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»aktivismus«

Da ich zwar mit Internet aber ohne meinen Laptop (sprich: meinen angefangenen, richtigen Kritiken) noch anderthalb Stunden Zeit bis IT MIGHT GET LOUD habe, werde ich mal kurz ein paar Gedanken zu den beiden Filmen aufschreiben, die ich gerade gesehen habe.

-- RACHEL --
Eine sehr ruhige, beobachtende Dokumentation ohne jegliche Bewertung der Regisseurin, wie wir das von THE YES MEN FIX THE WORLD oder WHEN YOU'RE STRANGE kennen, über die amerikanische Aktivistin Rachel, die Anfang 2003 von einem israelischen Bulldozer überrollt wurde.
Man sieht vor allem Gespräche mit den Freunden und Mitaktivisten aus der Zeit, ein paar zu viele nach meinem Geschmack - nach einiger Zeit wiederholen sich die Aussagen. Trotzdem bietet der Film einen guten Einblick in die (damalige) Situation im Gaza-Streifen, ich habe viele Sachen erfahren, von denen ich so noch nichts wusste. Seine größte Schwäche erwähnt der Film jedoch selbst: Es passieren täglich schlimmere Dinge als der Tod Rachels in Gaza, über die jedoch keine Dokumentationen gedreht werden, da sie nicht medienwirksam sind.
Wenn man während dieser Berlinale wütend auf Israel werden möchte, ist die Kombination DEFAMATION/RACHEL sicher eine gute Wahl... Ein junger Israeli macht die Tür seines Panzers auf und ruft den blockierenden Aktivisten zu: "It's not your war! It's my war! It's not your problem! It's my problem!" Ob er wohl je verstehen wird, was wirklich sein Problem ist?

-- LAND OF SCARECROWS --
Eine getanzte Ouvertüre! Sehr schön.
Was mir in den ersten Minuten auffiel: Der Regisseur hat eine mir bis dato unbekannte aber unheimlich interessante Art, Aktionen zu zeigen: Ein paar Jungs kommen langsam ins Bild gewandert, das ein Feld zeigt. Einer von ihnen hat eine Spitzhacke dabei, er hebt sie zum Schlag - Schnitt. Ein Mann klebt an seinem Schribstisch sitzend seine Kunst zusammen. Sein Wecker klingelt, er nimmt sich drei Dosen von der Seite, macht die erste auf, schluckt eine Pille - Schnitt. Ein Mädchen sitzt am Hafenufer. Dann zieht es etwas schwarzes aus dem Wasser, wir erkennen es gerade noch als Kleidungsstück - Schnitt.
Wo sich die Kamera in anderen Filmen meistens damit beschäftigt, was die Menschen tun, wird hier stattdessen gezeigt, was sie tun, bis sie das tun, worum es geht. Dass die Jungs graben, kann ich mir ebenso zusammenreimen wie, dass der Mann auch die anderen Pillen schlucken und das Mädchen den schwarzen Stoff wohl untersuchen wird. Es ist nicht nötig, es zu zeigen. Eine interessante Variante, die mich sofort an die Kritik von H:R LANDSHÖVDING erinnert hat...
Die Story des Films wird in der ersten Hälfte nur langsam vorangetrieben, es gibt stattdessen viele zwischengeschnittene Szenen, die ich leider nicht verstanden habe. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Ruhe des Films in Zusammenhang mit meiner Müdigkeit mich in den Schlaf gewogen hat. Ich bin dann exakt zu den letzten drei Sekunden des Films aufgewacht. Was mich ehrlich gesagt ziemlich geärgert hat, weil mir die Atmosphäre des Films sehr gefiel und ich gerne gewusst hätte, wie die sich die Geschichte ab der Hälfte weiterentwickelt. So viel ich verstanden habe, geht es nämlich um giftiges Grundwasser, eine Massenepidemie und eine Frau, die lieber ein Mann wäre. Vielleicht wird mich ja jemand anders in naher Zukunft aufklären können.

Rachel - 2008
Dokumentation
B/R: Simone Button

Heosuabideuleui ddang (Land Of Scarecrows) - 2008
B/R: Gyeong-tae Roh
D: Nellisa Arnado, Adelyn Bacon, Jocelyn Baculi
Well... that was strange...

Die Anzüge sind kugelrund, mit einem Durchmesser von ungefähr zwei Metern. Der Stoff ist in einem erdigen Ockerton gehalten und lässt zwei Öffnungen für die Füße und den Kopf frei. Am menschlichen Körper sieht er zwar aus wie ein überlebensgroßer Flummi mit sechs Armen, in Wirklichkeit ist es aber der neueste High-Tech-Survival-Anzug für Katastrophen jeglicher Art. Zumindest, wenn man den Vertretern vom Ölmagnaten Halliburton Glauben schenkt. Sicherheit geht vor: bei Terror-Anschlägen oder dem nächsten Hurrikan kann der Millionär von Welt (denn der Anzug wird wohl einiges kosten) auf gutes Aussehen verzichten, wenn sein Leben dafür verschont bleibt. Bei der Präsentation dieser Erfindung stehen drei mitleidserregende Freiwillige in den Prototypen gekleidet an der Seite. In ihren nominell unzerstörbaren Ballons sehen ihre Bewegungen so hilflos und verletzlich aus, wie die eines Käfers in Rückenlage. Die Funktionen des Survival-Anzugs werden anhand mehrerer Skizzen verdeutlicht, in denen sich todesmutige Cartoon-Flummis aus Fenstern stürzen und auf dem Asphalt herum hüpfen. Aber damit nicht genug: Halliburton hat sich auch der neueren Medien bedient und eine 3D-Computersimulation erstellt, in der sie das Rudelverhalten von Millionären in Not darstellen: Der Vergleich dieser (in der Simulation) kleinen Kugeln mit Bakterien, die zusammen eine größere Amöbe bilden, ist einfach herrlich anzusehen. Den grandiosen Höhepunkt der Präsentation bildet eine aus diesen Kugeln bestehende, Godzilla-große Menschenfigur, die durch die Straßen der virtuellen Stadt tanzt. Für einen Menschen braucht man tausende Millionäre in Schutzanzügen. Brilliant.

Natürlich stammt diese Idee nicht von Halliburton. In Wirklichkeit sind es die Yes Men, die sich bloß als PR-Agenten der Firma ausgeben und vor einer Versammlung von Vertretern führender amerikanischer Wirtschaftsunternehmen den Clown spielen. Sie geben sich alle Mühe, so fucking ridiculous wie möglich zu sein. Es nützt nichts. Nach dieser Zirkusvorstellung treten die Manager an die noch immer in ihren lächerlichen Stoffballons gekleideten und nun völlig perplexen Yes Men heran, um Visitenkarten zu tauschen und den zu erwartenden Preis abzuschätzen. Sie sind interessiert. Die Frage, welche Männer, nach all diesen wahnwitzigen Aktionen des Films, wirklich fucking ridiculous sind, stellt sich in diesem Moment nicht mehr.

The Yes Men Fix The World
2009
Andy Bichlbaum & Mike Bonnano