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»alejandro gonzález iñárritu«

Steine bewegen sich nicht, Steine treffen ihr Ziel. Kino bewegt Bilder von Steinen, Bilder treffen. Dorthin, wo man sich nicht bewegt, sondern sitzt, sieht und hört, dann aufsteht, nach Haus geht, sich hinlegt und verstummt. Das Sprachgewirr von Babel trifft nicht ein. Ein Eintreffen, dort wo sich Grenzen bewegen: In Marokko, der Straße zum Gibraltar, in San Diego, an der Grenze zu Mexiko, in Tokyo an plattentektonischen Brüchen, die ihre gewisse Nähe zu Erdbeben haben.
Mit jedem Meter spürt man mehr Wüste, als Sie im Bus einschläft, irgendwo in Marokko. Mehr Wüste, als die Haushälterin die Kinder zurücklässt. Mehr Wüste als während der Flucht des Vaters mit den Kindern mitten im Sand plötzlich ein hölzern verlorenes Schiff auftaucht. Mehr Wüste, als Tokyo in der Nacht Mensch an Mensch wie Stein an Stein reiht, mehr Wüste, wo früher Ozeane waren, die eine andere Weltaufteilung wollten. Ein Schuss, der allen Kontinenten gleichsam passiert.
Das Abreißen der Kontinente: Ein Schuss als ein Schnitt im Film, dann eine Verbindung mit einem anderen und auch eben genau dies nicht. Um einen Schuss als solches zu identifizieren und ihn ohne Anschluss und einfach zu hinterlassen: als Schmerz, als Reißen der Erdteile. Ein Schuss ist ein Schnitt, der etwas auslöst, das nichts lässt wie vorher. Ist der Ursprung der Waffe, das Ereignis des Schusses die Geschichte, die diesen Film zusammenhält, den Alejandro Gonzales Inarritu dann anschließend fein säuberlich wieder auseinander reißt?
Zurück: Ein Schuss, der ihre Bluse rot färbt in Marokko, ein Schuss auf einer Hochzeitsfeier in Mexiko, wo Sie ein rotes Kleid trägt. Ein Schuss zunächst ziellos, dann gezielt aus Kinderhand, auf eine Mutter, die auch 2 Kinder hat. Dann ein Schuss einer Mutter in Tokyo, auf sich selbst, mit einer Tochter die rot in Haare gefärbt hat. Leute, die schauen, und die beschaut werden. Zufall oder Intention aus Farbe und Schnitt?
Eine Hochzeitsfeier, deren bunte mexikanische Farben im Staub untergehen. Ein Lied für die Braut, das als Kommentar zu Bildern wird. Ein Reisetagebuch und doch wieder Film. Dann zerrissene Seiten, in diesem Tagebuch: Schnitte schalten in den Fernseher nach Tokyo, wo sie durch die Kanäle zappt. Kaugummiwelt und wieder Grenzsteine, zwischen lautem Schrei und Verstummen. Übersteuernden Reglern und Schüssen in die Stille, dieses taubstummen Mädchens. Ist das zu gut arrangiert, sind es der Ästhetik nach Werbeaufnahmen?
Was wäre der Film ohne die Disko in Tokyo, als da Volvic im Kühlfach steht, und was wäre die mexikanische Grenzwüste ohne eben dies, als leere, verdorrte Plastikflasche, über die da gestolpert wird? Wenn die Amerikanerin aus ihrer Tragbahre schaut und wir aus ihrer Sichtweise heraus, wie aus einem Sarg blicken, dann das angebotene und nicht -angenommene Geld des Marokkaners vor dem Abflug ins Bild rückt? Ist das zu erkennbar und schlichtweg die Geschichte einer Waffe und der aus ihr global resultierenden Missverständnisse und die sich anschließende und ausschließende Möglichkeit der Sichtweisen? So geht die Inszenierung des Zufallstreffers von Marokko, hin zum nackten Nabel der Welt, bis nach Tokyo.

Es gibt keinen Schuss in die richtige Richtung, denn die gibt es laut Babel nicht. Hier gibt es die richtigen Bilder, die jedoch nicht unbedingt richtige Sichtweisen produzieren. Treffliches Bild und unfertiges Sehen. Verwirrend schön und anmutig zerstörerisch, wenn sich Inarritu das Geheimnis bewahrt, Dinge unaufgelöst im Schnitt verschwinden zu lassen, so die Untertitel des Briefes an den Kommissar. Dann werden Bilder nicht nur blickbar, sondern körperlich, wenn das schwere Propellerflugzeug Städte vorbeiziehen lässt und sich dennoch in fühlbar schwerer Luft bewegt. Musik, die so laut wird, das Kino als Dröhnen fühlbar macht. Ein Schlag, der in Nahaufnahme ins eigene Gesicht geht. Steine treffen, Kino bewegt treffende Steine. Und dann: Ein Verstummen, zuliebe der Bilder. Schnitt.

Babel
R: alejandro gonzáles iñárritu
B: Guillermo Arriga
France/ USA/ Mexico 2006
Cate Blanchett, Brad Pitt ...
´142 min.
- nominiert für 7 oscars - :-)
Natürlich ist stille Suggestion elegant. Wenn nicht alles klar gesagt werden muss, sondern von Zuschauern latent mitgedacht werden darf. Doch im Mitdenken bleiben mir vorsprachliche Gedanken hängen, die nicht zu ausgeglichenem Text werden wollen – zum einen der Titel: Wer unter dem Label Babel Filme vermarktet, sollte etwas ganz bestimmtes zu sagen haben und sogleich gängige Vorstellungen abrufen wollen. Zum einen die Bibel und das „babylonische Sprachgewirr“; die Strafe für die Vermessenheit des Turmbaus, der einen Gott dazu bringt, die menschliche Kommunikation durch verschiedene Sprachen durcheinander zu bringen. Das ist offensichtlich – muss man nicht sagen. Und eventuell weiß man, dass die Stadt Babylon im heutigen Irak liegt, und somit ist mit einem Wort der Bezug zum „Buch der Bücher“ und zur aktuellen Weltpolitik geknüpft. Das ist interessant, das muss man erst einmal wissen. Mit seinem Titel spannt der Film also einen großen Rahmen in raumzeitlich globalem Design. Das ist ordentlich.

Zum anderen die Schauspieler: Neben den Stars treten etliche Laienschauspieler vor die Kamera, was spätestens seit dem Neorealismus Authentizität und einen gewissen filmischen Echtheitsanspruch vermitteln sollte. Doch wenngleich die Filmgeschichte durch den zweiten Weltkrieg einen entscheidenden Bruch erfuhr, scheint in diesem Neo-Post-etc.-Neorealismus, nach und während des Irakkrieges, die Welt in ihrer filmischen Repräsentation nicht unter neuen Trümmern verschüttet. Das weltumspannende Drehbuch verwebt genauestens durchdacht den neuzeitigen Kriegsschauplatz – die terrorisierte Welt – und macht es sich nicht explizit in letzter Konsequenz – den soweit waren wir schon einmal – zur Aufgabe, nach der Wahrheit, der Realität und den Sprachverwirrungen des Films selbst zu fragen. Die Subjekte sind dramatischen Kräften ausgeliefert – aber zuletzt liegt das offenbar nicht am Film, sondern an irgendetwas außerhalb der Geschichten, was nicht nur Bild und Ton, sondern irgendwie „göttlich“ ist. Aus dieser Perspektive, mit allwissendem Blick, kann man wieder kausale Geschichten erzählen.

Film ist Zeichensprache und kann über sie reflektieren. Und auch wenn man nicht damit einverstanden sein muss, dass jede Kamerabewegung ethische Implikationen mit sich bringt, erzeugt Babel das Gefühl, dass er etwas ganz bestimmtes sagen möchte, dass mit Menschlichkeit und Ethik und … na diesem Gefühl eben zu tun hat. Aber eine klare Aussage bleibt er doch schuldig oder er verschweigt sie bewusst.

Die Montage wird so passend mit einem Schuss – to shoot pictures – ins Rollen gebracht. Erst Marokko, der Auslöser, dann springen wir in der Zeit zurück, und dann wieder vorwärts nach Amerika und Mexiko, und dann nach Japan, dem Ursprung aller Jäger-Freundschaft und zugleich des Übels und der Sprachlosigkeit – das stumme Mädchen, das das Unaussprechliche aufgrund ihrer Stummheit sowieso nicht aussprechen, sondern nur mit ihrem Körper zeigen kann, und als Zeugin den Tod der Mutter anders imaginiert. Und das ist eben Film: Wenn das Mitgeteilte einfach auch nur aussieht und unverständlich für alle bleibt, die nicht von Lippen lesen können - und vielleicht waren schreckliche Ereignisse auch immer schon anders als man es gesehen haben wird.
Gleichzeitigkeit und Verschiebungen, die vom Zuschauer geordnet werden müssen, die aber ebenso die Spannung dieser Erzählung ausmachen. Das unterhält ausgezeichnet. Dazwischen sagen Fernsehbilder und Fotos voraus, wie sich Familienläufe entscheiden, und welche emotionalen Unordnungen sich narrativ zum Schlechten wenden werden. Zuletzt sind Marokko und Mexiko die Verlierer. Man, sind diese blöden Marokkanerpolizisten mies! Amerika und Japan bekommen mit Schrammen und Macken noch einmal die Kurve. Die Grenzen werden wieder nachgezogen damit die Filmgrenze erreicht werden kann. Der Vorhang zu und keine Fragen offen.
Aber da muss doch mehr sein. Oder geht es eben doch um das paradiesische Schweigen, das dann und wann in der Hektik auftaucht, wenn Großaufnahmen an spiegelnden Scheiben ruhen und die detaillierten Kratzer der Gitarrensaiten die Frage übertönen, welche Gedanken die Darsteller wohl genau in diesem Moment quälen und der Zuschauer sich natürlich selbst entdecken darf. Geht es hier und in den langen kontemplativen Landschaftsaufnahmen um das Ungeäußerte, Unbestimmte, die Unzulänglichkeit des filmischen Ausdrucks, die Innerlichkeit der Bilder, die durch Weglassen von Handlung wirkungsvoll Tiefe erzeugen kann, als Effekt der schweigenden Darstellungen, die unartikuliert bleiben? Schade, dass dieses Stille musikalisch so gefühlsbetont belegt wird. Und ebenso nehme ich Iñárritu eine Einstellung besonders übel: Wenn in einem Erinnerungsbild der Bruder des marokkanischen Hirtenjungen wieder aufersteht und sich gegen den Wind legt. Das ist als epische Gerechtigkeit entbehrlich. Denn wenn schon im Film keine deutliche Haltung konstruiert wird, wieso dann dieses gerechte emotionalen Angebote?

In neu-neorealistischer Neuordnungen bestätigt Babel die Unformbarkeit der Wirklichkeit, die Helden und Zuschauern nur als rohe Gegebenheit gegenübertritt, die sie hinzunehmen haben. Ihre Umwelt bleibt Wahrgenommenes und Gesehenes. Wirklichkeit ist verloren und im Film filmisch, die Bilderwelt umso dinglicher. Die großen Zusammenhänge sind für die Helden unbegreifbar, bruchstückhaft, unvollkommen, unabgeschlossen, gewaltsam, unüberschaubar. Zugleich präsentiert das kinematographische Bild nicht nur Wirklichkeit, sondern auch die Wirklichkeit der Repräsentation. Das ist Kino. Noch immer.

Vorsprachlich denke ich: Babel will verständlich unverständlich sein – oder ich habe es einfach nicht verstanden – und das ist natürlich bei aller Verwirrung genauso wahrscheinlich – und dann drücke ich besser meine Gedanken erst aus, wenn ich weiß, was ich sagen möchte.


Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.
Daher heißt ihr Name Chieko, körperlich und emotional taub, lebt sie in ihrer eigenen Welt und kann sich nicht verständlich machen. Ihre Suche nach Liebe verläuft ins Leere.
Daher heißt ihr Name Amelia, sie lebt seit 16 Jahren in einem Land, dessen Sprache sie zwar spricht, aber dessen Gesetze sie nicht zu verstehen weiß.
Daher heißen ihre Namen Richard und Susan. Deren emotionale Verständigung nicht mehr existent ist. Die erst in ein fremdes Land fahren müssen, dessen Sprache sie nicht verstehen, um wieder zu einander zu finden.
So wohlauf, lasst uns erneut eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche; damit alle Völker einerlei Sprache und Zunge besäßen, um sich endlich wieder miteinander verständigen zu können.

BABEL
USA/Mexiko 2006, 146min, Farbe
R: Alejandro González Iñárritu