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»am ende kommen touristen«

Auschwitz als geografischer Ort. Auschwitz als Ort der Gegenwart. Robert Thalheim inszeniert Auschwitz als Ort, an dem all das passieren kann, was überall auf der Welt ebenfalls passiert. Liebe, Arbeit, Trauer. Sein Hauptdarsteller Sven Lehnert bleibt dabei selbst ein vollkommen weißes Blatt. Regisseur Robert Thalheim läuft nicht Gefahr, ihn mit einer Meinung auszustatten, die uns als Anschauer vielleicht nicht gefallen könnte. Er lässt ihn vielmehr zum Spielball des Ortes werden, an dem er gelandet ist. Und selbst das hat Sven Lehnert sich nicht selbst ausgesucht. Er kommt an einen Ort, an dem all das so geworden ist, wie man es sieht. Auschwitz als Konzentrationslager taucht nur am Rande auf. Auch im Bild ist es nur am Rande zu sehen. Bis auf eine Ausnahme, wenn Sven Lehnert Ania Lanuszewski kennenlernt, und man das ehemalige Lager von innen sieht, taucht es nur beim Vorbeifahren - mit dem Fahrrad oder dem Auto - und beim Vorbeigehen und auch beim Vorbeisehen auf. Dass am Lager hier vorbeigesehen wird, steht nicht symbolisch für das Wegsehen vor den Naziverbrechen. Sven Lehnert lernt, wofür der Ort heute auch noch da ist. Wofür Orte überhaupt da sind. Aber in Auschwitz scheine alle da zu sein, um den Ort mit Liebe anzufüllen und somit das Böse aus ihm auszutreiben, was dort vor über 60 Jahren geschehen ist.
»Uwaga« steht auf dem Zug, aus dem Sven aussteigt – Achtung! Der junge Deutsche leistet im polnischen Oswiecim seinen Zivildienst: Er soll den ehemaligen Häftling Krzeminski pflegen. Sven beginnt sich mit der Geschichte des »sensiblen Ortes« auseinander zu setzen. Hinter seinem Rücken wird getuschelt: »Ob Svens Opa auch schon hier in Auschwitz war?«

Herr Krzeminski lebt noch immer in dem ehemaligen Konzentrationslager, repariert die Koffer der ermordeten KZ-Häftlinge und berichtet für die Belegschaft ausländischer Unternehmen von seinen Leiden. Doch seine Anstrengungen werden nicht geschätzt. Die Wissenschaftler möchten die geschichtlich wertvollen Koffer lieber konservieren und die Unternehmen sich möglichst schnell durch ihr geheucheltes Mitleid ihrer geschichtlichen Verantwortung entledigen.

»Am Ende kommen Touristen« ist kein pathetischer Lehrfilm über den Holocaust, der vom Zuschauer Mitleid und Tränen fordert. Es gibt keinen harten Kontrast zwischen Deutschen und Polen, ganz im Gegenteil: Eine zarte Liebesgeschichte verbindet die beiden Völker und zeigt dennoch, dass die geschichtliche Wunde nicht verheilt ist.

Die offene Geschichte lässt mich nachdenken. Auch über mich, der nur wenige Kilometer entfernt von einem ehemaligen Konzentrationslager lebt, aber noch nie da war, und über Menschen, die große Strapazen auf sich nehmen, um diesen Ort zu besuchen und sich nach der Führung am Postkartenständer eindecken.