Wednesday, 7. February 2007, 08:35Uhr
Steine bewegen sich nicht, Steine treffen ihr Ziel. Kino bewegt Bilder von Steinen, Bilder treffen. Dorthin, wo man sich nicht bewegt, sondern sitzt, sieht und hört, dann aufsteht, nach Haus geht, sich hinlegt und verstummt. Das Sprachgewirr von Babel trifft nicht ein. Ein Eintreffen, dort wo sich Grenzen bewegen: In Marokko, der Straße zum Gibraltar, in San Diego, an der Grenze zu Mexiko, in Tokyo an plattentektonischen Brüchen, die ihre gewisse Nähe zu Erdbeben haben.
Mit jedem Meter spürt man mehr Wüste, als Sie im Bus einschläft, irgendwo in Marokko. Mehr Wüste, als die Haushälterin die Kinder zurücklässt. Mehr Wüste als während der Flucht des Vaters mit den Kindern mitten im Sand plötzlich ein hölzern verlorenes Schiff auftaucht. Mehr Wüste, als Tokyo in der Nacht Mensch an Mensch wie Stein an Stein reiht, mehr Wüste, wo früher Ozeane waren, die eine andere Weltaufteilung wollten. Ein Schuss, der allen Kontinenten gleichsam passiert.
Das Abreißen der Kontinente: Ein Schuss als ein Schnitt im Film, dann eine Verbindung mit einem anderen und auch eben genau dies nicht. Um einen Schuss als solches zu identifizieren und ihn ohne Anschluss und einfach zu hinterlassen: als Schmerz, als Reißen der Erdteile. Ein Schuss ist ein Schnitt, der etwas auslöst, das nichts lässt wie vorher. Ist der Ursprung der Waffe, das Ereignis des Schusses die Geschichte, die diesen Film zusammenhält, den Alejandro Gonzales Inarritu dann anschließend fein säuberlich wieder auseinander reißt?
Zurück: Ein Schuss, der ihre Bluse rot färbt in Marokko, ein Schuss auf einer Hochzeitsfeier in Mexiko, wo Sie ein rotes Kleid trägt. Ein Schuss zunächst ziellos, dann gezielt aus Kinderhand, auf eine Mutter, die auch 2 Kinder hat. Dann ein Schuss einer Mutter in Tokyo, auf sich selbst, mit einer Tochter die rot in Haare gefärbt hat. Leute, die schauen, und die beschaut werden. Zufall oder Intention aus Farbe und Schnitt?
Eine Hochzeitsfeier, deren bunte mexikanische Farben im Staub untergehen. Ein Lied für die Braut, das als Kommentar zu Bildern wird. Ein Reisetagebuch und doch wieder Film. Dann zerrissene Seiten, in diesem Tagebuch: Schnitte schalten in den Fernseher nach Tokyo, wo sie durch die Kanäle zappt. Kaugummiwelt und wieder Grenzsteine, zwischen lautem Schrei und Verstummen. Übersteuernden Reglern und Schüssen in die Stille, dieses taubstummen Mädchens. Ist das zu gut arrangiert, sind es der Ästhetik nach Werbeaufnahmen?
Was wäre der Film ohne die Disko in Tokyo, als da Volvic im Kühlfach steht, und was wäre die mexikanische Grenzwüste ohne eben dies, als leere, verdorrte Plastikflasche, über die da gestolpert wird? Wenn die Amerikanerin aus ihrer Tragbahre schaut und wir aus ihrer Sichtweise heraus, wie aus einem Sarg blicken, dann das angebotene und nicht -angenommene Geld des Marokkaners vor dem Abflug ins Bild rückt? Ist das zu erkennbar und schlichtweg die Geschichte einer Waffe und der aus ihr global resultierenden Missverständnisse und die sich anschließende und ausschließende Möglichkeit der Sichtweisen? So geht die Inszenierung des Zufallstreffers von Marokko, hin zum nackten Nabel der Welt, bis nach Tokyo.
Es gibt keinen Schuss in die richtige Richtung, denn die gibt es laut Babel nicht. Hier gibt es die richtigen Bilder, die jedoch nicht unbedingt richtige Sichtweisen produzieren. Treffliches Bild und unfertiges Sehen. Verwirrend schön und anmutig zerstörerisch, wenn sich Inarritu das Geheimnis bewahrt, Dinge unaufgelöst im Schnitt verschwinden zu lassen, so die Untertitel des Briefes an den Kommissar. Dann werden Bilder nicht nur blickbar, sondern körperlich, wenn das schwere Propellerflugzeug Städte vorbeiziehen lässt und sich dennoch in fühlbar schwerer Luft bewegt. Musik, die so laut wird, das Kino als Dröhnen fühlbar macht. Ein Schlag, der in Nahaufnahme ins eigene Gesicht geht. Steine treffen, Kino bewegt treffende Steine. Und dann: Ein Verstummen, zuliebe der Bilder. Schnitt.
Babel
R: alejandro gonzáles iñárritu
B: Guillermo Arriga
France/ USA/ Mexico 2006
Cate Blanchett, Brad Pitt ...
´142 min.
- nominiert für 7 oscars - :-)
Mit jedem Meter spürt man mehr Wüste, als Sie im Bus einschläft, irgendwo in Marokko. Mehr Wüste, als die Haushälterin die Kinder zurücklässt. Mehr Wüste als während der Flucht des Vaters mit den Kindern mitten im Sand plötzlich ein hölzern verlorenes Schiff auftaucht. Mehr Wüste, als Tokyo in der Nacht Mensch an Mensch wie Stein an Stein reiht, mehr Wüste, wo früher Ozeane waren, die eine andere Weltaufteilung wollten. Ein Schuss, der allen Kontinenten gleichsam passiert.
Das Abreißen der Kontinente: Ein Schuss als ein Schnitt im Film, dann eine Verbindung mit einem anderen und auch eben genau dies nicht. Um einen Schuss als solches zu identifizieren und ihn ohne Anschluss und einfach zu hinterlassen: als Schmerz, als Reißen der Erdteile. Ein Schuss ist ein Schnitt, der etwas auslöst, das nichts lässt wie vorher. Ist der Ursprung der Waffe, das Ereignis des Schusses die Geschichte, die diesen Film zusammenhält, den Alejandro Gonzales Inarritu dann anschließend fein säuberlich wieder auseinander reißt?
Zurück: Ein Schuss, der ihre Bluse rot färbt in Marokko, ein Schuss auf einer Hochzeitsfeier in Mexiko, wo Sie ein rotes Kleid trägt. Ein Schuss zunächst ziellos, dann gezielt aus Kinderhand, auf eine Mutter, die auch 2 Kinder hat. Dann ein Schuss einer Mutter in Tokyo, auf sich selbst, mit einer Tochter die rot in Haare gefärbt hat. Leute, die schauen, und die beschaut werden. Zufall oder Intention aus Farbe und Schnitt?
Eine Hochzeitsfeier, deren bunte mexikanische Farben im Staub untergehen. Ein Lied für die Braut, das als Kommentar zu Bildern wird. Ein Reisetagebuch und doch wieder Film. Dann zerrissene Seiten, in diesem Tagebuch: Schnitte schalten in den Fernseher nach Tokyo, wo sie durch die Kanäle zappt. Kaugummiwelt und wieder Grenzsteine, zwischen lautem Schrei und Verstummen. Übersteuernden Reglern und Schüssen in die Stille, dieses taubstummen Mädchens. Ist das zu gut arrangiert, sind es der Ästhetik nach Werbeaufnahmen?
Was wäre der Film ohne die Disko in Tokyo, als da Volvic im Kühlfach steht, und was wäre die mexikanische Grenzwüste ohne eben dies, als leere, verdorrte Plastikflasche, über die da gestolpert wird? Wenn die Amerikanerin aus ihrer Tragbahre schaut und wir aus ihrer Sichtweise heraus, wie aus einem Sarg blicken, dann das angebotene und nicht -angenommene Geld des Marokkaners vor dem Abflug ins Bild rückt? Ist das zu erkennbar und schlichtweg die Geschichte einer Waffe und der aus ihr global resultierenden Missverständnisse und die sich anschließende und ausschließende Möglichkeit der Sichtweisen? So geht die Inszenierung des Zufallstreffers von Marokko, hin zum nackten Nabel der Welt, bis nach Tokyo.
Es gibt keinen Schuss in die richtige Richtung, denn die gibt es laut Babel nicht. Hier gibt es die richtigen Bilder, die jedoch nicht unbedingt richtige Sichtweisen produzieren. Treffliches Bild und unfertiges Sehen. Verwirrend schön und anmutig zerstörerisch, wenn sich Inarritu das Geheimnis bewahrt, Dinge unaufgelöst im Schnitt verschwinden zu lassen, so die Untertitel des Briefes an den Kommissar. Dann werden Bilder nicht nur blickbar, sondern körperlich, wenn das schwere Propellerflugzeug Städte vorbeiziehen lässt und sich dennoch in fühlbar schwerer Luft bewegt. Musik, die so laut wird, das Kino als Dröhnen fühlbar macht. Ein Schlag, der in Nahaufnahme ins eigene Gesicht geht. Steine treffen, Kino bewegt treffende Steine. Und dann: Ein Verstummen, zuliebe der Bilder. Schnitt.
Babel
R: alejandro gonzáles iñárritu
B: Guillermo Arriga
France/ USA/ Mexico 2006
Cate Blanchett, Brad Pitt ...
´142 min.
- nominiert für 7 oscars - :-)

