1 items on »Film und Kritik« tagged with

»automavision«

Kontrollverlust in der Kontrollgesellschaft. Auch wenn schließlich Svend E. alias Kristoffer aufgrund einer Neuauslegung der ›Strohmann-Forschung‹ Entscheidungsgewalt zugesprochen wird und er über die Zukunft der Belegschaft des IT-Unternehmens bestimmen darf, bleibt bis zuletzt unklar, wer in diesem Film der Boss ist; was nicht in erster Linie an echten unbekannten und falschen bekannten Führungspersonen, sondern am ›All‹ liegt. Denn dieses ›All‹ lässt sich nicht von Bossen beherrschen. Es besteht aus Elementen, die in bestimmten Momenten, wie z.B. Vertragsunterzeichnungen, Boss- und Boshaftigkeit hervorbringen, die sich jedoch in anderen Situationen völlig neu gestalten können. Und somit kann bis zuletzt ›The Boss of it All‹ nicht ermittelt werden, und auch ein vorliegender Vertrag nicht zum Vertragen führen, da das Ganze die Summe einzelner Bosse und mehr ist; Handlungsmächtigkeiten, die immer schon beweglich im Zwischenmenschlichen und Zwischendinglichen stecken. Der ›Boss of it All‹ muss temporäre Konstellation, das Andere, das Überraschende, das große Unbekannte oder Amerika bleiben. The Boss is the All – und das ›All‹ ist unendlich bzw. nur in einem bestimmten gewählten Rahmen überschaubar.

Die Übersetzungsproblematik zwischen den einzelnen Tonangebern ist zwar bereits im Original in den Szenen mit dem isländischen Unternehmer und seinem Dolmetscher plakativ angelegt, doch in einer synchronisierten Fassung ist die Unendlichkeit des ›All‹ noch evidenter. In der Synchronisation sieht man nicht nur die Spiegelungen des Regisseurs Lars von Trier in den Fenstern der Unternehmensfassade, die Spiegelungen und nicht Lars von Trier sind, sondern man vernimmt dabei eine Stimme, die nicht die von Lars von Trier, sondern Stellvertreterstimme des ›offiziellen‹ Chefs dieses Films ist. Was in solchen Übersetzungen verloren geht, das kann in den Verkaufsverhandlungen zwischen Bossen, Mittelsmann und Dolmetscher; zwischen Dänisch, Isländisch und z.B. Deutsch nur vermutet werden, wenn fremde Stimmen das Unternehmen übernehmen.

Doch genau diese Kontrollverluste inszeniert ›The Boss of it All‹ programmatisch bis hin zum Regisseur, der den Film durch seine Erzählung rahmt, allerdings nicht das filmische Eigenleben steuern kann. Konsequent ist dabei – glaubt man dem Regisseur – die Abgabe der Kamerakontrolle beim Filmen an einen Computer, eine Vorgehensweise, die Lars von Trier ›Automavision‹ nennt, und die dem Rechner überlässt, wie weit dieser von einer gewählten Einstellung abweicht, schwenkt oder zoomt. Das führt zu Führungsverlust beim Dreh, aber auch nur in einem vorgegebenen Rahmen, da bei allen ungewöhnlichen Jumps und Cuts weiterhin Menschen und Gesichter und nicht nur Gegenstände oder Wände zu sehen sind. Trotz einer konfusen Rhythmisierung sind Satzfragmente verständlich montiert und es ist nicht nachvollziehbar, in welcher Form der Kontrollverlust in der Postproduktion verarbeitet und die Wortwechsel neu arrangiert wurden. Zunächst mag Lars von Trier durch seine ›Automavision‹ die Kontrolle an den Computer abgeben, aber dann übernimmt er diese in der Gesamtmontage wieder, um sie erneut an die Zuschauer zu verlieren – und diese wiederum geben zumindest ihre Körperkontrolle (manche mehr, andere weniger) dann ab, wenn ›All‹ diese Bewegungen als lustig empfunden und in Lachen ›outgesourcet‹ werden. Kontrollverlust ist komisch; und komischer, wenn dagegen angekämpft wird, weil durch kontrollierte unkontrollierte Bewegungen die Dinge verschoben werden, an falsche Orte geraten und zwischen Lichtkontrasten und Zeiten springen.

Im Film ist ›Automavision‹ noch mehr Phantom als der amerikanische Überboss. Der Schauspieler Svend E. ist Unternehmensverführer. Ravn ist per Email der Betriebsleiter, d.h. Kristoffer bzw. Svend E., und inszeniert sein eigenes Lustspiel. Offshoring ist Outsourcing. Personal- ist Zuschauer- ist Theater- ist Krisenmanagement...
Das Leben ist kein Dogma-Film, aber es schreibt Dramaturgien, die nichts mit dem echten Leben zu tun haben – und mit Dramaturgien (beispielsweise eines Gambini) lässt sich im Leben ein Leben erdichten, wie es dramaturgisch nie geschrieben werden könnte.
Das Produkt einer solchen Anordnung ist eine ›Dogma Screwball Tragedy‹, die ihre Komik einem Standkamera Slapstick verdankt, der gerne in Serie gehen darf. Wer wagt momentan schon solche erfrischenden Kameraexperimente? Ich weiß nicht, wann mich das letzte Mal Montage so zum Lachen gebracht hat.

Da der Film auch die Möglichkeit einer Kritik an sich selbst formuliert und ihm somit jede (un)kontrollierte Beurteilung nicht unbedingt auf den Leim gehen, aber doch in eine selbstreflexive Falle laufen würde, bleibt mir in der Rolle eines Filmkritikers nichts anderes übrig, als mich letztendlich selbst nicht nur durch den Text, sondern auch namentlich vertreten zu lassen.

i. A.
Lars von Trier


The Boss of it All / Direktøren for det hele
R: Lars von Trier
Dänemark, Schweden, Island u.a.
2006