost von Okamoto Kihachi (Foto: Berlinale)

Die Dramaturgie von Desperado Outpost ist durch und durch klassisch und folgt dem, was Farocki und Deleuze als Grundprinzip des Bewegungskinos identifiziert haben: die Handlung wird ständig durch asymmetrische Personen- und Handlungsverhältnisse vorangepeitscht. Zehn japanische Soldaten gegen 500 chinesische, ein Outlaw gegen eine ganze Bande organisierter Gangster, die tote Verlobte, der kein verstorbener Verlobter auf der Seite der neuen Braut gegenüber steht.

So sehr das Kino selbst seit den 1950er-Jahren auf die Suche nach neuen Räumen, alternativen Erzählformen und Ereignissen gegangen ist, so sehr neige ich an diesem Tag dazu, mich in meiner rot-plüschigen Kinonostalgie zu vergraben und mich nach der guten alten Zeit zu sehnen, in der im Kino noch nichts Neo, Post oder New war. Und folglich fällt es mir schwer, Armin einfach so durch meine Kinoreihe ziehen zu lassen. Nach Kihachis Bilderwelt fällt es schwer das bewegungsarme und aktionslose Kino vom Balkan zu genießen. Die Kamera trottet neben den beiden sympathischen Landeiern her, als ob sie die Kraft nicht mehr hätte den Rahmen für irgend ein Geschehen zu setzen. Was im Kino wenig Spaß macht, ist aber ganz bei sich. Denn Armin ist im wahrsten Sinne ein Vor-Film, der lediglich die Reise zu einem erfolglosen Casting zeigt und sehr souverän verkündet, dass Bosnien mehr als seinen Krieg zu bieten hat. Wer sich für Armin interessiert, der muss wenigstens Sinn für folkloristische Musik haben und der muss auch verstehen, dass dieses Land so anders geworden ist, dass es andere Filme braucht. Sergeant Okubos Kampf aus Schuss und Gegenschuss, sein Kaderkrieg, sein Bewegungsrausch jedenfalls gehören zu einer anderen Zeit und zu einem anderen Kino, das vielleicht wirklich mit dem Bosnienkrieg verschwunden sein muss. Politische Geschichte und Kino-Geschichte gehören zusammen, soviel konnte ich Okubos Geschrei und Armins starrem Halbgrinsen gerade noch entnehmen.

Armin, HRV/DEU, 2007 (Armin Omerovic-Muhedin, Marie Bäumer)
Armin Omerovic-Muhedin, Marie Bäumer in Armin von Ognjen Sviličić
(Foto: Berlinale)

Desperado Outpost
Japan 1959
R: Okamoto Kihachi
K: Yuzuru Aizawa
S: Yoshitami Kuroiwa
M: Masaru Satô
108 min, s/w

Armin
Kroatien/Deutschland/Bosnien und Herzegowina 2007
R: Ognjen Sviličić
K: Stanko Herceg
S: Vjeran Pavlinić
82 min, Farbe